Über Ludwig Wittgenstein und das "Sprachspiel"


Essay, 2020

6 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Ein Essay über: Ludwig Wittgenstein und das „Sprachspiel"

Ich werde in diesem Essay versuchen, mich einem zentralen Begriff in Ludwig Wittgensteins „Philosophische Untersuchungen“1 (fortan PU) anzunähern. Dem Begriff des „Sprachspiels. Hierzu sollte erwähnt werden, dass Wittgenstein jenen Begriff nicht definiert. Nein, er umreißt ihn, in dem er keine klare Grenze zieht, welche das „Sprachspiel“ etwa von dem Begriff der Sprache oder dem des Gesprächs absondert. Würde Wittgenstein einem jeden Begriff eine Bedeutung zuordnen, resultierte daraus eine Aufspaltung seiner eigenen Philosophie. Er zerlege sie in scheinbar eindeutig belegte Begriffe. Der Interpret jedoch soll Wittgensteins Anspruch auf das Wesentliche verstehen und den roten Faden erkennen, anhand dessen er das Werk untersucht. Die zahlreichen unterschiedlichen Bezüge des Sprachspiels auf unterschiedliche Situationen, Beispiele und Lebensformen zeigen, dass das Sprachspiel mit seinen umfangreichen Schattierungen, mit einer klaren Definition nicht erfasst werden können. Wittgenstein untersucht diese Nuancen aus möglichst vielen Blickwinkeln. Was sich in den Paragraphen der PU widerspiegelt, welche immer wieder vom Sprachspiel handeln und sich aufeinander beziehen.

Im Folgenden werde ich von der ersten Erscheinung des Begriffes „Sprachspiel“ in Wittgensteins PU ausgehen. Von dort an werde ich mich auf unterschiedliche Paragraphen beziehen und versuchen zu verdeutlichen, weshalb und in welcher Weise sie Neues in sich verbergen und den Anfänglichen Begriff erweitern. Zudem werde ich mich auch den oben genannten Situationen und Lebensformen annähern und verdeutlichen in welchem Bezug diese zum Sprachspiel stehen. Am Schluss hoffe ich eine Annährung an den von Wittgenstein gewählten, zentralen Begriff des „Sprachspiels“ vorlegen zu können.

Worin besteht nun das Wesen, respektive die Funktionsweise der menschlichen Sprache?

Was ist die Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks, und wie wird dessen Verständnis ermöglicht?

Derartige Fragen haben innerhalb der Philosophiegeschichte den Gegenstandsbereich sprachphilosophischer Bemühungen dargestellt. In Wittgensteins PU erhält jene Thematik einen hohen Stellenwert. Zu Beginn der PU setzt sich Wittgenstein mit einer bestimmten Irrmeinung über das Funktionieren der menschlichen Sprache kritisch auseinander, jener des christlichen Kirchenvaters und Philosophen Augustinus. Um seinen Intentionen gerecht zu werden, lässt Wittgenstein seine PU mit einem Zitat von Augustinus aus den Konfessionen beginnen. In jener Passage beschreibt der Kirchenvater, wie er selbst als Kind seine ersten Wörter erlernt habe. Nach Augustinus ist jedes Wort mit einer Bedeutung belegt, die ein Kind anhand von hinweisenden Erklärungen erlernt. Der Lehrer deutet auf einen Gegenstand und sagt beispielweise „Tisch!“. Durch mehrmaliges Wiederholen der hinweisenden Erklärung in verschiedenen Situationen, lernt das Kind schließlich die Bedeutung des Wortes „Tisch“. Dementsprechend lässt sich zum einen bemerken, dass die primäre Funktion der Sprache, die von der Augustinischen Sprachauffassung offenbar impliziert wird, in der Wirklichkeit beziehungsweise in der Bezeichnung von Alltagsgegenständen liegt. Zum anderen wird gemäß diesem Konzept der Erwerb einer Sprache durch kognitive Leitungen ermöglicht, durch welche die „Sprach-Welt-Verbindungen“ geistig erfasst werden.

Dieser Überzeugung steht Wittgenstein kritisch gegenüber. Er lässt das hinweisende Erklären zwar manchmal als Sprachspiel durchgehen, wie in dem augustinischen Beispiel. Bennent in diesem Fall das Sprachspiel aber als einfachste und offenkundigste Form und wird von Wittgenstein als „primitiven Sprache“2 bezeichnet. Er wehrt sich aber vehement dagegen, dass ein Mensch auf diese Weise seine Muttersprache erlernt. Denn Worte haben die Eigenschaft mehrere Bedeutungen und Funktionen aufzuweisen und können dadurch auch auf verschiedene Weisen verwendet werden. Dies setzt voraus, dass ein Sprecher sich im Klaren darüber sein muss, wie der Gebrauch einer Definition funktioniert und wie sich diese auf eine bestimmte Situation bezieht. Demnach kritisiert Wittgenstein an der Augustinischen Sprachauffassung, dass ein Kind nicht durch hinweisendes Erklären lernt. Denn es müsse bereits eine Sprache in sich haben, selbst denken können, um eine Definition in der entsprechenden Situation korrekt deuten zu können. Würde der Lehrer den Begriff „Tisch!“ als einen Befehl im Sinne von „Bring mir den Tisch!“ äußern, müsse das Kind den Begriff bereits verinnerlicht haben, um das Wort im richtigen Kontext zu verstehen. Es müsse nach dem Augustinischen Beispiel den Begriff „Tisch“ verstehen, um optisch verschiedene Tische als „Tisch“ identifizieren zu können. Das Verstehen und der Gebrauch der Worte hängen bei Wittgenstein eng zusammen. Man kann ein Wort erst dann gebrauchen, wenn man es verstanden hat. Und umgekehrt versteht man ein Wort erst, wenn man es gebraucht. Ein Verstehen hieße, dass man möglichst viele, wenn nicht alle, Bedeutungen des Wortes in möglichst vielen, wenn nicht allen, Situationen parat hätte. Und „parat haben“ ist in diesem Fall nicht als geistiger Zustand gemeint, sondern als das „schlagartig Erfassen“ des Wortes zum Beispiel in einem Gespräch. Ich erfasse auf einmal, wie das Gegenüber das Wort in der Gesprächssituation verwendet. Dies ist kein Zustand, sondern ein automatisches, spontanes realisieren des Wortes.

Das oben genannte Kind müsse folglich die Familie „Tisch“ kennen und wissen was all diese der Familie zugehörigen Tische einander ähnlich macht. Ein solch hohes sprachliches Abstraktionsvermögen gesteht Wittgenstein einem Lernenden nicht zu.

Doch was bedeutet „Familie“ in diesem Zusammenhang?

Wittgenstein ist der Auffassung, dass der Begriff der Sprache nicht ein gemeinsames Erscheinungsbild formt. Sondern in den unterschiedlichen Nuancen der sprachlichen Äußerungen Ähnlichkeiten erkennbar werden. Sie sind nach Wittgenstein mit einander in vielen verschiedenen Weisen verwandt. Eben aus diesen Verwandtschaften heraus nennen wir alle Nuancen des Sprechens, Sprache. Um diese Auffassung zu erläutern bedient sich Wittgenstein den Beispielen verschiedener Spiele wie Ball-, Brett-, oder Kartenspielen. Wenn man diese unterschiedlichen Spielarten näher betrachtet wird es nicht möglich sein etwas zu finden das alle Spiele gleichermaßen gemeinsam haben. Doch die Spiele haben verschiedenste Ähnlichkeiten und bilden ein „kompliziertes Netz“3 aus diesen. Wittgenstein charakterisiert diese Ähnlichkeiten mit dem Wort „Familienähnlichkeiten“4, mit der Begründung, dass sich die einzelnen Nuancen der Sprache oder verschiedener Spiele so überschneiden und kreuzen, wie die Ähnlichkeiten einer Familie. Um auf das Beispiel mit dem Kind zurückzukommen, das kleine Sprachspiel, zum Beispiel „das Benennen von Steinen und das Nachsprechen des vorgesagten Wortes“5, ist Teil eines Ganzen, eines umfassenden Sprachspiels. Doch anstatt Sprache durch hinweisende Erklärungen zu erlernen, wie im oben genannten augustinischen Beispiel, vertritt Wittgenstein die Auffassung, dass ein Kind seine bereits in sich vorhandene Muttersprache nach und nach erweitert. Eben wie bei einem Spiel in welchem man erst während der Tätigkeit, erst während dem Spiel all seine Nuancen erkennen und verstehen kann.

Hier zeigt sich meiner Meinung nach sehr deutlich in welchem Umfang Wittgenstein den Begriff des „Sprachspiels“ betrachtet und verwendet. Ich möchte sogar sagen, dass er versucht sich mit diesem Begriff an das eigentliche Wesen, dem was wir Sprache nennen, anzunähern.

Jedoch gehört zum betrachten des ganzen nicht nur das Teilgebiet der „primitiven Sprachen“ oder das Erlernen einer solchen. Schon der Schweizer Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure vertrat die Ansicht, dass sich die Sprache wie ein Spiel verhält. In seinem Modell unterscheidet Saussure zwischen der biologischen Fähigkeit zu Sprechen (Ebene der Langage), dem gesamten System der sprachlichen Äußerungen (die Ebene der Langue) und der konkreten Realisierung einer sprachlichen Äußerung (die Ebene der Parole). Um dieses Modell zu verdeutlichen nutze de Saussure das Beispiel des Schachspiels. In einem Gespräch verwendet der Sprechende Wörter und Sätze wie der Spieler die einzelnen, verschiedenen Schachfiguren. Die einzelnen Züge sind die konkreten Realisierungen des Spiels und bilden nach Saussure die Ebene der Parole. Diese werden nach vorhandenen Regeln der Grammatik, beziehungsweise der Schachregeln durgeführt, welche das gesamte System beschreiben (Langue). Die beiden am Spiel teilnehmenden Individuen müssen sich diesen Regeln bewusst sein, ohne dass die Regeln des Sprachspiels oder Schachspiels präzise und systematisch erfasst werden müssen. Denn im Spiel, beziehungsweise im Sprechen, können diese feststehenden Regeln abgeändert oder durch neue erweitert werden. Auch Wittgenstein stimmt dieser Auffassung zu, der Umfang des Begriffs „Regel“ kann nicht durch klare Grenzen abgeschlossen werden6. Ein Sprachspiel kann also nur gespielt werden, wenn man die außersprachlichen Umstände wie die Situation der Sprechenden oder vorher Geschehenes als Kontext in Betracht ziehen kann. Das Sprechspiel bezieht sich demnach auf Situationen, Tätigkeiten und damit einhergehenden Gesprächen.

An dieser Stelle ist es wichtig zwischen dem Sprachspiel einer „primitiven Sprache“ und dem Sprachspiel in einer bestimmten Lebensform zu unterscheiden.

Aber was versteht Wittgenstein unter dem Begriff „Lebensform“ in Bezug auf das Sprachspiel? Wie schon zu Beginn erwähnt belegt der Philosoph die von ihm gebräuchlichen Begriffe nicht mit Merkmalen, die eine klare Definition zuließen. Es ist somit nur möglich sich dem Begriff anzunähern. In seinen Schriften geht Wittgenstein davon aus, dass es unzählige, unendliche Varianten einer „primitiven Sprache“ vorstellbar sind. Wittgenstein stellt die beiden Begriffe „Sprache“ und „Lebensform“ in diesem Kontext nah zusammen. Denn das Vorstellen einer Sprache bedeutet nach seinen Auffassungen auch das Vorstellen einer Lebensform. Die beiden Begriffe bedingen sich, eine Sprache ist in eine Lebensform eingebettet. So wie man sich demnach unzählige Sprachen vorstellen kann, so kann man sich auch unzählige Lebensformen vorstellen. Wichtig an dieser Stelle ist zu erwähnen, dass Wittgenstein hier von einer Vorstellung spricht, er gibt nicht an, ob es diese Vielzahl von Lebensformen tatsächlich gibt oder jemals gab. Denn wie auch die Sprache, können sich Lebensformen über die Zeit hinweg verändern.

[...]


1 Wittgenstein, Ludwig - Philosophische Untersuchungen (Erstausgabe 1953), Frankfurt am Main 1984

2 Ebd., §7

3 Ebd., §66

4 Ebd., §67

5 Ebd., §7

6 Ebd., §68

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Über Ludwig Wittgenstein und das "Sprachspiel"
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (FB02 / Philosophie)
Veranstaltung
Proseminar: Wittgenstein: Kleine Texte und Vorlesungen (1930-1933)
Note
1,7
Jahr
2020
Seiten
6
Katalognummer
V1126167
ISBN (eBook)
9783346485717
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Wittgenstein, Ludwig - Philosophische Untersuchungen (Erstausgabe 1953)
Schlagworte
Philosophie, Ludwig, Wittgenstein, Sprache, Sprachspiel, Essay
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Über Ludwig Wittgenstein und das "Sprachspiel", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1126167

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