Am Ende der Geschichte – Vilém Flusser und die menschliche Kommunikation an der Apokalypse der historischen Welt


Hausarbeit, 2005

51 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Introduktion

2. Das Leben des Vilém Flusser
2.1. Curriculum Vitae
2.2. Entstehung seines Denkens

3. Die Thesen und Theorien des Vilém Flusser
3.1. Über die Funktion der menschlichen Kommunikation
3.2. Die Strukturen zur Verwirklichung dieser Funktion
3.3. Am Ende der Geschichte

4. Quergefragt – Vilém Flussers Thesen im Vergleich zu denen anderer medientheoretischer Größen seiner Zeit

5. Über die Realisierbarkeit von „Flussers Vision“

6. Literaturverzeichnis

1. Introduktion

Spätestens seit Gutenbergs genialer Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert und erst recht mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht im 19. Jahrhundert, gilt die Sprache und insbesondere das geschriebene Wort als das etablierteste Kommunikationsmittel menschlicher Existenz. Sie ersetzte die vierdimensionale Wirklichkeit, setzte sich gegen die dreidimensionale Baukunst durch und machte den zweidimensionalen Bildern ihren Platz in der anthropomorphen Welt streitig. Selbst Mimik und Gestik, die nicht minder wichtig für Gedankenübertragung sind, wurden von der Sprache überflügelt. Auch heute, in einer wesentlich telematischeren Gesellschaft, ist der Text vorherrschend. Die Sprache ist immer noch omnipräsent. Sie steht sogar noch hinter den technischen Medien, indem sie Drehbücher, Werbeslogans, Videotexte und Internetchats dominiert.

Das Wort ist ohne Zweifel präsent, und dennoch scheint sich etwas zu verändern. Es ist anders präsent als früher. Es ist regelrecht inflationär präsent.[1] Kann man also sagen, dass die Vorherrschaft des geschriebenen und gesprochenen Wortes auf dem absteigenden Ast ist? Möglich wäre dies allemal. Man betrachte sich nur das 20. Jahrhundert und man wird merken, dass das Phänomen der Sprachlosigkeit nicht gerade Seltenheitswert besaß. Nach dem 2. Weltkrieg entwickelte sich z. B. eine Blütezeit für „sprachlose“ Autoren, die ihren Texten bezeichnend den, von Heinrich Böll geprägten, Titel „Trümmerliteratur“[2] gaben. Dem Namen entsprechend gestaltete sich die Sprache auch. Sie war förmlich in Fragmente zertrümmert. Sie war schlicht und ergreifend einer Art „Kahlschlag“[3] unterworfen, wie es Wolfgang Weyrauch einst so treffend formulierte. Ist aber das Sprachproblem der Nachkriegsautoren gleichbedeutend mit dem Sprachproblem, welches sich derzeit viel existenzieller über unsere Kommunikation hermacht? Autoren, wie Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll und Wolfgang Borchert, schrieben schließlich derartig reduziert, um die Kriegsschrecken zu verdauen und sie gleichermaßen in ihre Texte zu integrieren. Die Schrift war eben lediglich so kahl und leer, wie die zerbombten Städte, in denen ihre Autoren lebten.

Die Kriegsgeschehnisse kann man jedoch nicht als den einzigen Grund für die Spracharmut des 20. Jahrhunderts angeben. Das Sprachproblem dieses Säkulums ist viel umfassender, als man damals vielleicht annahm, was allein daran zu sehen ist, dass auch die Generationen vor dem 2. Weltkrieg und die Generationen danach ähnliche Konflikte in ihrer Textproduktion hatten. Bereits in den goldenen Zwanzigern sprach man – um Gottfried Benns Worte zu nutzen – von der Notwendigkeit der „Zusammenhangsdurchstoßung“ und „Wirklichkeitszertrümmerung“.[4] Im aufkommenden Fernsehzeitalter der 1960er und 1970er Jahre setzte man sich dann auch mit dem „Nichtssagend[en] und blutleer[en] und kraftlos[en]“[5], „schwabbelnde[n], sang- und klanglosen tingelnden“[6] Charakter der modernen Medien- und Werbesprache auseinander, die völlig gehaltlos nichts weiter als Imperative vermitteln will. Das großartige 20. Jahrhundert, mit seinen enormen technischen Errungenschaften, mit seinen großen und kleinen Revolutionen, mit seiner Relativitätstheorie, mit der Albert Einstein durch die unscheinbare Formel „E = mc²“ ganze Weltbilder kollabieren ließ, und mit seinen verschiedenen politischen Ausprägungen, war voll von konstruktiver Sprachlosigkeit und verzweifelten Hilferufen. Das Wort stockte im Technikzeitalter und blieb den Menschen erstarrt auf der Zunge liegen und im Halse stecken.

Ein Versuch, gegen den Sprachverlust anzugehen, war es, ein eher archaisches Kommunikationsmittel wieder auszugraben, um es mit dem Vorherrschenden zu verbinden. Das Resultat solcher Arbeiten sah dann zumeist wie folgt aus:

„Worte Worte Worte

Worte Worte Worte Worte

Worte Worte

Worte Worte

Worte Worte“[7]

Diese ganzen Wortgebilde und absurd wirkenden Konstruktionen nannte man dann „konkrete Poesie“, womit die immer abstrakter werdende Sprache auf den Punkt gebracht werden sollte. Es sollte kein hochtrabendes „Um-den-heißen-Brei-reden“ mehr geben und undurchsichtigen Formulierungen wurde der rhetorische Kampf angesagt: (Im Idealfall) ein Wort, ein Bild, eine Aussage. Doch konnte diese Vermischung von Bild und Wort Erfolg haben? Konnten Ernst Jandl & Co. den Konfliktknoten Sprache auf diese Weise entwirren?

Was die „konkreten Poeten“ in ihren Künstlerateliers fabrizierten, interessierte damals auch eine Person, die sich ab Anfang der 1960er Jahre von Brasilien aus zum gefeierten Medienphilosophen empor katapultieren sollte. Vilèm Flusser – der gebürtige Prager aus dem damals postkafkaesken Milieu der goldenen Stadt – entflammte zunächst auf der Suche nach Sinn, Zweck und Zukunft der Sprache für die neuartige Gattung der Dichtkunst und sah in ihrer Mixtur aus „Sprachknochensplittern“[8] und „geschmäcklerischer Wanddekoration“[9] eine Möglichkeit, die Krise von Wort und Wert zu überwinden. Die Lage der Sprache im 20. Jahrhundert war diese: „Alles zerbricht in Teile und die Teile wieder in Teile, die Wörter schwimmen um ihn [Lord Chandos] herum und gerinnen zu Augen, die ihn anstarren und in die er zurückstarren muss, es sind Wirbel, in die hinabzusehen ihn schwindelt, sie drehen sich, durch sie hindurch kommt man ins Leere.“[10] Eben diese Teile, die Hugo von Hofmannsthal in seinem Chandos-Brief beschreibt, diese „Quanten“[11] und „Bits“[12], wie sie Vilém Flusser wiederum bezeichnen würde, sollen in der „konkreten Poesie“ neu zusammengefügt werden – jedoch nicht in Texte, sondern in Bilder.

Das selbiges nicht der beste Weg war, um die Kommunikation zu retten, erkannte Flusser in seinem brasilianischen Exil jedoch schnell und wandte sich bald den technischen Bildern zu, denn auch in ihnen fügen sich die zersplitterten Teile – die Pixel – zu einem Mosaik zusammen. Die schillernden, chamäleonartigen Bilder wurden Flussers Metier, in dem er sich nach Herzenslust austobte. Dabei schaute er jedoch nicht nur „in die Röhre“, sondern auch dahinter, um aufzudecken, wie das Technobild funktioniert, warum es die Schrift als vorherrschendes Kommunikationsmittel substituieren wird, und um ihm die neue Art der Verständigung, die neue Bewusstseinsform zuzuweisen.

Die nun folgende Abhandlung soll den berühmten Medienphilosophen Vilém Flusser und dessen Werk genauer beleuchten und stellt sich dabei als Aufgabe, im Vergleich zu anderen Medientheorien, zu erörtern, ob Flussers Ideen tatsächlich brauchbar für die uns nahende Zukunft sind. Um dies auch tatsächlich umzusetzen, sei zunächst die Entwicklung seines Denkens anhand seiner Biographie erläutert. Daran anschließen wird sich eine konkrete Analyse seines spezifischen Lösungsversuches, aus dem die einzelnen Lösungsschritte herausgelöst und einzeln diskutiert werden sollen. Darauf folgend wird versucht, die entstandene Konklusion Flussers in den Kontext zu seinen medientheoretischen Zeitgenossen einzubauen, um anhand dieser Konfrontation zu klären, wie hoch die Prägnanz der Verlautbarungen des berühmten Kommunikologen ist. In einem abschließenden Teil, der ebenfalls einer kurzen Zusammenfassung des Flusserschen Gedankengutes, wie auch einer knappen Autorenwertung dient, wird ein Zukunftsausblick gegeben, der mit der gegenwärtigen Realisierbarkeit zu kombinieren ist. Dadurch soll sich zeigen, ob Flussers Prophezeiungen tatsächlich eintraten oder zumindest noch zu erwarten sind. Das im letzten Abschnitt beinhaltete Resümee wird dann hoffentlich klären, ob „Flusser, der Fremde in der Welt, der Vaterlandslose par excellence“[13] die Frage, die er sich Zeit seines Lebens stellte, erfolgreich und für die Medienwissenschaft relevant klären konnte.

2. Das Leben des Vilém Flusser

Als Vilém Flusser am 27. November 1991 das Zeitliche – das Entropische – segnete, betrübte dies eine ganze Gemeinde von Anhängern. Aber nicht nur die Philosophen waren an diesem Tag niedergeschlagen, sondern selbst Menschen, die nicht in der philosophischen Substanz steckten, saßen betrübt auf ihren Barhockern und nippten an ihren leeren Weingläsern.[14] Alle, die Flusser oder auch nur seine Worte kannten, trauerten um den passionierten Medienphilosophen und holten die schwarze Garderobe aus den Kleiderschränken. Flussers Popularität rührte dabei wohl am ehesten von zwei Tatsachen: Zum einen war seine Schreibweise rational einfach und emotional. Zum anderen war seine Denkweise sehr speziell. Beides verband sich dementsprechend zu einem Konglomerat neuartiger Aspekte in der Medienphilosophie, die sich bis heute großen Interesses erfreuen. Die apokalyptische Betrachtung medialer Prozesse war dabei ein Novum in der philosophischen Welt und gerade das machte vielleicht den Reiz am Werk dieses Autors ein stückweit aus.

Flussers Denken war zweifellos speziell. Um die Spezialität seiner Texte herauszuschälen, reicht es aber nicht aus, seine Standpunkte in ellenlangen Ausführungen herzubeten. Vielmehr muss man auch seinen eigenwilligen Lebenslauf betrachten, um seine Objektwahl und sein Denken zu verstehen. Selbiges soll im Folgenden geschehen:

2.1. Curriculum Vitae

Geboren wurde „der genuine Philosoph Brasiliens“[15] am 12. Mai 1920 als Sohn einer deutsch-jüdischen Familie in Prag. Die goldene Stadt glich in den goldenen Zwanzigern dabei einem einzigen Nährboden für kreative Köpfe, die wie Pilze aus dem Boden schossen. Prägend dafür war natürlich das Wirken Franz Kafkas, aber auch das Rainer Maria Rilkes, welche dem Prag der Zwischenkriegszeit ein ungemein intellektuelles Milieu vererbten. In ebendiesem Milieu wuchs der junge Vilém Flusser auf und beschäftigte sich mit den genannten Prager Autoren – besonders mit Kafka, der seinen Eltern gut bekannt war. Flusser selbst nahm ihn persönlich sicherlich kaum wahr, da Kafka bereits 1924 starb. Dennoch war dessen Denken stark auf das Flussers übergegangen, wobei auch die Freundschaft seiner Familie mit Kafkas Verleger Max Brod half. Was sich da in Flussers Kopf einbrannte, war der Mensch, wie Kafka ihn beschrieb, der Mensch als Spielball anderer Kräfte, der Mensch in seiner Eingeengtheit, der Mensch in seinem Versagen gegenüber allem, was ihm entgegensteht. Dieses Vermächtnis wirkte stark auf Flusser – er selber notierte dies in einer autobiographischen Schrift von 1969[16] – und hinterließ tiefe Spuren in seinen Denkstrukturen.

Bald aber begann der Nährboden, auf dem sich Flussers Geist entwickelte, abrupt zu verrotten. Zunächst annektierten die Nationalsozialisten 1938 auf Grundlage des Münchner Abkommens das Sudetenland, was neben der schon zuvor geschehenen „Heimholung“ Österreichs zu tiefer Depression in der Moldaumetropole führte. Kurz darauf wurden die Zugeständnisse, welche die Westmächte Nazideutschland machten, eigenhändig erweitert und so wehten bereits 1939 die Hakenkreuzfahnen in den Prager Gassen. Für Flusser, der Jude war und dessen Vater dazu noch der sozialistischen Fraktion im „Poslanecká snĕmovna“ angehörte, war die Lage prekär, um nicht zu sagen lebensbedrohlich. Tagtäglich musste er mit der Deportation durch die Gestapo rechnen. Mit Hilfe seines Schwiegervaters begab er sich also zunächst über den Ärmelkanal nach London, wo er versuchte, sein Philosophiestudium, was er in Prag nach knapp einem Semester abbrechen musste, fortzusetzen.

Die Nähe zum „Kontinent“ war ihm dennoch zu heikel und so begab er sich mit seiner Angetrauten Edith auf „eine Fahrt durch den gähnenden atlantischen Raum, bei der die Zeit stillsteht.“[17] Nicht aber die USA waren das Ziel der Flussers. Anstatt sich zusammen mit vielen anderen europäischen Emigranten im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ niederzulassen, trieben sie die „Wellen der Sinnlosigkeit, Strandgut gleich, an die brasilianische Küste“[18], wo Vilém Flusser in São Paulo zunächst als Geschäftsführer verschiedener Firmen fungierte. Zu dieser Zeit reiste er sehr viel und lernte Land und Leute vom Amazonas bis zur Copacabana kennen. Dennoch war ihm dieser Job zuwider und er beschäftigte sich enthusiastischer mit der Philosophie. Bis tief in die Nacht (In diesem Punkt glich er Franz Kafka vollends) schrieb er seine Gedanken, dem Marxschen Motto: „…nach dem Essen zu kritisieren“[19] entsprechend, nieder. Nacht für Nacht beugte er sich so über seine Schreibmaschine, von der Friedrich Nietzsche einst sagte, dass sie mit an unseren Gedanken schreibe[20] und das machte Flusser auch oft zum Thema – selbst wenn er diese These, wonach – um es in McLuhans Worte zu fassen – das Medium die Botschaft sei, eher ablehnte.[21]

Die unzähligen Texte, die Vilém Flusser zu dieser Zeit produzierte, erfuhren jedoch nur ein geringes Echo von den einheimischen Verlagen. In seiner Verzweiflung schrieb er seinem Cousin David: „Du musst nämlich wissen, daß ich wie fieberhaft einherschreibe, von einem daimon gehetzt, in der Hoffnung, das unerträgliche Chaos, das die Welt ist, von der Leber zu schreiben. Scribere necesse est, vivere non est. Und bisher hat niemand, der mir maßgebend wäre, etwas von diesem Geschreibsel lesen wollen, so daß ich keinen Maßstab habe für meine uferlose Schreibsucht.“[22] Irgendwann stellten sich aber doch die ersten Erfolge ein. Als der gebürtige Prager nämlich gelernt hatte, sich in der brasilianischen Kultur und in der portugiesischen Sprache zurechtzufinden, wurden seine Schriften weitaus engagierter und weniger abkapselnd. Flusser, der so gerne „das Prager Deutsch der Sprache Kafkas“[23] sprach, schrieb nun in einer anderen Sprache und wurde erst jetzt von der „scientific society“ akzeptiert. Erstmals publizierte Flusser seine Essays – er liebte wie Kafka die kurzen Textformen – 1961 in der Zeitung „Estado de São Paulo“, wo er bald ständiger Mitarbeiter wurde. Durch das 1963 veröffentlichte Buch „Lingua e Realidade“ erlangte Vilém Flusser nach dem Prinzip „notorio saber“ Akzession zum Lehrkörper der Universität und feierte als Professor für Kommunikationstheorie an der Fakultät für Kommunikation und „Humanidades“ in São Paulo sein Comeback auf der akademischen Bühne.

Das Glück im größten Staat Südamerikas dauerte lange, aber es konnte nicht ewig dauern. Der von den USA inszenierte Putsch von 1964, welcher den gewählten Präsidenten Joao Goulart zu Fall brachte und damit 15 Jahre Terror, Folter und Mord durch eine autoritäre Militärregierung nach sich zog[24], engte Flusser mit der Zeit immens ein. „Ich […] stoße überall gegen die Zensur. […] Außerdem spüre ich überall die Grenzen einer geistigen Arbeit in Unterentwicklung“[25], schrieb er 1973 an seinen Cousin. Der Philosoph, der einst „von den Furien der Ereignisse nach Brasilien getrieben wurde“[26], verlies das Land Anfang der 1970er Jahre bei Nacht und Nebel in Richtung Europa, wo er sich in Südfrankreich niederließ. Hier wurde es aber zunehmend ruhig um ihn. Zwar veröffentlichte er weiterhin Essays (u. a. in Brasilien und in der FAZ), schrieb Bücher (z. B. seine Autobiographie „Bodenlos“) und hielt Vorlesungen an der Universität Marseille-Luminy. Der echte Durchbruch in Europa erfolgte aber erst ein gutes Jahrzehnt später. Erst 1983 asphaltierte ihm das Buch „Für eine Philosophie der Fotografie“ den Weg zum Weltruhm – er trat aus der Geschlossenheit der brasilianischen Avantgarde heraus, um nun Unmengen an Vorträgen zu halten, Bücher und Berichte zu verfassen und Gastdozenturen (z. B. in Bochum) anzunehmen.

Auf der Höhe seiner Karriere wurde Vilém Flusser jedoch schlagartig aus seinem erfahrungsreichen Leben gerissen. Nachdem er am Tag zuvor erstmals in seiner Geburtsstadt Prag referierte, zerschellte die Karosserie seines Automobils an der deutsch-tschechischen Grenze. Flusser überlebte den Aufprall nicht, seine Gedanken hingegen widerstanden der Entropie, zerfielen (noch) nicht zu Asche (der größten Form der Vermischtheit) und sorgten noch post mortem für Inspiration bei seinen Nachfolgern.

2.2. Entstehung seines Denkens

Wie aber entstanden diese Gedanken, die einfach (noch) nicht zu Asche zerfallen wollten, die sich so widerspenstig gegen das Schicksal der Entropie wehrten? Wie in aller Welt kam Vilém Flusser auf die Idee, sich mit dem modernen Medium, mit dem Technobild und dessen hinterlistigen Tücken zu befassen? Was war dafür der ausschlaggebende Punkt?

Um die Entwicklung dieses Weges von den ersten philosophischen Gehversuchen bis hin zu seinem letzten Vortrag in einem randgefüllten Prager Auditorium nachvollziehen zu können, muss man sich zuerst in die Vergangenheit zurückbegeben und überlegen, wie der Parlamentariersohn aufwuchs. Wie bereits erwähnt, verbrachte der Medienvisionär seine ersten 20 Jahre im pittoresken Prag, wo er von dem kreativen Milieu der Zwischenkriegszeit regelrecht umspült wurde. Das Wichtigste, was aber aus dieser Zeit hängen blieb, waren die zwei großen Autoren der Stadt: Der Symbolist und Dichter Rainer Maria Rilke und der ewig beengte, immer suchende Franz Kafka. Beide übten großen Einfluss auf ihn aus und ihre Texte erhoben sich sogar zu den „größten Einflüssen“ der ersten Exilzeit im exotischen Brasilien.[27] Besonders Kafka spielte dabei eine immense Rolle: Zwischen „Prozess“, „Urteil“ und „Verwandlung“ fanden sich absurde Gedanken, die es zu verarbeiten galt und zusammen mit Wittgenstein wurde Kafka zu einem Autor, auf den Flusser antworten musste, um weiterleben zu können.[28] Als Emigrant – zu einer Zeit des Identitätsverlustes – zerfraßen die Wittgensteinschen und kafkaesken Gedanken den Medienvisionär. Immer wieder erwog er verzweifelt den Suizid. „So standen über einem die glühenden Sätze: Wittgensteins ‚Nicht wie die Welt ist, ist das Geheime, sondern daß sie ist’ und Kafkas ‚Ich habe mein Leben damit verbracht, die Lust zu bekämpfen, es zu beenden’.“[29] Gerade Zweiteres wurde dabei charakteristisch für seine Melancholie. Es gab für ihn de facto nur zwei Möglichkeiten: „Entweder man tötete sich oder man versuchte, das Denken zu töten.“[30]

Vilém Flusser musste demnach heraus aus der Selbstmordstimmung und hinein ins politische und engagierte Leben São Paulos. Dies geschah dann spätestens, als der gebürtige Prager sich der geliebten Sprache widmete. Als ein wahres Sprachgenie – er war u. a. der deutschen, tschechischen, französischen, englischen und portugiesischen Sprache mächtig – war er selbstverständlich sehr an der Funktionsweise dieses Kommunikationsmittels interessiert – und später natürlich umso mehr schockiert, als er merkte, dass es eben nicht mehr funktionierte. Dieses Nichtmehrfunktionieren deutete sich dabei bereits beizeiten an, doch was Flusser über die so genannte Krise der Sprache und Werte gehört hatte, kam ihm zunehmend spanisch vor (diese Sprache beherrschte er nämlich ausnahmsweise nicht (perfekt)). Die Worte jedenfalls waren leer geworden und keiner wusste warum. Die Worte waren in Partikel zerfallen und keiner wusste wieso. Genau das reizte Vilém Flusser und er machte sich sogleich daran zu versuchen, die Gründe des Sprachverfalls aufzudecken.

In Europa kam man unterdessen auf die Idee, nach einer neuen Methode zu suchen, um das Buch, welches einst das Bauwerk tötete[31], vor dem Neuen, was da kommen mochte, zu retten. Vielleicht war es aber auch gerade ein Versuch, dieses Neue zu finden. Zunächst war bei der konkreten Dichtung jedoch wichtig, die zerfallenen Satzfragmente – die Quanten bzw. Shannonschen Bits – zu einem Mosaik zusammenzufügen. Für die Menschen lesbar war dieser ganze Haufen vom Wind durcheinander gewirbelter Sandkörner schließlich nicht und daher begann man, Gemälde im Sinne eines Georges Seurat oder eines Paul Signac zu malen. Man hämmerte die abgebröckelten Teile zu obskuren Gebilden zusammen und meinte, mit diesem Mix aus vergehenden Worten und obsoleten Bildern die verloren gegangene Aussage wieder zu finden.

Flusser selbst mochte anfangs die Idee der konkreten Poesie, doch brachte es denn wirklich etwas, aus den heraus gefallenen Buchseiten Bauwerke zu errichten und damit die Architektur eines anachronistischen Kommunikationsmittels auf ein zerfallendes anzuwenden? Was wirklich zählte, war eigentlich die Zukunft zu suchen und das tat Flusser sehr bald. Er fand die sie dann unerwartet in der Gegenwart: Das, was die Pixel zu einer Materie komprimieren sollte, war das allabendliche Fernsehbild. Das technisch produzierte Bild rückte nun immer weiter in den Fokus Flussers und angeregt durch technische Studenten erwachte das Interesse an den neuen Medien. Die erste neumediale Apparatur, die sein Röntgenblick schließlich durchdrang, war die sonderlich anmutende Fernsehkiste, welche er auf der Konferenz „The Future of TV“ 1974 im New Yorker „Museum of Modern Art“ wie folgt beschrieb: „Unter den Möbeln eines Wohnraums steht eine Kiste. Sie hat ein fensterähnliches Glas und verschiedene Knöpfe. Werden die Knöpfe zweckmäßig behandelt, entströmen der Kiste kino-ähnliche Bilder und Töne. Die Knopfbehandlung ist einfach, aber die Gründe, warum sie zum Funktionieren der Kiste führen, sind nicht leicht ersichtlich.“[32] Nicht mehr das, was hinter der Glasscheibe im Kathodenlicht schimmerte war interessant. Nicht mehr die Füllung, sondern die Hülle und deren Funktion wurden signifikant.

Das neue Bewusstsein musste genau da enthalten sein, doch Flusser war auf dieser Konferenz, bei der er sich mit so großen Medientheoretikern wie Hans Magnus Enzensberger traf, noch lange nicht am Ende seines Weges, aber dafür am Ziel seiner Objektwahl. Technobild und Pixel wurden nun bis zu seinem Ableben seine persönlichen Trabanten.

3. Die Thesen und Theorien des Vilém Flusser

3.1. Über die Funktion der menschlichen Kommunikation

Wenn für Karl Marx die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften, eine Geschichte von Klassenkämpfen ist[33], so ist sie für Vilém Flusser eine Geschichte der menschlichen Kommunikation. Egal, ob wir dabei über den Feudalismus oder über die Industrialisierung reden. Egal auch, ob wir über das antike Griechenland, über die Steinzeit oder über das moderne Technikzeitalter, durch welches wir via DSL surfen, sprechen. Allen diesen Gesellschaften ist eines gemein: Von Lucy, dem Australopithecus, über den Neandertaler bis hin zum heutigen technisch begabten Menschen, kommunizierte jeder. Dass die Verständigungsmethoden dieser vergangenen Epochen wohl nicht immer unseren heutigen Standards von Kommunikation entsprachen, ist wohl kaum zu bestreiten, aber in dem Moment, wo ein Chatter bunte Smileys über das Glasfaserkabel schickt, macht er doch prinzipiell dasselbe, wie wenn wir ein Buch schreiben, ein Indianerstamm Rauchzeichen gibt oder ein Höhlenmensch Bilder an das Gestein malt. Allen diesen Tätigkeiten wohnt nämlich ein vermittelnder Charakter inne, indem sie versuchen, die Menschen und deren Standpunkte einander näher zu bringen (was sich übrigens auch im Begriff „Tele“ – dem Näher bringen – artikuliert). Dieses Näher bringen ist im Endeffekt dann auch unser oberstes Indiz, an dem wir Zivilisation erkennen, auch wenn die menschliche Kommunikation, wie Vilém Flusser wusste, mehr ausmacht, als nur die banale Verständigung untereinander.

Für Flussers Thesen stand die menschliche Kommunikation im Zentrum, man könnte vielleicht sogar sagen, dass sich alle weiteren Themen um sie herum anordneten. Sie war gewissermaßen das Fundament, auf dem alle seine Ideen fixiert waren. Grund genug also, sich einmal genauer mit dieser Grundlage Flusserschen Denkens zu befassen und mit Hilfe seiner Texte herauszubekommen, worin Wesen und Funktion von Kommunikation bestehen.

Was also ist die konkrete Funktion der menschlichen Kommunikation? Soll sie schlichtweg unsere Fortpflanzung garantieren, soll sie es uns ermöglichen, Interneteinkäufe zu tätigen oder soll sie uns einfach nur sozialisieren? Vilém Flusser würde auf diese Frage wohl mit einem alternativen Ansatz antworten. Selbstverständlich sind Fortpflanzung, Tausch, Liebe und gegenseitige Unterstützung wichtige Grundmerkmale von Zivilisation, doch eigentlich nutzen ja auch Tiere Kommunikation, um solche Ziele zu erreichen. So gibt es z. B. im Tierreich strikte Hierarchien, Rudelverhalten und Fortpflanzungsgebärden – man denke dabei nur an die Balztänze von Pfauen. In Bezug auf den Menschen, würde Flusser aber andere Worte für den Zweck von Kommunikation wählen: Für ihn ist sie nämlich „ein Kunstgriff gegen die Einsamkeit zum Tode.“[34] Diese Aussage leuchtet durchaus ein, denn einmal abgesehen von den anderen ganz nützlichen Funktionen der Kommunikation, kann niemand ohne sie und in Einsamkeit überleben. Und wenn doch, wer in aller Welt soll das sein? Robinson Crusoe vielleicht, der sich „zu einer jämmerlichen, einsamen Existenz verurteilt“[35] sah? Bedenkt man es aber genau, so kommunizierte Crusoe dennoch irgendwie, indem er zunächst Selbstgespräche führte. Außerdem könnte man gut annehmen, dass er ohne die Bekanntschaft zu Freitag irgendwann dem Wahnsinn verfallen wäre, da es nichts gegeben hätte, was die Tatsache, dass er irgendwann einsam sterben würde, hätte verdecken können.

Im 13. Jahrhundert ordnete der Stauferkaiser Friedrich II. an, in einem makaberen Experiment ein Dutzend Neugeborene nur mit dem Notwendigsten zu versorgen und auf Kommunikation zu verzichten. Damit wollte der Monarch feststellen lassen, welches die ursprüngliche Sprache des Menschen ist. Das Resultat überraschte aber: die Neugeborenen starben allesamt nach wenigen Wochen, obwohl sie reichlich genährt waren und ihre Körperfunktionen einwandfrei funktionierten.[36] An diesem Beispiel ist daher eindeutig zu erkennen, dass der Mensch ohne Kommunikation und besonders ein Säugling ohne die „erste sozio-emotionale Interaktion“[37] zu seiner Mutter nicht überleben kann.

[...]


[1] Vgl. Flusser, Vilém: Umbruch der menschlichen Beziehungen?, in: ders.: Kommunikologie, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 101

[2] Böll, Heinrich zit. in: http://www.nrw2000.de/nrw/boell.htm, Zugriff: 03. März 2005

[3] Weyrauch, Wolfgang zit. in: www.kultur-netz.de/archiv/literat/gruppe47.htm, Zugriff: 03. März 2005

[4] Benn, Gottfried, zit. in: www.skg.krumbach.de, Zugriff: 03. März 2005

[5] Kunert, Günter: Meine Sprache, in: Verkündigung des Wetters, München 1966

[6] Ebd.

[7] Lobel, Mira et al.: Die Brücke, zit. in: Schriftliche Abschlussprüfung Deutsch – Realschulabschluss, Sächsisches Staatsministerium für Kultus, Dresden 2000

[8] Vgl. Gloor, Beat: www.kontrast.ch, Zugriff: 21. Februar 2005

[9] Ebd.

[10] von Hofmannsthal, Hugo: Chandos-Brief, zit. in: www.kontrast.ch, Zugriff: 21. Februar 2005

[11] Vgl. Flusser, Vilém: Ins Universum der technischen Bilder, European Photography, Göttingen 2000, S. 37

[12] Ebd.

[13] Leao, Maria Lília: Vilém Flusser und die Freiheit des Denkens, in: Rapsch, Volker (hrsg.): über flusser – die Fest-Schrift zum 70. von Vilém Flusser, Bollmann Verlag, Düsseldorf 1990, S. 11

[14] Klinger, Claudia: Die Krise der Codes, zit. in: www.claudia-klinger.de, Zugriff: 08. März. 2005

[15] Leao, Maria Lília: Vilém Flusser und die Freiheit des Denkens, in: Rapsch, Volker (hrsg.): über flusser – die Fest-Schrift zum 70. von Vilém Flusser, Bollmann Verlag, Düsseldorf 1990, S. 11

[16] Flusser, Vilém: Auf der Suche nach Bedeutung, in: Tendenz der aktuellen Philosophie in Brasilien in Selbstbildnissen, Verlag Edicoes Loyola, São Paulo 1975

[17] Flusser, Vilém: Bodenlos: eine philosophische Autobiographie, Bollmann Verlag, Düsseldorf 1992, S. 39

[18] Ebd.

[19] Marx, Karl und Engels, Friedrich: Die deutsche Ideologie, in: dies., Werke, Bd. 3, Berlin (Ost) 1978, S. 33

[20] Vgl. Nietzsche, Friedrich: Brief an Peter Gast, Februar 1882, in: Kittler, Friedrich: Unter dem Diktat der Zeit in: Rapsch, Volker (hrsg.): über flusser – die Fest-Schrift zum 70. von Vilém Flusser, Bollmann Verlag, Düsseldorf 1990, S. 11

[21] Vgl. Flusser, Vilém: Vorlesungen zur Kommunikologie, in: ders.: Kommunikologie, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 329

[22] Flusser, Vilém, zit. in: ders.: Medienkultur (Vorwort von Stefan Bollmann), Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2002, S. 13

[23] Roller, Nils (hrsg.): absolute Vilém Flusser, orange-press, 2003, S. 25

[24] Vgl. Moore, Michael: Volle Deckung Mr. Bush, Piper Verlag, München 2004, S. 91

[25] Flusser, Vilém, zit. in: ders.: Medienkultur (Vorwort von Stefan Bollmann), Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main 2002, S. 15

[26] Flusser, Vilém: Auf der Suche nach Bedeutung, in: Tendenzen der aktuellen Philosophie in Brasilien in Selbstbildnissen, Verlag Edicoes Loyola, São Paulo 1975

[27] Ebd.

[28] Flusser, Vilém: Bodenlos: eine philosophische Autobiographie, Bollmann Verlag, Düsseldorf 1992, S. 54

[29] Ebd., S. 52

[30] Ebd., S. 53

[31] Hugo, Victor: Notre-Dame von Paris, Verlag Neues Leben, Berlin (Ost) 1977

[32] Flusser, Vilém: Für eine Phänomenologie des Fernsehens, in: ders.: Medienkultur, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2002, S. 106

[33] Vgl. Marx, Karl und Engels, Friedrich: Manifest der kommunistischen Partei, Voltmedia, Paderborn, S. 11

[34] Flusser, Vilém: Umbruch der menschlichen Beziehungen?, in: ders.: Kommunikologie, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 13

[35] Defoe, Daniel: Robinson Crusoe, Neuer Kaiser Verlag, Klagenfurt 1993, S. 58

[36] Vgl. www.uni-essen.de/sesam/physiologie/nerven/umweltb_nervenwachstum.html, Zugriff: 13. März 2005

[37] www.violence.de/tv/rockabye-d.html, Zugriff: 13. März 2005

Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
Am Ende der Geschichte – Vilém Flusser und die menschliche Kommunikation an der Apokalypse der historischen Welt
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Kunst- und Kulturwissenschaft)
Veranstaltung
Kanonische Texte? Basistexte der Medienwissenschaft
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
51
Katalognummer
V112478
ISBN (eBook)
9783640108343
ISBN (Buch)
9783640109937
Dateigröße
755 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
62 Einträge im Literaturverzeichnis, davon 10 Internetquellen.
Schlagworte
Ende, Geschichte, Vilém, Flusser, Kommunikation, Apokalypse, Welt, Kanonische, Texte, Basistexte, Medienwissenschaft
Arbeit zitieren
Markus Müller (Autor), 2005, Am Ende der Geschichte – Vilém Flusser und die menschliche Kommunikation an der Apokalypse der historischen Welt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112478

Kommentare

  • Gast am 13.4.2010

    was ist das für eine hausarbeit, die 52 seiten hat?

Im eBook lesen
Titel: Am Ende der Geschichte – Vilém Flusser und die menschliche Kommunikation an der Apokalypse der historischen Welt



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