Der zu Anfang etwas belächelte Slogan „Die Welt zu Gast bei Freunden“ bewahrheitete sich während der FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft (kurz im folgenden WM genannt) im Jahr 2006 in Deutschland eindrucksvoll. Der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan sprach von der „besten WM aller Zeiten“ und während der gesamten Dauer von vier Wochen konnte von gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Fans verschiedener Mannschaften oder Übergriffen durch Hooligans nur vereinzelt berichtet werden. Eine solch friedliche WM war dabei nicht unbedingt zu erwarten gewesen. So waren z.B. die Bilder des verletzten, und am Boden liegenden französischen Polizisten, Daniel Nivel bei der WM in Frankreich im Jahr 1998 noch nicht verblasst. Deutsche Hooligans hatten Nivel in Lens im Juni 1998 lebensgefährliche Verletzungen zugefügt, als sie versuchten eine Straße zu passieren, die von ihm und einem Kollegen abgesperrt wurde (Blaschke 2007: 9). Ebenso gab es kaum zwei Jahre später, am Rande des EM-Vorrundenspiels zwischen England und Deutschland in Charleroi (Belgien), erneut einen Zwischenfall mit gewaltbereiten deutschen Fans und der Polizei. Schließlich, im März 2005 im Rahmen eines Testspiels zwischen Deutschland und Slowenien im Slowenischen Celje, waren es erneut gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen deutschen Fußballfans und der Polizei, die kein gutes Licht auf die deutsche Fußballanhängerschaft warfen.
Aber nicht nur in Deutschland gab bzw. gibt es ein Problem mit gewaltbereiten Fans. Gewaltdelikte sind beispielsweise in der italienischen Liga an der Tagesordnung. Immer wieder kommt es am Rande von Ligaspielen zu Ausschreitungen und schon mehrmals mussten diverse Vereine ihre Heimspiele unter Ausschluss von Zuschauern absolvieren, da es immer wieder zu Eskalationen kam. Im März 2004, beim Spiel des AS Rom gegen den Stadtrivalen Lazio Rom, war die Stimmung durch aufgeheizte, rivalisierende Ultra-Gruppen so groß, dass sogar Spieler durch Fans, die auf das Spielfeld gelaufen waren, bedroht wurden. Der damalige Kapitän des AS Rom, Francesco Totti, forderte den Spielabbruch mit den Worten: „Wenn wir weiter spielen, bringen die uns um“ (Blaschke 2007: 177).
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Bisherige Studien über Fußballfans und ihre Einstellungen
3 Ich, Wir und die Anderen – Diskriminierung von Fremden und Freunden
3.1 Die Theorie der autoritären Persönlichkeit
3.2 Die Gruppe und ihr Verhalten
3.3 Der Interessenkonflikt verschiedener Gruppen
3.4 Das Minimalgruppen-Paradigma
3.5 Die Theorie der sozialen Identität
4 Methodische Vorgehensweise
4.1. Fan ist nicht gleich Fan
4.2. Die Auswahl der Vereine
4.3. Vergleichstudien
4.3.1 Fremdenfeindlichkeit
4.3.2 Politische Einstellungen, politische Partizipation und Wählerverhalten im vereinigten Deutschland 2002
4.4. Art der Befragung
4.5. Fragebogenentwicklung
4.6. Umfragedurchführung
5 Die Einstellungen aller Deutschen
5.1 Auswertungsmethoden und –besonderheiten
5.2 Ergebnisdarstellung
5.2.1. Fremdenfeindlichkeit
5.2.2. Antisemitismus
5.2.3. Pro-Nazismus
5.2.4. Autoritarismus
5.2.5. Nationalismus
5.2.6. Zuwandererung & Politikverdrossenheit
5.3 Zusammenfassung der Ergebnisse
6 Faneinstellungen
6.1 Demographische Analysen der Stichprobe
6.2 Einstellungen zu ausländischen Spielern
6.3 Allgemeine Einstellungen und Vergleich
6.3.1. Fremdenfeindlichkeit
6.3.2. Antisemitismus
6.3.3. Pro-Nazismus
6.3.4. Autoritarismus
6.3.5. Nationalismus
6.3.6. Zuwandererung & Politikverdrossenheit
6.4 Zusammenfassung und Interpretation
7 Resümee und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit bei Fußballfans der Vereine Eintracht Frankfurt, 1. FSV Mainz 05 und 1. FC Kaiserslautern fremdenfeindliche Einstellungen existieren und inwieweit sich diese von denen der Normalbevölkerung unterscheiden. Die zentrale Forschungsfrage prüft, ob eine starke soziale Identität durch die Fan-Bindung mit einer erhöhten Tendenz zur Diskriminierung einhergeht.
- Analyse des Einflusses von Gruppenidentität auf Fremdenfeindlichkeit im Fußball.
- Untersuchung von Einstellungen zu Themen wie Antisemitismus, Nationalismus und Pro-Nazismus.
- Methodischer Vergleich zwischen Fans und repräsentativen Bevölkerungsstudien (ALLBUS/DFG).
- Bewertung der Auswirkungen von Online-Befragungsmethoden in der Fankultur-Forschung.
- Vergleich der Einstellungsunterschiede zwischen Anhängern der drei untersuchten Bundesligavereine.
Auszug aus dem Buch
3. Ich, Wir und die Anderen – Diskriminierung von Fremden und Freunden
Jeder kennt sie, die Vorurteile, die wir gegenüber anderen Menschen haben. Da gibt es die Lustigen, wie: Holländer fahren nur mit dem Wohnwagen in den Urlaub, Franzosen verbringen den größten Teil ihrer Zeit nur mit Essen, die Deutschen kennen keinen Humor oder die Engländer sind immer nur am Trinken. Es gibt aber auch die weniger lustigen Vorurteile, wie: Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg, die Deutschen sind alle Nazis oder die Chinesen klauen der ganzen Welt die Ideen. Vorurteile sind in unserem Leben ganz alltäglich und niemand kann sich zu 100 Prozent von ihnen befreien. Eine der Ursachen ist, dass das menschliche Gehirn dazu tendiert in Kategorien zu denken um die vielen Einflüsse, die tagtäglich auf den Menschen einwirken zu kontrollieren. So vergleicht das Gehirn Neues mit bereits Bekanntem und stellt Verbindungen dazwischen her. Als Erklärung für die Entstehung von Vorurteilen reicht dies natürlich nicht aus, denn aus welchem Grund hätten sonst Menschen, die selbst keinen oder nur wenig Kontakt zu Ausländern haben, eine fremdenfeindliche Einstellung?
Die Ursachen für Vorurteile und daraus resultierendes diskriminierendes Verhalten sind vielfältig. Zunächst sollen die individuellen Merkmale eines Menschen, die nach der Theorie der autoritären Persönlichkeit von Adorno et al. Ursache für diskriminierendes Verhalten sein können, betrachtet werden. Der zweite Abschnitt befasst sich dann mit dem Gruppenbegriff und dem Unterscheid zwischen interpersonalem und intergruppalem Verhalten, um die Experimente von Sherif im dritten Abschnitt und das Minimalgruppen-Paradigma im vierten Abschnitt besser verstehen zu können. Hierin wird gezeigt, dass nicht die individuellen Merkmale ausschlaggebend für diskriminierendes Verhalten sind, sondern das Verhalten eines Individuums in einer Gruppe gänzlich anders aussehen kann. Die Theorie der sozialen Identität von Tajfel bietet im schließenden Teil dieses Kapitels ein Erklärungsmodell für diskriminierendes Verhalten von Gruppenmitgliedern, auf dessen Basis die empirischen Ergebnisse dieser Arbeit betrachtet werden sollen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Problematik von Gewalt und Fremdenfeindlichkeit im Umfeld des Fußballs und führt in die Arbeitshypothese ein, die auf der Theorie der sozialen Identität basiert.
2 Bisherige Studien über Fußballfans und ihre Einstellungen: Dieses Kapitel stellt frühere Forschungsansätze vor, insbesondere die Entwertungstheorie und Kategorisierungen von Fans, um ein Verständnis für die wissenschaftliche Basis der Thematik zu schaffen.
3 Ich, Wir und die Anderen – Diskriminierung von Fremden und Freunden: Hier werden theoretische Grundlagen wie die autoritäre Persönlichkeit, das Minimalgruppen-Paradigma und die Theorie der sozialen Identität erläutert, um Gruppenverhalten und Diskriminierung theoretisch zu fundieren.
4 Methodische Vorgehensweise: Das Kapitel beschreibt den Aufbau der eigenen Untersuchung, die Auswahl der Vereine sowie die Entscheidung für eine Online-Befragung und deren Durchführung.
5 Die Einstellungen aller Deutschen: Dieser Teil analysiert Daten aus dem ALLBUS 2006 und der DFG-Studie, um eine repräsentative Vergleichsbasis für die Einstellungsmuster der deutschen Bevölkerung zu schaffen.
6 Faneinstellungen: Hier werden die Ergebnisse der eigenen Befragung präsentiert, demographische Aspekte analysiert und die Daten mit den Vergleichsstudien in Bezug auf Fremdenfeindlichkeit und andere Dimensionen gegenübergestellt.
7 Resümee und Ausblick: Das abschließende Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen, falsifiziert die Arbeitshypothese und diskutiert Limitationen sowie Ansätze für zukünftige Studien.
Schlüsselwörter
Fußballfans, Fremdenfeindlichkeit, Rechtsextremismus, Soziale Identität, Eintracht Frankfurt, 1. FSV Mainz 05, 1. FC Kaiserslautern, Antisemitismus, Autoritarismus, Nationalismus, Politikverdrossenheit, Umfrageforschung, Online-Befragung, Gruppenkonflikt, DFB.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Ausmaß an fremdenfeindlichen und rechtsextremen Einstellungen bei Fußballfans der Vereine Eintracht Frankfurt, 1. FSV Mainz 05 und 1. FC Kaiserslautern.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen Fremdenfeindlichkeit (in ethnischen, sozioökonomischen und rassistischen Ausprägungen), Antisemitismus, Pro-Nazismus, Autoritarismus, Nationalismus und Politikverdrossenheit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, die Arbeitshypothese zu prüfen, ob Fußballfans aufgrund ihres starken Gruppenzugehörigkeitsgefühls und der sozialen Identität zu stärkerer Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit neigen als der Bevölkerungsdurchschnitt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor führt eine quantitative Online-Umfrage durch und vergleicht die gewonnenen Daten mit repräsentativen Vergleichsstudien wie dem ALLBUS 2006 und der DFG-Studie 2002.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen zu Gruppenverhalten, die methodische Herleitung der Stichprobe und die detaillierte Darstellung der Einstellungsmuster der Fans im Vergleich zur deutschen Gesamtbevölkerung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Fußballfans, Fremdenfeindlichkeit, soziale Identität, Rechtsextremismus und die spezifischen Fan-Gruppierungen der drei untersuchten Vereine.
Warum wurden genau diese drei Vereine für die Studie ausgewählt?
Die Auswahl erfolgte aufgrund der geografischen Nähe zur Universität in Mainz sowie der unterschiedlichen Struktur der Einzugsgebiete, um verschiedene Fan-Typologien vergleichen zu können.
Welches Fazit zieht der Autor bezüglich der Arbeitshypothese?
Die Hypothese muss als falsifiziert betrachtet werden, da die befragten Fußballfans in der Untersuchung tendenziell geringere fremdenfeindliche Tendenzen zeigten als die Teilnehmer der Vergleichsstudien.
- Quote paper
- Nils Wiebe (Author), 2008, Zu Gast bei Freunden? Eine Bestandsaufnahme der Fremdenfeindlichkeit von Fußballfans , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112238