Die Rezeption ekklesiologischer Idee des John Wyclif bei Jan Hus


Seminararbeit, 2007

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Jan Hus und seine Zeit

3. Die Ausbreitung des Wyclifismus in Böhmen

4. John Wyclifs Einfluss auf Jan Hus
4.1 Ekklesiologie bei John Wyclif
4.2 Hus als Pastor in der Prager Bethlehemskapelle
4.3 De Ecclesia
4.4 Die Anklage zum Häretiker

5. Fazit

6. Bibliographie

1. Einleitung

Bis heute wird in der Herrnhuter Losung, die seit 278 Jahren erscheint und von der evangelischen Brüder-Unität in Deutschland herausgegeben wird, am 6. Juli an den Märtyrertod des Jan Hus auf dem Konzil in Konstanz im Jahre 1415 gedacht. In diesem kleinen Buch mit ausgelosten Sammlungen von kurzen Bibelworten des Alten und Neuen Testaments für jeden Tag, hat der tschechische Theologe einen hohen Stellenwert. Er wird für den evangelischen Glauben als bedeutend und einflussreich einstuft. Die Tschechen huldigen ihm bis heute als ihren Nationalhelden.[1]

Bei diesen Ehrerweisungen muss jedoch berücksichtigt werden, dass die Leistung des Jan Hus durchaus nicht in der Abfassung seiner reformatorischen Doktrin gesucht werden kann. Diese weist nämlich eine starke Anlehnung an den Oxforder Kleriker John Wyclif auf. Die Verarbeitung der Schriften des englischen Realisten bei dem Böhmen Jan Hus wird in der Forschung stark diskutiert. Auf Grundlage der Erkenntnisse von Johann Loserth, die der Historiker 1884 erstmals veröffentlichte[2], existieren bis heute zahlreiche Monographien und Aufsätze, die das Verhältnis von Hus und Wyclif näher erörtern. Debattiert wird vor allem die Authentizität des Böhmen, stets jedoch vor dem Hintergrund, dass er mit seinem Wirken der Initiator einer konfessionellen Spaltung wurde. Auch wenn seine theologische Basis aus schon existierenden, nur geliehenen Gedanken besteht, ist nicht zu leugnen, dass die Wirkung, die Hus mit seinem Leben erzielte, weiter reichte, als die von seinem Vorbild John Wyclif.

Indem die Persönlichkeiten Hus und Wyclif näher erläutert werden und vor allem der Werdegang des Böhmen beleuchtet wird, soll auch im Folgenden die Rezeption der Ideen des John Wyclif bei Jan Hus erörtert werden. Unter Einbeziehung der Forschungsliteratur kann schlussendlich ein Fazit über den Einfluss Wyclifs auf Hus gezogen werden. Dabei muss jedoch berücksichtigt werden, dass bis heute nicht alle Schriften der beiden Theologen verglichen und analysiert wurden, sodass noch im Unklaren liegt, wie stark Hus’ Abhängigkeit von dem Engländer wirklich war.[3]

2. Jan Hus und seine Zeit

Jan Hus wurde um 1371 in dem kleinen südböhmischen Dorf Husinec geboren[4] ; über seine Kindheit und Schulausbildung gibt es kaum Informationen[5]. Ab 1386 studierte er an der Prager Universität, wo er nach zehn Jahren den Magister Artium erhielt. Im Anschluss an sein Theologiestudium beschäftigte sich Hus intensiv mit den Schriften des Engländers John Wyclif und empfing 1400 selbst die Priesterweihe. Nur ein Jahr später wurde Jan Hus zum Dekan der Philosophischen Fakultät ernannt, lehrte ab 1402 Theologie und Philosophie als Professor und wurde 1409-10 überdies Rektor der Prager Universität. Außerdem predigte der Theologe seit 1402 ebenfalls in der Prager Bethlehemskapelle vor einer großen Zuhörerschaft in tschechischer Sprache. Wegen seiner Inhalte erhielt Hus allerdings Predigerverbot, an was er sich trotz alledem nicht hielt. Auch die Verhängung des Kirchenbanns auf seine Person durch Papst Johannes XXIII. hielt Jan Hus nicht davon ab, weiter zu predigen und seine Gedanken in lateinischer Sprache festzuhalten. 1414 wurde der Reformer schließlich unter Geleitschutz des deutschen Königs Sigmund zum Konzil in Konstanz geladen, konnte aber seine Lehre dort nicht verteidigen, sondern wurde nach langer Gefangenschaft am 6. Juni 1415 als Ketzer verbrannt.[6]

Jan Hus wurde in eine Zeit hineingeboren, die vom Machtkampf zwischen Staat und Kirche geprägt war. Sowohl die Frage nach der Autorität, als auch lange Diskussionen über Kirchenstrukturen führten letztendlich zu konfessionellen Spaltungen und ließen erstmals systematische Ekklesiologien entstehen. Äußerlich profitierte die Bevölkerung vom wachsenden Wohlstand in Böhmen. Andererseits entwickelten sich jedoch der starke Wunsch nach mehr Frömmigkeit und der Erlösung von Seelenangst und Desorientierung, verbreitet durch die Kirche selbst. Obwohl Jan Hus nie zum Doktor der Theologie promovierte, hoffte er in seinen jungen Jahren dennoch auf sozialen Aufstieg, verbunden mit Ansehen und Wohlstand.[7]

3. Die Ausbreitung der Ideen Wyclifs in Böhmen

Auf der Suche nach einer handfesten Basis für ihre Ideen, war die Heirat von Anna, der Schwester des böhmischen Königs Wenzel, und dem englischen König Richard II. 1382 ein wichtiger Schritt für die böhmischen Reformer. Die Eheschließung ermöglichte den regen Austausch geistigen Guts.[8] Unzählige Prager Studenten zogen zum Studium nach Oxford und kehrten unter anderem mit zahlreichen Schriften des englischen Reformers John Wyclif in ihre Heimat zurück.[9] Dort fand man sowohl philosophisches als auch theologisches Interesse[10] an Wyclifs Ideen.

Großer Beliebtheit erfreuten sich die englischen Schriften vor allem bei den böhmischen Magistern an der Prager Universität.[11] Ende des 14. Jahrhunderts war in Prag der Universalienstreit entflammt, in dem der Nominalismus, hauptsächlich vertreten von deutschen Magistern der Universität, gegen den Realismus gestellt wurde, für den überwiegend die böhmischen Magister eintraten.[12] Da Wyclif als extremer Vertreter des Realismus galt, wurde er zur Leitfigur der Böhmen im Kampf gegen ihre deutschen Magisterkollegen, die schlussendlich von der Prager Universität vertrieben wurden und nach Leipzig auszogen. Der Wyclifsche Realismus hatte nunmehr seit Mitte der 90er Jahre eine große Anhängerschaft in der Böhmischen Nation.[13] Er hatte jedoch nicht nur einen beträchtlichen Einfluss auf die Prager Universität, sondern erschütterte auch die Einheit Böhmens nachhaltig.[14] Wyclifs Schriften breiten sich ferner auch außerhalb Prags aus und „[S]eine Werke sind häufiger in Handschriften aus Böhmen bzw. Mitteleuropa überliefert als in englischen!“[15]

Durch die deutsch-englische Hochzeit und die Einführung der Schriften Wyclifs in Böhmen traf auch Jan Hus noch während seines Studiums an der Prager Universität auf die Werke des englischen Reformators. Spätestens 1398 war er mit den Ideen Wyclifs vertraut[16] und setzte sich vor allem auch mit dessen theologischen Gedanken auseinander. „[E]r gehörte zu der neuen, radikalen Generation tschechischer Magister, die sich sofort von Wyclif angesprochen fühlten“[17]. Diese intensive Beschäftigung mit Wyclifs Werken erlangte jedoch nicht nur für seine eigenen Zwecke, sondern auch für die Reformbewegung seines Landes große Bedeutung.[18] Das Gedankengut des wohl radikalsten Kirchenkritikers des 14. Jahrhunderts löste bei dem böhmischen Theologen einen Erkenntnisprozess aus[19], der das Schicksal seines Lebens verändern sollte und ihn „zum Sprecher der Reformfraktion“[20] werden ließ.

[...]


[1] Vgl. Benrath, G.A.: Wyclif und Hus, in: ZThK 62 (1965), S. 196-216, hier: S. 197.

[2] Siehe: Loserth, Johann: Huss und Wiclif. Zur Genesis der Hussitischen Lehre, München, Berlin 1925.

[3] Vgl. Ebd., S. 198.

[4] Vgl. Macek, J.: “Hus, Johannes“, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. V, München/Zürich 1991, Sp. 230f, S. 230.

[5] Vgl. Seibt, Ferdinand: Jan Hus, in: Gestalten der Kirchengeschichte Bd. 4: Mittelalter II, Stuttgart u.a. 1993, S. 251-266, hier: S. 252.

[6] Vgl. Macek: Hus, S. 231.

[7] Vgl. Seibt: Jan, S. 252.

[8] Vgl. Hilsch, Peter: Johannes Hus. Prediger Gottes und Ketzer, Regensburg 1999, S. 51.

[9] Vgl. Benrath: Wyclif, S. 206.

[10] Vgl. Lambert, Malcolm: Ketzerei im Mittelalter. Häresien von Bogumil bis Hus, München 1981, S. 409.

[11] Vgl. Ebd., S. 409.

[12] Vgl. Oberste, Jörg: Ketzerei und Inquisition im Mittelalter, Darmstadt 2007, S. 127.

[13] Vgl. Hilsch: Johannes, S. 51.

[14] Vgl. Lambert: Ketzerei, S. 395.

[15] Hilsch: Johannes, S. 53.

[16] Vgl. Wehr, Gerhard: Jan Hus. Ketzer und Reformator, Gütersloh 1979, S. 21.

[17] Lambert: Ketzerei, S. 410.

[18] Vgl. Hilsch: Johannes, S. 45.

[19] Vgl. Wehr: Jan, S. 21.

[20] Seibt: Jan, S. 254.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Rezeption ekklesiologischer Idee des John Wyclif bei Jan Hus
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte)
Veranstaltung
Religiosität und Lebenswelt im späten Mittelalter
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
16
Katalognummer
V112244
ISBN (eBook)
9783640110285
ISBN (Buch)
9783640110537
Dateigröße
420 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Sehr gute, sprachlich gewandte, wissenschaftlich fundierte Arbeit! Sehr ausfühliches Literaturverzeichnis! Arbeit basiert auf der Quelle: Hus, Jan: Aus dem „Tractatus de Ecclesia“ (1413).
Schlagworte
Rezeption, Idee, John, Wyclif, Religiosität, Lebenswelt, Mittelalter
Arbeit zitieren
Carolin Günther (Autor), 2007, Die Rezeption ekklesiologischer Idee des John Wyclif bei Jan Hus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112244

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