In der vorliegenden Proseminararbeit wird die Rechtfertigungslehre Martin Luthers aus anthropologischer Sicht betrachtet. Die dazu analysierende These, was auch Kern der Lutherischen Rechtfertigung ist, ist folgende: “Simul iustus et peccator“. Dieser lateinische Satz drückt aus, dass der Mensch ein Gerechter und ein Sünder zugleich ist. Er bildet das Kernstück der lutherischen Freiheitsschrift, die davon handelt, dass der Mensch nicht durch seine Werke gerecht vor Gott wird, sondern durch seinen Glauben. Die Rechtfertigungslehre setzt sich damit auseinander, wie ein Mensch vor Gott gerecht werden kann und, wie das rechte Verhältnis zwischen Mensch und Gott wiederhergestellt werden kann, welches durch die Sünde gestört ist. Diese Proseminararbeit hat sich nun zum Thema gemacht, welche Rolle der Mensch in der lutherischen Rechtfertigungslehre einnimmt und, inwiefern der Mensch unter der Macht der Sünde steht und, wie die Trennung des Menschen von Gott infolge der Sünde durchbrochen wird. Ein weiteres Anliegen der Proseminararbeit ist es, inwieweit sich die Anthropologie der lutherische Rechtfertigungslehre sich in der Rechtfertigungstheologie Pauli, in der Lehre des Pelagianismus’ sowie in der augustinischen Gnadenlehre widerspiegelt, weil diese Lehren als Vorläufer der Rechtfertigungstheologie Luthers gesehen werden können. Nicht unerheblich für die Proseminararbeit ist, welche aktuelle Bedeutung der Anthropologie von Luthers Rechtfertigungstheologie, was das Zentrum der persönlichen Stellungsnahme sein wird. Die Basis der Quellenbezüge bilden im Wesentlichen Luthers Werk “Von der Freiheit eines Christenmenschen“, der Römerbrief des Apostels Paulus sowie mit dazugehörigen Bibelkommentaren, ebenfalls Eberhard Jüngels Buch “Das Evangelium von der Rechtfertigung des Gottlosen als Zentrum des christlichen Glaubens“, sowie Udo Hahns Buch über die Rechtfertigung in seinem Band “Grundbegriffe Christentum“.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Gegenstand der Proseminararbeit
1.2 Methodisches Vorgehen
2. Die Rechtfertigungslehre allgemein und ihre Formen
2.1 Die Rechtfertigungslehre allgemein
2.2 die augustinische Gnadenlehre
2.3 Der Pelagianismus
2.4 Die paulinische Rechtfertigungslehre
2.5 Schlussfolgerungen zu den Rechtfertigungslehren vor Luther
3. Die Lutherische Rechtfertigungslehre
3.1 Biografischer Kontext
3.2 Auslegung von Römer 1, 16-17
3.3 Die Anthropologie in der Lutherischen Rechtfertigungslehre
3.4 Der Mensch als Sünder
4. Persönliche Stellungsnahme
4.1 Die Lutherische Rechtfertigungslehre im Spiegel der heutigen Zeit
5. Fazit
6. Literaturrecherche
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rechtfertigungslehre Martin Luthers unter einem anthropologischen Fokus, mit dem Ziel, die zentrale These „Simul iustus et peccator“ zu analysieren. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie der Mensch in der lutherischen Theologie vor Gott gerechtfertigt wird, welche Rolle die Sünde in der menschlichen Existenz spielt und welche Bedeutung dieses historische Verständnis für den Menschen in einer modernen Leistungsgesellschaft hat.
- Anthropologische Analyse der lutherischen Rechtfertigungsthese „Simul iustus et peccator“.
- Vergleich der lutherischen Lehre mit paulinischen, augustinischen und pelagianischen Vorläufern.
- Untersuchung des Konzepts der „Sünde“ als „cor incurvatio in se ipso“.
- Reflektion der Aktualität lutherischer Rechtfertigungstheologie im Kontext heutiger Leistungszwänge.
Auszug aus dem Buch
3.4 Der Mensch als Sünder
Am Anfang dieser Proseminararbeit wurde erwähnt, dass die Sünde dort beginnt, wo man sich von Gott entfremdet. Die Sünde wurde dort auch als Gottesferne definiert. Martin Luther betont, dass der Mensch total und ganz Sünder ist. Kein Gesetz, kein Wollen, kein Ideal, kein noch so gutes Wollen sowie noch so gutes Werk können dem Menschen helfen, sich von seiner Sündhaftigkeit zu lösen. Der Mensch will ständig sein Gutes, aber es gelingt ihm. Die Sünde liegt in der Natur des Menschen, was durch die Lehre von der Erbsünde unterstrichen wird. Die Sünde kann man als Grundhaltung und Grundeinstellung des Menschen erachten. Martin Luther bezeichnete die Sünde als “cor incurvatio in se ipso“.
Die Sünde wird als das “Verkrümmt sein in sich selbst“ gesehen, quasi kann es auch als “in sich selbst gefangen sein“ beschrieben werden. Die Sünde ist eine Tat, genau genommen eine Untat und der Täter der Sünde ist der Mensch. E. Jüngel bezeichnet die Sünde als eine Macht, die der Mensch unterworfen und dienstbar ist. Alle Taten, die von Gott wegführen und auf den eigenen Vorteil ausgerichtet sind, können als Sünde angesehen werden. Die Sünde beginnt ergo mit Selbstbezogenheit und Egoismus. In diesem Zusammenhang ist es erwähnenswert, wie Eberhard Jüngel die Sünde definiert: Die Sünde liegt vor, wenn jemand sich von Gott abwendet, wenn man sich selbst verwirklicht, wenn man auf sich selbst bezogen ist, wenn sich selbst das Gute verschaffen will und, wenn man sich selbst unter Zwang setzt. Wo für den Menschen nicht Gott im Mittelpunkt steht, sondern der Mensch sich selbst im Mittelpunkt sieht, fängt die Sünde an.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Themas, der zentralen These „Simul iustus et peccator“ sowie der methodischen Herangehensweise der Arbeit.
2. Die Rechtfertigungslehre allgemein und ihre Formen: Überblick über historische Rechtfertigungslehren von Paulus, Augustin und Pelagius als Vorläufer und Kontrast zur lutherischen Lehre.
3. Die Lutherische Rechtfertigungslehre: Detaillierte Betrachtung des biografischen Kontexts, der Exegese von Römer 1, 16-17 und der anthropologischen Konsequenzen des lutherischen Menschenbildes.
4. Persönliche Stellungsnahme: Kritische Reflexion über die Relevanz der Rechtfertigungstheologie Luthers in der heutigen Leistungsgesellschaft.
5. Fazit: Zusammenfassung der Ergebnisse, welche die Gültigkeit des „Gerechten und Sünder zugleich“ unterstreichen.
6. Literaturrecherche: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Rechtfertigungslehre, Martin Luther, Simul iustus et peccator, Anthropologie, Sünde, Gnade, Glaube, Römerbrief, Leistungsgesellschaft, Werkgerechtigkeit, Cor incurvatio in se ipso, Gottvertrauen, Exklusivpartikel, Erlösung, Christliche Ethik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der anthropologischen Dimension der Rechtfertigungslehre Martin Luthers und der Frage, wie diese das menschliche Dasein bestimmt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Sündhaftigkeit des Menschen, der Glaube als Befreiung sowie der Vergleich mit historischen Gnadenlehren.
Welches Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist die Untersuchung der These „Simul iustus et peccator“ und deren Bedeutung für das moderne Menschenbild.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine systematische Analyse der Theologie anhand von Bibeltexten, Kommentaren und lutherischen Schriften durchgeführt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Luthers Biografie, die Exegese von Römer 1, 16-17 und die Definition der Sünde als Selbstbezogenheit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Begriffe wie Rechtfertigungslehre, Gnade, Sünde, Glaube und die Leistungsgesellschaft sind hierbei prägend.
Was bedeutet „cor incurvatio in se ipso“ im Kontext der Arbeit?
Dieser Begriff beschreibt die Sünde als ein „Verkrümmtsein in sich selbst“, bei dem der Mensch sich egozentrisch an die Stelle Gottes setzt.
Wie bewertet der Autor den Leistungsdruck der heutigen Zeit?
Der Autor sieht die heutige Leistungsgesellschaft als eine Form der Entfremdung, aus der die Rechtfertigungslehre durch die Zusage der bedingungslosen Annahme durch Gott befreien kann.
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- Wilhelm Weber (Author), 2008, Simul iustus et peccator - Die Anthropologie der Rechtfertigungslehre Luthers, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112675