Sexualpädagogik. Theorien, Methoden, Medien


Sammelband, 2008

143 Seiten


Leseprobe

Inhalt

Einleitung: Sexualpädagogik - Theorien, Methoden, Medien

Sexualpädagogische Konzepte und Medien für Kindergartenkinder

Sexualpädagogische Broschüren für Kinder und Jugendliche

Teenagerschwangerschaften

Babysimulatoren

Sexualität bei behinderten Menschen

Homosexualität im sozial-pädagogischen Kontext: Schwule und Lesben in deutschen Schulen

Pornographie als Thema der Sexualpädagogik

Sexuelle Gewalt gegen Jungen und Mädchen

Die männliche Seite der Prostitution

Einleitung: Sexualpädagogik - Theorien, Methoden, Medien

Autor:

Jürgen Budde

Einleitung

Sexualpädagogik ist heutzutage ein relevantes pädagogisches Handlungsfeld für zahlreiche pädagogische Fachkräfte. Neben der expliziten sexualpädagogischen Arbeit vor allem in Beratungsstellen wie der Pro-Familia, begegnen auch den Beschäftigten in anderen pädagogischen Feldern wie der Schule oder der offenen Jugendarbeit sexualpädagogische Fragestellungen. Dies liegt darin begründet, dass die Auseinandersetzung mit Sexualität für Viele (nicht nur Jugendliche) eine zentrale Bedeutung in der Ausgestaltung ihrer Biographie hat. Sexualität und Sexualpädagogik findet dabei in einem gesellschaftlichen Spannungsverhältnis statt. Zwar wird einerseits eine wachsende ‚Entdramatisierung’ und ‚Enttabuisierung’ von Sexualität vor allem in den Medien und auf der Ebene symbolischer Inszenierungen attestiert, andererseits existiert bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen nach wie vor ein großer Beratungsbedarf, insbesondere bei denjenigen, die keinen selbstverständlichen Zugang zu Beratung, Informationen oder Aufklärungsmedien haben,.

Sexualerziehung begleitet Menschen bei der Weiterentwicklung ihrer sexuellen Identität, sie muss – so fordert Uwe Sielert (2000) – deswegen um die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Sexualität wissen, die postmoderne Herausforderung bringt auch einen Wandeln der Vorstellungen über Sexualität und Sexualmoral mit sich, von denen auch die aktuelle Sexualpädagogik gerahmt wird: Dazu gehört der Wandel von Geschlechterrollen, Homosexualität, die Enterotisierung und Verflachung von Reize durch Kommerzialisierung und Digitalisierung von Sex. Dies geht einher mit der Emanzipation der Lust von der Funktion der sexuellen Reproduktion und der Institution Ehe sowie den Chancen und Risiken der selbstgewählten und -verantworteten Gestaltung von Sexualkultur. Es steht den Menschen zunehmend frei, ihre eigenen sexuellen Regeln auszuhandeln, allerdings sind sie gleichzeitig auch in der Pflicht, dies zu tun.

Aktuell exisieren traditionelle, moderne und postmoderne Auffassungen von Sexualität nebeneinander, wobei traditionelle Orientierungen und Sicherheiten tendentiell auf dem Rückzug sind und zunehmend sexuelle Selbstverwirklichung erwartet wird. Schulen und Beratungsstellen sind deswegen gefordert, durch ihre Angebote Kinder und Jugendliche in dem Prozess ihrer sexuellen Sozialisation zu begleiten.

Sexualpädagogik ist eine Gradwanderung zwischen Emanzipation von einengenden Sexualnormen, Ermunterung zu einer selbstbestimmten Sexualität sowie der Vermittlung von Grenzen und gesellschaftlichen Werten. Demenstsprechend ist sie verstrickt in ein Feld normativer Auseinadersetzungen sowie impliziter und expliziter Ideologien. Im Zuge der AIDS-Prävention beispielsweise lässt sich eine Reduktion der Sexualpädagogik auf Körperaufklärung und Hygiene feststellen, die mit einer “Gefahrenabwehrpädagogik” einhergehen kann. Als weitere Gefahren gelten vor allem ungewollte Teenagerschwangerschaften, Pornographie und sexuell übertragbare Krankheiten.

Im Gegensatz zu diesen einschränkenden und risikobetonenenden Ansätzen verfolgt eine emanzipatorisch-reflektierte Sexualpädagogik andere Ziele: Sie soll lebensbegleitende Informationen bereitstellen, Sprachfähigkeit herstellen, die Konfliktbereitschaft födern und „sexual correctness“, d.h. akzeptable sexuelle Umgangsformen, vermitteln. Des weiteren soll sie ihre AdressatInnen zu Selbstreflexion und Selbstbestimmung anregen. Das bedeutete eine Absage an Zwang und Manipulation, sondern eine Erweiterung der Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen. Der Beitrag von Erziehung und Bildung ist in dieser Perspektive notwendigerweise ergebnisoffen, aber in jedem Falle parteilich gegen soziale Ungleichheiten: Sexualpädagogik sollte deswegen im politischen Kräftefeld Position gegen Diskriminierung von Minderheiten, für die Gleichbehandlung von Homound Heterosexuellen und gegen partiarchale Gewalt beziehen. Zu guter Letzt sollte Sexualpädagogik den Eigensinn der AdressatInnen stärken, dies umfasst auch ihr Recht, spontan, falsch und wider besseren Wissens zu handeln. Soweit die Ansprüche und Hoffnungen, die mit sexualpädagogischen Maßnahmen verbunden sind.

Wie Sexualpädagogik sich aktuell darstellt und mit welchen Facetten sie sich beschäftigt, wird im folgenden Band zusammengetragen. Das Buch basiert auf der Arbeit eines Universitätsseminars zu Sexualpädagogik an der Universität Hamburg.[1] Die Studierenden beleuchten in ihren Beiträgen unterschiedliche Facetten von sexualpädagogischer Theorie, der Methoden und der Hilfsangebotestruktur in Hamburg und geben ihr erworbenes ExpertInnenwissen in den einzelnen Beiträgen wieder. Im Mittelpunkt des Seminars standen folgende Fragen: Was gehört zu dem Feld Sexualpädagogik? Welche Ansätze und Einrichtungen gibt es in Hamburg? Welche Haltung benötigen PädagogInnen, die zum Thema Sexualität arbeiten? Welche Methoden sind für welches Setting sinnvoll? Wie sieht das Spannungsfeld zwischen normativen Vorstellungen und subjekt-orientierten Ansätzen aus? Welche Rolle spielen unterschiedliche Konzeptionen von Sexualität, Scham oder Moral? Wie kann Heterogenität in der Sexualpädagogik berücksichtigt werden? Vorgestellt werden Medien und Maßnahmen, Konzepte und gruppenspezifische Problemlagen, sowie ein Blick auf „die dunkle Seite der Sexualität.

Sexualpädagogische Konzepte und Medien für Kindergartenkinder

Autorin:

Julia Neugebauer

Einleitung

In der folgenden Hausarbeit beschäftige ich mich mit dem Thema „Sexualpädagogische Konzepte und Medien im Kindergartenalltag“. Die Bilderbücher, die sich mit dem Thema Sexualität befassen, habe ich dem Punkt „Medien“ zugeordnet. Bevor ich aber auf die Medien zu sprechen komme, werde ich allgemein auf das Thema Kindersexualität eingehen.

Kinder haben Bedürfnisse, die es gilt zu berücksichtigen. Daher werde ich mich damit beschäftigen, inwieweit der Kindergarten das Thema Sexualaufklärung aufgreift und wie Erwachsene Sexualität von Kindern beurteilen. Hierbei kann ich mich nur an eigenen Erfahrungen bzw. Beispiele in der Literatur orientieren.

Grundannahmen

Sexualität ist ein existentielles Grundbedürfnis, das nicht nur Jugendliche und Erwachsene, sondern auch Kinder haben. Sexualität gilt nach dem Rahmenkonzept der BZgA (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) als zentraler Bestandteil der Identitätsund Persönlichkeitsentwicklung. Sie umfasst biologische und psycho-soziale, sowie emotionale Tatbestände und Vorgänge (vgl. BzgA 2007, S. 1). Sexualität umfasst nicht nur Erotik, sondern auch Zärtlichkeit, Geborgenheit und Liebe.

Diese Grundannahmen sind für die meisten selbstverständlich, aber dass auch Kinder eine Sexualität haben, ist für viele unvorstellbar. Das mag auch ein Grund sein, warum das Thema Sexualaufklärung bei Kindern im Alter von 3-6 Jahren häufig tabuisiert wird. Selbstverständlich erleben Kinder Sexualität anders als Erwachsene, aber wir müssen akzeptieren, dass auch sie in gewisser Weise ein Sexualleben haben.

Kinder gehen in der Regel spontan, neugierig und spielerisch mit dem Thema Sexualität um. Sie sind nicht wie Erwachsene auf genitale Sexualität fixiert, sondern wollen ihren Körper mit allen Sinnen erfahren. Kinder nehmen sexuelle Handlungen nicht als solche wahr – sie sind eher bestrebt, ein körperliches Wohlgefühl zu erzeugen, das aber nicht vergleichbar mit sexueller Befriedigung bei Erwachsenen ist (vgl. BzgA 2004, S. 4).

„Sexualität formt sich bereits von Geburt an. Die wesentlichen Weichen für die individuelle Persönlichkeitsentwicklung werden bereits im Kindesund Jugendalter gestellt. Wirksame Sexualaufklärung ist also bereits weit vor der Pubertät notwendig“ (BzgA 2007, S. 13).

Im Folgenden werde ich mich auf Kinder im Alter von 3-6 Jahren beziehen. Nach Sigmund Freud durchläuft das Kind im 4.-5. Lebensjahr die phallisch-genitale Phase. In dieser Periode wird sich das Kind, seiner Sexualität bewusst. Es empfindet Lustgefühle durch das Streicheln der eigenen Genitalien. Die phallisch-genitale Phase wird häufig von der ödipalen Phase begleitet. Kinder in diesem Alter wünschen sich häufig eine Beziehung zu einem Elternteil – die Jungen zu ihren Müttern und die Töchter zu ihren Vätern. Ebenfalls in dieser Phase kann bei

Kindern ein Schamgefühl verstärkt eintreten. Nicht alle Kinder haben dasselbe Niveau, was ihre Sexualaufklärung betrifft, da das familiäre Umfeld jeden einzelnen Kindes anders mit dem Thema umgeht. Kinder begegnen dem Thema meistens mit Neugierde und wollen Fragen dazu stellen, daher sollten sich sowohl Eltern als auch ErzieherInnen nicht scheuen auf dieses Thema einzugehen.

Im Prinzip ähneln sich die verschiedenen Artikel bezüglich frühkindlicher Sexualität, sowohl in dem Artikel von Christa Wanzeck-Sielert als auch in den Texten der BzgA wird kindliche Sexualität als etwas völlig Normales beschrieben. Allerdings wird auch der notwendige Bedarf des Aufklärungsunterrichts immer wieder erwähnt.

Konzepte für die sexualpädagogische Arbeit im Kindergarten bzw. im Kindesalter

Kinder interessieren andere Themen als Jugendliche in Bezug auf Sexualität. Sie wollen nichts über Verhütung etc. lernen, sondern über ihren Körper, „das Kinder kriegen…“. Vor allem aber wollen sie ernst genommen werden. Für Kinder im Alter von 3-6 Jahren sind daher die folgenden Themen nahe liegend:

1) Der Körper
2) Geschlechterrollen
3) Sexualität und Sprache

Der Körper

Jedes Kind entdeckt zuerst seinen eigenen Körper und dann den der anderen bzw. des anderen Geschlechts, bevor es sich mit anderen Themen – die Sexualität betreffend auseinandersetzt. Kinder werden sich über ihrer eigenen Identität bewusst, indem sie ihren Körper kennen lernen (Identitätsentwicklung). Sie können sich einem Geschlecht zuordnen bzw. unterscheiden zwischen Junge und Mädchen, allerdings noch nicht im Säuglingsalter.

Christa Wanzeck-Sielert bezeichnet das Kennen lernen des Körpers, als Prozess, in dem Kinder sich ein „Selbstbild“ von sich machen bzw. ein „Selbstkonzept“ vom eigenen Körper erstellen. Unter Selbstbild und Selbstkonzept versteht man zum einen, welches Bild das Kind von sich bzw. seinem Körper hat und zum anderen, ob es Vertrauen in seine Fähigkeiten hat (vgl. Wanzeck-Sielert 2005, S. 1). Ob und in wie weit sich ein Kind entwickeln kann, ist aber immer abhängig von den Freiheiten, die ihm gegeben oder verwehrt werden seine Sexualität auszuleben.

Schon im frühen Säuglingsalter nimmt das Kind seinen Körper vor allem durch Berührungen wahr, meist durch die Mutter. Kleinkinder entdecken ihre Sexualität, indem sie sich selber berühren und feststellen, dass sich dabei ein Wohlgefühl einstellt. Genauso sind Kinder viel ungehemmter als Erwachsene oder Jugendliche, wenn es darum geht andere Kinder zu berühren. Auf diese Weise erfahren sie viel über sich selber und ihre Umwelt und lernen, dass es z.B. nicht nur Mädchen, sondern auch Jungen gibt. Kinder machen ihre Entdeckungsreisen oft anhand von Spielen z.B. indem sie Doktorspiele spielen und den anderen dabei genau unter die Lupe nehmen. Erwachsene beäugen das sexuelle Verhalten von Kindern oft mit Misstrauen. Wanzeck-Sielert merkt hierzu an:

„Unverfängliche körperliche Kontakte wie z.B. das Eincremen und Einseifen des Körpers oder der Kuss auf die Wange werden akzeptiert, Selbst- Berührungen durch Streicheln an den Geschlechtsteilen und Masturbieren dagegen kritisch beobachtet“ (Wanzeck-Sielert 2007, S. 1).

Vielleicht sollte der Kindergarten gerade wegen solcher Meinungen das Thema Sexualität stärker ins Visier nehmen, da viele Eltern nicht in der Lage sind über Sexualität zu sprechen oder die Religion es nicht vorsieht, über Aufklärung mit Kindern zu sprechen.

Geschlechterrollen

Mit der Entdeckung des eigenen Körpers und der Wahrnehmung, dass es auch ein anderes Geschlecht gibt als das eigene, erkennen Kinder auch, dass es spezifische Rollen gibt. Diese geschlechtsspezifischen Rollen leben Kinder oft durch Rollenspiele aus. Rollenspiele mit sexuellem Inhalt spielen Kinder meistens mit Gleichaltrigen (vgl. Wanzeck-Sielert 2007, S.2). In der Familie z.B. lernen sie die Rolle von Vater und Mutter kennen, die sie mit Freunden durch Vater-Mutter-Kind-Spiele nacherleben, um sich in die Rolle eines anderen hinein zu versetzen. Auch das oben erwähnte Doktorspiel ist ein Rollenspiel, bei dem Kinder Gemeinsamkeiten und Unterschiede an sich und anderen feststellen. Anhand der Rollenspiele kann der / die ErzieherIn erkennen, mit welchem Thema sich ein Kind gerade beschäftigt, z.B. bei

„Vater-Mutter-Kind-Spielen“ interessiert es sich möglicherweise mit der Schwangerschaft und der Geburt.

Sexualität und Sprache

Sexualität und Sprache umfasst die Themen:

1) Frühkindliche Selbstbefriedigung
2) Schwangerschaft
3) Nein! Sagen

Auch Kinder haben eine Sexualität, nämlich indem sie sich z.B. selbst befriedigen. Sie verbinden damit allerdings nichts erotisches, sondern nur das schöne Gefühl, dass sie dabei empfinden. Durch frühkindliche Sexualität baut das Kind eine Ich-Identität auf (vgl. Wanzeck- Sielert 2007, S. 2). Geschlechtsverkehr taucht im Kinderalltag meist im Zusammenhang mit Schwangerschaft auf. Gerade wenn ein Kind ein Geschwisterchen bekommt, stellt es sich die Frage: „Wie kommt das Baby in Mamas Bauch?“ In dem Zusammenhang kann man Kindern dann z.B. erklären, wie ein Baby entsteht.

Der dritte Punkt im Bereich Sexualität und Sprache beinhaltet das „Nein! Sagen“. Kinder müssen sich nicht alles gefallen lassen; wenn ihnen etwas nicht behagt, dürfen sie sich dagegen wehren. Dieses Thema halte ich für besonders wichtig für die sexualpädagogische Arbeit mit Kindern. Oft trauen Kinder sich nicht, etwas zu sagen, wenn ihnen etwas nicht gefällt. Der Aufklärungsunterricht sollte Kindern klar machen, dass man sich verweigern darf und dass man Rechte hat, die auch Erwachsene zu akzeptieren haben, beispielsweise müssen sich Kinder nicht von ihrer Oma oder anderen küssen lassen, wenn ihnen dies nicht gefällt. Auch ein Wangenkuss oder eine Umarmung ist etwas Intimes. Erwachsene haben das zu respektieren.

Sexualpädagogische Medien

Sexualpädagogische Bücher

Sexualaufklärung für Kinder wird am häufigsten durch Bilderbücher aufgegriffen. Die Bücher behandeln vor allem die oben genannten Themen: Schwangerschaft und Geburt, der Körper und Nein! Sagen. Wie in jedem anderen Bereich gibt es auch hier Bücher, die mehrund andere die weniger geeignet sind. Einen häufigen Nachteil stellt die Sprache dar, oft wird in Kinderbüchern eine Art Kindersprache verwandt, z.B. wird den Geschlechtsteilen oft ein Kosename wie z.B. für Penis „Pippi“ gegeben. An sich spricht nichts gegen Synonyme, allerdings bin ich der Meinung, dass man das Thema Aufklärung ernsthaft behandeln sollte.

In den meisten Büchern wird die Hauptrolle mit einem ca. 4-6 jährigen Kind besetzt, damit sich der „Leser“ in die Rolle des Protagonisten hineinversetzen kann. Die Bücher führen das Kind auf kindgerechte Weise durch ein Thema. Die meisten Bücher haben wenig Text dafür aber viele bunte Bilder. Meistens ist das Aufklärungsthema in eine Geschichte verpackt.

Um das noch mal zu verdeutlichen werde ich kurz ein Kinderbuch vorstellen und zwar: „Wo komme ich her? Mein erstes Aufklärungsbuch“. Das Buch „Wo komme ich her?“ behandelt ein typisches Thema, nämlich das der Entstehung, Schwangerschaft und Geburt. Die Geschichte beginnt mit der Schwangerschaft der Mutter. Worauf sich die kleine Lilli die Frage stellt: „War ich auch mal so klein?“ bzw. „War ich auch mal in deinem Bauch?“

Das Buch handelt anhand einer kindlichen Geschichte einige Stationen kindlicher Sexualität ab. Ursache ist die Schwangerschaft der Mutter. Die Geschichte beginnt mit dem Unterschied zwischen Mann und Frau und der Entstehung eines Kindes – also dem Geschlechtsverkehr. Im fünften Kapitel werden Parallelen zur Tierwelt geschaffen. Die Geschichte befasst sich aber nicht nur mit sexuellen Themen, sondern geht auch auf andere Themen ein z.B. „Lilli hilft Mama“ oder „Lilli ist sauer“ – also sowohl soziale als auch emotionale Aspekte.

Aufklärungsbücher im Allgemeinen sind meines Erachtens wichtig für Kinder, da sie diese auch allein anschauen können und sich mit dem Thema befassen können, wenn sie möchten. Aber auch für Eltern und Erzieher können sie eine große Hilfe sein, vor allem wenn ein Kind

Fragen stellt und es einem schwer fällt sich mit eigenen Worten auszudrücken, in solchen Fällen kann ein Buch hilfreich sein.

Die Kindergartenbox

Die Kindergartenbox ist erhältlich über die BZgA. Sie enthält Materialien zur Körperwahrnehmung und Sexualerziehung für Kinder ab 3 Jahren.

- Eine Videokassette mit Bildergeschichten von „Lutz und Linda“
- Eine Hörkassette mit den Geschichten von „Lutz und Linda“
- Eine Musik-CD zu dem Musical „Nase, Bauch und Po“
- Puppen „Lutz und Linda“
- Einen Grabbelsack
- Bilderbuch „Mama bekommt ein Baby“
- Spielkarten
- Puzzle „Lutz und Linda“
- Bildkarten mit Szenen aus den Filmen „Lutz und Linda“
- Brettspiel mit Ereignisfeldern.

Die Kindergartenbox greift die Themen: Körperaufklärung und Körperwahrnehmung, Körperkontakt und Bewegung, Geschlechtsidentität und Geschlechterrolle, Gefühle, Grenzen setzen, Sinneserfahrung, Zeugung, Schwangerschaft und Geburt, Familie und andere Bezugspersonen und Vertrautes und Fremdes auf. Die Kindergartenbox dient den ErzieherInnen als unterstützendes Medium, um den Kindern das Thema Sexualität auf spielerische Weise näher zu bringen.

Die Liedertour „Nase, Bauch und Po“

Die BZgA hat das Musiktheater Rumpelstil und den Kinderliedermacher Robert Metcalf beauftragt, eine Liedertour für Kinder im Kindergartenalter zu entwickeln. Auf diese Weise ist das Kindermusical „Nase, Bauch und Po“ entstanden. Die Lieder thematisieren Fragen und Erfahrungen von Kindern zu Freundschaft, Liebe und Berührung (vgl. BZgA: Liederheft

„Nase, Bauch und Po“).

Das Musical erzählt das Märchen von drei Freunden, die sich streiten. Im weiteren Verlauf des Musicals wird das Thema Berührung aufgegriffen. Den Kindern wird anhand der Geschichte vermittelt, dass es nicht schlimm ist sich oder andere zu berühren. Die Lieder (s. Liederheft) „Mein Körper macht Musik“, „Küssen“, „Mädchen und Junge“ etc. sind in die Geschichte integriert. Die Kinder werden animiert bei der Show mit zu machen und mit zu singen. Die CD zum Musical ist in der Kindergartenbox enthalten bzw. separat bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung erhältlich.

Fazit

Sexualität von Kindern scheint immer noch ein Tabuthema zu sein. Viele Erwachsenen denken es ist unnormal, wenn ein Kind sich an den Genitalien berührt. Schlichtweg sind viele der Meinung, Kinder haben keine Sexualität. Aber warum? Weil viele nicht verstehen das Sexualität nicht nur Sex, sondern auch andere Aspekte wie Freundschaft, Liebe etc. beinhaltet. Und das fühlen auch Kinder!

Das Sexualität immer noch als Tabuthema behandelt wird, fällt häufig bei Kindern im Teenageralter auf – viele Jugendliche wissen oft nicht viel über ihren Körper bzw. die Funktionen ihres Körpers und über Verhütung. Gerade die steigende Anzahl der Teenagerschwangerschaften sollte einen Anstoß geben, Kinder so früh wie möglich aufzuklären.

Bei der Literaturrecherche habe ich festgestellt, dass es kaum Fachliteratur zu dem Thema Sexualpädagogik für Kindergartenkinder gibt. Eben so gibt es wenig Konzepte, die den Erziehern helfen könnten, mit dem Thema umzugehen bzw. Vorschläge zu machen. Die meisten Materialien habe ich kostenlos über die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) erhalten.

Gerade im Kindergarten ist Aufklärung wichtig, weil hier Kinder mit unterschiedlichstem Wissen über Sexualität aufeinander treffen. Es ist von großer Bedeutung Kindern zu vermitteln, dass Sexualität etwas ganz Natürliches ist. Indem Eltern ihren Kindern ein Sexualempfinden absprechen, machen sie Sexualität zu etwas „Schlimmen“ oder „Verbotenen“. Jedes Kind hat ein Recht auf Aufklärung und Sexualität!

Literaturverzeichnis

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.) (2007): Rahmenkonzept zur Sexualaufklärung. Abteilung Sexualaufklärung, Verhütung und Familienplanung, Köln.

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.) (2004): Handout für ErzieherInnen. http://www.profamilia-koblenz.de/Dokumente/Ws-Handout%20 fuer %20 ErzieherInnen.pdf

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.) (2003): Nase, Bauch und Po. Liederund Notenheft, Köln.

Thor-Wiedemann, Sabine/Eisenbarth, Pia (2007): Wo komme ich her? Mein erstes Aufklä- rungsbuch. Ravensburg.

Wanzeck-Sielert, Christa (2005): Sich selbst entdecken und sinnlich erfahren. Sexualpädagogik in der KiTa. Erschienen in: Kindergarten heute Ausgabe 2 / 2005.

Sexualpädagogische Broschüren für Kinder und Jugendliche

Autorinnen:

Lena Ramand Gesine Willen

Einleitung und Fragestellung

Welche Erwartungen gibt es gegenüber einer sexualpädagogischen Aufklärungsbroschüre und werden diese erfüllt? Dies ist die zentrale Fragestellung dieser Untersuchung. Mittels einer nicht repräsentativen Umfrage unter Studierenden der Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg wurden Erwartungen an Aufklärungsbroschüren ermittelt. Am häufigsten wurden Verständlichkeit und einfache Sprache erwartet. Eine weitere, oft genannte Erwartung ist eine ansprechende Aufmachung, welche allerdings nicht betont anbiedernd sein sollte.

Ausgehend von diesen Erwartungen wurden Fragestellungen entwickelt, welche eine Analyse der sexualpädagogischen Aufklärungsbroschüren unterstützen sollen. Es ergaben sich folgende Fragen: Wer ist der Herausgeber dieser Broschüre? Welche Zielgruppe wird angesprochen? Welchen Umfang hat die Broschüre? Welche Themen werden besprochen? Welches Ziel hat die Broschüre? Wie ist das Layout?

Anhand dieser Fragestellungen soll versucht werden, verschiedene Aufklärungsbroschüren miteinander vergleichbar zu machen und an den oben genannten Erwartungen zu messen.

Analyse

„Wie geht‘s wie steht’s“

„Wie geht‘s wie steht’s“ ist erhältlich über die Internetseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (im Folgenden kurz: BzgA). Dieses Werk vermittelt sachliche Informationen über die körperlichen Hintergründe der männlichen Sexualität. Die Broschüre richtet sich an eine altersmäßig breite Zielgruppe von jungen Männern zwischen 14 und 24 Jahren. Es stellt sich hier die Frage, ob sie für alle angesprochenen Themen in allen Altersbereichen Interessenten findet. Wie eine Evaluation der BzgA zeigt, wird die Broschüre in der jüngeren Zielgruppe nur ausschnittsweise gelesen. (www.forum.sexualaufklaerung.de/index.php? docid=704).

Mit steigendem Alter wird sie vollständiger genutzt. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass sie sonst eher als Nachschlagewerk dient. Neben der eigentlichen Broschüre wird ein Begleitheft zur Verfügung gestellt, welches sich an Pädagogen und Eltern richtet. Die Broschüre hat einen Umfang von 100 Seiten und ist im handlichen Taschenbuchformat gedruckt. Das Begleitheft ist im DIN A 4 Format gehalten und umfasst 20 Seiten. Es enthält neben weiterführenden Anregungen verschiedene Folien zu den behandelten Themen.

Folgende Themen werden behandelt: Anatomie und körperliche Funktionen der männlichen Geschlechtsorgane (Penis, Hoden und Geschlechtsdrüsen), Orgasmus, Samenerguss, männliche Fruchtbarkeit, körperliche Veränderung in der Pubertät und Adoleszenz sowie Fragen der Vaterschaftsverhütung bis hin zu gesundheitlichen Problemen und Fragen im Zusammenhang mit urologischen Untersuchungen. Des Weiteren gibt es am Ende ein Glossar, in welchem relevante Ausdrücke erklärt werden.

Ziel dieser Broschüre ist, Jungen mit den körperlichen Grundlagen und funktionalen Abläufen männlicher Sexualität vertraut zu machen, Einsichten in die körperlichen Funktionszusammenhänge zu geben und Fragen zu beantworten. Das Begleitheft spricht hier von „Eigeninformation von Jungen“ (Wie geht’s, wie steht’s; Begleitheft, S. 4)

Das Layout erscheint klar und übersichtlich. Der Sprachstil ist leicht verständlich und wird auch ungeübte Leser nicht überfordern. Allerdings könnte das Ungleichgewicht von Sprache und Abbildungen diese zunächst abschrecken. Da die einzelnen Themen in sich aber gut gegliedert sind, ist es nur der erste Eindruck, der hier abschreckt.

Das Begleitheft besticht vor allem durch die Materialien. Neben Folien, Literaturverweisen und Kopiervorlagen gibt es Anregungen zur Umsetzung der Themen. Pädagogen wird hier zu jedem Thema ein Methodenvorschlag unterbreitet.

Jules Tagebuch

Jules Tagebuch ist eine umfangreiche Broschüre, beinahe schon ein kleines Buch mit 99 Seiten. Sie erschien 2004 und wird seitdem von der BZgA kostenlos herausgegeben. Sie richtet sich an junge Mädchen ab etwa 10 Jahren. Hauptperson dieser Broschüre ist die 16-jährige Jule, welche rückblickend ihr Tagebuch schreibt. Aufgrund der umfangreichen Texte liegt die Vermutung nahe, dass hier überwiegend Kinder und Jugendliche aus dem bildungsnahen Umfeld angesprochen werden (sollen).

Das äußere Erscheinungsbild ist auf den ersten Blick neutral. Allerdings sind die behandelten Themen ganz blass auf die Titelseite gedruckt. Dies könnte Mädchen davon abhalten, die Broschüre in der Öffentlichkeit zu lesen. Der Inhalt präsentiert sich abwechselnd in der bereits erwähnten Tagebuchform und in Fachtexten. Ergänzt wird der schriftliche Teil durch Abbildungen, welche der Broschüre gelegentlich die Erscheinung eines Biologieschulbuches geben. In einer Befragung über das Layout und die Aufmachung gaben Schülerinnen allerdings an, dass gerade die detaillierten Zeichnungen lehrreich und aufklärend wirkten.

(Vgl. http://forschung.sexualaufklaerung.de/index.php?id=1921 )

Der Sprachstil ist betont jugendlich und spricht die Leserinnen direkt an. Sämtliche Themen sind in diesem Stil verpackt, so wird versucht, den Themen ihre abschreckende Wirkung zu nehmen. Die Tagebuchform wird in der oben erwähnten Umfrage als Interesse weckend und ansprechend genannt. Auch der hohe Informationsgehalt wird hervorgehoben.

Es werden sämtliche Themen, welche junge Mädchen im Zusammenhang mit der Sexualität betreffen, behandelt. Körperentwicklung und der Umgang damit, erste Liebe, gleichgeschlechtliche Liebe, Verhütung, Arztbesuche und Trennungsschmerz sind nur ein kleiner Teil der behandelten Bereiche. Auf 10 Seiten findet sich am Ende des Büchleins ein Glossar, welches wichtige Begriffe ebenfalls in einem altersgerechten Sprachstil erklärt.

First Love Safety First

Dieses Heft wird herausgegeben vom Verlag Care Line und ist in Apotheken und direkt bei dem herausgebenden Verlag erhältlich. Die Broschüre richtet sich an Jugendliche beider Geschlechter im Alter zwischen 13 und 18 Jahren. Sie orientiert sich im Layout an asiatischen Manga-Comics. Der Umfang beträgt 64 Seiten, wobei sich Comic und zusammenfassender Text in den jeweiligen Themenbereichen abwechseln. Am Ende eines jeden Themas steht ein kurzes Statement, welches bestimmte Aussagen des Fachtextes zusammenfasst und bekräftigt.

Die behandelten Themen dieser Broschüre lassen sich in drei Kategorien aufteilen. Es gibt emotionale Themen wie Liebe und Freundschaft, biologische Themen wie Körperentwicklung, Periode und medizinische Themen wie Verhütungsmethoden und Geschlechtskrankheiten. Zu einer umfassenden Aufklärung fehlen allerdings die Themen Körperhygiene, Sexualpraktiken und Selbstbestimmung. Gerade zu dem letztgenannten Thema wären Anknüpfungspunkte durch eine Episode des Comics gegeben. Das Mädchen schläft, ohne ausreichend durch ein Kondom geschützt zu sein, mit einem fremden Jungen. Dies ist sicher keine seltene Situation. Hier wäre unserer Meinung nach ein guter Ansatzpunkt für das Thema Selbstbestimmung - denn aus dem Comic geht nicht sicher hervor, ob das Mädchen diesen Geschlechtsverkehr wirklich wollte und vielleicht Bedenken hatte diesen abzulehnen. Auffällig ist die Kondomorientierung dieser Broschüre, die sich damit erklären lässt, dass die kostenfreie Ausgabe dieses Hefts von einem Kondomhersteller unterstützt wird.

Das Ziel dieser Broschüre ist neben der Aufklärung über die genannten Themen, Jugendliche über die populäre Aufmachung anzusprechen. In Internetforen wird dieser Annäherungsversuch diskutiert, aber durchaus positiv gewertet.

(Vgl. http://www.mangaka.de/index.php?page=lehrreiche-mangas )

Damit er Bescheid weiß

Diese Verhütungsübersicht aus dem Internetangebot der Seite www.Pille.com gibt einen kurzen Überblick über Verhütung mittels Kondom und Pille. Die Seite wird vom Bayerkonzern betreut und richtet sich an Jugendliche ab etwa 14 Jahren. Zu dem Angebot dieser Seite gehö- ren verschiedene Broschüren, welche zum Download bereitstehen. Das hier vorgestellte Exemplar richtet sich an junge Männer. Auf 6 Seiten wird das Thema Verhütung in knapper Form dargestellt. Zunächst wird darauf hingewiesen, dass Verhütung ein Thema ist, welches beide Geschlechter betrifft. So wird mit dem Titel auch in erster Linie die Freundin angesprochen, die „damit er Bescheid weiß“ diese Broschüre herunterladen und so ins Gespräch mit ihrem Freund kommen kann. Neben der Erklärung des Pearl Index werden populäre Irrtümer in Sachen Verhütung aufgedeckt. Ein kurzer Text spricht die Notwendigkeit des Schutzes vor Aids an und nennt weiterführende Internetadressen. Abschließend werden Pille und Kondom einander gegenübergestellt und in den Bereichen Funktion, Vorteile und Kosten verglichen.

Da sich diese Broschüre nur auf den Themenbereich der Verhütung beschränkt, überrascht die geringe Seitenzahl zunächst nicht. Beim genaueren Betrachten fällt allerdings auf, dass nur zwei Verhütungsmethoden überhaupt genannt werden. Ob andere Verhütungsmethoden für

Jugendliche dieses Alters in Frage kommen oder nicht, der Vollständigkeit halber wäre hier eine Nennung weiterer Verhütungsmöglichkeiten angemessen gewesen. Auch die Texte zu den jeweiligen Themen sind sehr knapp gehalten. Der Sprachstil ist leicht verständlich und spricht den Leser direkt an. Unterstrichen werden die Texte durch kleine Bilder und Zeichnungen.

Im direkten Vergleich mit den anderen Broschüren dieser Untersuchung wird deutlich, wie kurz und knapp hier versucht wird, das Thema Verhütung aufzubereiten. Leider fällt diese Knappheit eher negativ auf.

Dem Leben auf der Spur

Diese Broschüre ist kostenlos bei der BzgA erhältlich und fällt zunächst durch ihre besondere Aufmachung auf. In eine recht große Klappkarte sind drei kleine Broschüren eingesteckt, die sich inhaltlich damit beschäftigen, wie Leben entsteht. In „Mona, Lisa und Herr Hahnentritt“ machen sich drei Kinder auf die Suche nach einer Antwort auf die Frage „Was ist Leben und wie entsteht es?“. Potenziell unbekannte Wörter wie „Achselhaare“, „erogene Zonen“ oder

„Schaumzäpfchen“ sind unterstrichen und können in der zweiten Broschüre „Das kleine Körper-ABC“ nachgeschlagen werden. Die dritte Broschüre ist „ein Leporello für Kinder“, „Das kleine 9x2“, in dem die Entwicklung des Babys in den neun Schwangerschaftsmonaten nachvollzogen wird. Aufgrund seines Umfanges von ca. 100 Seiten und der zentralen Funktion –

„Das kleine Körper-ABC“ und „Das kleine 9x2“ sind eher weiterführende Erklärungshilfen – ist die zusammenhängende Geschichte „Mona, Lisa und Herr Hahnentritt“ als Hauptwerk zu verstehen.

Bis auf das Kinderund Jugendtelefon „Die Nummer gegen Kummer“, werden keine weiteren konkreten öffentlichen Ansprechpartner genannt. Es wird allerdings angeregt, keine Scheu zu haben, Menschen im Bekanntenkreis auszufragen. Sowohl in unserer eigenen Auseinandersetzung mit dieser Trilogie als auch im Seminar herrschte Verwirrung, für welche Zielgruppe sie geschrieben wurde.

Während die Illustrationen sehr kindlich gehalten sind, finden wir detaillierte Abbildungen der männlichen und weiblichen Anatomie, z.B. die Zeichnung eines erigierten Penis mit Kondom. Auch im Text finden sich ähnliche Widersprüche. Einerseits werden Abläufe wie der weibliche Zyklus und Zellteilung präzise erklärt, Verhütungsmittel aufgezählt, während Lisa andererseits auf Seite 34 des Hauptwerks erklärt, wo sich die Scheide befindet: „In der Mitte von Pipiloch und Poloch“. Wir halten es für fragwürdig, wie viele Details ein Kind im Alter, in dem es Termini wie „Pipiloch“ benutzt, kennen möchte und sollte.

Neben der Aufklärung über das Entstehen von Leben regt die Geschichte das Kind an, über sein eigenes soziales Umfeld nachzudenken, Fragen zu stellen und über die eigene Definition von „Leben“ zu reflektieren. Abgesehen von der bloßen Aufklärung über Körperfunktionen steht also auch eine philosophische Auseinandersetzung im Blickpunkt. Voraussetzung dafür ist die Identifikation mit den Hauptfiguren Mona, Lisa und Florian, der wegen seiner Kleidung Herr Hahnentritt genannt wird. Ob diese Identifikation bei der oben geschilderten ambivalenten Gestaltung und Sprache stattfindet, zweifeln wir an, da auf einer der Ebenen Layout, Sprachstil oder Inhalt immer eine Distanz zurück bleiben wird.

Mädchensache(n)

Mädchensache(n) ist eine Broschüre aus dem Angebot der BzgA und eignet sich in erster Linie für Mädchen am Anfang der Pubertät. Einige Kapitel sind jedoch auch später sicherlich noch interessant. Themen sind Klärung der Körperfunktionen mit Schwangerschaftsprävention und kurzem Einblick in die Welt der Jungen, Suchtund Krankheitsprävention sowie das Verstehen und Akzeptieren der veränderten Gefühlswelt bei sich und anderen.

Die Broschüre ist mit einem Umfang von 65 Seiten im DIN A 5-Format relativ ausführlich. Bei näherem Hinsehen werden die Leserinnen dennoch nicht überfordert, denn sie ist sehr ü- bersichtlich aufgebaut. Jedes Kapitel bekommt seine eigene Farbe und sein eigenes Symbol zugewiesen, welche sich sowohl im Inhaltsverzeichnis als auch am jeweiligen Seitenrand wiederfinden. Neben dem Haupttext gibt es Kästen, die tiefer gehende Informationen und Tipps geben. Am Ende der Broschüre finden sich Verweise auf Beratungsmöglichkeiten, Internetlinks und weiterführende Literatur. Die einzelnen Kapitel werden weiterhin ergänzt von Zitaten Jugendlicher, die die Vielfalt der Menschen darstellen und so enttabuisieren, zum Reden anregen und vermitteln, dass die Jugendlichen mit ihren Gedanken und Problemen nicht allein sind. Die zitierten Personen sind überwiegend Jugendliche aus verschiedenen Lebenswelten und Kulturen, was sich im Inhalt ihrer Aussagen und ihren Namen spiegelt. Es wird hier also relativ ungezwungen ein interkultureller Kontext hergestellt, der mit der Lebenswirklichkeit der meisten Leserinnen übereinstimmt. Schon auf dem Titelbild flüstert ein offenbar orientalisches Mädchen einem westlichen Mädchen etwas zu.

In einem kurzen Vorwort wird der Aufbau des Buches erklärt. Der Titel „Wer als Mädchen auf Expedition geht“ verrät den Charakter der Broschüre.

„Wie eine Landkarte, E-Mails aus der Ferne oder ein Reiseführer möchte diese Broschü- re Dir und anderen Mädchen Tipps und Anregungen geben, Schritt für Schritt weiterzukommen auf den verschlungenen Pfaden Richtung „Frau-Sein“.“ (Mädchensache(n), S. 3).

Das Layout soll den Gemütszustand einer Pubertierenden widerspiegeln. Das Gesamtbild wirkt chaotisch, Absätze greifen ineinander. Es gibt keinen klassischen Blocksatz. Die einzelnen Rubriken haben keinen festen Platz. Freundliche Illustrationen von verschiedenen Jugendlichen in thematisch zu den Kapiteln passenden Situationen bringen etwas Ruhe hinein. Außer im Kapitel über „Das erste Mal“, welches mit rosa Herzen unterlegt ist, wirken sie nicht in den Text.

Unserer Ansicht nach vermittelt diese Broschüre einen sehr unverkrampften Zugang zum Thema Sexualität. Es wird viel Wert auf psychisches Wohlbefinden und Individualität gelegt. Zum Beispiel gibt es im Schwangerschaftskapitel sowohl das Zitat einer Frau, die mit 15 einen Abbruch vorgenommen hat, als auch das eines Mädchens, welches in sehr jungen Jahren ein Kind bekommen und es mit Hilfe der Eltern aufgezogen hat. Dies nimmt den Jugendlichen die Angst und vermittelt, dass es in jeder Situation Lösungen geben kann, die nicht von vornherein als richtig oder falsch bewertet werden müssen. Adressen und Ansprechpartner bietet die Broschüre an, so dass die Leserinnen mit ihren Fragen und Nöten gut aufgefangen werden.

In unserer Straße... – Jungsgeschichten über Liebe, Freundschaft, Sex und Aids

„In unserer Straße...“, das männliche Pendant zur Broschüre „Mädchensache(n)“, ist ebenfalls über die BzgA zu beziehen und eignet sich für Jungen am Anfang der Pubertät. Trotz des identischen Formats und Umfangs (65 DIN A 5-Seiten) befasst sich diese Broschüre jedoch mit deutlich weniger Themen. Schwerpunkte sind hier Aidsprävention, Männlichkeitsbild und Freundschaft.

Die Inhalte werden in die Lebenssituation 13 beispielhafter Jugendlicher eingebettet, die in verschiedenen Kontexten über ihre Ängste und Probleme reflektieren. Rahmenhandlung ist die Nachricht, dass ein junger Mann aus der Straße mit dem HI-Virus infiziert wurde und die Jugendlichen so zum Nachdenken über ihr eigenes Weltbild gebracht werden. Neben der Aufklärung über Ansteckungsgefahr und Ursachen werden hier die gängigen Klischees, wie zum Beispiel „Aids - eine Schwulenkrankheit“ thematisiert. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist in „In unserer Straße...“ das Bedürfnis der einzelnen Protagonisten sich auszutauschen und die Angst davor, ausgeschlossen oder „unmännlich“ zu wirken.

Im Gegensatz zur Broschüre für die Mädchen ist das Layout sehr viel klarer. Absätze sind ü- berwiegend seitenbreit. Die Kapitel sind optisch nicht voneinander abgehoben. Übersicht gewinnt man daher lediglich über das Inhaltsverzeichnis. Es gibt Informationskästen - wenn auch recht wenige – sowie Zitate von Jugendlichen, allerdings nur von den erfundenen Protagonisten, was nicht so echt wirkt wie die Zitate in den „Mädchensache(n)“. Illustrationen sind seltener, klarer und weniger fröhlich. Eine der Personen sieht eigentlich immer nachdenklich oder genervt aus. Sicherlich soll dies den Lesern helfen, sich zu identifizieren.

Unserer Ansicht nach hat diese Broschüre eine entscheidende Schwäche. Offenbar sind die Protagonisten so gewählt, dass sie eine Vielfalt von Jugendlichen abbilden: das „Scheidungskind“, den „Türken“, den „Zugezogenen“, den „fülligen Schlauen“, und den „Schwulen“ zum Beispiel. Es wird leider sehr stark mit Stereotypen gearbeitet, die die Verschiedenheit betonen und ein etwas gönnerhaftes „Du bist zwar anders, aber ich mag Dich trotzdem“ suggerieren, das in der Debatte um Interkulturalität und Gender nicht zeitgemäß ist. Am Ende finden der Türke und die Türkin und wahrscheinlich auch der Füllige und die Füllige zusammen, so dass folgender Satz fast wie eine Rechtfertigung des Autors wirkt:

„Die beiden passen gut zusammen, denkt sie. Nicht, weil beide türkischer Herkunft sind, sondern weil sie sich in ihrer freundlichen Art so ähneln.“

Alles in allem ist das Ziel der Broschüre, Jungen dazu zu bewegen, über ihre Bedürfnisse und Ängste zu sprechen, deutlich und sinnvoll. Auch die Auseinandersetzung mit dem Thema Männlichkeit ist wichtig. Allerdings werden diese Themen zu wenig subtil vermittelt, so dass zu befürchten ist, das lesende Jungen die gesamte Clique schnell für „uncool“ erklären und das Interesse verlieren. Dies ist allerdings lediglich die These der weiblichen Autorin, die sich nur schwer in die Psyche eines pubertierenden Jungen versetzen kann.

Fazit / wesentliche Ergebnisse

Es gibt ein umfangreiches Angebot an kostenlosen Broschüren für Kinder und Jugendliche. Nach unserer Analyse lässt sich Folgendes zusammenfassen:

Überwiegende Themen sind: biologisch-körperliche Aufklärung und Information, Schwangerschafts- und Aidsprävention, Anregung zur Kommunikation, Homosexualität, Akzeptanz der eigenen Bedürfnisse und Sorgen und damit Stärkung des Selbstbewusstseins. Zum großen Teil wird von westeuropäischen Jugendlichen und ihren Problemen ausgegangen. Es gibt beispielsweise keine Kapitel über Beschneidung.

Die Broschüren können zum großen Teil für sich stehen, regen aber zum weiteren Austausch mit Eltern, Freunden oder auch Beratungsstellen an. Adressen und Telefonnummern werden zur Verfügung gestellt, so dass der/die Jugendliche bei weiteren Fragen ermutigt wird, diese zu stellen. Explizit wird häufig auch auf Fachärzte verwiesen, die abgesehen von ihrer bloßen medizinischen Funktion auch eine Vertrauensperson darstellen können und sollen. Abgesehen von der bloßen Aufklärung über körperliche Funktionen soll Freude und Neugierde im Umgang mit Sexualität vermittelt werden. Das Thema „Selbstbefriedigung“ zum Beispiel wird für Jungen und Mädchen enttabuisiert.

Zu den meisten Themen liest man verschiedene Ansichten, die für sich stehen und erst einmal akzeptiert werden. Manchmal bleiben diese nebeneinander bestehen, um die Zuordnung in

„richtig“ und „falsch“ zu unterbinden (zum Beispiel zum Thema „Schwangerschaft“ in „Mädchensache(n)“) oder jemand relativiert sein anfängliches Urteil (zum Beispiel „Hans“, der in

„In unserer Straße...“ zunächst behauptet, Aidskranke sollten nicht behandelt werden, weil sie selbst Schuld seien, dann aber feststellt, dass viele Kranke oder Verletzte in keinerlei Weise selbst Schuld seien und daraufhin seine Ansicht überdenkt). Man kann also behaupten, die Protagonisten der einzelnen Broschüren, sofern sie als Geschichte erzählt sind, leben ein tolerantes offenes Miteinander vor. Je nach Maß der Identifikation fördern sie sicherlich eine Reflektion der Leser/Innen über ihre eigene Lebenswelt.

Die meisten Broschüren lassen sich einfach in pädagogische Kontexte einbinden, da sie thematisch gegliedert sind. So kann der/die Pädagoge/in leicht einen Teil herauslösen und bearbeiten. Weiterführend können sie dann bedenkenlos nach Hause mitgegeben werden. Eine Vorund/oder Nachbereitung ist natürlich trotzdem immer empfehlenswert, aber nicht zwingend.

Abschließend können wir feststellen, dass die überwiegende Zahl der untersuchten Broschü- ren die eingangs angesprochenen Erwartungen erfüllt. Sie sind verständlich geschrieben und zeigen sich überwiegend ansprechend im Layout. Die wenigen negativen Aspekte, welche wir in den einzelnen Analysetexten benannt haben, beeinträchtigen nicht unseren Gesamteindruck von einem ein reichhaltigen und breit gefächerten Angebot an sexualpädagogischen Aufklä- rungsbroschüren. Gerade die Broschüren der BzgA scheinen besonders geeignet zu sein, da bei den kommerziellen die Absicht, Jugendliche als Käufer von Kondomen oder Pharmazeutika zu gewinnen, relativ deutlich im Vordergrund steht. Darüber hinaus ist der Gedanke der Selbstbestimmung in Broschüren wie „First love, safety first” unterrepräsentiert. Wir sind zu der Überzeugung gelangt, dass es für die verschiedensten Situationen und Personengruppen die passende Aufklärungsbroschüre gibt - einzig der Weg, diese zu finden, ist oftmals nicht leicht. Aus diesem Grund wird im Literaturverzeichnis auf diverse Bezugsadressen von Aufklärungsbroschüren hingewiesen.

Literatur

Boßbach, Christel; Raffauf, Elisabeth (2002): Mädchensache(n), BzgA, Köln Flacke, Uschi (2004): Jules Tagebuch, BzgA, Köln

Neutzling, Rainer (2002): In unserer Straße, BzgA, Köln Neutzling, Rainer (2002): Wie geht’s, wie steht’s?, BzgA, Köln

Schneider, Sylvia; Richter, Sabine (2003): Dem Leben auf der Spur, BzgA, Köln Wollgarten, Stefanie (2006): First love, safety first, Care Line, Neuried

Sekundärliteratur http://www.forum.sexualaufklaerung.de/index.php?docid=704 http://www.mangaka.de/index.php?page=lehrreiche-mangas

Weiterführende Internet-Links : http://www.machsmit.de/ http://www.loveline.de/ http://www.gib-aids-keine-chance.de/ http://www.bravo.de/online/ http://www.bzga.de/ http://www.pille.com: Damit er Bescheid weiß

Teenagerschwangerschaften

Autorinnen:

Hannah Wetzel Claudia Techen

Einleitung

Es scheint keine Generation so aufgeklärt über Sexualität zu sein wie die heutige. Trotzdem kommt es zu ungewollten und ungeplanten Schwangerschaften. Laut Klapp (2003 S.6) könnte die Überflutung von Bildern, Texten und die ständige Konfrontation mit Sexualität bei den Jugendlichen das Gefühl hervorrufen aufgeklärt zu sein, so dass sie sich zum gegebenen Zeitpunkt nicht eingehender mit dem Thema beschäftigen. Werden junge Frauen schwanger, stellt sich die Frage, was ihr Beweggrund ist, die Schwangerschaft auszutragen, in einem Alter in dem sie selbst fast noch Kinder sind und sich in einer Phase befinden in der sie ihre Identität entdecken und entwickeln wollen? Wie passt in diesen Lebensabschnitt ein Kind für das Verantwortung übernommen werden muss, das umsorgt und erzogen werden möchte, obwohl die Jugendliche selbst wahrscheinlich noch viel Erfahrungen machen muss. Welche Probleme und Hindernisse stellen sich der Jugendlichen und dem Kindsvater in den Weg. Welche Hilfen bieten sich ihnen?

Da wir selbst in einer Jugendhilfeeinrichtung und als Hebamme tätig sind, entstand das Interesse uns mit den Problemen und Hilfsangeboten für Teenagermütter eingehender zu beschäftigen. Daraus entstanden die Fragen:

1. Welche jungen Frauen werden schwanger?
2. Welche Probleme haben schwangere Teenagermütterund Väter?
3. Welche Hilfen bekommen sie?

Es ist uns besonders wichtig auch auf die Väter einzugehen, weil Teenagerväter in der Literatur wenig Beachtung finden.

Des Weiteren stellen wir zwei Einrichtungen in Hamburg vor, um einen kleinen Einblick dar- über zu bekommen was so eine Einrichtung leisten kann.

Der Fahrplan oder Leitfaden am Ende der Arbeit kann den Personen die mit den jungen Frauen arbeiten oder umgehen eventuell eine Erleichterung im Finden von möglichen Hilfsangeboten sein.

Wer wird schwanger?

Die Daten des statistischen Bundesamtes ergeben, das die Schwangerschaften und Abbruchraten zwischen den Jahren 1996 und 2001 moderat gestiegen sind. Seit 2001 ist der Aufwärtstrend zur Ruhe gekommen. Derzeit werden jährlich 8 bis 9 (von 1000) der 15- bis 17 jährigen Mädchen schwanger, etwa 5 von ihnen entscheiden sich für einen Abbruch. In den 1960ern wurden, im Vergleich zu den heutigen Zahlen, dreimal, in den 1970ern und 1980ern, doppelt soviel der minderjährigen Mädchen in Deutschland schwanger. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland mit den Beneluxländern am unteren Ende des Vorkommens von Teenagerschwangerschaften.

In einem Forschungsprojekt, das die pro familia in Kooperation mit dem Institut für Sexualforschung und forensische Psychiatrie der Universität Hamburg durchgeführt hat, wird verdeutlichet, dass psychosoziale Voraussetzungen, sozioökonomische Faktoren, die Schulbildung und damit berufliche Perspektive und Lebensperspektive einen großen Einfluss auf das Austragen einer Schwangerschaft haben.

Es werden vor allem ältere Jugendliche schwanger, ¾ der Jungendlichen sind bereits 16 oder 17 Jahre alt, wohingegen nur ein Prozent 13 Jahre und jünger sind. Nur fünf von 100.000 Jugendlichen sind erst zwölf oder jünger. Minderjährige Schwangere sind häufig arbeitslos bzw. ohne Ausbildungsplatz, sie haben besonders oft arbeitslose Eltern und ihre Partner haben besonders oft eine geringe Schulbildung, sind arbeitslos bzw. ohne Ausbildungsplatz. Hierbei sind 9 Prozent der Frauen Ausländerinnen, das entspricht in etwa ihrem Anteil in der Population der Jugendlichen. Von den Schwangeren mit deutscher Staatsangehörigkeit sind 10 Prozent mit Migrationshintergrund.

Unsere Gesellschaft geht davon aus, dass minderjährige Mädchen, die schwanger werden, die Schwangerschaft weder geplant noch gewollt haben. Tatsächlich sind 96% der minderjährigen Mädchen ungeplant schwanger geworden. Auch von denen, die die Schwangerschaft austragen sind es 88%, die ungeplant schwanger wurden. Nur rund 4% aller Schwangerschaften sind geplant. Wenn 60% der Schwangeren angeben mit sicheren Methoden wie zum Beispiel Pille und Kondom verhütet zu haben (die Antwort könnte durch soziale Erwünschtheit geschönt sein), lässt dies den Schluss zu, dass die Verhütung nicht geklappt hat. Als besonders problematisch erweist sich das Verhütungsverhalten von Mädchen aus sozial benachteiligten Gruppen, beim „ersten Mal“ und bei Partnern, zu denen keine feste Beziehung besteht. Problematisch deswegen, weil hier das Nicht–Verhüten daraus resultieren kann, dass die Pille vergessen wurde (Anwendungsfehler), kein Verhütungsmittel zur Hand war oder aus Peinlichkeit und Scham nicht über Verhütung gesprochen werden wollte oder konnte. Die „Pille danach" die nach einer Konzeption[2] die Einnistung eines Eies verhindern könnte, ist für einen großen Teil der Mädchen, die ungewollt schwanger werden, zum Zeitpunkt der Konzeption nicht bekannt oder es ist nicht bekannt wo man sie bekommt. Als besonders uninformiert hinsichtlich der „Pille danach" in der Befragung zu Verhütung galten die jüngeren Frauen und Hauptschü- lerinnen. 60% jeder Schwangerschaft von Minderjährigen enden mit einem Abbruch. Je älter das minderjährige Mädchen zum Zeitpunkt der Schwangerschaft ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich für einen Abbruch entscheidet. Dies sind 26% der 17- jährigen gegenüber 15% der 12-14 jährigen. Mit zunehmender Benachteiligung nimmt die Wahrscheinlichkeit eines Abbruchs deutlich ab. Gute Ausbildungs-, Berufsund Karriereperspektiven hingegen verhindern eher ein Austragen der Schwangerschaft. "Die soziale Situation beeinflusst das reproduktive Verhalten sehr stark. Sozial benachteiligte Jugendliche werden besonders häufig schwanger, und wenn sie schwanger werden, werden sie besonders häufig Mütter" (vgl. BzgA 2005).

Beweggründe junger Mütter, die Schwangerschaft auszutragen

Wenn man einmal davon absieht, dass Verhütung versagt oder gar nicht angewendet wurde, was können die Motive und Ursachen sein, das minderjährige Schwangere sich für das Austragen der Schwangerschaften entscheiden?

Die jungen Frauen befinden sich in so genannten Schwellensituationen, dazu gehören z.B. Veränderungen und Einschnitte im sozialenund Beziehungsbereich, beispielsweise Scheidung der Eltern oder so genannten broken homes. Ein zerrüttetes Elternhaus könnte Jugendliche dazu motivieren, schwanger zu werden. Das Ziel ist, Jemanden zu haben dem sie Liebe und Geborgenheit schenken können und dem Ideal der traditionellen Familie zu entsprechen die Sicherheit und Dazugehörigkeit vermittelt. Ein weiterer Grund könnte der legitime Verzicht auf Schulund Ausbildung sowie das Scheitern in der Schule und Ausbildung sein und die daraus resultierende Perspektivlosigkeit. Die Jugendlichen haben Hoffnung auf einen Neubeginn, denn ein Kind gibt dem Leben in ihren Augen Struktur und Sinn. Auch der Wunsch mit einem Kind eine sinnvolle, anerkannte Aufgabe in der Zukunft nachgehen zu können spielt öfters eine Rolle, zum Beispiel als Anerkennung durch die Mutterrolle durch Gesellschaft, Familie und Freundinnen. Die Bindung zu dem Partner zu stärken, erscheint gerade im Jugendalter besonders wichtig zu sein, so dass eine Schwangerschaft auch ein Grund sein kann die Bindung zu stärken oder den Partner an sich zu binden. Manchmal ist es auch das Binden an die Peer- Group, vielleicht sind Freundinnen auch schwanger oder haben Kinder und man will dazu gehören. Ist man beim Stärken von bestimmten Bindungen, so muss auch von der Phase des Ablösens gesprochen werden, beispielsweise vom Ablösen des Elternhauses. Eine Schwangerschaft kann als Protest gegen die Eltern gesehen werden, als Loslösung. Oft ist der Anspruch, es besser machen zu wollen als die Eltern, ein Kind, meint die Jugendliche, mache sie den Eltern ebenbürtig, so dass die Eltern keine Autoritätsansprüche mehr haben. Aus moralischen und ethischen Gründen erscheint ein Abbruch als falsch, da eine Abrubtio als Tötungsakt empfunden wird, deshalb wird die Schwangerschaft ausgetragen. In machen Fällen kann es auch mit einer Art Selbstbestrafung zu tun haben.

Vorstellung zweier Einrichtungen mit verschiedenen Angeboten unter anderem Betreute Wohnform

Rechtliche Grundlage zur Betreuten Wohnform

Der § 19 SGB VIII für Gemeinsame Wohnformen für Mütter- / Väter und Kinder sieht folgendes vor.

„(1) Mütter oder Väter, die allein für ein Kind unter sechs Jahren zu sorgen haben, sollen gemeinsam mit dem Kind in einer geeigneten Wohnform betreut werden, wenn und solange sie auf Grund ihrer Persönlichkeitsentwicklung dieser Form der Unterstützung bei der Pflege und Erziehung des Kindes bedürfen. Die Betreuung schließt auch ältere Geschwister ein, sofern die Mutter oder der Vater für sie allein zu sorgen hat. Eine schwangere Frau kann auch vor der Geburt des Kindes in der Wohnform betreut werden.
(2) Während dieser Zeit soll darauf hingewirkt werden, dass die Mutter oder der Vater eine schulische oder berufliche Ausbildung beginnt oder fortführt oder eine Berufstätigkeit aufnimmt.
(3) Die Leistung soll auch den notwendigen Unterhalt der betreuten Personen sowie die Krankenhilfe nach Maßgabe des § 40 umfassen.“(Jugendrecht, SGBVIII S.23)“

Abendroth-Haus

Im Folgenden wird die Stiftung Abendroth-Haus und die mit der Stiftung verbundenen Möglichkeiten vorgestellt, um einen kleinen Einblick in eine Form von möglichen Unterbringungen und Hilfeangeboten zu geben.

Die Stiftung Abendroth-Haus existiert bereits seit 1821 und ist seither da, um junge Mädchen, junge Frauen und Familien zu stützen und zu fördern, ein eigenständiges Leben soll erlernt oder gefördert werden. Einzelne Individuen werden gesehen und flexibel gefördert und begleitet. Um dies zu gewährleisten, hat die Abendroth- Stiftung mehrere Möglichkeiten. Die Angebote liegen bei ambulanten Hilfen für Mädchen Frauen und Familien, Jugendwohnungen für junge Frauen, Wohngemeinschaften für junge Frauen und ihre Kinder und dem Treffpunkt Hegholt – Betreuung von jungen Frauen mit Kind in trägereigenem Wohnraum.

Ambulante Hilfen:

Die ambulante Hilfe findet hauptsächlich über Einzelkontakte statt, wobei nicht immer die ganze Familie anwesend ist, sondern individuelle entschieden wird. Die Betreuung beginnt ab einem Alter von zwölf Jahren und kann in der Familie, eigenem Wohnraum oder anderen Lebensorten stattfinden. In der Arbeit mit den Frauen und Mädchen werden verschiedenste Probleme behandelt, Probleme die innerhalb der Familie auftreten, aber auch Unterstützung zur Verbesserung der Lebenssituation allgemein.

Jugendwohnung:

In den Jugendwohnungen werden junge Frauen ab dem sechzehnten Lebensjahr begleitet. Ziele bei der Arbeit mit den Jugendlichen sind beispielsweise Beheimatung, Struktur erlernen und Entwicklung gemeinsamer Perspektiven.

Wohngemeinschaften:

Junge schwangere Frauen und junge Mütter ab vierzehn Jahren werden hier beherbergt. Die Frauen und Kinder werden rund um die Uhr betreut. Die Mädchen und Frauen werden in normalen Lebenssituationen unterstützt und gefördert. Besonders wichtig ist hier die Hilfestellung zur Eigenverantwortung. Für die Kinder gibt es die Möglichkeit der Betreuung während die Mädchen oder Frauen in der Schule sind oder einer Arbeit nachgehen.

Treffpunkt Hegholt:

Direkt neben dem Treffpunkt sind Wohnungen angemietet in denen Mädchen ab Sechzehn Jahren mit Kind betreut werden. Hier gibt es mehrere Angebote, sowie die Büros der Betreuer die, nach ihren Möglichkeiten versuchen ein offenes Ohr haben. Hier liegt der Schwerpunkt vor Allem auf der Alltagsbewältigung und den Selbstverständlichkeiten des Lebens. Auch hier gibt es die Möglichkeit der Kinderbetreuung und Freizeitangebote.

Bei allen Möglichkeiten die die Abendroth- Stiftung bietet wird immer eng mit anderen Einrichtungen und Institutionen zusammengearbeitet. Die Möglichkeiten die das Abendrot- Haus bietet sind nur welche von vielen Möglichkeiten und daher ist die Zusammenarbeit der vielen Einrichtungen eine grundlegende Wichtigkeit.

Abendroth-Haus für Mädchen, Frauen und Familien Maimoorweg 8 - 22179 Hamburg

Tel: 040/640872 – 0 - Email: abendroth-haus@t-online.de

SterniPark

Das Project Findelbaby:

Das Projekt Findelbaby ist ein von SterniPark ins Leben gerufenes Project, das vielen jungen Mädchen eine weitere Option bietet wenn sie ungewollt schwanger geworden sind. Die Schlagworte für dieses Projekt lauten Keine Fragen-Keine Zeugen-Keine Polizei. Um das Projekt zu nutzen, haben die jungen Frauen oder Mädchen verschiedene Möglichkeiten. SterniPark hat eine Notrufnummer eingerichtet die Tag und Nacht erreichbar ist. Unter der Nummer 0800- 4560789 können die Frauen bundesweit um Hilfe bitten. Die Frauen erhalten am Telefon eine Beratung, dort kann eine anonyme Übergabe des Säuglings vereinbart werden oder weitere Hilfeangebote werden besprochen. Weiterhin hat SterniPark in Hamburg zwei Babyklappen[3] die ebenfalls in Anspruch genommen werden können. Diese Babyklappen befinden sich einmal in Altona, in der Goethestrasse 27 und die zweite in Wilhelmsburg, in der Schönfelderstrasse 5. Die Klappen bietet den Säuglingen medizinische Betreuung und Umsorgung bis zu acht Wochen, in dieser Zeit hat die Mutter die Möglichkeit sich doch für das Kind zu entscheiden und das Kind zurückholen. In ganz Deutschland gibt es mittlerweile über 90 dieser Babyklappen. Eine weitere Möglichkeit des Projektes Findelbaby ist die anonyme Betreuung von Schwangeren und die Begleitung zur anonymen Geburt des Kindes. Nach der Geburt werden die Mütter weiter betreut, während die Kinder in eine Pflegefamilie gegeben werden, auch hier besteht die Möglichkeit, dass sich die Mutter später für ein Leben mit ihrem Kind entscheidet. Die Schwangeren werden zur Geburt begleitet und auch danach weiter betreut. Die Mütter können verlangen, dass ihre Identität und Herkunft nicht bekannt wird. So ist es im französischen Gesetzbuch gesichert, leider gibt es bis jetzt noch keine entsprechende Behandlung im deutschen Gesetzbuch, jedoch ist eine anonyme Geburt nicht rechtswidrig. Frauen können in Krankenhäusern unter falschen Namen gebären oder nach der Geburt des Kindes die Klinik verlassen. Das Krankenhaus ist durch das Personenstandgesetz dazu verpflichtet dies zu melden.

[...]


[1] Die Studierenden haben mit dieser Publikation eine Menge Mut und Geduld bewiesen, für die ich herzlichen danken möchte.

[2] Befruchtung der Eizelle

[3] Babyklappen sind Vorrichtungen in die man ein Baby nach der Geburt anonym bringen kann. Die Mutter kann hier das Baby in ein vorgewärmtes Körbchen legen, kurz darauf werden die Bewohner des Hauses, fachkundiges Personal oder ehrenamtliche Helfer alarmiert und kümmern sich um das abgegebene Kind, bringen es zum Arzt und versorgen es.

Ende der Leseprobe aus 143 Seiten

Details

Titel
Sexualpädagogik. Theorien, Methoden, Medien
Hochschule
Universität Hamburg
Autor
Jahr
2008
Seiten
143
Katalognummer
V112246
ISBN (eBook)
9783640101511
ISBN (Buch)
9783640102020
Dateigröße
2451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sexualpädagogik, Theorien, Methoden, Medien
Arbeit zitieren
Dr. Jürgen Budde (Hrsg.) (Autor), 2008, Sexualpädagogik. Theorien, Methoden, Medien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112246

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