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Die Genese der Verantwortung - Patientenaktivierung im neoliberalen Gesundheitssystem

Title: Die Genese der Verantwortung - Patientenaktivierung im neoliberalen Gesundheitssystem

Diploma Thesis , 2007 , 94 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Dipl.-Soz. Manuel Friedenberger (Author)

Sociology - Medicine and Health
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Der Sozialstaat ist gegenwärtig in vielerlei Hinsicht ein Thema hitziger Debatten. Ob es nun um die Verarmung durch Hartz IV geht, die soziale Filterfunktion von Studiengebühren oder die Reform des Gesundheitssystems , stets vermag der Umbau staatlicher Sicherungssysteme ein erhebliches Kritikpotential zu aktivieren (vgl. Manske 2005, Butterwegge 2005/2007, Dingeldey/Gottschall 2001). Auffällig sind dabei vor allem zwei Gesichtspunkte: Zum einen geht es um den Zwang zur Kostenreduktion in nahezu allen Bereichen staatlicher Sozialleistungen, zum anderen um die damit verknüpfte, unter dem Label des Neoliberalismus firmierende Forderung nach vermehrter Selbstverantwortung und Leistungsbereitschaft (vgl. Nolte 2006, Dingeldey 2006). So formulierte Edmund Stoiber im Jahr 2003 auf dem Kongress der Akademien für Gesundheit, Ernährung und Verbraucherschutz: "Um Gesundheitsgefahren und künftigen Kostenbelastungen effektiver begegnen zu können, muss die Bereitschaft des Einzelnen gestärkt werden, selbst mehr Verantwortung für seine Gesundheit zu übernehmen" (zitiert nach Klinik Heute AG).
Besonders das Gesundheitssystem ist seit mehreren Jahrzehnten unter dem Schlagwort der „Kostenexplosion“ Gegenstand diverser wirtschaftlicher Konsolidierungsversuche. Deutlich geworden ist dies beispielsweise an der Krise der Krankenhäuser und den daraus resultierenden Versuchen eben jener, dem Problem knapper Ressourcen mit aus der Wirtschaft entlehnten Managementkonzepten beizukommen (vgl. Bauch 1996, Simon 2001) sowie den wirtschaftlichen Horrorszenarien, die als Folge der Ausbreitung chronischer Krankheiten zu zeichnen gepflegt werden (vgl. Penzel 2005, Lindner 2003).

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Inhaltsverzeichnis

1. Das neoliberale Gesundheitssystem

2. Historie der medizinischen Diskurse

2.1 Die Evolution des medizinischen Blicks

2.2 Der rationale Diskurs

2.3 Der politische Diskurs

3. Gesundheitsprogramme im gesellschaftlichen Kontext

3.1 Systemtheorie als Gesellschaftstheorie

3.1.1 Der systemtheoretische Hintergrund

3.1.2 Die Methode der funktionalen Analyse

3.2 Der authentische Patient

3.2.1 Die strukturierten Gesundheitsprogramme

3.2.2 Betreuungsziel Patient

3.2.3 Wissen ermöglicht Selbstständigkeit

3.2.4 Krankheit beeinflusst die Lebensführung

3.2.5 Autonomie als Hindernis

3.2.6 Autonomie durch Erziehung

3.2.7 Die Reproduktion der Asymmetrie

3.2.8 Die wichtigste Ressource ist Zeit

3.2.9 Der Patient wird zum authentischen Sprecher

3.3 Der prekäre Arzt

3.3.1 Der Arzt als Störenfried der DMP

3.3.2 Das Problem der Kontrolle

3.3.3 Der moderne Arzt braucht Hilfe

3.3.4 Der Arzt als Entscheider

3.4 Der ökonomische Blick der Krankenkassen

3.4.1 Organisation als Bedingung der Möglichkeit

3.4.2 Die Herstellung des aktiven Subjekts

4. Fazit: Der verantwortliche Patient wird ökonomisch hergestellt

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht die Genese des "verantwortlichen Patienten" innerhalb des neoliberalen Gesundheitssystems, wobei der Fokus auf Disease Management Programmen (DMP) liegt. Die Forschungsfrage zielt darauf ab zu zeigen, wie durch medizinische Diskurse, Erziehung und ökonomische Sachzwänge neue Patientenkonzepte "hergestellt" werden, anstatt sie als naturgegeben vorauszusetzen.

  • Wandel medizinischer Diskurse und Personenkonzepte
  • Einfluss der Systemtheorie und Diskurstheorie auf die Analyse
  • Die Rolle des Arztes und der Krankenkassen in der neuen Versorgungslandschaft
  • Die Transformation des Patienten vom Kranken zum "Produzenten seiner Gesundheit"
  • Empirische Analyse der Betreuungspraxis in Disease Management Programmen

Auszug aus dem Buch

Die Normierung der Gesundheit

In der „pathologisch-anatomischen Erfahrung“ der neuen Methodologie wird ausgeblendet, dass Leben nicht auf mechanische und chemische Faktoren reduzierbar ist. Dadurch wird die Definition eines Bezugspunkts notwendig, von dem aus die pathologischen Veränderungen zu beurteilen sind. Gesundheit ist damit nicht mehr an Sittlichkeit gebunden, an standesabhängige, moralische Integrität, sondern wird - durchaus folgenreich - normiert. Um die pathologischen Abweichungen angeben zu können, muss ein Normalwert definiert sein, auf den sich die Abweichung bezieht. Es entsteht ein Blick, der an einer selbst geschaffenen Normalität orientiert nur noch Abnormes sehen kann. „Erst als konstruktives Normproblem wird Gesundheit sowohl theoretisch begründungspflichtig, als auch empirisch ein Problem kausal gebündelter Parameter [...] Die naturwissenschaftliche Medizin kehrt aus methodischen Gründen das Verhältnis von Gesundheit und Krankheit um und kennt ab sofort nur noch Krankheit“ (Göckenjan 1985, S. 253 f.). Nichtmehr die Krankheit ist das Abnorme, von außen die Gesundheit Bedrohende, sondern unter das Verständnis von Gesundheit fallen nur noch Zustände, die den richtigen Parametern entsprechen.

Alles kann jetzt Krankheit auslösen: falsche Ernährung, Hygienemangel, Feinstaub oder Stress. Die positive, ganzheitliche Körperkonzeption verschwindet und Gesundheit gerinnt zu einem inhaltslosen Reflexionswert. Es ist dies, was Luhmann die „perverse Vertauschung der Werte“ (Luhmann 1990, S. 180, vgl. Fuchs 2006) nennt. Gesundheit wird zum Objekt medizinischer Eingriffe und bezahlt dafür mit dem Verlust des Konzeptes eines über Selbstregulationskräfte verfügenden Körpers.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Das neoliberale Gesundheitssystem: Einführung in die aktuelle Debatte um Kostenreduktion und die Forderung nach vermehrter Selbstverantwortung im Gesundheitswesen.

2. Historie der medizinischen Diskurse: Historische Herleitung des modernen medizinischen Blicks, von der mittelalterlichen Sicht auf Krankheit bis hin zum rationalen und kausalen Denken des 19. Jahrhunderts.

3. Gesundheitsprogramme im gesellschaftlichen Kontext: Empirischer Hauptteil, der die Betreuungspraxis in DMP analysiert, inklusive theoretischem Hintergrund und der Rolle von Arzt und Krankenkasse.

4. Fazit: Der verantwortliche Patient wird ökonomisch hergestellt: Zusammenfassung der Ergebnisse, wonach der "verantwortliche Patient" ein Produkt spezifischer gesellschaftlicher und ökonomischer Bedingungen ist.

Schlüsselwörter

Neoliberalismus, Gesundheitssystem, Patientenaktivierung, Disease Management Programme, Systemtheorie, Medizinkritik, Autonomie, Eigenverantwortung, Risikofaktormodell, Krankenkassen, Arzt-Patient-Verhältnis, Gesundheitsökonomik, Diskursanalyse, Chronische Krankheit, Patientenrechte.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit grundlegend?

Die Arbeit analysiert, wie sich das Bild des Patienten im deutschen Gesundheitssystem gewandelt hat und warum die heutige Forderung nach "Selbstverantwortung" und "Aktivierung" nicht einfach gegeben ist, sondern durch politische, medizinische und ökonomische Diskurse aktiv konstruiert wird.

Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?

Zentrale Themen sind die historische Entwicklung der Medizinkritik, die Rolle des Patienten als "Koproduzent" von Gesundheit und die ökonomische Logik, die hinter Disease Management Programmen (DMP) steht.

Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?

Ziel ist es, den "verantwortlichen Patienten" als Produkt spezifischer, evolutionärer Prozesse in der Gesellschaft zu dekonstruieren und aufzuzeigen, wie unterschiedliche Logiken (Medizin, Pädagogik, Wirtschaft) im DMP-Kontext ineinandergreifen.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Der Autor stützt sich primär auf systemtheoretische Ansätze nach Niklas Luhmann sowie eine diskursanalytische Perspektive, ergänzt durch eine qualitative Auswertung von Experteninterviews mit Betreuern in Disease Management Programmen.

Was behandelt der Hauptteil?

Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Patientensituation, die Rolle der Ärzte als "prekäre" Akteure und den ökonomischen Blick der Krankenkassen, die durch DMP versuchen, Effizienz und Kostenkontrolle zu erreichen.

Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit?

Begriffe wie Neoliberalismus, Autonomie, Patientenaktivierung, Risikofaktormodell und funktionale Differenzierung stehen im Zentrum der theoretischen und empirischen Analyse.

Warum spielt das Risikofaktormodell für die Arbeit eine so große Rolle?

Das Risikofaktormodell markiert eine entscheidende Wende, da es Krankheit nicht mehr nur im Körper lokalisiert, sondern als etwas behandelt, das durch Verhalten (Lebensstil) beeinflusst werden kann. Dies bietet die notwendige Grundlage für die Erziehungsprogramme der DMP.

Inwiefern beeinflussen Krankenkassen die Rolle des Arztes?

Krankenkassen agieren heute zunehmend als "kundenorientierte Dienstleistungsunternehmen", die durch den ökonomischen Druck auf Managed-Care-Modelle setzen. Dies schränkt die Autonomie der Ärzte ein, da sie nun stärker in organisatorische und ökonomische Kontrollstrukturen eingebunden sind.

Was bedeutet der "authentische Sprecher" in Bezug auf den Patienten?

Der Begriff beschreibt den Patienten, der im Kontext der DMP lernt, seinen eigenen Zustand in einem Vokabular zu beschreiben, das die medizinische Logik stützt. Er wird zum Experten für seine eigene "Compliance" und damit zum integralen Bestandteil der medizinischen Steuerung.

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Details

Title
Die Genese der Verantwortung - Patientenaktivierung im neoliberalen Gesundheitssystem
College
LMU Munich
Grade
1,0
Author
Dipl.-Soz. Manuel Friedenberger (Author)
Publication Year
2007
Pages
94
Catalog Number
V112433
ISBN (eBook)
9783640112999
ISBN (Book)
9783640114917
Language
German
Tags
Genese Verantwortung Patientenaktivierung Gesundheitssystem
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Dipl.-Soz. Manuel Friedenberger (Author), 2007, Die Genese der Verantwortung - Patientenaktivierung im neoliberalen Gesundheitssystem, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112433
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