Formen barocker Frömmigkeit


Seminararbeit, 2008

29 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsdefinitionen
2.1 Frömmigkeit
2.2 Volksfrömmigkeit
2.3 Barock

3 Volksfrömmigkeit als Mittel der Sozialdisziplinierung

4 Religiöse Volkskultur versus Elitekultur

5 Mariannische Frömmigkeit
5.1 Lorettokapelle

6 Kalvarienberg
6.1 St. Radegund bei Graz
6.2 Kalvarienbergkirche Eisenstadt

7 Barocke Kunst als Mittel der Propaganda
7.1 Der barocke Farbraum als Propagandamittel der Gegenreformation am Beispiel der Wiener Universitätskirche

8 Schlussbemerkung

9 Abbildungen

10 Abbildungsnachweis

11 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit trägt den Titel Barocke Frömmigkeit. Durch den Titel ist die zeitliche Begrenzung dieses Seminarthemas vorgegeben, also das späte 16. Jahrhundert bis einschließlich der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Räumlich habe ich das Thema auf das Gebiet des heutigen Österreich eingeschränkt. Dies ergibt sich auch aus den Standorten der beschriebenen Kunst- und Bauwerke die auch als Quellen dienen, und die sich auf dem Gebiet des gegenwärtigen Österreich befinden. Am Beginn der Arbeit versuche ich die Begriffe Frömmigkeit, Volksfömmigkeit und Barock zu definieren. Im ersten Kapitel gehe ich der Frage nach, ob Volksfrömmigkeit in der Barockzeit auch ein Mittel zur Sozialdisziplinierung darstellte. Dazu gehört auch das Verhältnis zwischen Volkskultur und Elitenkultur. Das zweite Kapitel soll klären ob und wie Barocke Kunst gezielt als Propagandamittel der Gegenreformation eingesetzt werden konnte.

Als Beispiele und Quellen dienen hier die Wiener Universitätskirche (Jesuitenkirche), die Bergkirche in Eisenstadt sowie die Kalvarienberganlage in St. Radegund bei Graz. Auf den in der Barockzeit so bedeutenden Aspekt der Marianischen Frömmigkeit wird in dieser Arbeit ebenfalls eingegangen.

2 Begriffsdefinitionen

2.1 Frömmigkeit

Der Begriff der Frömmigkeit bezeichnet das religiöse Verhalten eines Menschen, seine Gesinnung und sein Handeln in der Beziehung zu Gott. Der fromme Mensch zeichnet sich dadurch aus, dass sein Denken und Tun den religiösen Vorschriften entsprechen. Wenn dies nur vorgetäuscht wird, um den Eindruck der Frömmigkeit zu erreichen, spricht man von Frömmelei, Bigotterie und Scheinheiligkeit.

Das Wort fromm leitet sich vom althochdeutschen fruma her, was soviel bedeutet wie Nutzen oder Vorteil, und wurde zu mittelhochdeutsch frum. Frum bedeutet voranstehend, bevorzugt, aber auch förderlich und tüchtig[1]. Diese Bedeutung hielt sich bis ins 16. Jahrhundert. Noch Martin Luther benutzte es in diesem Sinne. Luther benutzte das Wort „gottseelig“, wenn er das heute gebräuchliche fromm meinte. Die ursprüngliche Wortbedeutung hat sich auch in Formulierungen wie „fromme Hände“, “ frommer Knecht“ oder „frommes Tier“, wo es „gut, nützlich oder ehrlich“ sowie „sanft, leicht lenkbar, gehorsam“ bedeutet (z.B. lammfromm). Seit dem 17. Jahrhundert wird Frömmigkeit hauptsächlich in dem noch heute geläufigen Zusammenhang gebraucht.

Im Mittelalter galt vor allem das von der Welt abgewandte zurückgezogene Leben, etwa im Kloster als Ausdruck tiefer Frömmigkeit. Erst im Laufe der Zeit entwickelte sich das Verständnis von Frömmigkeit dahin, dass jeder Gläubige als fromm gelten kann, ohne das seine Frömmigkeit an bestimmte äußere Gegebenheiten, wie zum Beispiel das Leben im Kloster, gebunden sein musste[2]. Seit der Aufklärung wird, vorwiegend im Protestantismus, immer mehr die „Innerlichkeit“ betont, das religiöse Gefühl des einzelnen Gläubigen, der auch im „stillen Kämmerlein“ seine Frömmigkeit leben kann, wird ganz wichtig. Hieraus entstand im 18. Jahrhundert die große Bewegung des Pietismus, die in ihren Anfängen ganz von der persönlichen, privaten Frömmigkeit geprägt war. Jeder muss vor sich selbst und seinen Schöpfer vertreten, wie wahrhaftig er seinen Dienst für Gott und die Menschen versieht.

2.2 Volksfrömmigkeit

Volksfrömmigkeit bezeichnet einen regional gewachsenen Glauben oder eine Glaubenspraxis. Sie ist dabei meist von der Religionsgemeinschaft akzeptiert, integriert oder geduldet, und unterscheidet sich so vom Aberglauben und der Häresie. Volksfrömmigkeit wird nicht zentral initiiert. Die Volksfrömmigkeit entsteht oft durch den praktischen Umgang gläubiger Laien mit ihrem Glauben. Ihnen ist häufig die Tradition der intellektuellen Diskussion innerhalb des Glaubens nicht oder nur in Ausschnitten bekannt. Hierbei kann auch Eigenes und Neues in der Glaubensausübung entstehen. Regionale Eigenheiten, Einflüsse aus anderen Religionen und Riten, sowie der Zeitgeist erweitern den Glaubensalltag, Feste und Bräuche. Die Volksfrömmigkeit kann durchaus in Opposition zum offiziellen Glauben stehen. Die Übergänge sind fließend und teilweise willkürlich oder nicht leicht nachvollziehbar. Im europäischen Christentum ist die Volksfrömmigkeit auch ein teilweise polemischer Sammelbegriff für religiöse Vorstellungen und Andachtsformen, die eine andere ästhetische und intellektuelle Ausprägung als die geltende klerikale Lehre haben, jedoch das Gefühls- und Alltagsleben einzelner bestimmen[3].

Im Katholizismus hat sich eine Vielfalt volkstümlicher Frömmigkeitsformen entwickelt, vor allem im Bereich der Herz-Jesu-, der Marien-, Engel- und Heiligenverehrung. Die offizielle Liturgie gab der Volksfrömmigkeit Raum und blieb in Kontakt mit ihr. Einseitigkeiten und Auswüchse wurden und werden jedoch vom Lehramt kritisiert und teilweise als Häresie verfolgt.

Der Protestantismus, der eine Rückbesinnung auf die Schrift forderte, stand der Volksfrömmigkeit von Anfang an skeptisch gegenüber. In geringerem Ausmaß haben aber auch in seinem Bereich bildliche und rituelle Ausdrucksformen Raum gefunden und regionale Besonderheiten entwickelten sich.

2.3 Barock

Die Kunst des Barock entsteht in Rom in den 1580/1590er Jahren. Barocker Kunst liegt ein Höchstmaß an Ausdruck und Bewegtheit in der Darstellung zugrunde. Die Aufklärung um das sich emanzipierende Bürgertum im 19. Jahrhundert sieht im Barocken eine künstlerisch minderwertige Weiterentwicklung der Renaissance.

Die Geringschätzung barocker Kunst hat sich bis in das 20. Jahrhundert hinein gehalten. Fakt ist, dass das Barock die letzte gesamteuropäische Kunstrichtung darstellt. Schwieriger ist die Frage, ob es sich bei dem Barockbegriff um einen reinen Kunststil oder um einen Zeitstil, wie etwa die Gotik, handelt. Die aktuelle Forschung und besonders die der letzten Jahre, geht eindeutig dahin,

Barock nicht nur als Kunstbegriff zu verwenden, sondern damit eine Epoche zu beschreiben.

Zeitlich beginnt diese Epoche gegen Ende des 16. Jahrhunderts und dauert in Mitteleuropa etwa bis zum Ende des aufgeklärten Absolutismus, und in Frankreich bis zur Französischen Revolution. Der Baumeister des Barock legt den Schwerpunkt auf die Raumwirkung. Er versucht diese Wirkung dekorativ und malerisch mit allen Mitteln zu vertiefen, auch dadurch, dass er die Harmonie der Verhältnisse zugunsten kräftiger, die Sinne reizender Gegensätze zurücktreten ließ. Die barocken Züge der großen Geste, der Zierlichkeit, des äußeren Prunks und der Versinnlichung des Übersinnlichen sind deshalb dem katholischen Einfluss zuzuschreiben. Die durch die Renaissance zurückgedrängte religiöse Stimmung, die in katholischen Ländern stürmisch nach Ausdruck suchte, trat im Barock derart in Erscheinung, dass man in Deutschland die Barockkunst einfachhin als die Kunst der Gegenreformation bezeichnete[4].

3 Volksfrömmigkeit als Mittel der Sozialdisziplinierung

In der Barockzeit findet laut Keith Thomas eine Transformation der Struktur des Glaubenswissens statt. Er argumentiert in seinem Werk „Religion and the decline of magic“[5], dass zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert Glaubenswissen, welches sich auf Handlungen im Rahmen von Primärgruppen (z.B. Verwandte, Nachbarn, Grundherren) bezog, welche auf die Intervention von jenseitigen Gewalten auf eben diese Primärgruppen abzielte (Magie), an Bedeutung abgenommen hat. Dem gegenüber gewannen stärker verbal orientierte Wissensbestände, die sich auf eine sozial generalisierte Sphäre in Verbindung mit individuell ethischen Handlungsnormen (Religionen) bezogen an Wichtigkeit[6].

Mit anderen Worten verloren also die Erzählungen von Gott gewollten Wunderwirkung beziehungsweise Bestrafungen des individuellen Menschen an Bedeutung. Die heilsgeschichtliche Wirkung bestimmter Ereignisse, die ganze Christenheit betreffend, gewann an Wichtigkeit. Diese langfristige Tendenz wird sichtbar am steigenden Gewicht des Wortes in der Glaubenspraxis. Dieser Trend begann mit der Systematisierung der Predigt durch die Schaffung städtischer Prädikaturen in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Im 16. Jahrhundert kam es zur Ausbildung und Abfassung von allgemein verbindlichen Bekenntnissen, welche der breiten Bevölkerung in den Katechismen vermittelt wurden. Im katholischen Bereich war dies vor allem der Catechismus Romanus 1566 und Canisius 1555. Im 17. Jahrhundert fand diese Entwicklung ihren Abschluss mit der Systematisierung der Seelsorge an den theologischen Hochschulen und der Ausbildung der barocken Volkspredigt als eigenständige literarische Gattung[7]. Im katholischen Raum nimmt die Verehrung der Eucharistie und die damit in Beziehung stehenden marianischen Frömmigkeitsformen zu, insbesondere im Rahmen von Rosenkranzbruderschaften. Die individuelle Frömmigkeit steht ganz im Zeichen der Aneignung von heilsgeschichtlichem Wissen. Die Überprüfung des eigenen Handelns im Hinblick auf dieses Wissen und auf moralische Standards nimmt einen viel höheren Stellenwert ein als die Verehrung eines konkreten Heiligen[8].

4 Religiöse Volkskultur versus Elitekultur

Über die neuzeitliche Volksreligiosität sind sich in den letzten Jahren einige kontroversielle Meinungen entstanden und zwar, ob es für die gelebte Frömmigkeit so etwas wie eine Elitekultur und eine Volkskultur gab. Das niedere Volk habe seine eigene Lebenswelt und auch seine eigene Religion gehabt[9].

Diese Sichtweisen teilen Peter Burke, Robert Muchembled und Carlo Ginzburg. Im folgenden möchte ich diese Meinungen sehr kurz und pointiert wiedergegeben.

Ginzburg etwa entdeckt im Mittelalter eine „Jahrtausend alte Tradition, eine bäuerliche Religion, die sehr wenig gemeinsam hatte mit der, die der Pfarrer von der Kanzel predigte“[10].

Aber mit der Reformation hatte „ein Zeitalter begonnen, das von hierarchischer Verhärtung, von Indoktrinalisation der Massen von oben herab, einer Vernichtung der Volkskultur und von mehr oder weniger gewaltsamen Ausgrenzung der Minderheiten und abweichenden Gruppen gekennzeichnet war“[11].

Die Argumentation von Robert Muchembled geht ebenfalls in diese Richtung. Dem Leben der unteren Bevölkerungsschichten habe ein „antimistisch-vitalisches Weltbild“[12] zugrundegelegen, eine „unorthodoxe Volksreligion“[13], die im spätmittelalterlichen Heiligen- und Reliquienkult ihrer Kulturinformation erfuhr[14]. Die neuzeitliche Gelehrtenkultur der königlichen Beamten, der kirchlichen Prediger und des städtischen Bürgertums seien zur „gnadenlosen Unterdrückung“[15], ja zu einem „Unterwerfungsfeldzug“[16] angetreten. Auch Peter Burke meint, dass sie die gebildeten Klassen und die adelige Oberschicht versucht, eine Reform der Volkskultur zu etablieren, um „Wohlanständigkeit, Ordnung, Selbstkontrolle und Sparsamkeit[17] herbeizuführen.

Alle diese Meinungen gehen von einer Zerstörung der eigenständigen Volksreligion aus. Diese wird ersetzt von einer dokrinalen Kirchlichkeit, unter welche man sich unterzuordnen hatte. Gerhard Oestreich spricht in diesen Zusammenhang von „Sozialdisziplinierung“ und „Zucht und Ordnung“, die ein grundlegendes Phänomen der neuzeitlichen Staats- und Lebensführung geworden sind[18]. Sozialdisziplinierung will das geordnete Leben in der Gesellschaft mit Blick auf den Staat stärken und hierfür das menschliche Verhalten im Beruf und Lebensmoral zu disziplinieren[19].

[...]


[1] Brockhaus Enzyklopädie. Band 6. Mannheim 1999, S. 375

[2] Arnold Angenendt, Geschichte der Religiosität im Mittelalter. Darmstadt 2000, S. 145

[3] Theologische Realenzyklopädie. Band 35. Berlin 2003, S. 214

[4] Ludwig Andreas Veit, Kirche und Volksfrömmigkeit im Zeitalter des Barock. Freiburg 1936, S. 36

[5] Keith Thomas, Religion and the decline of magic, Studies in popular beliefs in sixteenth and seventeeth century England.
London 1971, S. 234

[6] Ulrich Pfister, Katholische Reform und ländliche Glaubenspraxis in Graubünden, 17. Und 18. Jahrhundert.

In: Norbert Haag, Ländliche Frömmigkeit. Konfessionskulturen und Lebenswelten 1500 – 1800. Stuttgart 2002, S. 118

[7] ebenda

[8] Ludwig Andreas Veit/Ludwig Lenhart, Kirche und Volksfrömmigkeit im Zeitalter des Barock. Freiburg 1956, S. 99

[9] Arnold Angenendt, Geschichte der Religiosität im Mittelalter. Darmstadt 2000, S. 253

[10] Corlo Ginzburg, Der Käse und die Würmer, Die Welt eines Müllers um 1600. Frankfurt 1983, S. 105

[11] Ginzburg, S. 172

[12] Robert Muchembled, Kultur des Volkes – Kultur der Eliten. Die Geschichte einer erfolgreichen Verdrängung.
Stuttgart 1982, S. 105

[13] Muchembled, S. 13

[14] Muchembled, S. 103

[15] Muchembled, S. 172

[16] Muchembled, S. 277

[17] Peter Burke, Helden, Schurken und Narren, Europäische Volkskultur in der frühen Neuzeit. Stuttgart 1981, S. 227

[18] Arnold Angenendt, Geschichte der Religiosität im Mittelalter. Darmstadt 2000, S. 254

[19] ebenda

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Formen barocker Frömmigkeit
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Reformation und Gegenreformation in Europa
Note
2
Autor
Jahr
2008
Seiten
29
Katalognummer
V112697
ISBN (eBook)
9783640122462
ISBN (Buch)
9783640123865
Dateigröße
6380 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Formen, Frömmigkeit, Reformation, Gegenreformation, Europa
Arbeit zitieren
Anton Fleckl (Autor), 2008, Formen barocker Frömmigkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112697

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