Erziehung im Islam


Projektarbeit, 2007

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Projektidee
1.1 Entstehung
1.2 Vorgehensweise

2. Erziehungsziele in der Familie
2.1 Vertraut machen mit religiösen Praktiken
2.2. Respekt und Gehorsam
2.3. Sexualmoral
2.4 Geschlechtsspezifische Erziehung
2.5 Wünsche von Eltern an Kinder- und Jugendgruppen

3. Erziehung von Seiten der Institution
3.1. In Deutschland
3.1.1 Koran und Freizeit
3.1.2 Muslimische Jugend Deutschland (MJD)
3.2 In der Türkei

4. Fazit für die Soziale Arbeit

Literaturverzeichnis

1. Die Projektidee

1.1 Entstehung

Im Sommersemester 2005 machte ich ein Praktikum in einer Sozialen Gruppenarbeit. In einer der Gruppen, die von 5 Mädchen und 7 Jungen im Grundschulalter besucht wurde, kam es zu folgender Begebenheit:

Ayse und Zeynep (Namen geändert) kamen sehr aufgeregt in die Gruppe. Sie erzählten von einem Monster, dass sie gesehen hätten und dass es wirklich gäbe. Sie erzählten eine Geschichte von einem holländischen Mädchen, dass Feuer gefangen hätte, weil es seinen Eltern ungehorsam war und außerdem den Koran zerriss. Nun sei das Mädchen total entstellt und die Eltern würden es einschläfern lassen wollen. Das ganze sei wirklich passiert, sie hätten ein Foto von dem Mädchen gesehen. Wir –die Mitarbeiter der Sozialen Gruppenarbeit- wollten der Sache auf den Grund gehen. Wir fanden über das Internet heraus, dass eine große Anzahl von Kindern und Jugendlichen das Bild des vermeintlich entstellten Mädchens aufs Handy oder per Email geschickt bekommen haben. Bei einer weiteren Recherche im Internet stieß ich schließlich auf die Homepage einer amerikanischen Künstlerin, die das Thema Gentechnologie in ihren Skulpturen kritisch bearbeitet. Das Foto von dem angeblich entstellten Mädchen ist ein Ausschnitt aus einer ihrer Skulpturen. Auf ihrer Homepage distanziert sie sich von der Geschichte des holländischen Mädchens. Sie sei nicht ihrer Idee entwachsen, sondern irgendjemand hätte unerlaubt ein Foto ihrer Skulptur hierzu verwendet. Überraschender Weise glaubte die Mutter der Kinder selbst an die Echtheit der Geschichte, selbst nachdem wir ihr die Homepage der Künstlerin zeigten. Auch von einer jungen Muslima, der ich die vermeintliche Geschichte des Mädchens erzählte, kam eine spontane Aussage in Richtung von „Und das ist wirklich passiert?“.

Hieraus ergaben sie folgende Fragestellungen: Wie werden Kinder im Islam erzogen –sowohl von Seiten der Familie, als auch von Seiten islamischer Vereine, Moscheen etc.? Und welche Bedeutung hat diese Erziehung für die Arbeit in Kinder- und Jugendgruppen? In dem vorliegenden Text beschäftige ich mich vorwiegend im mit der Situation von Kindern und Jugendlichen in muslimischen Familien mit türkischem Migrationshintergrund.

1.2 Vorgehensweise

Die Informationen für meine Projektarbeit erhielt ich zum einen über Literaturstudium. Zum anderen baute ich verschiedene Kontakte auf. U.a. zu einem Kindergarten, zu einem Islamwissenschaftler und zur Jugendorganisation „Muslimische Jugend“ und führte mit den genannten Personen Interviews. Des Weiteren habe ich an 3 Muslima einen Fragebogen ausgegeben. Aus den Interviews werden im Text illustrativ Zitate herangezogen.

Die verwendeten Fotos wurden, sofern nicht anders erwähnt, während meines Aufenthalts in Istanbul von mir fotografiert.

2. Erziehungsziele in der Familie

Nach muslimischer Auffassung ist der Islam die natürliche Religion eines jedes Menschen. Nach islamischem Recht richtet sich die Religion des Kindes nach der Religion des Vaters. Es braucht kein späteres eigenes ausdrückliches Bekenntnis des Kindes (etwa in Form einer Kommunion oder Konfirmation). Es geht in der Familie also „nur“ noch darum dem Anrecht des Kindes auf eine Erziehung im Geiste des Islams gerecht zu werden. Das sich jemand später für eine andere Religion entscheidet ist nach Ansicht des Korans unmöglich.[1]

Sicherlich ist es schwierig von allgemein gültigen Erziehungszielen im Islam zu sprechen. Welche Erziehungsziele verfolgt werden, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Welche Sozialisationserfahrungen haben die Eltern? Unter welchen gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen lebt die Familie? Um nur einige ausschlaggebende Aspekte zu nennen. Je nachdem, wie wichtig einer Familie die eigene Religion ist, wird nach den Erziehungsgrundsätzen dieser Religion gehandelt.

Was sind nun die Erziehungsgrundsätze des Islams? Sicherlich gibt es unter islamischen Theologen, den verschiedenen Rechtsschulen und der individuellen Frömmigkeit der Einzelnen unterschiedliche Ansichten. Im Folgenden möchte ich einen Überblick geben über Erziehungsziele, die sicherlich nicht alle in jeder Familie zu finden sind, jedoch handelt es sich um Aspekte, die beim Thema Islam und Familie immer wieder eine Rolle spielen - in der einen Familie mehr, in der anderen Familie weniger oder sogar gar nicht.

2.1 Vertraut machen mit religiösen Praktiken

Eltern, die ihre Religion wichtig nehmen, ist es in der Regel ein Anliegen ihren Kindern religiöse Praktiken und Werte nahe zu bringen.

Ayshe : „Wie wäre es denn, wenn jemand von einer Sache überzeugt und sehr zufrieden ist, sie dann aber nicht mit eigenen Kindern teilen würde? Ich teile gerne mit allem womit ich zufrieden bin. Einen entdeckten Schatz möchte ich niemanden vorenthalten.“

Von ihrer eigenen Kindheit bereichtet Ayshe, dass ihr selbst die Religion wichtiger wurde, als dies auch bei ihren Eltern geschah. Auch Selma[2] bestätigt, dass in ihrer eigenen Familie die Religion einen hohen Stellenwert hatte und es ihr selbst wichtig ist, dass ihre Kinder möglichst alles vom Islam erfahren.

Geschwisterlichkeit, Gerechtigkeit, Teilen aber auch Toleranz gegenüber anderen Religion unter dem Grundsatz „Together in Difference“ sind Werte, die Ayshe selbst als Kind erfahren hat und gerne an ihre eigenen Kinder weitergeben möchte. Sie möchte ihre Kinder einmal gerne von Anfang an ans Gebet gewöhnen (Gebet vor dem Schlafengehen) und ihnen andere religiösen Praktiken vorleben und erklären. Selma beschreibt, dass ihre Eltern ihr von Anfang an Dinge wie das Gebet erklärten und als es als lebende Beispiele selbst praktizierten.

Ein Kind, das in einer islamischen Familie geboren wird, ist automatisch Muslim. Ein Ritual bei der Geburt eines Kindes ist es, ihm den Gebetsruf („Gott ist groß, ich bekenne, dass es keinen Gott gibt außer Gott und dass Mohammed sein Prophet ist, auf zum Gebet, auf zum Heil Gott ist groß, es gibt keinen Gott außer Gott.“) ins rechte Ohr zu flüstern.[3] Es braucht keine eigene bewusste Bestätigung hierzu, daher gibt es ein solches Fest wie Kommunion/Konfirmation im Islam nicht.

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Jungen werden jedoch im Alter zwischen 6 und 8 Jahren beschnitten. Besonders Türken feiern zu diesem Ereignis gerne ein Fest und ziehen die Jungen an wie kleine Prinzen. In der Türkei konnte ich eine Familie beobachten, die offensichtlich gerade von einer Beschneidungsfeier gekommen ist. Für Mädchen gibt es nichts Vergleichbares. Mädchenbeschneidung wird vom Islam einhellig und vehement verurteilt.[4] Länder in denen dies gehäuft geschieht handeln meist nach Traditionen. Unter türkischen Familien ist eine solche Genitalverstümmelung nicht üblich und kommt höchstens in extremen Einzelfällen vor.[5]

2.2. Respekt und Gehorsam

Ihr sollt nur dem alleinigen Gott dienen und zu den Eltern sollt ihr gut sein“ Sure 2,83

Die islamische Tradition fordert den Gehorsam gegenüber Respektpersonen. Für die Kinder sind dies die Eltern, für jüngere die älteren Menschen und für Muslime im Allgemeinen die islamischen Führungspersonen und natürlich Gott, dem vor allen anderen Gehorsam und Respekt gebührt. Eigenes Denken, Hinterfragen oder Ablehnen des Gehörten sind nicht Inhalt der Erziehung.[6]

Im Interview mit dem Islamwissenschaftler und zum Islam konvertierten Deutschen Peter Bilal[7] erwähnte er die Ausbildung eines guten Charakters als das im Koran vordergründigste Erziehungsziel. Er beschreibt, dass der Gehorsam gegenüber den Eltern viel weiter geht als hierzulande. Teilweise sei es so extrem, dass man sich nicht traue vor allem dem Vater gegenüber „Nein“ zu sagen. Die Mutter hat im traditionellen Familienbild die Aufgabe der Zuneigung und Fürsorge, bei Problemen wird sie von den Kindern eher angesprochen als der „strenge“ Vater. Ungehorsam gegenüber den Eltern ist nach dem Koran nur erlaubt, wenn die Eltern ihre Kinder vom rechten Weg abbringen wollen.

Kinder und Jugendliche mit muslimischem Hintergrund werden in Deutschland häufig mit zwei verschiedenen Traditionen konfrontiert. In der Familie werden an sie andere Erwartungen gestellt als in Schule und Ausbildung. Dort fordert man von ihnen kritisches Hinterfragen und Diskutieren. Von ihnen wird erwartet sich selbst und eigenständig mit ihrem Leben und den eigenen Wünschen auseinander zusetzen. In Familien, in denen dies der traditionellen Vorstellung widerspricht, kann dies zu massiven Konflikten führen. In vielen Einwandererfamilien sprechen die Kinder besser Deutsch als ihre Eltern. Häufig müssen Kinder und Jugendliche ihren Eltern bei Behördengängen, Einkäufen etc. helfen. Die Überlegenheit in den Sprachkenntnissen und die damit verbundene Verantwortung in der Familie führen bei vielen Jugendlichen dazu, dass die so geforderte unhinterfragte Autorität der Eltern ins Wanken gerät. Hinzukommt die häufig anzutreffende soziale Kontrolle durch Nachbarn der Familie, die das Einhalten der Traditionen fordert um dem Ansehen der Familie nicht zu schaden. Kinder, Jugendliche, aber auch ganze Familien bewegen sich in diesem Spannungsfeld zwischen deutscher Gesellschaft, Tradition und sozialer Kontrolle.[8]

[...]


[1] Vgl. Breuer 1998, S.61ff.; vgl. http://www.orientdienst.de/muslime/minikurs/kindererziehung.shtml (Stand:02.06.2007)

[2] Name geändert

[3] vgl. Breuer 1998, S. 56

[4] vgl. Breuer 1998, S.59

[5] http://www.frauennews.de/themen/genital.htm (Stand: 11.06.2007)

[6] vgl. http://www.orientdienst.de/muslime/minikurs/kindererziehung.shtml (Stand:02.06.2007)

[7] Name geändert

[8] vgl. http://www.mehr-als-nur-gaeste.de/Texte/ausstellungtexte/VI-Familienwandel.pdf (Stand: 02.06.07)

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Erziehung im Islam
Hochschule
Hochschule Esslingen
Veranstaltung
Projekt: Interkulturelle Sozialarbeit im Austausch der Regionen mittlerer Neckarraum und Istanbul
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V112322
ISBN (eBook)
9783640110292
ISBN (Buch)
9783640114900
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Note bezieht sich auf das gesamte Projekt und nicht nur auf diesen Projektbericht.
Schlagworte
Erziehung, Islam, Projekt, Interkulturelle, Sozialarbeit, Austausch, Regionen, Neckarraum, Istanbul
Arbeit zitieren
Bachelor Soziale Arbeit Rebecca Brohm (Autor:in), 2007, Erziehung im Islam, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112322

Kommentare

  • Gast am 7.7.2010

    Für eine Arbeit über den Islam Literatur des "Orientdienst" zu verwenden, eine christiche Vereinigung, die u.a. die Missionierung von Muslimen zum Ziel hat, ist in meinen Augen völlig verfehlt, da diese nicht das Selbstverständnis des Islam, sondern ihre eigene, subjektiv und von vornherein negative Sicht auf den Islam kundtun.Für eine Arbeit über das Christentum würde auch niemand buddhistische Literatur heranziehen..

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