Die Differenzierungsmechanismen des deutschen Schulsystems in einem Vergleich mit Finnland


Seminararbeit, 2007
22 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Definition und Begründung schulischer Differenzierung

3. Differenzierungsmechanismen des deutschen Schulsystems
3.1 Organisatorische Differenzierung
3.1.1 Differenzierung durch das Schulsystem
3.1.2 Äußere Differenzierung innerhalb der Schule
3.2 Binnendifferenzierung
3.2.1 Differenzierung nach Inhalten und Zielen
3.2.2 Differenzierung nach Methoden und Medien

4. Differenzierungsmechanismen in Finnland
4.1 Wahlmöglichkeiten und Interessendifferenzierung
4.2 Spezialunterricht für lernschwache Schülerinnen und Schüler
4.3 Der Übergang von der Basisschule in das höhere Sekundarschulwesen

5. Vergleich der Differenzierungsmechanismen in beiden Schulsystemen

6. Fazit

7. Quellenangaben

1. Einleitung

Nach der Veröffentlichung der PISA-Ergebnisse kommt in der Schuldiskussion immer wieder die Frage auf, was an dem deutschen Schulsystem der ausschlaggebende Faktor ist, dass die Schülerinnen und Schüler[1] im internationalen Vergleich relativ schlecht abschneiden und sich nur im Mittelfeld der Punkteränge platzieren konnten. Andere Länder, die bessere Ergebnisse erzielen konnten, werden stärker als je zuvor betrachtet und mit dem deutschen Schulsystem verglichen. Vor allem die Siegerländer Finnland, Korea und die Niederlande werden immer wieder zu vergleichenden Diskussionen herangezogen. Es stellt sich die Frage, was diese Länder anders oder besser machen, um bei dem internationalen Vergleich so gut abschneiden zu können.

In der vorliegenden Arbeit soll das finnische Schulsystem näher betrachtet werden, um Unterschiede zum Schulsystem Deutschlands aufzeigen zu können. Ein auffallendes Merkmal des finnischen Schulsystems ist, dass es eine einheitliche gemeinsame Basisschule für alle Kinder gibt, die auf äußere Differenzierungsmechanismen, wie sie im deutschen Schulsystem vorzufinden sind, vollkommen verzichtet. Mit dem Aspekt der Differenzierungs-mechanismen beider Länder wird sich die vorliegende Arbeit befassen. Dabei werden in einem ersten Schritt die wichtigsten Differenzierungsinstrumente des deutschen Schulsystems vorgestellt, bevor die Differenzierungsmechanismen in Finnland betrachtet werden. In einem anschließenden Vergleich sollen dann die Unterschiede der Differenzierungsformen beider Länder gekennzeichnet und in einem abschließenden Fazit zusammengetragen werden.

2. Definition und Begründung schulischer Differenzierung

Der Begriff „Differenzierung“ bedeutet soviel wie Unterscheidung, Sonderung, Abstufung, Abweichung und Aufgliederung.[2] Er stammt von dem lateinischen Wort „differentia“ ab, was so viel wie Verschiedenheit und Unterschied meint. Der Begriff wird immer dann gebraucht, wenn Heterogenität und Komplexität als störend empfunden werden und durch die Differenzierung Abhilfe gegen zu große Verschiedenartigkeit und Vielschichtigkeit verschafft werden soll.[3] Differenzierung meint im schulischen Bereich die Aufgliederung einer einheitlichen Schülerschaft in einzelne Kleingruppen. Wird eine Lerngruppe differenziert, wird diese nach Vorerfahrung, Wissen, Leistungsniveau, Lerntyp, Lerntempo, Interessen, Alter etc. in Einzelgruppen aufgeteilt, um den unterschiedlichen Anforderungen und individuellen Lernvoraussetzungen Rechnung tragen zu können.[4] Differenzieren heißt also voneinander trennen. Die Trennung der Schülerschaft wird seit der Industrialisierung innerhalb der Schule durchgeführt, da es seitdem als wichtig empfunden wird, für die verschiedenen Aufgaben der Gesellschaft und den verschiedenen Berufspositionen die dafür geeigneten Schülerinnen und Schüler in bestimmten eingeteilten Gruppen vorzubereiten. Heterogenität ist also unabkömmlich für die gesellschaftliche Entwicklung.[5] Dies heißt nicht, dass in Deutschland eine heterogene Schülerschaft innerhalb einer Schule oder einer Klasse bedingungslos akzeptiert wird. Heterogene Schülergruppen werden differenziert, um in den unterteilten Gruppen zu einem optimalen Leistungsprofil zu gelangen. Hierzu werden Einteilungen innerhalb des Bildungswesens (Einteilung zu verschiedenen Schultypen), sowie didaktische Differenzierungsmechanismen innerhalb des Unterrichts vorgenommen. Differenzierung wird als nötig empfunden, um SuS vor einer Über- oder Unterforderung zu bewahren, indem sie in Lerngruppen eingeteilt werden, die ihrem Leistungsniveau entsprechen. Allerdings muss dabei berücksichtigt werden, dass sich die Leistungsmöglichkeiten der SuS im Verlauf der Schulkarriere auch verändern können. Demnach muss Differenzierung flexibel und umkehrbar sein.

Differenzierungsmechanismen bedeuten wesentliche Einschnitte in die Bildungslaufbahn, vor allem wenn es um die Differenzierung zu den unterschiedlichen Schultypen geht. Aus diesem Grunde müssen die durch Differenzierungsmechanismen gelenkten Schullauf-bahnen durchlässig sein, so dass die Bildungskarriere nicht in einer „Bildungssackgasse“ endet.

Differenzierungsmechanismen haben auch immer etwas mit der Selektionsfunktion zu tun. Durch Differenzierungen innerhalb des Bildungswesens werden bestimmte Berechtigungen verteilt, sodass die Zuteilung der SuS in eine gewisse Gruppe immer Bedeutung für ihre weiteren Lebenschancen haben wird. Durch Differenzierung in der Schule wird folglich die Selektionsfunktion erfüllt. Die Schule wird zu einem „Rüttelsieb“, durch das die SuS bestimmten sozialen Schichten und Strukturen der Gesellschaft zugeteilt werden.[6]

Kurz gesagt: Die schulische Differenzierung hat die Aufgabe, SuS nach bestimmten Kriterien in unterschiedliche Lerngruppen einzuteilen, um die individuellen Leistungsprofile optimal zu fördern, so dass alle SuS effektiv am Unterricht teilnehmen können, um den für sie bestmöglichen Bildungsweg einzuschlagen. „Es wird also nicht in Frage gestellt, daß differenziert werden muß, sondern wie differenziert werden soll, um möglichst vielen Schülern gerecht zu werden.“[7]

3. Differenzierungsmechanismen des deutschen Schulsystems

Wie bereits in Punkt 2 erwähnt, stellt sich in Deutschland nicht die Frage, ob differenziert werden muss, sondern wie differenziert werden soll. Differenzierung kommt im deutschen Schulsystem dann zum Zuge, wenn eine Lerngruppe zu ungleich und verschieden ist. Durch Differenzierungsmechanismen wird die Heterogenität einer Schülergruppe versucht weitestgehend zu einer Homogenität umzuformen. Die Differenzierungsmechanismen des deutschen Schulsystems sind demnach dazu da, Heterogenität und Komplexität zu verringern, um eine möglichst einheitliche Lerngruppe etablieren zu können, die auf dem gleichen Lernniveau, mit einem ähnlichem kognitivem Leistungsvermögen und Wissensvoraussetzungen eine optimale Lernsituation erfahren können.[8] Die Annahme ist, dass in einer homogenen Lerngruppe bessere Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten gegeben werden können. Deshalb sollen SuS hauptsächlich anhand des Kriteriums Begabung bzw. kognitiver Leistungsfähigkeit in homogene Lerngruppen differenziert werden, in den sich die SuS bestmöglich weiterentwickeln können. Dennoch ist die Heterogenität nie ganz auszuschalten, da sich selbst in einer weitestgehend homogenen Lerngruppe Unterschiedlichkeiten wie die der unterschiedlichen Persönlichkeits-entwicklungen oder sozialen Kompetenzen ergeben. Neben dem Kriterium der Leistung wird im deutschen Schulsystem auch nach anderen Kriterien wie Alter, Konfession, Muttersprache, Interesse, Behinderungen oder eher verdeckt nach sozialen Bedingungen differenziert.

Im deutschen Schulsystem haben sich verschiedene Differenzierungsmechanismen etabliert, welche zum Teil schon früh in der historischen Schulentwicklung eingeführt wurden (Zuteilung zu verschiedenen Schulformen) oder die eine eher neuere Bedeutung für die Schülerdifferenzierung besitzen (Binnendifferenzierungsformen, z.B. neuere Unterrichtsformen wie Stationenlernen für unterschiedliche Schülerleitungsniveaus). Voraussetzung aller Differenzierungsmechanismen sollte immer sein, dass sie flexibel, durchlässig, revidierbar und für einen bestimmten Zeitraum bestimmt sind.[9]

Im folgenden Verlauf der Arbeit werden die Differenzierungsmechanismen, die sich im deutschen Schulsystem etabliert haben, näher vorgestellt.

3.1 Organisatorische Differenzierung

Fest etabliert haben sich die Prinzipien der organisatorischen oder „äußeren“ Differenzierung, sowie der Binnen- oder „inneren“ Differenzierung. Problematisch erscheint dabei allerdings die Frage, wo genau die Grenze zwischen den beiden Mechanismen zu ziehen ist. Zu beachten ist demnach, dass sich die „innere“ und „äußere“ Differenzierung nicht automatisch ausschließen, sondern manchmal eng miteinander verbunden sein können.[10]

Der Begriff „organisatorische Differenzierung“ wird weitgehend mit den Ausdrücken äußere, institutionelle Differenzierung, Interdifferenzierung oder Schulsystemdifferen-zierung synonym verwendet. Bei dieser Form der Differenzierung wird die Schülerpopulation nach eindeutig zu ermittelnden Kriterien aufgeteilt, so dass sie zeitlich und räumlich von anderen Schülergruppen getrennt sind und eine quantitativ und qualitativ andere Unterrichtsform erfahren. Ein solches Kriterium ist das Alter der SuS, das durch die organisatorische Differenzierung zu altershomogenen Klassen führt und somit zur horizontalen Gliederung der einzelnen Schülerjahrgänge beiträgt.[11] Ein anderes Kriterium ist die Begabung. Hier werden nach der Qualität der Lernvoraussetzungen und Leistungserbringungen möglichst homogene Lerngruppen gebildet, die sich auf einem weitestgehend gleichen Lernniveau bewegen. Die Schülergruppen werden organisatorisch in unterschiedliche Zweige des gegliederten Schulsystems aufgeteilt.[12] Durch diese Form der äußeren Differenzierung resultiert das vertikal gegliederte deutsche Schulsystem, das für die unterschiedlichen Leistungsbedingungen der Schülerschaft niveauverschiedene Schultypen bereitstellt, in die alle SuS einer Alterstufe aufgeteilt werden.

Kurz gesagt, ist die „äußere Differenzierung“ die Form der Schülerunterscheidung, die durch schulorganisatorische und administrative Vorgaben verordnet ist und außerhalb des Unterrichtsgeschehens stattfindet.[13]

3.1.1 Differenzierung durch das Schulsystem

Mit dem verstärkten Aufkommen des Bürgertums kam vermehrt das Bedürfnis nach der Realschule auf, die neben der studiumqualifizierenden gymnasialen Schullaufbahn eine solide mittlere Ausbildung anbot und sich in ihrem Bildungsangebot von gesellschaftlich „unteren“ Schichten abgrenzen sollte. Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts entstand daraus das dreigliedrige Schulsystem, das die Drei-Klassen-Gesellschaft reproduzierte und die politischen und sozialen Status-Interessen abdeckte. Seit 1920 existiert zusätzlich zu den drei Schultypen die Grundschule, die durch das „Reichsgrundschulgesetz“ geschaffen wurde. Seit den 1960er Jahren gab es einige Reformversuche des deutschen Schulsystems, doch hat sich die historisch etablierte Dreigliedrigkeit nicht abdrängen lassen. Immerhin wurde durch die Reformversuche die Gesamtschule als vierte Schulform in das deutsche System eingeführt, wobei sie sich bis heute nicht in allen Bundesgebieten gleich stark durchsetzen konnte.[14]

Nach dieser historischen Entstehung des gegliederten Schulsystems werden heute die SuS differenziert. Schon bei der Einschulung, dem Eintritt in die Grundschule, findet eine Differenzierung statt. Schulpflichtig sind Kinder ab dem 6. Lebensjahr. Je nach dem Stichtag kann es aber sein, dass SuS mit 5 oder mit 7 Jahren eingeschult werden. An einigen Schulen werden „Eignungstest“ durchgeführt, die kleine Übungen beinhalten und den Lehrerinnen und Lehrern Auskunft über den Entwicklungsstand der Kinder geben. Je nachdem wie das Ergebnis ausfällt, kann die Einschulung eines Kindes verschoben werden. In der „Empfehlung zum Schulanfang“ der Kultusministerkonferenz (1997) werden solche Zurückstellungen allerdings als Ausnahme festgelegt. Kinder sollen demnach dann zurückgestellt werden, wenn nicht zu erwarten ist, dass die Entwicklung des Kindes durch die schulische Förderung nicht begünstigt wird. Zum Schuljahresbeginn 2002/2003 wurden 6,1 Prozent Kinder zurückgestellt, was zu den 8,6 Prozent von 1995 einen Rückgang der Zurückstellungen ergibt. Zurückstellungen führen zu einem relativ seltenen Vorkommen von Klassenwiederholungen, aber auch zu einer stärkeren Hinführung zu niedrigeren Schulformen der Sekundarstufe I.[15]

[...]


[1] Im weiteren Verlauf wird für „Schülerinnen und Schüler“ das Kürzel SuS verwendet.

[2] Duden 2001. S 225.

[3] Bönsch, Manfred: Intelligente Unterrichtsstrukturen. Eine Einführung in die Differenzierung. Grundlagen der Schulpädagogik. Band 31. Hohengehren, 2000. S. 33.

[4] Böhnel, Elisabeth; Khan-Svik, Gabriele: Schulische Differenzierung. Erstarrte Strukturen oder dynamische Entwicklung? Frankfurt am Main, 1995. S. 18/19.

[5] Rolff, Hans-Günter: Sozialisation und Auslese durch die Schule. Überarbeitete Neuausgabe. Weinheim und München 1997. S. 10.

[6] Böhnel, Elisabeth; Khan-Svik, Gabriele. S. 19-22.

[7] Böhnel, Elisabeth; Khan-Svik, Gabriele. S. 18.

[8] Bönsch, Manfred: Intelligente Unterrichtsstrukturen. S. 33.

[9] Böhnel, Elisabeth; Khan-Svik, Gabriele. S. 53/54.

[10] Böhnel, Elisabeth; Khan-Svik, Gabriele. S. 59.

[11] Ebd. S. 114.

[12] http://nibis.ni.schule.de/~as~lg2/sp1/differenzieren.htm

[13] Böhnel, Elisabeth; Khan-Svik, Gabriele. S. 59.

[14] Döbert, Hans: Deutschland. In: Döbert, Hans: Die Bildungssysteme Europas. 2., überarbeitete und korrigierte Auflage. Hohengehren, 2004. S. 92.

[15] Bellenberg, Gabriele: Wege durch die Schule. Zum Zusammenhang zwischen institutionalisierten Bildungswegen und individuellen Bildungsbiographien. In: Bildungsforschung, Jahrgang 2. Ausgabe 2. 2005. http://www.bildungsforschung.org/Archiv/2005-02/schule/

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Differenzierungsmechanismen des deutschen Schulsystems in einem Vergleich mit Finnland
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Institut für Pädagogik)
Veranstaltung
Die Bildungssysteme in Europa
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V112531
ISBN (eBook)
9783640110865
ISBN (Buch)
9783640110964
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
22 Einträge im Literaturverzeichnis, davon 14 Internetquellen.
Schlagworte
Differenzierungsmechanismen, Schulsystems, Vergleich, Finnland, Bildungssysteme, Europa
Arbeit zitieren
Inga Hemmerling (Autor), 2007, Die Differenzierungsmechanismen des deutschen Schulsystems in einem Vergleich mit Finnland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112531

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