In der Vielzahl von Interpretationen zum Roman Der Zauberberg stößt man zwangsläufig
mindestens einmal auf das Kapitel Walpurgisnacht, das aber meist nur sehr geheimnisvoll
umschrieben wird. So wird dieses Stück im Roman als die „entscheidende Episode“
deklariert, es ist weiterhin von der „Lehre der Walpurgisnacht“ die Rede. An keiner Stelle
wird jedoch explizit erklärt, worin eben diese Lehre besteht, was genau dieses Kapitel zu dem
doch so Entscheidenden macht. An diesem Punkt herrscht Klärungsbedarf, es muss
hinreichend erläutert werden, welche Funktion das Kapitel innerhalb des Romans Der
Zauberberg übernimmt. Es ist nicht zu übersehen, dass das Kapitel Walpurgisnacht in
Thomas Manns Roman auf dem ersten Blick Parallelen zum gleichnamigen Kapitel
Walpurgisnacht in Goethes Faust I aufweist. Thomas Mann bedient sich hierbei seines
vielfach verwendeten stilistischen Mittels der Zitiertechnik und übernimmt hier nun ein
gesamtes Kapitel, wobei keine strukturelle Analogie zum Faust zu erkennen ist, sondern
lediglich ein thematischer Bezug. Betrachtet man nun den Stellenwert des Kapitels
Walpurgisnacht in Goethes Faust I, so ist festzuhalten, dass dieses Kapitel keine gravierende
Bedeutung für den Gesamtverlauf des Romans an sich trägt. Anders hingegen bei Mann: hier
soll bewiesen werden, dass das Kapitel sogar einen Höhepunkt für den Gesamtroman und eine
der wohl zentralsten Funktionen innerhalb des Romans darstellt.
[...]
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Bedeutende Figuren
1.1 Ein Rückblick: Pibislav Hippe
1.2 Aktuell: Madame Chauchat
2. Psychoanalytisch: Betrachtung beider Figuren
3. Autobiographisches: Frühe homoerotische Erfahrungen
3.1 Armin Martens
3.2 Williram Timpe
3.3 Literarisch verflochten: Schwerpunkt „Hippe“
4. „Walpurgisnacht“ – die Erfüllung sublimierten Begehrens?
4.1 Thematik bei Goethes Faust I
4.2 „Der Zauberberg“ - intern: Hans Castorp
4.3 „Extern“: Thomas Mann
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die psychologische Funktion des Kapitels „Walpurgisnacht“ in Thomas Manns „Der Zauberberg“. Ziel ist es aufzuzeigen, wie das Kapitel als Ventil für die vom Autor zeitlebens verdrängten homoerotischen Neigungen dient und durch die literarische Maskierung und Zitiertechnik eine tiefenpsychologische Verarbeitung autobiographischer Kindheitserlebnisse ermöglicht.
- Die Analyse der Figuren Pibislav Hippe und Madame Chauchat als Spiegelbild verdrängter Triebe.
- Die psychoanalytische Deutung der Bleistiftleihe als Symbol für sexuelle Unterdrückung und Erfüllung.
- Der Vergleich der „Walpurgisnacht“-Kapitel bei Goethe und Thomas Mann hinsichtlich ihrer narrativen Funktion.
- Die Untersuchung der Rolle von Komik und Ironie bei der Offenbarung intimer Gefühle im Werk.
Auszug aus dem Buch
1.1 Ein Rückblick: Pibislav Hippe
Die Begegnung Hans Castorps mit Pibislav Hippe findet im Roman im vierten Kapitel statt, als sich Castorp für die folgende Zeichenstunde auf dem Schulhof eines Katharineums einen Bleistift von Hippe, dem Sohn eines Gymnasialprofessors, mit blaugrauen Kirgisenaugen und hochsitzenden Backenknochen, leihen will – natürlich ein Vorwand, sich dem Angebeteten endlich zu nähern:
[…] und mit einem freudigen Aufschwunge seines Wesens beschloß er, die Gelegenheit – eine Gelegenheit nannte er es – zu benutzen und Pibislav um einen Bleistift zu bitten.8 […]
Und endlich steigert sich die Euphorie Castorps beinah ins Unermessliche in Gedanken daran, Hippe erneut zwecks Rückgabe aufzusuchen:
Aber vergnügter war Hans Castorp in seinem Leben nie gewesen als in dieser Zeichenstunde, da er mit Pibislav Hippe´s Bleistift zeichnete, - mit der Aussicht obendrein, ihn nachher seinem Besitzer wieder einzuhändigen, was als reine Dreingabe zwanglos und selbstverständlich aus dem Vorhergehenden folgte.9
Nun folgt die „berühmte“ Bleistiftleihe, die auch im weiteren Verlauf eine bedeutende Rolle spielt – was später noch näher erläutert wird:
„Entschuldige, kannst du mir einen Bleistift leihen?“ Und Pibislav sah ihn mit seinen Kirgisenaugen über den vorstehenden Backenknochen und sprach zu ihm mit seiner angenehm heiseren Stimme, ohne Verwunderung oder doch ohne Verwunderung an den Tag zu legen. „Gern“, sagte er. „Du musst ihn mir nach der Stunde aber bestimmt zurückgeben.“ Und zog sein Crayon aus der Tasche, ein versilbertes Crayon mit einem Ring, den man aufwärts schieben musste, damit der rot gefärbte Stift aus der Metallhülse wachse. Er erläuterte den einfachen Mechanismus, während ihre beiden Köpfe sich darüberneigten.10
Die zitierten Textstellen geben – mal mehr, mal weniger direkt – den Sexualakt zwischen Castorp und Hippe wieder und sowohl die Ausleihe, als auch die Rückgabe des „Crayon“ dienen hier somit als poetische Maskierungen. Und wenn auch nicht in direktem Zusammenhang gebraucht, so ist dennoch vom „intimen Verkehr“ die Rede:
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die tiefenpsychologische Bedeutung des Zauberbergs im Kontext von Thomas Manns Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse Freuds und seinen eigenen verdrängten Neigungen.
1. Bedeutende Figuren: Es erfolgt eine Charakterisierung der Schlüsselfiguren Pibislav Hippe und Madame Chauchat als Projektionsflächen für Hans Castorps Begehren.
2. Psychoanalytisch: Betrachtung beider Figuren: Dieses Kapitel verknüpft die beiden Begehrensobjekte durch eine tiefenpsychologische Analyse, die ihre Ähnlichkeit als Ausdruck eines unbewussten Triebkonflikts deutet.
3. Autobiographisches: Frühe homoerotische Erfahrungen: Eine Untersuchung der realen Vorbilder Armin Martens und Williram Timpe, deren Einfluss auf das literarische Schaffen Manns dargelegt wird.
4. „Walpurgisnacht“ – die Erfüllung sublimierten Begehrens?: Das zentrale Kapitel analysiert den thematischen Bezug zu Goethe und die Funktion des Karnevalsfestes als Schauplatz für den Durchbruch gesellschaftlich unterdrückter Sinnlichkeit.
5. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass die „Walpurgisnacht“ als literarisches Ventil und zaghafter Versuch der Selbsttherapie Thomas Manns verstanden werden muss.
Schlüsselwörter
Thomas Mann, Der Zauberberg, Walpurgisnacht, Psychoanalyse, Homosexualität, Pibislav Hippe, Madame Chauchat, Sublimierung, Bleistift, Hans Castorp, Autobiographie, Unterdrückung, Identität, Literaturwissenschaft, Triebpsychologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die tiefenpsychologischen Hintergründe und autobiographischen Bezüge in Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“, speziell im Kontext des Kapitels „Walpurgisnacht“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Homosexualität, die psychoanalytische Deutung literarischer Symbole, autobiographische Identitätsfindung und der Einfluss gesellschaftlicher Konventionen auf das individuelle Begehren.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es nachzuweisen, dass das Kapitel „Walpurgisnacht“ eine übergeordnete Funktion als Ventil für Thomas Manns verdrängte homoerotische Emotionen erfüllt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wendet eine tiefenpsychologische sowie eine werkbiographische Analysemethode an, um Parallelen zwischen dem Roman, den Erfahrungen des Autors und freudschen Konzepten aufzuzeigen.
Was wird im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Figurenkonstellationen (Hippe/Chauchat), die Symbolik des Bleistifts und vergleicht die literarischen Vorbilder des Autors mit den Romanfiguren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben dem Autorennamen und dem Werktitel sind Begriffe wie „Sublimierung“, „homoerotische Erfahrungen“, „Tiefenpsychologie“ und „Symbolik“ prägend.
Warum spielt die Figur Pibislav Hippe eine so entscheidende Rolle für die Deutung?
Hippe gilt als das bedeutendste autobiographische Element des Romans, das eine frühe, prägende und unterdrückte Erfahrung Manns widerspiegelt und als „Ur-Begehren“ fungiert.
Inwiefern ist der „Bleistift“ ein zentrales Symbol?
Der Bleistift (bzw. das Crayon) fungiert als phallisches Symbol und stellt eine poetische Maskierung für sexuelle Erlebnisse dar, die in der Realität aus gesellschaftlichen Gründen verborgen bleiben mussten.
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- Christina Wiesenrode (Author), 2007, Die Funktion des Kapitels „Walpurgisnacht“ in Thomas Manns „Der Zauberberg“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112634