Bestseller wie „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“ werden verfilmt, Eva Hermann fordert ein Zurück in die bürgerliche Familie und Frauen verdienen im Jahr 2008 noch immer durchschnittlich weniger Geld, als Männer in den gleichen Positionen. Weiter gibt es noch immer Kirchen, die Homosexualität als Sünde bewerten und Frauen kategorisch in ihren hierarchisch organisierten Strukturen den Zugang zu höheren Positionen verwehren.
Unsere Gesellschaft glaubt an zwei Geschlechter und schreibt diesen bestimmte Rollen, Eigenschaften und Fähigkeiten zu. Diese werden mit dem Geschlecht zusammen vermittelt, von anderen wahrgenommen und direkt mit dem jeweiligen Wesen in Verbindung gebracht.
In der folgenden Arbeit soll daher der Frage nachgegangen werden, ob und wenn ja, wie Geschlechtsidentitäten und Körper geformt werden: Könnte es nicht auch andere Möglichkeiten als die heterosexuellen geben und was würde dann mit dem Körper geschehen? Hierzu sollen im Wesentlichen die Schriften von Michel Foucault und Judith Butler die Arbeitsgrundlage stellen, unter anderem aber auch Jacques Derridas Theorien der dekonstruktiven Praxis Eingang finden.
Zur Analyse bilden sich vier Bereiche heraus. Im ersten Teil sollen die wichtigsten Begriffe geklärt sowie die Methode der Analyse dargestellt werden. Darauf folgen wird eine Analyse dessen, was der Körper beziehungsweise die Körperlichkeit eigentlich ist und ob diese von Natur aus festgelegt ist. Diesem anschließen wird sich ein Teil, in dem näher diskutiert wird, worin eigentlich Normalität besteht beziehungsweise, wie diese entsteht und ob eine Subversion, also ein Außen zu dieser denkbar wäre. Im vierten Teil der Arbeit soll dann diese Subversion auf die im zweiten Teil diskutierte Körperlichkeit angewendet werden.
Insgesamt wird immer wieder die Frage nach der Normalität der Geschlechter aufgeworfen und diese aus unterschiedlichen Blickwinkeln bearbeitet werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung: Das Schicksal Geschlecht?
2 Grundlagen
2.1 Methodologisches
2.1.1 Macht und Diskurs
2.1.2 Wissen und Wahrheit
2.2 Theoretisches
2.2.1 Identität und Körper
2.2.2 Sex und gender
3 Körperlichkeit
3.1 Performanz und kulturelle Einschreibung
3.2 Der Körper als verallgemeinerte Voraussetzung?
3.3 Die heterosexuelle Matrix
4 Normalität und Subversion
4.1 Normalität
4.2 Subversion
5 Subversion der Körperlichkeit
5.1 Intelligibilität und Performanz
5.2 Die Subversion der heteronormativen Matrix
5.3 Effekte der Parodie
6 Jenseits von sex und gender?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht auf Grundlage poststrukturalistischer Theorien, ob und wie Geschlechtsidentitäten und Körper gesellschaftlich geformt werden. Dabei wird hinterfragt, ob das als "natürlich" verstandene Geschlecht lediglich ein diskursives Konstrukt ist und ob jenseits binärer heterosexueller Strukturen Möglichkeiten der Subversion bestehen.
- Diskursanalyse nach Michel Foucault
- Performative Identitätskonstruktion bei Judith Butler
- Dekonstruktion der heterosexuellen Matrix
- Das Verhältnis von Körperlichkeit, Macht und Wissen
- Potentiale transversalen Denkens und parodistischer Praktiken
Auszug aus dem Buch
3.2 Der Körper als verallgemeinerte Voraussetzung?
„Eine Identität existiert nur innerhalb [eines] Codes, der selten ausdrücklich thematisiert wird.“73 Dieser Code stellt mit der Symbolik der asymmetrischen Hierarchie der bipolaren Geschlechtlichkeit den ordnenden Rahmen. Er muss dabei nicht einmal thematisiert zu werden, da jener erste Blick ausreicht, um zu erkennen, welches Geschlecht das Wesen gegenüber hat. Auch wenn nur die Illokution selbst die Geschlechtlichkeit entstehen lässt und den Körper prägt, ist sie dennoch vorhanden. Es scheint, dass wir alle in den Machtverhältnissen verortet sind und diese unmöglich überwinden können. Die „gender specific attributes”74 sind Resultate von Verinnerlichungen, aber sie sind sichtbar.
Mit der scheinbaren körperlichen Differenz wird die fabrication der idealtypischen Darstellung der schwachen, emotionalen und passiven Frau sowie des starken, rationalen und aktiven Mannes gerechtfertigt.75 Zwei gegensätzliche Gruppen werden gebildet, an deren Erklärung Wissenschaftler_innen seit dem Ende des 18. Jahrhunderts arbeiten.
Der Kopf einer Frau etwa wurde bei anatomischen Studien im Verhältnis zum Körper klein dargestellt, um das Konstrukt der niedrigen Intelligenz der Frauen zu bestätigen. Diese Studien betrachteten im Wesentlichen das Becken, dass bei Frauen dem damaligen Schönheitsideal entsprechend als sehr viel breiter beschrieben wurde. Weiter wurde aber ebenso der gesamte Knochenbau, als sehr viel filigraner und zierlicher, als es bei den Männern der Fall sei, vorgeführt.76 „Als zentrale Indikatoren der menschlichen Entwicklung galten Schädel und Becken.“77 Die Basis der Messung war der männliche Körper und die Frau wurde mit ihm verglichen und zwar nur auf eine Art und Weise, die garantierte, dass die Vorherrschaftsstellung des Mannes nicht gefährdet werden konnte.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Das Schicksal Geschlecht?: Einführung in die Forschungsfrage zur Konstruktion von Geschlecht und Identität unter Einbezug von Foucault und Butler.
2 Grundlagen: Darstellung der methodologischen Basis durch Diskursanalyse und Machttheorien sowie theoretische Einordnung von Identität, Körper und dem Begriffspaar Sex/Gender.
3 Körperlichkeit: Analyse des Körpers als diskursiv geformtes Produkt und kritische Auseinandersetzung mit der heterosexuellen Matrix.
4 Normalität und Subversion: Theoretische Herleitung von Normalisierungsmechanismen und dem Konzept der Subversion als Widerstand gegen diskursive Zwänge.
5 Subversion der Körperlichkeit: Anwendung der theoretischen Konzepte auf die Möglichkeit der Subversion von Körperbildern durch Performanz und Parodie.
6 Jenseits von sex und gender?: Abschließende Diskussion der Ergebnisse und Reflexion über die Möglichkeiten eines nicht-heteronormativen Denkens.
Schlüsselwörter
Geschlecht, Poststrukturalismus, Diskursanalyse, Identität, Körperlichkeit, Judith Butler, Michel Foucault, Heteronormativität, Performanz, Subversion, Macht, Dekonstruktion, Heterosexuelle Matrix, Differenz, Biologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht kritisch die gesellschaftliche Konstruktion von Geschlecht und Identität und hinterfragt deren vermeintliche biologische Natürlichkeit.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Machtstrukturen in Diskursen, die Performativität von Geschlechtsidentität sowie die Funktionsweise der heterosexuellen Matrix.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Geschlechtsidentitäten und Körper geformt werden und ob jenseits der heteronormativen Strukturen Möglichkeiten für subversives Handeln existieren.
Welche wissenschaftlichen Ansätze kommen zur Anwendung?
Die Analyse stützt sich maßgeblich auf die Diskursanalyse von Michel Foucault sowie die Gender-Theorien von Judith Butler und Jacques Derrida.
Was wird im Hauptteil der Arbeit konkret behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Konstruktion von Körperlichkeit, die Entstehung gesellschaftlicher Normalität sowie Strategien der Subversion, wie etwa durch parodistische Praktiken.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind neben Geschlecht und Identität vor allem Performanz, Machtbeziehungen, Diskurs, Subversion und das Konzept der heterosexuellen Matrix.
Welche Rolle spielen anatomische Studien in der Argumentation?
Anatomische Studien werden als Beispiele dafür angeführt, wie Wissenschaft zur Legitimation gesellschaftlicher Ungleichheit und zur Festschreibung binärer Geschlechterbilder instrumentalisiert wurde.
Warum ist das "binäre Denken" für den Autor problematisch?
Das binäre Denken gilt als Grundlage der westlichen Gesellschaften, die eine zwangsheterosexuelle Basis erzwingt und jegliche Abweichung als pathologisch markiert.
Was bedeutet der Begriff "Subversion" im Kontext dieser Arbeit?
Subversion beschreibt hier das Unterlaufen oder Umstürzen der bestehenden Normalitätsvorstellungen durch eine variierte Wiederholung performativer Akte, die die Konstruiertheit des Geschlechts offenlegt.
- Arbeit zitieren
- Bakkalareus Artium Olaf Tietje (Autor:in), 2007, Jenseits von sex und gender - Eine poststrukturalistische Analyse der Kategorie Geschlecht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112269