Soziale Identität türkischer Migranten der zweiten Generation in Deutschland

Türkische vs. Bikulturelle Identität


Seminararbeit, 2005
16 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Die Theorie der sozialen Identität

3. Einflüsse psycho-sozialer Faktoren auf die soziale Identität
3.1. Familie und Erziehung
3.2. Schule und Ausbildung
3.3 Peer-Groups und Freizeitkultur
3.4. Sprachsituation
3.5. Religion
3.6. Diskriminierung und Ausländerfeindlichkeit

4. Ausgewählte Untersuchungen
4.1. Ülger Polat
4.2. Ilhami Atabay

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

Türkische Migranten der zweiten Generation wachsen bzw. wuchsen gleichzeitig in zwei unterschiedlichen Kulturen heran, da sie entweder in Deutschland geboren wurden oder als Kinder nach Deutschland kamen. Daher neigen sie in hohem Maße zu Veränderungen ihrer sozialen Identitäten.[1]

Zahlreiche Untersuchungen berichten von Identitätsdiffusion, Identitätsstörungen, Identitätskonflikten, Identitätskrisen etc. Es entsteht der Eindruck, türkische Migrantenjugendliche in Deutschland seien überwiegend von negativen Persönlichkeitsmerkmalen belegt, also desillusioniert, isoliert, depressiv, resignativ, orientierungslos und sozial handlungsunfähig, eventuell sogar psychisch oder psychosomatisch erkrankt.[2] Sicherlich müssen türkische Jugendliche in Deutschland erhebliche Bewältigungsleistungen und Verarbeitungsstrategien aufwenden, um die divergierenden Handlungsanforderungen von türkischer Familie und deutscher Gesellschaft mit ihren eigenen Bedürfnissen und Interessen in Einklang zu bringen und auszubalancieren. Jedoch muss aus diesen Tatsachen keine defizitäre Persönlichkeit resultieren, vielmehr entwickeln die Betroffenen möglicherweise besondere persönliche, soziale und interkulturelle Kompetenzen, die es ihnen ermöglichen, in beiden Kulturen, der deutschen und der türkischen, handlungsfähig zu sein und sich anzupassen. Heute gehen zahlreiche Untersuchung von bikulturellen– oder Patchwork-Identitäten aus, bei denen aus den zur Verfügung stehenden Ressourcen beider Gesellschaften, der Herkunfts- und der Aufnahmegesellschaft, durch Kreativität und Selektion eine neue, eigene Identität gebildet wird.

Die bikulturelle Identität steht im Zentrum dieser Arbeit und soll hinsichtlich der psychosozialen Bedingungen und Einflussfaktoren am Beispiel der Situation von türkischen Migrantenjugendlichen in der Bundesrepublik Deutschland beleuchtet werden. Dabei dient die Theorie der sozialen Identität von Henry Tajfel der Definition und Kennzeichnung des Begriffes ‚soziale Identität’. Die theoretische Basis der Arbeit soll schließlich durch empirische Untersuchungen von Atabay, Ilhami (1994, 1998) und Ülger Polat (1997), welche die Identitätsentwicklung türkischer Jugendlicher in Deutschland behandeln, überprüft werden. Identität und Kultur werden als dynamischer „sich fortentwickelnder Prozess“[3] angenommen.

2. Die Theorie der sozialen Identität

Nach Tajfel ist soziale Identität ein dynamischer Prozess, bei dem jedes Individuum bestrebt ist, durch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe eine positive soziale Identität zu erlangen.[4] Demnach ist soziale Identität der Teil des Selbstkonzeptes eines Individuums, der sich aus dessen Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe bzw. Kategorie und aus dem Wert bzw. der Bedeutung dieser Mitgliedschaft ableitet.[5] Die Theorie geht vom ‚Minimalen Gruppen-Paradigma’ aus, welches besagt, dass bereits unter minimalen Bedingungen eine Trennung in Eigen- und Fremdgruppe vorgenommen wird, die zu einem spezifischen Intergruppenverhalten führt, d. h. Individuen handeln in bestimmten Situationen vor allem als Mitglieder ihrer sozialen Gruppe, weniger als Individuen. Dieses Intergruppenverhalten äußert sich in der Favorisierung der Eigengruppe und der Diskriminierung der Fremdgruppe. Tajfel bestimmt drei Merkmale von Intergruppenverhalten: 1. die Einordnung von Individuen in soziale Kategorien, 2. ein bestimmtes Verhalten, das auf der Kategorie eigenen Normen beruht (Symbole, Rituale etc.) und 3. die Depersonalisierung, die Verminderung der Verschiedenheit der individuellen Merkmale der Eigen- und Fremdgruppenmitglieder.

Eigen- und Fremdgruppe resultieren aus dem Prozess der ‚sozialen Kategorisierung’. Menschen ordnen demnach ihr soziales Umfeld in bestimmte Kategorien ein, um es zu strukturieren und damit kognitiv zu vereinfachen; damit einher geht eine Bewertung dieser Kategorien. Wahrgenommene Unterschiede zwischen den Mitgliedern der selben Kategorie werden eher vernachlässigt, Unterschiede zwischen Mitgliedern verschiedener Kategorien werden betont. Durch diese Differenzierung von der Fremdgruppe können die positiven Merkmale der Eigengruppe hervorgehoben werden. Im engen Zusammenhang mit sozialer Kategorisierung steht die soziale Strereotypisierung, deren soziale Funktion es ebenfalls ist, Gruppen untereinander zu unterscheiden und Gruppenideologien zu verteidigen. Vor allem in Zeiten wirtschaftlicher Krisen können Stereotypien verstärkt feindseliges und diskriminierendes Verhalten gegenüber der Fremdgruppe hervorrufen. Ein Beispiel dafür ist die Parole, Ausländer nähmen Arbeitsplätze weg, daher sollen sie ausgewiesen oder nicht ins Land gelassen werden.[6] Tajfel unterscheidet drei Bereiche der Wahrnehmung von Gruppen: Kognition (die Kenntnisnahme von Gruppenzugehörigkeit), Evaluation (die Bestimmung des Wertes einer solchen Zugehörigkeit) und Emotion (die Gefühlslage, die mit Kognition und Evaluation einhergeht).[7]

Auf der Suche nach einer positiven sozialen Identität versuchen Individuen die eigene Gruppe mit anderen zu vergleichen, denn die eigene Gruppe erhält erst in Relation zu wahrgenommenen Unterschieden zu anderen Gruppen ihre Bedeutung. So kann durch Gruppenvergleiche ein scheinbar besserer Status der eigenen Gruppe bestätigt werden und es kommt zu zum Intergruppenverhalten.[8]

Es gibt verschiedene Strategien, mit denen Individuen zu einer positiven sozialen Identität gelangen: Mitglieder von untergeordneten Gruppen (mit benachteiligter Position in der Gesellschaft) können beispielsweise durch ‚soziale Mobilität’ zu einer anderen sozialen Gruppe überwechseln, die einen höheren Status genießt, sie können aber auch durch ‚soziale Kreativität’ eine Veränderung der Intergruppenbeziehungen bewirken, zum Beispiel, indem sie neue Gesichtspunkte zum Vergleich mit anderen Gruppen heranziehen, bei denen die eigene Gruppe besser abschneidet. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, sich eine andere, statusniedrigere oder –gleiche Vergleichsgruppe zu suchen, um im sozialen Vergleich besser abzuschneiden. Angehörige von Gruppen mit hohem sozialen Status sind hingegen bestrebt, ihre Position beizubehalten und neigen daher in geringerem Maße zu Intergruppenverhalten, solange sie ihren Status nicht als bedroht empfinden.

3. Einflüsse psycho-sozialer Faktoren auf die soziale Identität

3.1. Familie und Erziehung

Da die Familie die frühe Sozialisation bestimmt, wirken die von ihr vermittelten Werte enorm auf die Identitätsentwicklung und bilden die Grundlage für die spätere Sozialisation. Die Erziehungspraktiken türkischer Migranten knüpfen meist an die kulturellen Normen und Werte des Heimatlandes sowie an den Islam an. Demzufolge ist die Erziehung autoritär und auf Gehorsam, Anständigkeit und Leistung ausgerichtet, die Familie weist patriarchalische Strukturen auf, d.h. Frauen und Jüngere werden von Männern und Älteren bestimmt. In der Literatur werden türkische Familien dabei häufig als rückständig und altmodisch dargestellt. Mütter, die überwiegend für die Erziehung der Kinder zuständig sind, können nur solche Werte vermitteln, die sie sich in ihrer Sozialisation angeeignet haben. Da die gesellschaftlichen Werte in der Bundesrepublik sich grundlegend von denen in der Türkei unterscheiden, werden die vermittelten Traditionen für die Migrantenkinder zu „inhaltslosen Ideologien“.[9]

Andererseits besteht in der Migrationsliteratur ein allgemeiner Konsens darüber, dass sich die Struktur der Familie durch die Migration verändert. Die Väter genießen in der deutschen Gesellschaft meist kein großes Ansehen und die Mütter sind häufig berufstätig, was der patriarchalischen Familienstruktur grundlegend widerspricht.[10] So kommen zahlreiche empirische Untersuchungen zu dem Schluss, dass Immigrantenfamilien keine homogene Gruppe bilden. Neben traditionellen Familien mit patriarchalischen Entscheidungsstrukturen gibt es auch Familien, in denen Entscheidungen kooperativ getroffen werden. Aufgrund neuer unbekannter Handlungsanforderungen müssen die traditionelle Aufgabenteilung und Rollendifferenzierung oftmals weichen und durch Zusammenarbeit der Elternteile ersetzt werden.[11]

[...]


[1] Vgl. Polat (1997), S. 143.

[2] Vgl. Hoffmann (1990), S. 197.

[3] Vgl. Atabay (1994), S. 3.

[4] Vgl. Polat (1997), S. 58.

[5] Vgl. ebenda, S. 50.

[6] Vgl. ebenda, S. 54.

[7] Vgl. ebenda, S. 56.

[8] Vgl. ebenda, S. 56 – 58.

[9] Vgl. Atabay (1994), S. 45.

[10] Vgl. Schuch.

[11] Vgl. Atabay (1994), S. 47.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Soziale Identität türkischer Migranten der zweiten Generation in Deutschland
Untertitel
Türkische vs. Bikulturelle Identität
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Interkulturelle Kommunikation)
Veranstaltung
Proseminar: Entwicklungs- und persönlichkeitspsychologische Beiträge zur interkulturellen Kommunikation
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V112532
ISBN (eBook)
9783640110872
Dateigröße
378 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziale, Identität, Migranten, Generation, Deutschland, Proseminar, Entwicklungs-, Beiträge, Kommunikation
Arbeit zitieren
Christin Kießling (Autor), 2005, Soziale Identität türkischer Migranten der zweiten Generation in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112532

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