Zu Pierre Bourdieu - Menschliche Freiheit bei gleichzeitiger Begrenzung


Essay, 2007
12 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu beschäftigte sich mit der Frage, wie die objektiv gegebenen sozial ungleichen Strukturen der Gesellschaft die Herausbildung subjektiver Denk- und Handlungsmuster beeinflussen. Bourdieu nannte sich selber einen strukturalistischen Konstruktivisten, womit er zum Ausdruck brachte, dass es für ihn in der Gesellschaft objektive Strukturen gibt, die alle Individuen der sozialen Welt leiten und begrenzen können. Die soziale Welt ist laut Bourdieu starrer und unbeweglicher als eigentlich bisher angenommen wurde. Kritiker warfen Bourdieu auf Grund solcher Thesen eine zu mechanische, sogar antiindividualistische Gesellschaftsauffassung vor.[1] Bourdieu wird in seiner Theorie, so die Kritiker, der Subjekthaftigkeit des Menschen, die in der Gesellschaft gegeben sein muss, damit eine individuelle Freiheit überhaupt existieren kann, nicht gerecht.[2] Somit lautet der Vorwurf, dass Bourdieu eine Gesellschaftstheorie entworfen habe, die keinen Platz für Spontaneität und Individualität zulässt.[3]

Schaut man sich Bourdieus Ausführungen an, könnte man der Kritik an seiner Gesellschaftstheorie in gewissem Maße zustimmen. Bourdieu macht deutlich, dass die Klassenzugehörigkeit eines Menschen sein ganzes Leben enorm prägt. Die Wohnung, das Essen, die Freizeitgestaltung, der Sport, die Liebe – alles ist abhängig von der Klassenzugehörigkeit eines Individuums. Kann dann überhaupt noch von einem Individuum gesprochen werden? Hat der Mensch in einer Gesellschaftsordnung, wie Bourdieu sie definiert, überhaupt eine menschliche Freiheit?

Vor allem in Bourdieus Werk „Die feinen Unterschiede – Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft“ kommt zum Ausdruck, dass innerhalb einer Gesellschaft durch „feine Unterschiede“ zu erkennen ist, welche Personen zu welcher sozialen Schicht, zu welchem Milieu gehören. Um beispielsweise anspruchsvolle Kunst richtig interpretieren zu können, muss sich ein Mensch, so Bourdieu, einen bestimmten kulturellen Code aneignen. Mit kulturellem Code meint Bourdieu die kulturelle Kompetenz zu besitzen, sich für die Kunst zu interessieren und sie entsprechend ihrer Intention richtig analysieren zu können. Wem dieser kulturelle Code fehlt, der fühlt sich von der bestimmten Kunstrichtig nicht angesprochen oder vielleicht sogar überfordert. Wie und ob ein bestimmtes Kunstwerk betrachtet wird, ist also Ergebnis der Klasse, in die ein Individuum einbezogen ist. Ob und wie ein Kunstwerk betrachtet wird, hängt von dem Geschmack ab, den ein Mensch aufweist. Der Geschmack wiederum ist durch das Milieu determiniert, in das eine Person eingegliedert ist.[4] Die obere Schicht gibt, so Bourdieu, den Ton an, wenn die Frage aufkommt, was der „gute Geschmack“ sein soll. Die mittlere Schicht versucht sich dieser Geschmacksrichtung zu nähern, sich der oberen Klasse anzupassen, während die untere Schicht einfach um die Erhaltung ihrer eigenen Existenz bemüht ist.[5] Aber nicht nur der Geschmack einer bestimmten Kunstrichtung ist durch die soziale Herkunft eines Menschen bestimmt. Auch andere Freizeitaktivitäten, Sportunternehmungen oder das Essen, welches von einer Person favorisiert wird, machen deutlich, aus welchem Milieu sie stammt.[6] Ebenso wie die Beurteilung eines Kunstwerkes, kann an den Reaktionen und Emotionen einer Person bei der Betrachtung eines Fotos erkannt werden, zu welchem sozialen Milieu diese Person gehört. Bei der Betrachtung eines Fotos, auf dem die Hände einer alten Frau zu sehen sind, gibt es unter den verschiedenen Milieus ganz unterschiedliche Reaktionen und Betrachtungsweisen. Die Volksklasse zeigt angesichts dieses Fotos „mehr oder weniger konventionelle Gefühlsregungen oder bekunden ethisch motivierte Teilnahme, nie jedoch [fällen sie] ein an sich ästhetisches Urteil [...].“[7] Arbeiter aus Paris beschreiben die Hände auf dem Foto „weder [als] Hände einer Baronin noch einer Tippse“ und es rührt sie, „wenn [sie] die Hände dieser armen Frau sehe[n], man könnte fast sagen, die sind verknotet.“[8] Mit der Betrachtung des Fotos durch die Mittelschicht treten ästhetische Eigenschaften in den Vordergrund. Kommentare wie „von der Arbeit verbrauchte Hände“, „man spürt richtiggehend das Leiden“ oder „man könnte denken, das sei ein photografiertes Gemälde“[9] zeigen, dass hier ethische Tugenden in den Vordergrund treten. Die Kommentare der herrschenden Klasse werden fortschreitend abstrakter: „Ich finde, dass das ein sehr schönes Photo ist. Es ist ganz Symbol der Arbeit. Es bringt mich auf die alte Bedienstete von Flaubert. Dem zugleich sehr demutsvollen Gestus dieser Frau [...]“[10]. Das Foto wird mit Bildern von van Goghs verglichen, es wird ein Bezug zur Literatur hergestellt, die Hände der Frau werden zu Allegorien und Symbolen. Das bedeutet im Sinne Bourdieus, dass jegliches Handeln eines Individuums, auch emotionales und beurteilendes Handeln, von der sozialen Position im Lebensraum abhängig ist. Somit ist auch die Beurteilung eines Kunstwerkes oder eines Fotos Produkt der Sozialisation innerhalb eines Milieus. Wie eine Person ein Foto beurteilt, ist für sie „normal“. Es wird eben ein Foto so beurteilt, wie die Wirkung dieses Bildes es zulässt. Von außen allerdings betrachtet und vor dem Hintergrund des kulturellen Kapitals im Sinne Bourdieus ist festzustellen, dass die Wirkung, die ein Foto bei einer Person erzeugt, immer auch eine habitus-geprägte Reaktion ist. Grob kann man demnach festlegen, welches Milieu auf Grund ihrer Lebensstile auf welche Fotos wie regieren würde (natürlich nur typischerweise – es gibt sicherlich immer Ausnahmen)

Der ganze Lebensstil eines Menschen ist laut Bourdieu nicht frei gewählt oder erschaffen, sondern ist das Produkt einer bestimmten Klasse. Der Lebensstil eines Menschen könnte als „soziales Schicksal“, als Ergebnis einer schichtspezifischen Sozialisation gedeutet werden.[11] Nach Auffassung Bourdieus übernimmt jeder Mensch früh den Lebensstil der sozialen Gruppe, in der er aufwächst. Die Freizeitaktivitäten, das Essen, die Kleidung – alles ist der Ausdruck der Position eines Menschen im sozialen Raum.

[...]


[1] http://science.orf.at/science/news/40727

[2] Ebd.

[3] Baumgart, Franzjörg:Theorien der Sozialisation. Erläuterungen – Texte – Arbeitsaufgaben. 2.

Auflage. Bad Heilbrunn, 2000. S. 207.

[4] Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede – Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am

Main, 1982. S. 19-27.

[5] Baumgart, Franzjörg: S. 200.

[6] Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede – Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. S. 44.

[7] Ebd. S. 86.

[8] Ebd.

[9] Ebd.

[10] Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede – Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. S. 87.

[11] Baumgart, Franzjörg: S. 199.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Zu Pierre Bourdieu - Menschliche Freiheit bei gleichzeitiger Begrenzung
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Institut für Pädagogik)
Veranstaltung
Sozialisations- und Bildungssoziologie: Pierre Bourdieu
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
12
Katalognummer
V112512
ISBN (eBook)
9783640108459
ISBN (Buch)
9783640110001
Dateigröße
385 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
10 Einträge im Literaturverzeichnis, davon 4 Internetquellen.
Schlagworte
Pierre, Bourdieu, Menschliche, Freiheit, Begrenzung, Sozialisations-, Bildungssoziologie
Arbeit zitieren
Inga Hemmerling (Autor), 2007, Zu Pierre Bourdieu - Menschliche Freiheit bei gleichzeitiger Begrenzung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112512

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