Zu Gast bei Freunden? Eine Bestandsaufnahme der Fremdenfeindlichkeit von Fußballfans

Am Beispiel der Bundesligavereine SG Eintracht Frankfurt, 1. FSV Mainz 05 und dem 1. FC Kaiserslautern


Magisterarbeit, 2008

132 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Bisherige Studien über ihre Einstellungen Fußballfans und

3 Ich, Wir und die Anderen – Diskriminierung von Fremden und Freunden
3.1 Die Theorie der autoritären Persönlichkeit
3.2 Die Gruppe und ihr Verhalten
3.3 Der Interessenkonflikt verschiedener Gruppen
3.4 Das Minimalgruppen-Paradigma
3.5 Die Theorie der sozialen Identität

4 Methodische Vorgehensweise
4.1. Fan ist nicht gleich Fan
4.2. Die Auswahl der Vereine
4.3. Vergleichstudien
4.3.1 Fremdenfeindlichkeit
4.3.2 Politische Einstellungen, politische Partizipation und Wählerverhalten im vereinigten Deutschland 2002
4.4. Art der Befragung
4.5. Fragebogenentwicklung
4.6. Umfragedurchführung

5 Die Einstellungen aller Deutschen
5.1 Auswertungsmethoden und –besonderheiten
5.2 Ergebnisdarstellung
5.2.1. Fremdenfeindlichkeit
5.2.2. Antisemitismus
5.2.3. Pro-Nazismus
5.2.4. Autoritarismus
5.2.5. Nationalismus
5.2.6. Zuwandererung & Politikverdrossenheit
5.3 Zusammenfassung der Ergebnisse

6 Faneinstellungen
6.1 Demographische Analysen der Stichprobe
6.2 Einstellungen zu ausländischen Spielern
6.3 Allgemeine Einstellungen und Vergleich
6.3.1. Fremdenfeindlichkeit
6.3.2. Antisemitismus
6.3.3. Pro-Nazismus
6.3.4. Autoritarismus
6.3.5. Nationalismus
6.3.6. Zuwandererung & Politikverdrossenheit
6.4 Zusammenfassung und Interpretation

7 Resümee und Ausblick

Anhang

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb.2-1: Autoritär-nationalistische Orientierungen (Heitmeyer/Peter 1988: 83)

Abb.3-1: Das Kontinuum Interpersonal-Gruppe (Brown 1996: 551)

Abb.4-1: Vereine der ersten Fußballbundesliga der Saison 2005/2006 nach Einwohnerzahl der jeweiligen Städte (Stand 31.12.2005)

Abb.4-2: Verwendung verschiedener Interviewtypen in der Marktund Sozialforschung (Werte von 2001 bis 2004 nicht angezeigt) (Weischer 2007: 212)

Abb 4-3: Fragebogendarstellung anhand der Fragen zur ethnischen Fremdenfeindlichkeit

Abb.5-1: Beispiel für das Auswertungsverfahren Anhand fiktiver Ergebnisse für ethnische Fremdenfeindlichkeit im ALLBUS 2006

Abb.5-2: Aussagen zur ethnischen Fremdenfeindlichkeit. Vergleichsstudie: ALLBUS 2006

Abb.5-3: Aussagen zur ethnischen Fremdenfeindlichkeit. Vergleichsstudie: DFG-Studie

Abb.5-4: Aussagen zur sozioökonomischen Fremdenfeindlichkeit. Vergleichsstudie: ALLBUS 2006

Abb.5-5: Aussagen zur rassistischen Fremdenfeindlichkeit. Vergleichsstudie: ALLBUS 2006

Abb.5-6: Aussagen zum Antisemitismus. Vergleichsstudie: DFG-Studie

Abb.5-7: Aussagen zum Antisemitismus. Vergleichsstudie: ALLBUS 2006

Abb.5-8: Aussagen zum Pro-Nazismus Vergleichsstudie: DFG-Studie

Abb.5-9: Aussagen zum Autoritarismus.Vergleichsstudie: DFG-Studie

Abb.5-10: Aussagen zum Autoritarismus. Vergleichsstudie: ALLBUS 2006 72

Abb.5-11: Aussagen zum Nationalismus. Vergleichsstudie: DFG-Studie

Abb.5-12: Aussage zur Zuwanderung. Vergleichsstudie: DG-Studie

Abb.5-13: Aussagen zur Politikverdrossenheit. Vergleichsstudie: DFG-Studie

Abb.5-14: Aussagen zur Politikverdrossenheit. Vergleichsstudie: ALLBUS 2006

Abb.5-13: Übersicht Indizes der einzelnen Dimensionen

Abb.6-1: Altersverteilung Fußballfans in Kategorien (n=234)

Abb.6-2: Wohnort Fußballfans in Kategorien. Prozentualer Anteil in Klammern(n=250)

Abb.6-3: Fragen zur Liga. Alle befragten Fans

Abb.6-4: Fragen zur Liga.

Aufteilung der Fangruppen nach Vereinen

Abb.6-5: Aussagen zu ausländischen Spielern. Alle befragten Fans

Abb.6-6: Aussagen zu ausländischen Spielern Aufteilung der Fangruppen nach Vereinen

Abb.6-7: Ethnische Fremdenfeindlichkeit Alle befragten Fans

Abb.6-8: Ethnische Fremdenfeindlichkeit. Aufteilung der Fangruppen nach Vereinen

Abb.6-9: Sozioökonomische Fremdenfeindlichkeit.Alle befragten Fans

Abb.6-10: Sozioökonomische Fremdenfeindlichkeit. Aufteilung der Fangruppen nach Vereinen

Abb.6-11: Rassistische Fremdenfeindlichkeit.Alle befragten Fans

Abb.6-12: Rassistische Fremdenfeindlichkeit.Aufteilung der Fangruppen nach Vereinen

Abb.6-13: Indizes Fremdenfeindlichkeit.Gesamt und nach Vereinen

Abb.6-14: Antisemitismus. Alle befragten Fans

Abb.6-15: Antisemitismus.Aufteilung der Fangruppen nach Vereinen

Abb.6-16: Pro-Nazismus. Alle befragten Fans

Abb.6-17: Pro-Nazismus.Aufteilung der Fangruppen nach Vereinen

Abb.6-18: Autoritarismus. Alle befragten Fans

Abb.6-19: Autoritarismus.Aufteilung der Fangruppen nach Vereinen

Abb.6-20: Nationalismus. Alle befragten Fans

Abb.6-21: Nationalismus.Aufteilung der Fangruppen nach Vereinen

Abb.6-22: Aussage zur Zuwanderung. Alle befragten Fans

Abb.6-23: Politikverdrossenheit. Alle befragten Fans

Abb.6-24: Politikverdrossenheit. Aufteilung der Fangruppen nach Vereinen

Abb.6-25: Sonntagsfrage. Alle befragten Fans

Abb.6-26: Indizes der einzelnen Dimensionen. Gesamt und nach Vereinen

1. Einleitung

„So stellt der liebe Gott sich die Welt vor, auch wenn wir in der Realität noch

100.000 Jahre davon entfernt sind.“

(WM-OK-Präsident Franz Beckenbauer. 07/2006)

Der zu Anfang etwas belächelte Slogan „Die Welt zu Gast bei Freunden bewahrheitete sich während der FIFA-Fußball- Weltmeisterschaft (kurz im folgenden WM genannt) im Jahr 2006 in Deutschland eindrucksvoll. Der damalige UN- Generalsekretär Kofi Annan sprach von der „besten WM aller Zeiten“ und während der gesamten Dauer von vier Wochen konnte von gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Fans verschiedener Mannschaften oder Übergriffen durch Hooligans nur vereinzelt berichtet werden. Eine solch friedliche WM war dabei nicht unbedingt zu erwarten gewesen. So waren

z.B. die Bilder des verletzten, und am Boden liegenden französischen Polizisten, Daniel Nivel bei der WM in Frankreich im Jahr 1998 noch nicht verblasst. Deutsche Hooligans hatten Nivel in Lens im Juni 1998 lebensgefährliche Verletzungen zugefügt, als sie versuchten eine Straße zu passieren, die von ihm und einem Kollegen abgesperrt wurde (Blaschke 2007: 9). Ebenso gab es kaum zwei Jahre später, am Rande des EM-Vorrundenspiels zwischen England und Deutschland in Charleroi (Belgien), erneut einen Zwischenfall mit gewaltbereiten deutschen Fans und der Polizei. Schließlich, im März 2005 im Rahmen eines Testspiels zwischen Deutschland und Slowenien im Slowenischen Celje, waren es erneut gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen deutschen Fußballfans und der Polizei, die kein gutes Licht auf die deutsche Fußballanhängerschaft warfen.

Aber nicht nur in Deutschland gab bzw. gibt es ein Problem mit gewaltbereiten Fans. Gewaltdelikte sind beispielsweise in der italienischen Liga an der Tagesordnung. Immer wieder kommt es am Rande von Ligaspielen zu Ausschreitungen und schon mehrmals mussten diverse Vereine ihre Heimspiele unter Ausschluss von Zuschauern absolvieren, da es immer wieder zu Eskalationen kam. Im März 2004, beim Spiel des AS

Rom gegen den Stadtrivalen Lazio Rom, war die Stimmung durch aufgeheizte, rivalisierende Ultra-Gruppen[1] so groß, dass sogar Spieler durch Fans, die auf das Spielfeld gelaufen waren, bedroht wurden. Der damalige Kapitän des AS Rom, Francesco Totti, forderte den Spielabbruch mit den Worten:

„Wenn wir weiter spielen, bringen die uns um“ (Blaschke 2007: 177). Das Spiel wurde tatsächlich abgebrochen. Bei den anschließenden Kämpfen der Ultras mit der Polizei wurden 170 Menschen verletzt (Blaschke 2007: 177). All diese, und weitere Erfahrungen sorgten u.a. dafür, dass vor der WM 2006 über einen Einsatz der Bundeswehr als Unterstützung der Polizei, von Seiten des Innenministeriums, nachgedacht wurde.

Doch nicht nur auf Grund o.g. Ereignisse stand die WM in Deutschland zunächst unter einem zweifelhaften Stern. Die Geschichte des Deutschen-Fußball-Bundes (DFB) zeigt, dass sich viele Funktionäre im Frühjahr 1933 bereitwillig dem neuen Regime unterordneten und bald darauf sogar begeisterte Anhänger Hitlers wurden. Zwar waren antisemitische Ansichten nicht der Grund weshalb der DFB die Revolution Hitlers wohlwollend betrachtete, allerdings erhoffte er sich durch den Machtwechsel eine Pflege des nationalen Gedankens, die Bekämpfung der bolschewistischen Gefahr[2] und die

Hebung von Moral und Sitte. Durch das Führerprinzip [3] wurde führenden Repräsentanten des DFB ein unerwartetes Maß an Macht zuteil (Havemann 2005: 334-339). Nach 1945 glich die Führungsspitze des DFB mehr einem Treffen von alten Kriegskameraden, die den DFB entgegen den Anordnungen der Alliierten 1949 wieder zum Leben erweckten. Der DFB-Präsident von 1949-1962, Peco Bauens, war ein ausgewiesener Rechtsradikaler, der das Wunder von Bern[4] als „…eine ganz besondere Genugtuung, Genugtuung im wahrsten Sinne des Wortes (sah). Er (der deutsche Sieg, Anm. d. Autors.) zeigt nämlich der FIFA[5] recht deutlich, welchen Fauxpas sie beging, als sie Deutschland … eine Vertretung verweigerte“ (Deutschland war wegen der Kriegsschuld von der FIFA vorübergehend ausgeschlossen worden) (Beiersdorfer u.a. 1994: 157).[6]

Betrachtet man weiter diverse Aktionen des DFB Anfang der 90er Jahre, so bekommt man den Eindruck, dass Rechtsextremismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit[7] durchaus im deutschen Fußballalltag zu finden sind. So plante der DFB am 20. April (der Geburtstag Adolf Hilters) 1994 ein Fuß- ball-Länderspiel im Berliner Olympiastadion gegen einen ehemaligen Kriegsgegner. Eine solche Spielansetzung im Stadion, dass unter dem NS-Regime für die Olympischen Spiele 1936 gebaut wurde, nährt zwangsläufig den Verdacht, dass nicht irgendwelche Unwissenden am Werk waren, zumal der DFB zunächst behauptete, nichts von Hitlers Geburtstag gewusst zu haben. Doch ein gewisser Otto Höhe (Präsident des Berliner Fußballverbands) erklärte in einer Talk-Show, dass damit „…ein Beitrag zur Bewältigung der deutschen Geschichte…“ (Beiersdorfer u.a. 1994: 10) geleistet werden sollte. Kritikern entgegnete er, dass sie damals gar nicht dabei gewesen wären (Beiersdorfer u.a. 1994: 10). Andere Worte für so schlimm war das doch damals gar nicht? Wolfgang Niersbach, seines Zeichens damals Pressesprecher des DFB, erklärte auf Nachfrage, dass der 20. April nicht beim DFB auf dem Index stehe und suchte die Schuld für die öffentliche Kritik woanders: „80 Prozent der amerikanischen Presse ist in jüdischer Hand. Da werden Ereignisse in Deutschland seismographisch genau notiert. Das beruht auf Informationen der Deutschen Gesellschaft für Tourismus, die in den USA Werbung für Deutschland betreibt. Die haben (in der Washington Post, Anm. d. Autors) zum 50. Jahrestag des Zweiten Weltkrieges eine Serie gedruckt, da haben die Deutschen jeden Tag um die Ohren bekommen“ (Beiersdorfer u.a. 1994: 11). Niersbach ist übrigens immer noch beim DFB beschäftigt und im Oktober 2007 zum DFB-Generalsekretär ernannt worden.

Allerdings hat der DFB mit der Wahl von Theo Zwanziger zum Präsidenten mittlerweile einen Schritt in die richtige Richtung gemacht. War die Amtszeit seines Vorgängers Egidius Braun eher durch eine Taktik des Verschleierns bzw. Aussitzens von Problemen, wie Rassismus oder Gewalttätigkeiten geprägt, hat sich Zwanziger deren Bekämpfung zur Aufgabe gemacht: „Mein Vater ist wenige Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs gefallen. Ich habe mich intensiv mit diesem Abschnitt der Geschichte befasst. Ich erkenne für mich persönlich, dass ich da, wo ich Einfluss habe, privat oder in meinem Beruf, die Aufgabe habe, für ein anderes Bewusstsein gegen Rassismus zu werben. So habe ich meine Kinder erzogen, und so werde ich auch mit meinen Enkelkindern umgehen“ (Blaschke 2007: 103). Zwanziger rief im Jahr 2006, binnen weniger Tage, eine Aktion gegen Rassismus ins Leben. Dazu wurden eigens 750.000 rote Karten mit der Aufschrift „Zeig Rassismus die rote Karte“ gedruckt und in den Stadien der Fußballclubs verteilt. Ebenso drohte er Problemclubs, deren Fans immer wieder mit Ausschreitungen glänzten, mit Verbandsausschluss (Blaschke 2007: 103f).

Wie stark im Jahr 2006 Rassismus und Fremdenfeindlichkeit im Fußball verbreitet war, zeigt das Beispiel von Adebowale Ogungbure. Der aus Nigeria stammenden Spieler, schnürte zunächst seine Fußballschuhe beim 1. FC Nürnberg und kam über den SSV Reutlingen und Energie Cottbus zum Viertligisten FC Sachsen Leipzig. Im Laufe seiner Karriere hatte er schon die verschiedensten Anfeindungen erlebt. Von „Bimbo“-Rufen, über „Drecksnigger“-Verunglimpfungen, bis hin zu Affenlauten, die er von den Tribünen über sich ergehen lassen musste. Ogungbure hatte sich im Laufe der Zeit für solche Situationen eine Art psychologische Schutzweste zugelegt. Doch am 25. März 2006 bedurfte es m ehr als Psychologie. Der 21- jährige Nigerianer spielte er mit seinem Team beim Halleschen FC und nach dem Abpfiff stürmten gegnerische Fans den Rasen und attackierten ihn körperlich. Er wurde bespuckt, geschlagen und gewürgt. Ordner und Verantwortliche des Halleschen FC schauten tatenlos zu und übernahmen auch in den Tagen danach keinerlei Verantwortung für den Vorfall (Blaschke 1997: 111f). Ein weiteres, wenngleich nicht ganz so eskalierendes Beispiel sind die Vorfälle rund um das Pokalspiel des FC Schalke 04, bei der zweiten Mannschaft des FC Hansa Rostock am 9. September 2006. Der deutsche Nationalspieler Gerald Asamoah, ursprünglich in Ghana geboren und dunkelhäutig, wurde von den Fans von Hansa Rostock II bei jedem Ballkontakt mit Affenlauten bedacht. Dieses Verhalten war umso erschreckender, da Asamoah Teil der WM- Mannschaft war, die Deutschland im Sommer 2006 so begeisterte (Blaschke 2007: 96).

Betrachtet man sich diese kleine Auswahl an Ereignissen rund um den deutschen Fußball, drängt sich zwangsläufig die Frage auf, wie stark Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in deutschen Stadien verbreitet ist. Sind ganze Kurven rechts, oder beschmutzen nur einige schwarze Schafe das Bild, das die Welt von Deutschland im Sommer 2006 zu Gesicht bekam? Einen Beitrag zur Beantwortung dieser Fragen zu leisten, soll Inhalt der vorliegenden Arbeit sein. Die Arbeitshypothese, die auf der Grundlage der Theorie der sozialen Identität von Henri Tajfel basiert, lautet:

Durch das ausgeprägte Gruppenzugehörigkeitsgefühl, das Fußballfans durch die Bindung zu ihrem Verein und dadurch zu anderen gleichgesinnten Menschen aufbauen, und der dar- aus stärker vorhandenen sozialen Identität, die sie im stärkeren Maße (z.B. gegenüber anderen Fangruppen) vertei- digen müssen, tendieren Fußballfans mehr dazu, andere Men- schen zu diskriminieren und zeigen aus diesem Grund eine stärkere Fremdenfeindlichkeit.

Mit Hilfe einer Befragung der Fußballfans der Bundesligavereine SG Eintracht Frankfurt, 1. FSV Mainz 05 und 1. FC Kaiserslautern, soll überprüft werden, ob sich die Einstellung von Fußballfans in fremdenfeindlichen Fragen signifikant von der Einstellung der Normalbürger unterscheidet, oder nicht. Um dies herauszufinden, wird im folgenden Kapitel zunächst eine kleine Auswahl bisheriger Studien über Fußballfans und deren Ergebnisse vorgestellt, bevor sich Kapitel drei mit der Theorie der sozialen Identität beschäftigt. Hier wird das Augenmerk vor allem auf die Entwicklung Tajfels Theorie durch verschiedene andere vorherige Untersuchungen und Theorien gelegt. In Kapitel vier, dem Methodenkapitel, soll der Aufbau und die Durchführung der Untersuchung bei Fußballfans dem Leser näher gebracht werden. Um einen Vergleich mit den Normalbürgern herzustellen, war es nötig zwei Studien heranzuziehen, auf deren reprä- sentativen Ergebnissen die Einstellungen von Fußballfans verglichen werden können. Die Darstellung der Ergebnisse dieser Studien ist Inhalt von Kapitel fünf. Es soll sich dadurch zunächst ein Bild der Einstellungsmuster in Deutschland gemacht werden, bevor im folgenden Kapitel die Ergebnisse der durchgeführten Umfrage bei den Anhängern von Eintracht Frankfurt, dem 1. FSV Mainz 05 und dem 1. FC Kaiserslautern vorgestellt und in Bezug zu den Daten aus Kapitel fünf gebracht werden. Abschließend erfolgt ein Resümee der Arbeit und ein Ausblick auf mögliche Folgestudien bzw.

2. Bisherige Studien über Fußballfans

„ Einige Leute denken, Fußball ist eine Frage von Leben und Tod.

Ich bin von dieser Einstellung sehr enttäuscht. Ich versichere Ihnen, dass es viel viel wichtiger als das ist!“ (Bill Shankly, ehem. schottischer Spieler und Trainer, 1981))

Bereits im Jahre 1987 führten Heitmeyer/Peter eine schriftliche Befragung bei 250 jugendlichen Fußballfans durch. Die theoretische Basis bildete dabei die so genannte Entwertungs-Theorie, die die soziale Deprivation (Entzug von Gewünschtem), Identitätsprobleme und Perspektivlosigkeit als zentrale Defizite für ausländerfeindliches oder gewalttätiges Verhalten von Fußballfans annimmt (Beiersdorfer u.a. 1994: 38). Um eine möglichst differenziertes Bild von Fuß- ballfans zu erhalten, wurden drei Kategorien gebildet, in die sich die verschiedenen Fans je nach Motiven des Fandaseins einordnen ließen: der konsumierende, der fußballzentrierte und der erlebnisorientierte Fan. Jede Kategorie wurde unterteilt in Sportliche Bedeutung des Fußballspiels, Austauschbarkeit im Lebenszusammenhang, Soziale Anerkennungsrelevanz, Gruppentheoriebildung und Sozialräumliche Platzierung. Den einzelnen Eigenschaften wurden folgende Werte zugeordnet:

1. Der konsumierende Fan (K-Fan):

- sportliche Bedeutung: hoch – Leistung entscheidet
- Austauschbarkeit: Fußball als Freizeitartikel neben anderen Beschäftigungen.
- Anerkennung: niedrig, Anerkennung in anderen sozialen Bereichen
- Gruppentheorie: allein oder wechselnde Gruppen

Platzierung: meist nicht im Fan-Block

2. Der fußballzentrierte Fan (F-Fan):

- sportliche Bedeutung: hoch – absolute Treue, selbst bei Abstieg
- Austauschbarkeit: Fußball ist nicht austauschbar
- Anerkennung: hoch, wichtige Präsentationsfeld („Hier sind wir eine Macht“)
- Gruppentheorie: stark, Mitgliedschaft in Fanclubs o.ä. Identifikation über den Stil
- Platzierung: Fanblock als gelebter Raum, eigenes Territorium => Kurve

3. Der erlebnisorientierte Fan (E-Fan):

- sportliche Bedeutung: ambivalent – Fußball als Spektakel
- Austauschbarkeit: Fußball wird/ist austauschbar
- Anerkennung: hoch, wichtige Präsentationsfeld („Hier sind wir eine Macht“)
- Gruppentheorie: schwankend zwischen Mitgliedschaft in Fanclubs, allerdings niedrige Identifikation mit dem Verein
- Platzierung: Da wo was los ist => wechselnde Standorte

Weiter gingen Heitmeyer/Peter davon aus, dass es neben diesen drei Gruppierungen noch eine – bisher eher seltene – Fangruppierung gibt, die rein politisch organisiert ist und deren Interesse am Fußball eher in der Instrumentalisierung liegt, um mit dem Sport bzw. dem Besuch des Stadions politische Argumentationen und Erklärungen zu verbinden (Heitmeyer/Peter 1987: 31-33).

Die Ergebnisse der durchgeführten Umfrage, so zeigt die Abbildung 2-1, sind dabei recht bedenklich. Vor allem die Mitglieder der E-Fan-Gruppe weisen stark erhöhte Tendenzen zu autoritär-nationalisiernden Orientierungen auf. Die Zustimmung von jeweils mehr als drei Vierteln der Befragten zu den ersten beiden Aussagen und der Aussage Deutschland den Deutschen sind Werte, die nicht mehr mit ein paar schwarzen Schafen in den Reihen dieser Fangruppierung zu erklären sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2-1: Autoritär-nationalistische Orientierungen (Heitmeyer/Peter 1988: 83).

Doch mehr noch als die Zustimmung zu den einzelnen Punkten wogen die signifikanten Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Einstellungen. Mitglieder der konsumorientierten Gruppe, die sich der autoritär-nationalistischen Position zuwendeten, lehnten Gewaltakzeptanz und personelle Gewaltanwendung ab. Bei den anderen beiden Gruppen ergab sich jedoch ein signifikanter Zusammenhang zwischen Gewaltakzeptanz und den o.g. Einstellungen. Bei den Fragen nach dem Verhältnis zu Skins (Skinheads), oder national eingestellten Gruppen zeigte sich, dass wiederum Mitglieder der fuß- ballzentrierten und der erlebnisorientierten Gruppe eine Tendenz zur Befürwortung hatten. Im Gegensatz dazu stand die politische Organisationsbereitschaft, bei der von den 59% der Stichprobe, die autoritär-nationalisierende Orientierungen befürworteten, nur 20,2% ihre Ansichten mit der NPD verbanden. 44% fanden gar keine politischen Anknüpfungspunkte und 35,7% sprachen sich für die Bundestagsparteien8 aus, die Hälfte davon sogar für die SPD. Diese Aufspaltung zwischen den Angaben zur Orientierung und der Distanz zu den entsprechenden Organisationen entsprach dabei weitgehend den Ergebnissen mit Jugendlichen abseits der Fan-Szene (Heitmeyer/Peter 1988: 82-86).

Neben Heitmeyer/Peter hat sich vor allem der Wissenschaftler Prof. Dr. Gunter A. Pilz im Zusammenhang mit Untersuchungen bei Fußballfans einen Namen gemacht. In seiner langen Liste von Publikationen, die sich mit dem Thema Fuß- ball, Fans und deren Einstellungen auseinandersetzen,[9] sticht vor allem die Metastudie „Die Wandlungen des Zuschauerverhaltens im Profifußball - Notwendigkeiten, Mög-

lichkeiten und Grenzen gesellschaftlicher Reaktion“ in Zusammenarbeit mit Sabine Behn, Andreas Klose, Victoria Schwenzer, Werner Steffan und Franciska Wölki heraus. Sie beschäftigte sich in drei Teilstudien[10] mit den aktuellen Entwicklungen innerhalb der Fanszene. In der Teilstudie ü- ber Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus wurden folgende Methoden der qualitativen Sozialforschung eingesetzt, die an den ausgewählten Standorten flexibel angewandt wurden:

- Beobachtung im Feld
- Situationsflexible Gespräche mit Fans
- Leitfadengestützte Fan-Interviews
- Leitfadengestützte Experteninterviews

Ergänzt wurde die Untersuchung durch eine Internetrecherche zum aktuellen Stand von Kampagnen und Initiativen gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus. Die Ergebnisse wurden bei insgesamt acht Vereinen der 1. und 2. Bundesliga sowie der Regionalliga erhoben (Pilz u.a. 2005: 290-292).

Die Forscher fanden heraus, dass fremdenfeindliches und rechtsextremes Verhalten auf den Rängen in den Stadien in den letzten Jahren zwar zurückgegangen, aber nicht gänzlich verschwunden war. Dabei beteiligten sich je nach Standort entweder eher Einzelpersonen bzw. kleinere Gruppen, oder ein ganzer Block mit mehreren hundert oder tausend Fans an den Diskriminierungen. Weiter konnte beobachtet werden, dass rassistisches und rechtsextremes Verhalten eine räumliche Verlagerung weg vom Stadion, hin zu den Anfahrtswegen erfahren hatte. Ebenso gab es eine Verschiebung von den Bundesligen in die tieferen Spielklassen. Der Rückgang von problematischen Verhaltensweisen lässt allerdings nicht darauf schließen, dass es sich gleichzeitig um einen Rückgang der Einstellungen handelt. Der Schluss von einem auf das andere ist in beide Richtungen falsch. Die problematischen Einstellungsmuster sind, wie durch Interviews belegt wurde, eher unsichtbarer geworden. Mit Hilfe versteckter Codierungen und Symbolsystemen, die nur Insidern bekannt sind, werden Botschaften in und um das Stadion transportiert (Pilz u.a. 2006: 21f). Hierzu zählen numerische Codes für das Alphabet. Aufdrucke mit der Nummer 18 (für 1=A und 8=H) entsprechen dem Kürzel für Adolf Hitler. Ähnliches gilt für die Nummern 88 (=Heil Hitler) oder 28 (=Blood&Honour). Ebenso werden Bekleidungsmarken, wie Consdaple oder Lonsdale von Anhängern rechten Gedankenguts gerne getragen (Blascke 2007: 99).[11]

Die Masse, und die damit einhergehende Anonymität in der sich Fans mit diskriminierenden Ansichten bewegen, kann ein befreiendes Ventil für Meinungen sein, die im Alltag unterdrückt werden. So hat eine kleine Gruppe von Rechtsextremisten im Stadion eine andere Möglichkeit sich Gehör zu verschaffen, als auf der Straße. Parolen können auch auf neutrale Zuschauer überspringen und somit eine Art Kettenreaktion auslösen. Dies hängt zum einen von der gesamten Zuschauerzahl, zum anderen von der Zivilcourage der Zuschauer ab. In einer gefüllten Arena mit 30.000 oder mehr Menschen, kann eine Gruppe von 30 Leuten nicht so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, wie z.B. bei Spielen mit schwächeren Sicherheitskontrollen und in kleineren Stadien, oder sogar bei Länderspielen in Osteuropa. Erst im September 2005 (fast genau zum 66. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen 1939) skandieren deutsche Fans bei einem Auswärtsspiel der Nationalmannschaft in der Slowakei: „Wir sind wieder einmarschiert“, oder „Wenn bei Danzig die Polenflotte im Meer versinkt“ (Blaschke 2007: 102). Der Rassismus im Fußball sucht seine Nischen in weniger beobachteten Situationen. Nur weil offene Diskriminierungen in gro- ßen Stadien zurückgingen, heißt dies nicht, dass deswegen keine entsprechenden Einstellungen in den Köpfen der Menschen zu finden sind.

3. Ich, Wir und die Anderen – Diskriminierung von Fremden und Freunden

„Football is a simple game:

22 men chase a ball for 90 minutes and at the end, the Germans win.”

(Gary Linker, ehem. Englischer Nationalspieler, 1990)

Jeder kennt sie, die Vorurteile, die wir gegenüber anderen Menschen haben. Da gibt es die Lustigen, wie: Holländer fahren nur mit dem Wohnwagen in den Urlaub, Franzosen verbringen den größten Teil ihrer Zeit nur mit Essen, die Deutschen kennen keinen Humor oder die Engländer sind immer nur am Trinken. Es gibt aber auch die weniger lustigen Vorurteile, wie: Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg, die Deutschen sind alle Nazis oder die Chinesen klauen der

ganzen Welt die Ideen.[12] Vorurteile sind in unserem Leben ganz alltäglich und niemand kann sich zu 100 Prozent von ihnen befreien. Eine der Ursachen ist, dass das menschliche Gehirn dazu tendiert in Kategorien zu denken um die vielen Einflüsse, die tagtäglich auf den Menschen einwirken zu kontrollieren. So vergleicht das Gehirn Neues mit bereits Bekanntem und stellt Verbindungen dazwischen her. Als Erklärung für die Entstehung von Vorurteilen reicht dies natürlich nicht aus, denn aus welchem Grund hätten sonst Menschen, die selbst keinen oder nur wenig Kontakt zu Ausländern haben, eine fremdenfeindliche Einstellung?

Die Ursachen für Vorurteile und daraus resultierendes diskriminierendes Verhalten sind vielfältig. Zunächst sollen die individuellen Merkmale eines Menschen, die nach der Theorie der autoritären Persönlichkeit von Adorno et al.

Ursache für diskriminierendes Verhalten sein können, betrachtet werden. Der zweite Abschnitt befasst sich dann mit dem Gruppenbegriff und dem Unterscheid zwischen interpersonalem und intergruppalem Verhalten, um die Experimente von Sherif im dritten Abschnitt und das Minimalgruppen- Paradigma im vierten Abschnitt besser verstehen zu können. Hierin wird gezeigt, dass nicht die individuellen Merkmale ausschlaggebend für diskriminierendes Verhalten sind, sondern das Verhalten eines Individuums in einer Gruppe gänzlich anders aussehen kann. Die Theorie der sozialen Identität von Tajfel bietet im schließenden Teil dieses Kapitels ein Erklärungsmodell für diskriminierendes Verhalten von Gruppenmitgliedern, auf dessen Basis die empirischen Ergebnisse dieser Arbeit betrachtet werden sollen.

3.1 Die Theorie der autoritären Persönlichkeit

Schon recht bald nach Ende des zweiten Weltkrieges und den schrecklichen Taten während der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland, untersuchten Adorno et al. in ihrem Werk „The authoritarian personality“ (1950) Vorurteile und deren Ursachen. Ihre Ausgangshypothese lautete dabei, dass die sozialen Einstellungen eines Individuums ein

„Ausdruck tiefliegender Züge der Persönlichkeit“ (Adorno et al. 1950: 1. In: Brown 1996: 574) sind. Durch die Verdrängung und Verschiebung verschiedener Triebbedürfnisse entwickelt sich die Persönlichkeit (Sozialisierung), welche vor allem durch die Eltern beeinflusst wird, die bei einer „normalen“[13] Entwicklung des Kindes, einen Mittelweg zwischen Disziplin und Selbstentfaltung finden. Um den sozialen Normen gerecht zu werden, tendieren Eltern nach Adorno et al. aber dazu, eine zu starke autoritäre Erziehung an den Tag zu legen, weshalb die Kinder ihnen gegenüber eine natürliche Aggression entwickeln. Diese Aggression wiederum wird aus Angst nicht direkt gezeigt, sondern auf andere, meist schwächere oder minderwertigere Individuen gerichtet. Das Ergebnis ist dann eine Persönlichkeit, die zwar gegenüber Autoritäten (symbolisch für die Eltern) übermäßig unterwürfig, jedoch gegenüber Fremdgruppenmitgliedern (Ausländer oder sonstige Minoritäten) offen feindselig auftritt.

Im Verlauf ihrer Untersuchung entwickelten Adorno et al. die so genannte F-Skala, die Menschen mit rassistischen (bzw. faschistischen) Tendenzen von solchen mit „demokratischen“[14] Zügen unterscheiden sollte.[15] Zwar wurden in diversen Untersuchungen die Beziehungen zwischen Autoritarismus und Vorurteilen bestätigt, doch zog der Ansatz von Adorno et al. schon früh Kritik auf sich. Ihm wurde unter anderem vorgeworfen soziokulturelle Faktoren außer Acht zu lassen.

So zeigte Pettigrew schon 1958 bei einer Untersuchung der weißen Bevölkerung in Südafrika, dass diese sehr vorurteilsbehaftet gegenüber schwarzen Südafrikanern waren, allerdings keine besonderen Auffälligkeiten in Bezug auf Autoritarismus zeigten.

Ein weiteres Problem des Ansatzes ist die Frage nach einer Erklärung für eine Uniformität von Vorurteilen. Man denke bloß an die Menschen während der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland. Rassismus wurde damals von Hunderttausenden gezeigt, die sich alle in den meisten anderen Persönlichkeitsmerkmalen unterschieden haben müssen. Ebenso war ein Problem des Ansatzes von Adorno et al. die Möglichkeit zur Erklärung von historischer Spezifizität. So wurden zu Beginn der 90er Jahre in Deutschland vermehrt Übergriffe auf Gastarbeiter und Asylbewerber verzeichnet. Dieser Zuwachs geschah jedoch innerhalb weniger Jahre, welches eine zu kurze Zeitspanne darstellte, um sie mit veränderten Erziehungspraktiken deutscher Familien zu erklären (Brown 1996: 547f).

3.2 Die Gruppe und ihr Verhalten

Im persönlichkeitspsychologischen Ansatz von Adorno et al. wird individuelles Verhalten von der Situation des Individuums unabhängig betrachtet. Es spielt also keine Rolle, ob man alleine, mit Freunden oder innerhalb einer großen Gruppe agiert. Wie oben schon beschrieben, lässt sich somit U- niformität von gezeigtem Verhalten innerhalb einer großen Masse von Menschen nicht erklären. Es ist also demnach nö- tig zwischen interpersonalem und intergruppalem Verhalten zu unterscheiden. Interpersonales Verhalten bedeutet, als Individuum mit bestimmten Merkmalen und vor dem Hintergrund persönlicher Beziehungen, mit anderen zu interagieren (Herr Mayer redet mit seinem langjährigen Nachbar). Im Gegensatz dazu, steht das Intergruppenverhalten, welches bedeutet, als Mitglied einer Gruppe zu handeln (Fan eine Fußballmannschaft). Wobei es im letzten Fall weit weniger wichtig ist, wer man ist, sondern welche Farbe der Schal hat, den man um den Hals trägt (Brown 1996: 550f). Der Sozialpsychologe Muzafer Sherif definiert Intergruppenverhalten wie folgt:

„Wann immer Individuen, die zu einer Gruppe gehören mit einer anderen Gruppe oder ihren Mitgliedern auf kollektive oder individuelle Weise unter Bezug auf ihre Gruppenidentifikation interagieren, liegt ein Fall von Intergruppenverhalten vor“(Sherif 1966: 12. In: Tajfel 1982: 70).

Doch was genau bedeutet es, Mitglied einer Gruppe zu sein? Immerhin ist die Menschheit so unterschiedlich, dass jeder, ohne sein großes Zutun, Mitglied in einer unendlichen Zahl von willkürlichen Gruppen ist. Definiert man Gruppe beispielsweise, als eine Menschenmenge (bildlich gesprochen), mit mehr als zwei Individuen, die gleiche (willkürliche) Eigenschaften besitzen, so sind all die Menschen Teil einer Gruppe, die sich die Haare färben, die Linkshänder sind, oder die diese Arbeit gelesen haben. Hierbei von Gruppenidentifikation und möglicherweise von ausgeprägtem Intergruppenverhalten zu sprechen, wäre sicherlich falsch.

Um also Intergruppenverhalten erklären und diskutieren zu können, bedarf es einer klaren Definition. In seinem Werk

„Gruppenkonflikt und Vorurteil“[16] hält sich Henri Tajfel,

der Urheber der Theorie der sozialen Identität, dabei weitgehend an das Nationenkonzept von Emerson: „Die einfachste Aussage die man über eine Nation machen kann, besteht darin, dass sie aus einer Ansammlung von Leuten besteht, die der Ansicht sind, dass sie eine Nation darstellen;…“ (Emerson 1960: 102. In: Tajfel 1982: 70). Tajfel erweitert diese Aussage auf drei Komponenten, die eine Gruppe ausmachen können: eine kognitive Komponente (das Wissen darum, dass man zu einer Gruppe gehört), eine evaluative Komponente (die Vorstellung von der eigenen Gruppe bzw. deren Mitgliedschaft) und eine emotionalen Komponente, welche die beiden erstgenannten Komponenten begleiten kann, aber nicht zwingend sein muss (z.B. Zuneigung gegenüber der eigenen, und Abneigung gegenüber einer anderen Gruppe, die mit der eigenen in Bezug steht). Die Interaktion zweier Menschen, unter Berücksichtigung der „Gruppenidentifikation“[17] ist demnach umso wahrscheinlicher, je stärker die evaluativen und emotionalen Komponenten, die eine Person im Bezug auf die Vorstellung von ihrer Gruppenmitgliedschaft hat, sind (Tajfel 1982 70f).

Jede Sequenz sozialen Verhaltens kann nach Tajfel, auf einem Kontinuum lokalisiert werden, welches durch die Extreme des interpersonalen und intergruppalen Verhaltens definiert ist. Wo ein bestimmtes Verhalten zu lokalisieren ist, hängt von folgenden drei Faktoren ab:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.3-1: Das Kontinuum Interpersonal-Gruppe (Brown 1996: 551)

Intergruppales Verhalten ist demnach geprägt von einer deutlich sichtbaren Unterscheidung, einem uniformen Verhalten innerhalb der Gruppe und einem einheitlichen Umgang der Gruppenmitglieder untereinander (Brown 1996: 551).

3.3 Der Interessenkonflikt verschiedener Gruppen

Nachdem nun geklärt wurde, was unter einer Gruppe und intergruppalem bzw. interpersonalem Verhalten zu verstehen ist, soll nun auf die Interessenproblematik von verschiedenen Gruppen eingegangen werden. Sherif (1951, 1953, 1955, 1961) führte zu diesem Zweck mehrere Feldversuche in einem Ferienlager durch. Die zentrale Annahme bezüglich des Intergruppenverhaltens bezog sich darauf, dass die Beziehungen zwischen Gruppen durch die objektiven Interessen der eigenen Gruppe im Verhältnis zu der/den andere/n Fremdgruppe/n geprägt sind. Ist dieses Verhältnis negativ, stehen die Gruppen im Wettbewerb zueinander, ist es positiv, tendieren die Gruppen zur Kooperation (Mummendey/Otten 2002: 96f).

In den Feldexperimenten wurden in vier aufeinander folgenden Phasen die Entstehung, die Entwicklung und die Lösung von Konflikten zwischen zwei Gruppen erfasst. Im Ferienlager wurden die teilnehmenden Jungen in zwei Gruppen eingeteilt. Persönliche Verbindungen, die sich innerhalb der ersten Tage gebildet hatten, wurden bewusst aufgebrochen. Ansonsten sollten die Gruppen hinsichtlich diverser physischer und psychischer Eigenschaften in etwa gleich sein. Die Gruppen wurden anschließend einer Reihe von Wettbewerbsituationen ausgesetzt. Über deren Zeitraum zeigte sich eine eindeutige Zunahme von Diskriminierungen und offenen Feindseligkeiten zwischen den beiden Gruppen sowie der Begünstigung der Eigengruppe. Sogar Jungen, die noch zu Beginn des Ferienlagers befreundet waren, zeigten offene Feindseligkeiten angesichts der neuen Intergruppenbeziehung.

Nachdem ein erhöhtes Konfliktpotential ausgemacht werden konnte, versuchten die Forscher mit einer Reihe von übergeordneten Zielen den Konflikt wieder zu reduzieren. So musste zum Beispiel ein Lastwagen, der kurz vor dem Essen liegen geblieben war, von beiden Gruppen in das Lager gezogen werden. Schon nach kurzer Zeit zeigten die Gruppen weniger Aggressivität und eine Minderung der Begünstigung der Eigengruppe. Durch Sherifs Experimente konnte somit die eingangs formulierte Annahme bewiesen werden (Brown 1996: 553f).

3.4 Das Minimalgruppen-Paradigma

Nun stellt sich zwangsläufig die Frage, ob eine bloße Mitgliedschaft in einer Gruppe dazu ausreicht, um diskriminierendes Verhalten zu generieren. Nachdem schon Rabbie und Horowitz (1969) in ihren Untersuchungen einen Effekt bezüglich der positiveren Beurteilung von Mitgliedern der eigenen Gruppe nachgewiesen hatten, etablierten Tajfel et al. (1971) das Minimalgruppen-Paradigma. In ihrem Versuch teilten sie Schüler willkürlich in zwei Gruppen ein (Präferenz für die Maler Kandinsky und Klee), ließen die Identität der Eigenoder Fremdgruppenmitglieder für den Einzelnen jedoch im Verborgenen. Nun sollten die Schüler kleinere Geldbeträ- ge jeweils zwei anderen Teilnehmern des Experiments zuteilen, von denen sie nur von deren Gruppenzugehörigkeit wussten. Das Geld konnte dabei nur an die anderen Teilnehmer, aber nie an sich selbst verteilt werden. Damit wurden die Kriterien des Minimalgruppen-Paradigmas erfüllt:

- Keine face-to-face Interaktion zwischen den Teilnehmern
- Anonymität der Gruppenmitgliedschaft
- Fehlen von Verknüpfungen zwischen der Einteilung der Gruppen und des Verhaltens zwischen den Gruppen
- Kein persönlicher Nutzen des Verhaltens
- Verhalten stellt reale und bedeutsame Entscheidung dar

Mit diesen Kriterien sollte eine extreme Intergruppensituation hergestellt werden, in der durch allmähliche Anreicherung mit weiteren Faktoren der kritische Faktor identifiziert werden sollte (Mummendey/Otten 2002: 98f).

Die Ergebnisse waren eindeutig. Trotz des Versuchs der Schüler, bei der Zuteilung fair zu sein, zeigten alle eine konstante Tendenz dazu, den Eigengruppenmitgliedern höhere Beiträge zuzuweisen.[18] Diese Ergebnisse sind vor allem dann überraschend, wenn man sich vergegenwärtigt, wie dürftig die Situation in Wirklichkeit war. Die Schüler waren Mitglied zweier völlig willkürlich gewählten Gruppen, hatten nie mit Eigenoder Fremdgruppenmitglieder Kontakt und die

Gruppen hatten weder in der Gegenwart, noch in der Vergangenheit irgendeine Beziehung zueinander. Diese Diskriminierung erwies sich auch in folgenden Untersuchungen als bemerkenswert robustes Phänomen. In mehr als zwei Dutzend unabhängigen Untersuchungen wurden im Großen und Ganzen die gleichen Ergebnisse gefunden: Die willkürliche Zuteilung auf willkürliche soziale Kategorien reicht aus, um diskriminierendes Verhalten auszulösen.

Natürlich zog das Minimalgruppen-Paradigma auch diverse Kritik auf sich, von denen zwei Kritikpunkte hier kurz angerissen werden sollen. Der erste Kritikpunkt bezog sich auf die Frage, ob die Teilnehmer tatsächlich eine Begünstigung der Eigengruppe oder nicht vielmehr ein Verhalten der Fairneß zeitgen, denn Menschen zeigen offensichtlich eine klare Tendenz dazu, die Ergebnisse für die Eigenund Fremdgruppe in derartigen Situationen gleich zu halten. Allerdings sind sie zu Mitgliedern der Eigengruppe fairer, als zu denen der Fremdgruppe. Der zweite Kritikpunkt stützt sich auf die Frage, ob die gezeigte Diskriminierung bei der Zuteilung von Belohnungen, auf die Zuteilung von Strafen

o.ä. übertragen werden kann.[19] Eine Erklärung für die unterschiedlichen Ergebnisse steht zwar noch aus, dennoch kann z.B. eine soziale Erwünschtheit gegen Bestrafung und Verletzung von anderen Versuchsteilnehmern in einer Laborsituation bestehen (Brown 1996: 557f).

3.5. Die Theorie der sozialen Identität

Nach den Ergebnissen des Minimalgruppen-Paradigmas, kristallisierten sich vor allem zwei Fragen heraus: Erstens die nahe liegende Frage, warum beliebige und bedeutungslose Kategorisierungen in verschiedene Gruppen bei deren Mitgliedern diskriminierendes Verhalten auslöste und, als zweite Frage, wenn die Teilnehmer die eigene Gruppe gegenüber der anderen Gruppe bevorzugten, wieso anstelle einer deutlichen Maximierung des Gewinns der Eigengruppe, mehr Wert auf die Differenz zwischen eigener und fremder Gruppe gelegt wurde? Um diese Fragen zu beantworten entwickelten Tajfel und Turner (1979, 1986) die Theorie der sozialen Identität. Ausgangspunkt war dabei die Feststellung, dass Menschen dazu tendieren ihr eigenes Selbstkonzept (Identität) nicht nur über die Merkmale zu bestimmen, die sie als Individuum einzigartigmachen (personale Identität), sondern ebenfallsüber ihre Mitgliedschaften in Gruppen (sozial geteilteMerkmale => soziale Identität).[20]

[...]


[1] Der Begriff Ultra-Gruppe (kurz Ultra(s)) wird hierbei z.T. über das Selbstverständnis der Ultramitglieder definiert. So schreibt eine der ersten und die größte Ultra-Gruppe in Deutschland, die Ultras Frankfurt 1997, über das Ultra-sein: „Ultrá ist für uns eine Geisteshaltung, eine grundsätzliche Einstellung zum Fandasein. Wir verstehen uns nicht als bloße in sich hinein konsumierende Masse, die bierselig im Block steht und alles, was auf dem Platz und drumherum vorgeht, kommentarlos hinnimmt. Ganz im Gegenteil! Wir sind kritische und vor allem mündige Menschen, denen niemand das Denken und das Anprangern herrschender Misstände verbieten kann und wird. Wir verwehren uns ausdrücklich dagegen, ein ungeliebter Teil dieses grossen Events Fussball zu sein…“ (Pilz o.J.: 7). Ultras sind Fans, die sich gegen eine Kommerzionalisierung des Fußballs stellen und mit Hilfe von Choreografien, Bannern und Fahnen ihren Verein unterstützen. Sie verkörpern sozusagen das Ultra-Fan-sein im wahrsten Sinne des Wortes (Ultra bedeutet laut Duden: jenseits, über…hinaus).

[2] Hervorhebung im Original

[3] Hervorhebung im Original

[4] Der WM Sieg Deutschlands 1954

[5] Fédération Internationale de Football Association (die internationale Föderation des Verbandsfußballs)

[6] Ein weiterführender kurzer Abriß über die Entwicklung des DFB nach 1945 bis zum Beginn der 90er Jahre und fremdenfeindlichen Gesichtspunkten findet sich in Beiersdorfer u.a. 1994: 153-173.

[7] Rechtsextrem und rechtsradikal werden in der Wissenschaft häufig synonym verwendet, dennoch gibt es zwischen beiden Begriffen Unterschiede. So verwendet der Verfassungsschutz Rechtsextremismus als Begriff für Tendenzen, die verfassungsfeindlich sind, während Rechtsradikalismus sich immer noch im Rahmen der Verfassung bewegt (Birzer, 1996: 75).

[8] Zum damaligen Zeitpunkt noch SPD, CDU/CSU, FDP und die Grünen

[9] Eine Publikationsliste findet sich unter: http://gunter-a.pilz.phil. uni-hannover.de/publikationen (Stand: 10.03.2008)

[10] Die Teilstudien waren: 1. Ultraszene Deutschland
2. Polizei und Sozialarbeit im europäischen Kontext von Fanbetreuung
3. Rassismus/Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus im Zuschauerverhalten und Entwicklung von Gegenstrategien (Pilz u.a. 2005: 290)

[11] In der Kollektion beider Marken, sind die Markennamen häufig Brustaufdrucke. Trägt man nun ein T-Shirt oder einen Pullover unter einer offenen Jacke, kann man von den Markennamen meist nur nsdap (bei Consdaple) bzw. nsda (bei Lonsdale) sehen (Blaschke 200.: 99).

[12] Vorurteilsbehaftete Eigenschaften von verschiedenen Nationalitäten, die sich insbesondere bei sportlichen Ereignissen finden lassen, sind in Daalman 1999: 38f aufgezählt.

[13] Hervorhebung im Original

[14] Hervorhebung im Original

[15] In ihr wurden folgende Persönlichkeitsmerkmale abgefragt:
- Festhalten an Hergebrachtem
- Autoritätshörigkeit
- Tendenz, Verstöße gegen hergebrachte Werte ahnden zu wollen
- Ablehnung des Subjektiven, Imaginativen und Schöngeistigen
- Aberglaube, Klischee, Kategorisierung und Schicksalsdeterminismus
- Identifikation mit Machthabern, Überbetonung der gesellschaftlich befürworteten Eigenschaften des Ego
- Allgemeine Feindseligkeit, Herabsetzung anderer Menschen
- Veranlagung, an die Existenz des Bösen in der Welt zu glauben und unbewusste emotionale Impulse nach außen zu projizieren
- Übertriebene Bedenken bezüglich sexueller Geschehnisse (Adorno 1995: 71-74)

[16] Titel der Originalausgabe: Human Groups ans social categories. Studies in social Psychology. Cambridge 1981.

[17] Hervorhebung im Original

[18] Mit Hilfe unterschiedlicher Aufteilungsmatrizen wurde dabei gemessen, welche Aufteilungsstrategie der Versuchsteilnehmer bevorzugte. So konnte jeder bspw. den gemeinsamen Gewinn von Eigenund Fremdgruppe maximieren, zwischen Eigenund Fremdgruppe gleich aufteilen oder den Gewinn der Eigengruppe maximieren. Mummendey/Otten 2002: 99).

[19] In einigen Untersuchungen wurde mit Hilfe der Zuteilung von Strafen (beispielsweise die Dauer, die Eigenoder Fremdgruppenmitglieder einem unangenehm hohen Ton ausgesetzt werden) die Eigengruppenfavorisierung vollständig eliminiert (Brown 1996: 558).

[20] Stellt man sich beispielsweise die einfach (wenn auch auf den zweiten Blick schwierige) Frage Wer bin ich?, so würde zwangsläufig die Selbstbeschreibung explizit (Ich bin Professor an einer Universität oder Ich bin ein Mann) oder implizit (Ich bin Fan von Mainz05 oder Ich bin Mitglied in einem Tischtennisverein) auf Gruppenbindungen zurückgreifen (Brown 1996: 562).

Ende der Leseprobe aus 132 Seiten

Details

Titel
Zu Gast bei Freunden? Eine Bestandsaufnahme der Fremdenfeindlichkeit von Fußballfans
Untertitel
Am Beispiel der Bundesligavereine SG Eintracht Frankfurt, 1. FSV Mainz 05 und dem 1. FC Kaiserslautern
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Autor
Jahr
2008
Seiten
132
Katalognummer
V112238
ISBN (eBook)
9783640760640
ISBN (Buch)
9783640760725
Dateigröße
806 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gast, Freunden, Eine, Bestandsaufnahme, Fremdenfeindlichkeit, Fußballfans, Beispiel, Bundesligavereine, Eintracht, Frankfurt, Mainz, Kaiserslautern, Tajfel, Gruppenzugehörigkeit, Fans, Fußball, Fremd, Bundesliga, DFB, Spieler
Arbeit zitieren
Nils Wiebe (Autor), 2008, Zu Gast bei Freunden? Eine Bestandsaufnahme der Fremdenfeindlichkeit von Fußballfans , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112238

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