Als bei der Oscarverleihung 1942 der junge, bis dato noch weitgehend unbekannte Komponist Bernard Herrmann mit seinen Filmmusiken zu „Citizen Kane“ und „All that Money Can Buy“ gleich zweimal in der Kategorie „Best Original Score“ nominiert wurde, stellte dies zweifellos eine Überraschung dar. Das er mit der Musik zu letzterem aber tatsächlich die Trophäe mit nach Hause nehmen durfte und sich damit gegen die Großen der Zunft, namentlich Alfred Newman, Franz Waxman, Max Steiner und Miklos Rozsa, durchsetzte, glich schon fast einer Sensation.
Abgesehen von Newman waren es zu dieser Zeit Immigranten, die die Filmmusik Hollywoods mit der romantischen Tradition Europas dominierten. Max Steiner, mit über 150 Scores einer der bedeutendsten Hollywoodkomponisten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, studierte in Wien unter anderem bei Gustav Mahler. Dimitri Tiomkin wurde im St. Petersburger Konservatorium von niemand geringerem als Alexander Glasunov geprägt. Erich Wolfgang Korngold wurde von Puccini und Richard Strauss als „Wunderkind“ gelobt und als ausgewiesener Gegner der atonalen Musik bekannt.
Diese Tradition durchbrach Bernard Herrmann mit „Citizen Kane“ und „in den folgenden dreißig Jahren wurde der Name Bernard Herrmann Synonym für den modernen Klang Hollywoods.“ Was macht diesen „modernen Klang“ von Bernard Herrmann aus und wie arbeitete er damit fast 40 Jahre lang? An drei signifikanten Ecksteinen von Herrmanns Oeuvre, seinem Erstling „Citizen Kane“(1941), seinem wohl berühmtester Score zu „Psycho“ (1960) und seiner letzten Filmmusik zu „Taxi Driver“(1976) soll dieser Frage nachgegangen werden.
2. Charakteristika von Herrmanns Kompositionen – Die kleine musikalische Einheit
“The reason I don’t like this tune business is that a tune has to have eight or sixteen bars, which limits a composer. Once you start, you’ve got to finish – eight or sixteen bars.” ( Bruce, Graham: Bernard Herrmann – Film Music and Narrative, S.35)
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Inhaltsverzeichnis
1. Bernard Herrmann und die Tradition der europäischen Romantik
2. Charakteristika von Herrmanns Kompositionen – Die kleine musikalische Einheit
3. Citizen Kane – Macht und Ohnmacht eines Giganten
4. Psycho – Aufschrei der Streicher
5. Taxi Driver – Klanggemälde einer Stadt
6. Bernard Herrmann und sein Vermächtnis in der Musikwelt
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die kompositorische Handschrift von Bernard Herrmann anhand dreier bedeutender Filmmusiken. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Herrmann durch die Verwendung kurzer musikalischer Einheiten, spezifischer Instrumentierungen und Leitmotivik den modernen Klang Hollywoods maßgeblich prägte und narrative Funktionen im Film verstärkte.
- Die Entwicklung und Bedeutung der „Cellular Music Unit“ in Herrmanns Œuvre.
- Die Analyse der Leitmotivik in den Filmen „Citizen Kane“, „Psycho“ und „Taxi Driver“.
- Die innovative Orchestrierung und der bewusste Bruch mit der romantischen Tradition.
- Die psychologische Wirkung von Musik auf die Charakterzeichnung und Szenengestaltung.
- Der Einfluss von Produktionsbedingungen auf die musikalische Kreativität des Komponisten.
Auszug aus dem Buch
4. Psycho – Aufschrei der Streicher
Die fruchtbare Zusammenarbeit von Bernard Herrmann und Alfred Hitchcock erstreckte sich über elf Jahre, beginnend bei „The trouble with Harry“ (Immer Ärger mit Harry, 1955) bis zu ihrem unrühmlichen Ende bei „Torn Curtain“ (Der zerrissene Vorhang, 1966), woraufhin Hitchcock nie mehr ein Wort mit Herrmann wechselte. Mit dem Aufkommen der Titelsongs, maßgeblich geprägt durch die James-Bond-Reihe, verlangten immer mehr Produzenten einen solchen, um dem Film einen höheren Widererkennungswert zu geben und natürlich um höhere Verkaufszahlen zu erhalten. So ließ sich auch Hitchcock für „Torn Curtain“ breitschlagen, während Herrmann, bekannt für seine Sturheit, sich weigerte. Für Hitchcock glich dies einer Beleidigung und ähnlich wie schon zuvor mit Tippi Hedren bedeutete es das Ende der Zusammenarbeit.
Während der neun gemeinsamen Filme aber präsentierte sich Herrmann in vielerlei Facetten, so als romantischer Komponist bei „Vertigo“ und „Marnie“, als Orchestrator und Dirigent bei „The Man who knew too much“ (Der Mann der zuviel wusste, 1956), bei dem er die „Storm Cloud Cantata“ von Arthur Benjamin bearbeitete oder als Soundberater bei „The Birds“ (Die Vögel, 1963). Am berühmtesten wurde aber seine Filmmusik zu „Psycho“ (1960), die, obwohl sie alle üblichen Charakteristika von Herrmann enthält, dennoch ein Novum in seinem Oeuvre darstellte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Bernard Herrmann und die Tradition der europäischen Romantik: Dieses Kapitel beleuchtet den historischen Kontext der Filmmusik in den 1940er Jahren und wie Herrmann die dominierende romantische Tradition durchbrach.
2. Charakteristika von Herrmanns Kompositionen – Die kleine musikalische Einheit: Hier werden die zentralen technischen Merkmale wie die „Cellular Music Unit“, Herrmanns selbstständige Orchestrierung und seine unkonventionelle Besetzungswahl erläutert.
3. Citizen Kane – Macht und Ohnmacht eines Giganten: Die Analyse konzentriert sich auf die Leitmotive „Powermotiv“ und „Rosebudmotiv“, die Kanes Aufstieg und Fall sowie seine innere Zerrissenheit musikalisch spiegeln.
4. Psycho – Aufschrei der Streicher: Das Kapitel untersucht den innovativen Einsatz eines reinen Streichorchesters und die psychologische Bedeutung von Leitmotiven wie dem „Panikmotiv“ und dem „Wahnsinnsmotiv“.
5. Taxi Driver – Klanggemälde einer Stadt: Hier wird aufgezeigt, wie Herrmann durch ein Grundmotiv und ein Bluesthema die Atmosphäre einer moralisch verfallenen Stadt und die Suche des Protagonisten nach Reinheit vertont.
6. Bernard Herrmann und sein Vermächtnis in der Musikwelt: Das abschließende Kapitel würdigt Herrmanns Einfluss auf nachfolgende Komponistengenerationen und seinen anhaltenden Stellenwert im Konzertleben.
Schlüsselwörter
Bernard Herrmann, Filmmusik, Citizen Kane, Psycho, Taxi Driver, Cellular Music Unit, Leitmotiv, Orchestrierung, Alfred Hitchcock, Filmmusikgeschichte, Moderne Filmmusik, Streichorchester, Hollywood, Kompositionstechnik, Filmmusik-Analyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das kompositorische Werk von Bernard Herrmann und seine wegweisende Rolle bei der Gestaltung moderner Filmmusik durch innovative Techniken und Leitmotivik.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die Abkehr von klassischen Melodieformen, der Einfluss der Instrumentation auf die Filmnarrative sowie die spezifische Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Orson Welles und Alfred Hitchcock.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den „modernen Klang“ von Herrmann zu entschlüsseln und zu zeigen, wie er Musik als strukturelles Element einsetzt, um Charaktere und Handlungsverläufe tiefgreifend zu charakterisieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine musikwissenschaftliche Analyse der Partituren und Soundtracks, ergänzt durch die historische Kontextualisierung der Produktionsbedingungen der jeweiligen Filme.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Musik zu „Citizen Kane“, „Psycho“ und „Taxi Driver“ und untersucht, wie Herrmann in diesen Werken formale Neuerungen implementierte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben dem Namen des Komponisten sind Begriffe wie Filmmusik-Analyse, Leitmotivik, Orchestrierung und Filmmusikgeschichte essenziell für die thematische Ausrichtung.
Wie unterscheidet sich die Musik zu „Psycho“ von Herrmanns anderen Werken?
Eine Besonderheit bei „Psycho“ ist die konsequente Entscheidung für ein reines Streichorchester, das Herrmann einsetzte, um den schwarz-weißen, düsteren visuellen Stil des Films musikalisch zu verstärken.
Warum spielt das „Dies Irae“ eine Rolle in „Citizen Kane“?
Das „Dies Irae“ dient als Vorbild für das „Powermotiv“ und soll den rasanten Aufstieg, aber auch das tragische Ende des Protagonisten Kane prophetisch untermalen.
Was verdeutlicht das Bluesthema in „Taxi Driver“?
Das Bluesthema fungiert als musikalischer Kontrapunkt zum Grundmotiv der Stadt und repräsentiert Travis Suche nach Reinheit und Unschuld inmitten der urbanen Verkommenheit.
- Citar trabajo
- Marco Schneider (Autor), 2007, Bernard Herrmann und seine Filmmusiken zu "Citizen Kane", "Psycho" und "Taxi Driver", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112473