Die folgende Arbeit geht der statistischen Verbindung von Migrationshintergrund und Bildungserfolg auf Basis von Grundschülern in Nordrhein-Westfalen nach.
Der Begriff des Migrationshintergrundes ist wesentlich komplexer als es zu Beginn scheinen mag. Die Erhebung und die daraus resultierende Statistik der einzelnen Bundesländer lassen sich, aufgrund unstimmiger Erhebungsverfahren, nicht miteinander vergleichen. Gründe sind unter anderem dafür, dass die offizielle Definition der Kultusministerkonferenz (KMK) nicht in allen Bundesländern einheitlich übernommen wurde. In Nordrhein-Westfalen (NRW) wird eine eigene Definition für ein valides Erhebungskonzept genutzt und grenzt sich damit von der offiziellen Variante ab, welche dadurch keine Umsetzung der KMK-Definition ermöglicht. Die Bildungsbeteiligung der Schüler kann demnach inkorrekt interpretiert werden, was eine politische Handlung zur Folge hätte, die sich auf die Schüler auswirkt. Die politische und die wissenschaftlichen Sichtweisen und Folgen werden dahingehend untersucht, wie die Definition des Migrationshintergrundes vom KMK und vom Land NRW sich auf die Bildungserfolge von Grundschülern auswirkt.
Inhaltsverzeichnis der Arbeit
1. Einleitung
2. Definition Migrationshintergrund
2.1 Kultusministerkonferenz und Nordrhein-Westfalen
2.2 Wissenschaftliche Merkmale
2.3 Politische Merkmale
3. Bildungserfolg
4. Grundschule
5. Fazit
Zielsetzung & Themen der Forschungsarbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie sich unterschiedliche Definitionen und Erhebungsverfahren des Migrationshintergrundes auf die statistische Erfassung des Bildungserfolgs von Grundschülern in Nordrhein-Westfalen im Vergleich zu anderen Bundesländern auswirken.
- Analyse der offiziellen KMK-Definition im Vergleich zu landesspezifischen Ansätzen (NRW).
- Untersuchung der Effekte von Over- und Undercoverage durch variierende Definitionsmerkmale.
- Theoretische Fundierung durch den Ansatz des "Social Construction of target populations" von Ingram und Schneider.
- Vergleich von Schulstatistiken zur Identifikation von Unstimmigkeiten in der Datenlage.
- Diskussion der Auswirkungen auf bildungspolitische Steuerungsentscheidungen.
Auszug aus dem Buch
2. Definition Migrationshintergrund
Die Einführung des Terminus Migrationshintergrund lässt sich zurückführen auf den Anfang der 2000er-Jahre in dem Schulleistungsstudien international verglichen werden sollten (Kemper 2010, S.315). Die Erfassung eines Migrationshintergrundes ist jedoch nicht so eindeutig, wie der feststehende Begriff suggerieren mag. Zuvor wurde als Unterscheidungsmerkmal, ob ein Migrationshintergrund vorliegt oder nicht, nur die „Staatsangehörigkeit“ genutzt. Das neu erschaffene Konstrukt, eröffnet die Möglichkeit den migrationsbedingten demografischen Wandel genauer zu erfassen (Kemper 2010, S.315-316). Die Zusammensetzung der Definitionsbestimmung des Migrationshintergrundes ist komplex und auswechselbar. Um Unstimmigkeiten innerhalb Deutschlands entgegenzuwirken und die Erfassung von Schülern mit Migrationshintergrund zu vereinfachen, wurde durch die Kultusministerkonferenz 2008 eine offizielle Definition festgelegt, die als Vorschlag gilt, um eine Vergleichbarkeit der Daten zu gewährlisten (KMK 2008, S.30). Dennoch nutzt das Bundesland NRW eine andere Zusammenstellung von Merkmalen zur Bestimmung des Migrationshintergrundes (Kemper 2010, S.317). Die Definition, ob Schüler einen Migrationshintergrund besitzen, wird innerhalb NRW, zusätzlich zu der „Staatsangehörigkeit“, mit weiteren Merkmalen, wie den Spätaussiedlerstatus und die Religionszugehörigkeit, definiert (Kemper 2010, S.317).
Für amtliche Statistik wird grundlegend „die Staatsbürgerschaft herangezogen, um die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Migrantengruppe zu bestimmen“ (Gresch u. Kirsten 2011, S.209). Die Problematik dabei: Over- und Undercoverage, wobei sich nicht alle Schüler mit Migrationshintergrund erfassen lassen. In den Statistiken bleiben eingebürgerte Migranten mit ihren Nachkommen sowie Zuwanderer mit deutscher Staatsbürgerschaft, wie Spätaussiedler, unberücksichtigt, wobei diese Gruppen einen nennenswerten Bevölkerungsteil ausmachen (Gresch u. Kirsten 2011, S.209). Um die Auswirkung von Over- und Undercoverage bei der Erhebung des Migrationshintergrundes auf den Bildungserfolg zu beschreiben, muss vorab dargestellt werden, was die jeweiligen Effekte aussagen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der statistischen Erfassung von Schülern mit Migrationshintergrund ein und formuliert die zentrale Forschungsfrage nach den Auswirkungen der Definitionsunterschiede auf den Bildungserfolg.
2. Definition Migrationshintergrund: In diesem Kapitel werden die unterschiedlichen Begriffsbestimmungen von KMK und dem Land NRW sowie wissenschaftliche und politische Kriterien für die Merkmalszusammensetzung kritisch analysiert.
3. Bildungserfolg: Das Kapitel beleuchtet den Begriff Bildungserfolg in Bezug auf soziale Teilhabe, Bildungschancen und die Auswirkungen von politisch definierten Zielpopulationen.
4. Grundschule: Hier wird der Fokus spezifisch auf die erste Stufe des Bildungssystems gelegt und ein empirischer Vergleich zwischen den statistischen Erhebungsverfahren in Nordrhein-Westfalen und Hamburg vorgenommen.
5. Fazit: Das Fazit fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen und konstatiert, dass die mangelnde Vergleichbarkeit der Daten aufgrund unterschiedlicher Definitionen eine fundierte bildungspolitische Analyse erschwert.
Schlüsselwörter
Migrationshintergrund, Bildungserfolg, Grundschule, Nordrhein-Westfalen, Kultusministerkonferenz, Staatsangehörigkeit, Bildungsstatistik, Overcoverage, Undercoverage, Zuwanderungsgeschichte, Sozialer Aufbau, Bildungsbeteiligung, Schulstatistik, Operationalisierung, Migrationsforschung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der methodischen Problematik, wie der Begriff "Migrationshintergrund" in schulstatistischen Erhebungen definiert und operationalisiert wird und welche Konsequenzen dies für die Messung von Bildungserfolgen hat.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder umfassen die Definition des Migrationshintergrundes, die methodische Differenz zwischen verschiedenen Bundesländern (insbesondere NRW und Hamburg) sowie die soziopolitische Konstruktion von Zielpopulationen im Bildungssystem.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: Wie wirkt sich die Definition des Migrationshintergrundes auf den statistischen Bildungserfolg von Grundschülern mit Migrationshintergrund in Deutschland aus?
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretisch geleitete Analyse, die den Ansatz des "Social Construction of target populations" (Ingram & Schneider) mit dem Vergleich amtlicher Schulstatistiken und bestehender Definitionen (KMK vs. Landesebene) kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Definitionsunterschiede zwischen KMK und NRW erörtert, anschließend die wissenschaftlichen und politischen Kriterien hinterfragt und schließlich der Bildungserfolg anhand des Grundschulkontexts sowie eines direkten Datenvergleichs zwischen NRW und Hamburg analysiert.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Migrationshintergrund, Operationalisierung, Over-/Undercoverage, Bildungserfolg und die politische Steuerung des Bildungssystems.
Warum erschwert die NRW-Definition den Vergleich mit anderen Ländern?
Die NRW-Definition weicht von der KMK-Empfehlung ab, erhebt teilweise Aggregatdaten statt Individualdaten und nutzt eine spezifische Merkmalskombination, was eine direkte Vergleichbarkeit mit anderen Bundesländern statistisch unmöglich macht.
Was bedeutet der Effekt von "Overcoverage" und "Undercoverage" in diesem Kontext?
Overcoverage bezeichnet das doppelte Erfassen oder Einbeziehen nicht intendierter Gruppen, während Undercoverage bedeutet, dass relevante Gruppen (wie z.B. bestimmte Spätaussiedler oder eingebürgerte Personen) in den Statistiken nicht als Personen mit Migrationshintergrund erscheinen, obwohl sie dies faktisch sind.
Welche Rolle spielt die Theorie von Ingram und Schneider?
Sie wird verwendet, um zu zeigen, wie Politik durch soziale Konstrukte über Zielgruppen entscheidet und wie diese Konstrukte – hier die Vorstellung von Schülern mit Migrationshintergrund – politische Handlungen und die Ressourcenverteilung beeinflussen.
- Arbeit zitieren
- Magdalena Kensy (Autor:in), 2020, Migrationshintergrund und Bildungserfolg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1126827