Pflege beider Elternteile und die Auswirkungen auf die eigene Biografie

Eine narrativ-biografische Rekonstruktion


Forschungsarbeit, 2020

75 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Sozialforschung

3. Biografieforschung

4. Methodik und Vorgehensweise
4.1 Narrativ-biografisches Interview
4.2 Methode der Auswertung biografischer Fallrekonstruktion
4.3 Samplekriterien für das Interview
4.4 Verlauf des Interviews
4.5 Forschungsethik
4.6 Datenschutz

5. Auswertung
5.1 Analyse der biografischen Daten
5.2 Text- und thematische Feldanalyse
5.3 Rekonstruktion der Fallgeschichte
5.4 Kontrastierung der erzählten mit der erlebten Lebensgeschichte

6. Diskussion der Ergebnisse /Fazit
6.1 Antworten auf die Forschungsfrage
6.2 Zusammenhang mit dem Stand der Forschung
6.3 Bedeutung für die Soziale Arbeit

7. Fachlich geleitete Reflexion

8. Literaturverzeichnis

9. Quellenverzeichnis

Anhang

Erklärung

1. Einleitung

Aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung und der daraus resultierenden hohen Zahl pflegebedürftiger Personen ist die Betreuung eines Familienangehörigen immer mehr als ein gesellschaftliches Thema in den Fokus gerückt (vgl. Statistisches Bundesamt 2017).

Angehörige, welche ein Familienmitglied pflegen, sind mit spezifischen belastenden Realitäten konfrontiert. Eine große Herausforderung stellt die Vereinbarung der Pflege mit den bisherigen Lebensgewohnheiten und Pflichten sowie das Annehmen und Akzeptieren der damit verbundenen Lebensveränderung dar (vgl. Wilz/Pfeiffer 2019: 3ff.). Bislang gewohnte Abläufe verändern sich drastisch und können zu einer gravierenden Beeinträchtigung des Lebensgefühls der Angehörigen führen (vgl. Gröning/Kunstmann/Rensing 2004: 37f.). Die Übernahme der Pflege kann viele belastende Emotionen bei den Betroffenen hervorrufen. Belastende Situationen und Herausforderungen in der Betreuung und Pflege können zu Emotionen wie Wut, Frustration, Ärger und aggressiven Handlungen führen. Manchen pflegenden Angehörigen sind diese Emotionen nicht bewusst, andere möchten den Gepflegten nicht bewerten und leugnen die Verhaltensauffälligkeiten. Viele pflegende Angehörige berichten auch von Schuldgefühlen, welche durch den Gedanken entstehen, in der Pflege zu versagen. Diese Schuldgefühle stehen im Zusammenhang mit einem erhöhtem Stresserleben, depressiven Symptomen und Angst. Die Angst sowie Hilflosigkeit stellen weitere Emotionen dar, welche Angehörige wahrnehmen können. Diese können sich auf die Sorge über den gesundheitlichen Zustand des Gepflegten beziehen, aber auch auf Zukunftssorgen, die Pflege irgendwann nicht mehr bewältigen zu können. Damit verbunden kann auch eine gewisse Hilflosigkeit entstehen. Zudem kann es in der Pflege auch zu Ekelgefühlen kommen, welche sich meist auf die Körperpflege oder die Essensaufnahme beziehen. Somit müssen Angehörige einen Weg für sich finden, wie sie mit diesen Aufgaben umgehen und diese bewältigen. Zudem empfinden die Angehörigen auch ein Verlusterleben, welches sich auf die eigene freie Lebens- und Alltagsgestaltung bezieht. Der Verlust der Aktivitäten des eigenen Interesses, der Abschied von Zukunftsplänen sowie die Wahrnehmung von der Beeinträchtigung der Selbständigkeit durch die Pflege können belastende Trauergefühle auslösen (vgl. Wilz/Pfeiffer 2019: 8ff.).

Die gesundheits- und krankheitsbezogene Familienforschung hat in den letzten Jahren den Einfluss von erkrankten Menschen auf das Familienleben untersucht. In diesen Untersuchungen werden Sorgen beschrieben, die die Familienangehörigen stark beeinflussen. Die emotionale Belastung, die körperliche Erschöpfung, Unsicherheit, Ängste und Veränderungen im Alltag, sowie existentielle Fragen sind nur einige der Sorgen, welche die Familienangehörigen erfahren können (vgl. Haagen/Romer 2007: 15f.).

Es kommt hinzu, dass pflegende Angehörige im Vergleich zu nicht-Pflegenden stärkere stressbedingte und depressive Symptome sowie ein niedrigeres Wohlbefinden und eine schlechte Immunfunktion aufweisen. Auch psychische Störungen können entstehen und zeigen somit, dass die Pflege eines Angehörigen ein Risikofaktor sein kann. Pflegende, die über geringe Ressourcen verfügen (z.B. Mangel an Unterstützung), in einer sehr belastenden Pflegesituation leben oder einen nahestehenden Familienangehörigen pflegen, welcher vor allem emotionale Unterstützung benötigt, scheinen eher für die Entwicklung psychischer Symptome gefährdet zu sein (vgl. Wilz/Pfeiffer 2019: 11f.). Die Pflege kann als äußernd belastend erlebt werden, wenn keine Alternativen zur Übernahme der Pflegeverantwortung wahrgenommen werden. Soziale Werte und Normen können die Belastungen einer Pflege erschweren. Somit sind stärkere Belastungen und psychische Symptome vor allem bei den pflegenden Angehörigen festzustellen, welche sich aufgrund von Verpflichtungs- und Dankbarkeitsgefühlen, moralischen oder familiären Normen und Erwartungen für die Übernahme der Pflege entscheiden. In vielen Fällen wird die Pflegeverantwortung impliziert von den Töchtern oder Schwiegertöchtern erwartet. Dies ist in der Entwicklung der Gesellschaft kulturell tief verankert und stellt bis heute ein großes Thema dar. Vor allem Frauen fühlen sich häufig in die Pflegerolle gedrängt und erleben diese Verantwortung als eine Pflicht (vgl. Wilz/Pfeiffer 2019: 15). Laut dem Pflegereport Barmer aus dem Jahr 2018 gibt es in Deutschland aktuell rund 2,5 Millionen pflegende Angehörige, darunter rund 1,65 Millionen Frauen (vgl. Rothgang/Müller 2018: 10). Angehörige, welche sich hingegen bewusst für die Pflege entscheiden, erfahren in der Regel mehr Erfüllung und Sinngebung durch die Pflegeaufgabe (vgl. Wilz/Pfeiffer 2019: 16).

Aus diesen aktuellen gesellschaftlichen Themen fokussiert sich mein Interesse auf die Veränderung des Alltags und den damit verbundenen Gefühlen und Herausforderungen in einer Pflegeübernahme von pflegenden Angehörigen. Zudem gilt mein Interesse auch der Veränderung der eigenen Biografie einer pflegenden Person. Im Rahmen des Studiengangs „Soziale Arbeit“ in dem Seminar „Forschungswerkstatt narrativ-biografische Rekonstruktion“ gehe ich diesem Interesse nach. Der Fokus dieses Forschungsseminars liegt auf der qualitativen Sozialforschung und beschäftigt sich mit den Biografien von Menschen, die anhand eines narrativen Interviews erfasst, analysiert und rekonstruiert werden sollen, um am Ende zu einem Forschungsbericht zu resultieren. In diesem Forschungsbericht wird der Forschungsfrage „Inwiefern wirkt sich die Pflege beider erkrankter Elternteile auf den Alltag und die Biografie eines Menschen aus?“ nachgegangen. Für diese Forschung wird eine ältere Dame interviewt, die ihre erkrankten und pflegebedürftigen Eltern bis zum Ende derer Lebenszeit selbstständig gepflegt hat. Mein Erkenntnisinteresse fokussiert sich vor allem auf der Veränderung des Alltags der Biografin. Zudem liegt mein Interesse darin, herauszufinden inwiefern sich die Pflege der beiden Elternteile auf die eigene Biografie der Interviewten ausgewirkt hat. Zudem möchte ich der Frage nachgehen, inwiefern das geschlechtsspezifische Rollenbild im Kontext des Pflegebereiches von damals im Alltag der Biografin eine Rolle gespielt hat.

In dem Folgenden Forschungsbericht wird zunächst ein Einblick in die qualitative Sozialforschung sowie in die Biografieforschung gegeben. Darüber hinaus werden Methoden und Vorgehensweisen, welche den vorliegenden Forschungsbericht stützen, aufgezeigt. Hierbei wird die Erhebungsmethode, die Auswertungsmethode nach Fischer-Rosenthal, die Samplekriterien und den Verlauf des Interviews erläutert. Zudem wird ein Einblick in den Datenschutz sowie in die Forschungsethik gegeben. Im Anschluss werden die Analyse der biografischen Daten, die Text- und thematische Feldanalyse, die Rekonstruktion der Fallgeschichte und die Kontrastierung der erzählten und ererbten Lebenswelt dargestellt. Abschließend folgen ein Fazit, Antworten auf die Forschungsfrage, der Zusammenhang mit dem Stand der Forschung, die Bedeutung für die Soziale Arbeit sowie eine fachliche Reflexion des Forschungsprozesses.

2. Sozialforschung

Der vorliegende Forschungsbericht wird im Rahmen der Sozialen Arbeit erarbeitet und setzt sich mit der Prüfung und der Weiterentwicklung einer sozialwissenschaftlichen Fragestellung auseinander (vgl. Schneider 2012: 18). Aus diesem Grund fällt dieser Forschungsbericht unter die empirische Sozialforschung, welche einen weiten Bereich darstellt. Sie entwickelte sich im Kontext der Soziologie und bezieht sich inzwischen auf alle Arbeitsbereiche der Sozialen Arbeit. Die Sozialforschung setzt sich neben der Prüfung und Weiterentwicklung von Fragestellungen auch mit Konzepten und Theorien auseinander. Die Sozialwissenschaften sind immer empirisch, da sie sich immer mit konkreten Sachverhalten oder Ergebnissen auseinandersetzen und auf Erfahrungen beruhen. Mit der Sozialforschung verfolgt die Soziale Arbeit das Ziel, Wissen über sozialpädagogische Fragestellungen zu erschließen, um die Gesellschaft in ihren Deutungen besser zu verstehen (vgl. Bastian 2018: 652). Der Bereich der Sozialforschung interessiert sich nicht nur für soziale Sachverhalte, wie zum Beispiel das Handeln, das Zusammenleben und die Kommunikation der Menschen, sondern auch für die Welt, wie sie sich den Menschen zeigt, ihre Erfahrungswelten und Interpretationen. Von Interesse ist aber auch das Wissen über Organisationen der Sozialen Arbeit oder zu gesellschaftlichen Sachverhalten. In der Sozialforschung wird allgemein in qualitative und quantitative Forschungsmethoden unterschieden. Die quantitative Forschung fokussiert sich mehr auf die Prüfung von Thesen, während die qualitative Forschung sich mit der Entwicklung von Thesen auseinandersetzt (vgl. Schirmer 2016: 73f.).

3. Biografieforschung

Um der Fragestellung „Inwiefern wirkt sich die Pflege beider erkrankter Elternteile auf den Alltag und die Biografie eines Menschen aus?“ nachzugehen, ist die Biografieforschung unabdingbar. Besonders in der Biografieforschung hat die qualitative bzw. rekonstruktive Methode einen hohen Stellenwert (vgl. Helfferich 2016: 47). Diese wird als essenziellen Bestandteil der empirischen Sozialwissenschaften angesehen. Unter Biografie wird die von einem Individuum produzierte, geschriebene oder erzählte Lebensgeschichte verstanden. Die Biografie gibt eine Aussicht darüber, wie Menschen zu dem wurden, was sie sind (vgl. Helfferich 2016: 43). Dies bedeutet, dass die Biografie das sinnhafte Handeln eines Subjektes in einer Lebensprozess vorgegebenen Zeitstruktur darstellt. Das sinnhafte Handeln meint in diesem Kontext Entscheidungen und Selbstreflexionen (vgl. Sackmann 2007: S. 50). Die Biografieforschung weist ein wesentliches Interesse an den Prozessstrukturen des Lebenslaufes auf. Hierbei handelt es sich um Lebenszyklen von Altersgruppen und Personengruppen mit sozialen Merkmalen in der Gesellschaft. Ein großes Interesse gilt der versprachlichten und versprachlichenden Bewältigung von Erfahrungen, sowie über die Gestaltung sozialer Bezüge. Weitere Interessen liegen in der Verarbeitung von Übergängen und Brüchen (vgl. Helfferich 2016: 47). Es zeigt sich, dass Veränderungen der sozialen Lage in der Kindheit langfristige Folgen in der Erwachsenenzeit haben können. Der Professor Glen Elder fand heraus, dass einige dieser Personen in der Erwachsenenzeit Wendepunkte oder Brüche erlebten, bei denen der vorhersehbare Verlauf unterbrochen wurde (vgl. Sackmann 2007: 55-58). Das Wissen um den bisherigen Lebensweg mit unterschiedlichen Belastungen, Wendepunkten, Lebenskreisen und Ressourcen ist hilfreich, um Menschen dazu zu befähigen ihr weiteres Leben produktiv zu gestalten. Die Biografieforschung hilft diesen Menschen dabei, ihre eigene Identität zu konturieren und zu sichern, indem sie sich in die Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Geschichte begeben (vgl. Helfferich 2016: 43).

4. Methodik und Vorgehensweise

Im Folgenden werden Methoden erläutert, auf die sich der vorliegende Forschungsbericht stützt. Zudem werden Vorgehensweisen aufgeführt, welche die Erarbeitung dieses Berichtes darstellen.

4.1 Narrativ-biografisches Interview

Die Erhebungsmethode des narrative-biografischen Interviews wurde maßgeblich von dem Soziologen Fritz Schütze entwickelt. Anders als bei quantitativen Methoden, fokussiert sich diese Form des qualitativen Interviews nicht auf standardisierte Fragestellungen, sondern auf das freie Erzählen. Bei dieser Form des Interviews werden die Interviewenden dazu aufgefordert zu einem bestimmten Thema ihre eigene Geschichte aus ihrem Leben zu erzählen. Sie eigenen sich vor allem für Themen und Geschichten, die einen starken Handlungsbezug aufweisen (vgl. Mayring 2016: 72f.).

Diese Erhebungsmethode beginnt mit einem Vorgespräch, indem sich zunächst die Interviewpartner/innen miteinander bekannt machen. Da das narrativ-biografische Interview sich deutlich von anderen Erhebungsmethoden in der Vorgehensweise abweicht, ist es wesentlich dies in dem Vorgespräch zu besprechen. Im Vorgespräch werden ebenso das Thema bzw. die detaillierte Fragestellung bekannt gemacht und die Anonymität besprochen. Eine vertrauensvolle Atmosphäre ist eine Voraussetzung für ein gelingendes narrativ-biografisches Interview (vgl. Przyborski/Wohlrad-Sahr 2014: 85ff.). Das narrativ-biografische Interview unterteilt sich in drei Phasen. In der ersten Phase geht es um die Erzählstimulierung. An dieser Stelle wird dem/der Interviewpartner/in das Thema anhand einer Eingangsfrage vorgestellt und begründet. In der zweiten Phase wird nun der/die Interviewpartner/in aufgefordert seine/ihre Geschichte zu erzählen. Der/die Interviewer/in achtet darauf, dass der rote Faden nicht verloren geht. In der letzten Phase des Interviews können nun Rückfragen gestellt werden, um unklare Punkte zu klären (vgl. Mayring 2016: 74). Die Nachfragen sollten zunächst immanent an das Erzählte anschließen. Hierbei geht es darum, Schlüsselwörter aus dem Erzählten herauszufiltern und nochmals dort anzusetzen und nachzufragen, um weitere Informationen zu bekommen. Bei einigen Andeutungen des Erzählten kann unproblematisch nachgefragt werden. In anderen Fällen kann es dazu kommen, dass nochmals das Interesse an einer bestimmten Lebenssituation oder Andeutung des/der Interviewten dargestellt werden muss. Zu dem immanenten Nachfragen gehören auch Bereiche, die in der Erzählung ausgelassen wurden, die aber in den geschilderten Zusammenhang gehören. Daraufhin werden exmanente Nachfragen, bzw. Fragen, die auf Theoretisierung und Beschreibung abstellen angewendet. Hierbei können bestimmte thematische Fragen, die für die Forschung relevant sind, gestellt werden, die nicht immanent auf das bereits Erzählte bezogen sind. An diesem Punkt bietet sich ein Raum für forschungsspezifische Theorien (vgl. Przyborski/Wohlrad-Sahr 2014: 86f.).

Die hohe Zuverlässigkeit der mit den narrativ-biografischen Interviews gewonnenen Daten, haben diesem Verfahren eine wesentliche Stellung bei den Methoden der Biografieforschung verschafft. Dies lässt sich an zwei direkten Vorteilen der Methode des narrativ-biografischen Interviews darstellen. Ein wesentlicher Vorteil ist die Darstellbarkeit subjektiver Relevanzsetzungen im Verlauf des Interviews durch die offene Art der Thematisierung. Ein weiterer Vorteil ist die Möglichkeit der Rekonstruktion des realen Erlebens und Handelns zwischen erlebtem und erzähltem Leben (vgl. Sackmann 2007: 65f.).

4.2 Methode der Auswertung biografischer Fallrekonstruktion

In den vergangenen Jahren wurde in unterschiedlichen (familien-)biografischen Forschungskontexten eine Auswertungsmethode entwickelt, welche zur Auswertung biografischer Interviews verwendet wird. Diese Methode unterscheidet zwischen den Handlungen der Biografen/Biografinnen und deren Präsentation bzw. Deutungen in der Gegenwart. Zu der Auswertungsmethode gehören einzelne Schritte der Analyse, die im Folgenden näher erläutert werden.

Die Auswertung beginnt mit der Analyse der biografischen Daten. Hierbei werden aus allen vorhandenen Datenquellen die biologischen Erlebnisdaten herausgefiltert, in chronologischer Reihenfolge aufgelistet und zu jedem der Daten Hypothesen über die biografische Bedeutung zum Zeitpunkt des Erlebens gebildet. Diese Hypothesen sollen ohne den Bezug des Wissens über diese Daten oder die Selbstaussagen des/der Biografen/Biografin gebildet werden. Das Ziel ist es, Strukturhypothesen zur Lebensgeschichte zu erwerben. Die Bildung der Hypothesen bezieht sich auf die Frage, welche möglichen biografischen Bedeutungen ein spezifisches Erlebnis in einem bestimmten Lebensalter und in der jeweiligen historischen und gesellschaftlichen Zeit gehabt haben könnte (vgl. Loch/Schulze 2012: 693ff.).

Die Text- und thematische Feldanalyse stellt den zweiten Analyseschritt der Auswertungsmethode dar. Hierbei geht es um die Rekonstruktion der Struktur des erzählten Lebens. Das transkribierte Interview wird sequenziert und in der Abfolge des Interviewtextes aufgelistet. Hierbei werden zu jeder Sequenz Hypothesen gebildet und folgende Fragen gestellt: Warum werden diese Inhalte an genau dieser Stelle präsentiert, warum in dieser Textsorte und warum in dieser Auffälligkeit oder kürze? Die Selbstpräsentation wird also in der Gegenwartsperspektive und in der Abfolge ihrer Behandlung rekonstruiert. Das Ziel ist es, Strukturhypothesen zur Selbstpräsentation zu erwerben. Hierbei werden nicht nur die bestimmten Themen deutlich, sondern auch nichtthematisierte Themen. Diese geben Einblicke auf Erlebnisse oder Lebensphasen, deren Thematisierung der Biograf/die Biografin vermeidet. Im dritten Analyseschritt der Auswertung geht es um die Rekonstruktion des erlebten Lebens der Fallgeschichte. Hierbei werden Hypothesen zu den biografischen Daten mit den Aussagen des Biografen/ der Biografin verglichen. Auf diese Weise wird sich den Erlebnissen in der Vergangenheit angenähert. Das Ziel ist es, Strukturhypothesen zum subjektiven Erleben zu erwerben. Hierfür werden mehrere Interviewpassagen mit einer Feinanalyse bearbeitet, um die Fallgeschichte detailliert zu rekonstruieren (vgl. Loch/Schulze 2012: 693ff.).

Im Anschluss folgt der vierte Schritt der Analyse, welche eine abschließende Kontrastierung der erzählten und der erlebten Lebensgeschichte darstellt. Hierbei wird ein Vergleich der Erlebens- und der Erzählebene gezogen, welche aufzeigt in welchem Bedeutungszusammenhang die Präsentation zur Lebenserfahrung des Biografen/der Biografin steht (vgl. Loch/Schulze 2012: 693ff.).

4.3 Samplekriterien für das Interview

Für die Auswahl eines/einer Interviewpartner/Interviewpartnerin ist es wichtig, möglichst niemanden aus dem eigenen sozialen Umfeld zu wählen. Ein weiteres Kriterium ist, dass der/die Interviewte ein gewisses Lebensalter erreicht haben soll, da bereits eine gewisse Lebenserfahrung vorhanden sein muss, um mit einer Biografie im Forschungsrahmen arbeiten zu können (vgl. Przyborski/ Wohlrab-Sahr 2014: 83).

Durch den Austausch über das Forschungsthema mit einer Freundin, fand ich heraus, dass diese in ihrem Bekanntenkreis eine Dame in einem hohen Erwachsenenalter kennt, welche ihre Eltern über lange Zeit gepflegt hat. Sie knüpfte für mich den Kontakt zu dieser Dame und somit lernte ich G. Meier ein paar Tage später in einem ersten Treffen näher kennen. Bereits hier bemerkte ich, dass sie unsicher und zurückhaltend ist. Aus diesem Grund habe ich ihr bereits beim ersten kurzen Treffen von meinem Studium, der Forschungswerkstatt und der Forschungsfrage erzählt. Zudem habe ich ihr von meinem Vorhaben sowie über die Rahmenbedingungen des Interviews informiert. Durch dieses erste Kennenlernen und meiner detaillierten Erläuterung meines Vorhabens, stimmte sie einem Interview zu.

4.4 Verlauf des Interviews

Wie im oberen Teil 4.1 „narrativ-biografisches Interview“ erläutert, teilt sich das narrativ-biografische Interview in verschiedene Phasen, welche in der Vorbereitung sowie bei der Durchführung dieses Interviews berücksichtigt wurden.

Vor dem Interview hat bereits ein erstes Treffen mit der Biografin stattgefunden, welches mir als sehr wesentlich erscheint, um bereits ein erstes Vertrauen zu schaffen und Unklarheiten zu beseitigen. Der Termin sowie den Ort für das Interview sind bereits hier festgelegt worden. Die Biografin hatte den Wunsch geäußert, dass das Interview bei ihr zu Hause stattfinden soll. Um für mich einen ungefähren Rahmen für das Interview zu schaffen, habe ich zwei Leitfäden erstellt. Der eine Leitfaden zeigt mir auf, welche Vorbereitungen ich für das Interview treffen sollte, um ein erfolgreiches Interview zu führen. Der zweite Leitfaden zeigt mir mögliche Fragestellungen zur Orientierung für das Interview auf. Somit habe ich mir Struktur und Sicherheit geschaffen.1

Zu Beginn des Interviews kam es zu einem allgemeinen Austausch, welcher den Einstieg in das Interview sowie der Situation eine angenehme Atmosphäre schafften. Mit meiner Erzählaufforderung der Einstiegsfrage wurde ein erster Erzählstimulus gesetzt. Durch die Aufregung und Unsicherheit der Biografin, hatte diese sich handschriftlich zwei Seiten ihres Lebenslaufes detailliert im Vorhinein notiert und hat diese vorgelesen. Um die Interviewte nicht noch mehr zu verunsichern, habe ich das Vorlesen zugelassen. Nach dieser Erzählung der Biografin, setzte ich erneut einen Erzählstimulus ein, welcher die Biografin in einen Erzählfluss gebracht hat. Im Anschluss habe ich immanente Fragestellungen eingesetzt, welche die Biografin dazu veranlasst haben, weiterhin in einem Erzählfluss zu bleiben. Es folgten exmanente Nachfragen, welche nochmals einen Einblick auf bestimmte Themen ergeben haben. Im Anschluss folgte ein informelles Nachgespräch über das Interview. Um das Interview zu transkribieren, ließen sich bestimmte Transkriptionsregeln festmachen.2

4.5 Forschungsethik

Mit dem Begriff der Forschungsethik werden ethnische Prinzipien und Regeln verstanden, welche die Beziehung zwischen der forschenden Person und der zu erforschenden Person gestalten. Zwei wesentliche Regeln stellen das Prinzip der informierten Einwilligung und das Prinzip der Nicht-Schädigung dar. Bei der informierten Einwilligung ist bedeutsam, dass die Persönlichkeitsrechte der sozialwissenschaftlichen Untersuchungen von einbezogenen Untersuchungen zu schützen sind. Zudem soll die Teilnahme auf Freiwilligkeit basieren und im Vorhinein ausführliche Informationen über Ziele und Methoden aufgezeigt werden. Bei dem Prinzip der Nicht-Schädigung geht es darum, die zu erforschende Person im Rahmen der sozialwissenschaftlichen Untersuchung vor Schädigungen oder Benachteiligungen zu schützen. Hierbei ist es wesentlich, die Interviewten im Vorhinein über mögliche Risiken aufzuklären (vgl. Hopf 2008: 589-594).

4.6 Datenschutz

Forschung bedient sich bestimmter Praktiken der Datenerzeugung, Datensicherung- und Schutzes, sowie der Datenauswertung. Diese Praktiken sind Bedingungen, welche dem Alltag der Forschung einen rechtlichen Rahmen geben (vgl. Reichertz 2016: 159). In den letzten Jahren hat sich viel in dem Bereich des Persönlichkeitsrechtes, der Datensicherheit und vor allem des Datenschutzes verändert. Die Öffentlichkeit steht diesem Punkt nun sensibler gegenüber. Im Gegensatz zu damals, haben heute die Erforschten selber das Recht und die Kompetenz eigenständig Entscheidungen über das Preisgeben ihrer Daten zu treffen und wie sie mit Chancen und Risiken umgehen möchten. Es ist wesentlich dabei, dass die Erforschten ausreichend über das Thema Datenschutz informiert werden (vgl. Reichertz 2016: 161ff.). Ein weiterer Punkt, welcher die Auswertung der Daten betrifft, ist die Anonymisierung. An dieser Stelle werden die Daten nach der Erhebung durch fiktive Daten ersetzt, sodass ein Erkennen der jeweiligen Personen, Orten oder Institution während des Analyseprozesses verhindert wird. Hierbei ist es wichtig, dass nur strukturell unbedeutende Merkmale der Daten anonymisiert und verändert werden, damit wichtige Merkmale der Biografie für die Analyse erhalten bleiben (vgl. Reichertz 2016: 169).

In dem vorliegenden Forschungsbericht werden die Persönlichkeitsrechte bewahrt, indem die Biografin über den Datenschutz informiert wurde und eine Datenschutzerklärung ausgefüllt hat.3 Zudem sind alle Daten (Namen von Personen, Orten, Einrichtungen) zum Schutz der Biografin anonymisiert.

5. Auswertung

Im Folgenden wird das narrativ-biografische Interview nach den Analyseschritten nach Fischer und Rosenthal ausgewertet. In dem ersten Abschnitt „Analyse der biografischen Daten“ wird der erste Analyseschritt ausgewertet. Um die biografischen Daten der Interviewten näher zu erfassen und mögliche Abweichungen zu verdeutlichen, wurden die biografischen Daten in einer Tabelle zusammengefasst, welche sich im Anhang wiederfindet.4 In dem Abschnitt „Text- und thematische Feldanalyse“ wird der zweite Analyseschritt ausgewertet. Um die Text- und thematische Feldanalyse und somit das erzählte Leben der Biografin auszuwerten, wurden die ersten fünf Seiten des Interviews in Thematiken und Textsorten sequenziert und in einer Tabelle komprimiert zusammengefasst.5 Die einzelnen Sequenzen werden analysiert, um einen detaillierten Einblick in die Selbstpräsentation der Biografin zu bekommen. Als nächstes folgt die Rekonstruktion der Fallgeschichte, welche den dritten Analyseschritt darstellt. Um das erlebte Leben in der damaligen und in der heutigen Sicht der Biografin aufzuzeigen, wurde eine Tabelle erstellt, welche das Erleben damals und heute zeigen.6 Die Einzelnen Textstellen lassen sich aus dem Transkript nachlesen.7 Am Ende folgt eine Kontrastierung der erzählten mit der erlebten Lebensgeschichte (vgl. Loch/Schulze 2012: 693ff.).

5.1 Analyse der biografischen Daten

G. Meier wird 1942 geboren und hat keine weiteren Geschwister. Heimisch ist die Familie in dem Dorf A, in einer ländlichen Region. Es ist zu vermuten, dass G. Meier auch in dieser ländlichen Region aufwächst und hier ihre Kindheit verbringt. Durch das Aufwachsen in einem Nahraumgebiet ist es wahrscheinlich, dass G. Meier eine örtliche Nähe bevorzugt und das die Familie kein anonymes Familiendasein hat. Der Vater von G. Meier ist von Beruf Schuhmachermeister und Inhaber eines kleinen Schuhgeschäftes. Nebenbei betreibt er einen kleinen Bauernhof hinter ihrem Wohnhaus. Die Mutter von G. Meier ist von Beruf Kochmamsell, führt jedoch diesen Beruf nicht mehr aus. Durch diese vielen Tätigkeiten des Vaters ist denkbar, dass er wenig Zeit für die Familie hat und diese finanziell absichert. Zudem ist anzunehmen, dass G. Meier von ihrer Mutter zu Hause betreut wird und eine festere Bindung zu ihr hat. Dies zeigt eine klassische Arbeitsteilung zwischen Mutter und Vater. Durch das einzige Einkommen des Vaters lässt sich vermuten, dass die Familie auf einiges verzichten muss. Bereits verstorben sind die Großeltern väterlicherseits. Die Großeltern mütterlicherseits wohnen ebenfalls in Dorf A, im selben Haus und sind beide Rentner. Es liegt nahe, dass G. Meier familiär aufwächst, da ihre Mutter sowie ihre Großeltern täglich nahe bei ihr sind.

Es lässt sich vermuten das G. Meier zu Hause von ihren Eltern betreut wird, da es um den 1940er Jahren soziale Einrichtungen wie eine Kindertagesstätte nicht gab. Da der Vater der Biografin voll berufstätig ist, könnte davon ausgegangen werden, dass G. Meiers Mutter sie zu Hause alleine betreut. Die Betreuungssituation unter sechs Jahren geht aus der Biografie nicht hervor. Im Anschluss kommt G. Meier in eine Gesamtschule, die eine Grundschule und weitere Fachrichtungen miteinschließt. Es lässt sich vermuten das die Biografin hier erste soziale Kontakte erfährt und feste Freundschaften schließt. Zudem ist es naheliegend, dass sie hier ihr Sozialverhalten lernt, da sie vorher nur zu Hause betreut wurde und wahrscheinlich wenig Kontakt zu anderen Kindern hatte. Für sie könnte die Schule auch ein erster Schritt zur Eigenständigkeit sein.

Ab dem Zeitpunkt des Schulabschlusses im Jahr 1956 durchlief G. Meier bis zum Jahr 1964 einige berufliche Ereignisse. 1956 begann sie in einer Zahnarztpraxis als Helferin zu arbeiten, um etwas Geld zu verdienen. Zu diesem Zeitpunkt ist sie vierzehn Jahre alt und es ist naheliegend das sie aufgrund des Alters noch keine Ausbildung anstreben kann. Im Jahr 1958, im Alter von sechszehn Jahren beginnt sie eine Ausbildung zur zahnmedizinischen Fachangestellten und absolviert diese mit Erfolg. Im Jahr 1960 bekommt sie in einer Zahnarztpraxis eine feste Stelle und arbeitet hier bis zum Jahr 1964. Aus der Rekonstruktion geht hervor, dass G. Meier bereits sehr früh anfängt Geld zu verdienen. Durch die große Familie und dem einzigen finanziellen Verdienst des Vaters liegt es nahe, dass G. Meier das Geld nicht nur für sich, sondern auch für ihre Familie verdient. Dies würde zeigen, dass sie bereits in frühen Jahren viel für die Familie leistet, auf einiges verzichten muss und früh lernt mit Geld umzugehen. Dies würde auch bedeuten, dass G. Meier früh lernt Rücksicht zu nehmen und für die Familie zu sorgen. Durch ihre berufliche Laufbahn eignet sie sich wahrscheinlich vielfältige Kompetenzen und Wissen an. Außerdem macht sich durch die zielstrebige berufliche Laufbahn bemerkbar, dass sie Freude an der Arbeit als zahnmedizinische Fachangestellte hat.

Während diesen beruflichen Ereignissen kommt es zu einigen Veränderungen auch im privaten Bereich von G. Meier. Im Jahr 1963 heiratet G. Meier ihren Partner und zieht gemeinsam mit ihm in eine kleine Wohnung in Dorf B. Dies weist darauf hin, dass sie sich zu ihrem Partner fester binden möchte. Damals war es üblich in einem jungen Alter zu heiraten. Da G. Meier zum Zeitpunkt ihrer Hochzeit 23 Jahre alt ist, lässt sich vermuten, dass sie diese Tradition beibehält. Durch den Auszug aus dem Elternhaus ist es naheliegend, dass G. Meier mehr Verantwortung übernimmt und noch selbstständiger wird. Im Jahre 1964 bekommen G. Meier und ihr Mann eine Tochter. Ab diesem Zeitpunkt endet auch G. Meiers Berufstätigkeit. Mit der Geburt eines Kindes war es damals üblich, dass Mütter zu Hause geblieben sind und größtenteils ihren Beruf zunächst aufgaben. Es ist zu vermuten, dass G. Meier sich vollkommen der Kindererziehung widmet und ihr Kind zu Hause alleine betreut. Zudem ist naheliegend, dass sie, wie ihre eigene Mutter, typische Aufgaben im Haushalt alleine erledigt und das damals klassische Rollenbild der Frau einnimmt. Drei Jahre nach der Geburt der Tochter erbauen G. Meier und ihr Mann von 1967 bis 1968 eigenständig ein Eigenheim. Da die Familie das Eigenheim innerhalb kurzer Zeit selber erbaut ist es naheliegend, dass weniger Zeit für die Familie bleibt und sie vor finanziellen Herausforderungen stehen könnten. Eine generelle Überforderung mit dieser Situation wäre nicht auszuschließen. Mit der Fertigstellung des Hauses zieht G. Meier mit ihrer Familie sowie ihren Eltern in das Haus ein. Durch das gemeinsame wohnen mit den mehreren Generationen im Haus, führt G. Meier ihr familiär geprägtes Leben weiter fort. Es liegt nahe, dass G. Meier von ihren eigenen Eltern bei der Kinderbetreuung und im Haushalt Unterstützung erfährt. Das Zusammenleben mit den Eltern könnte für G. Meier auch eine Belastung darstellen, da mögliche Meinungsverschiedenheiten entstehen könnten. Dies würde auch bedeuten, dass sie mögliche Einschränkungen in ihren eigenen Entscheidungen erfahren könnte. Daraus könnte sich resultieren, dass G. Meier mit ihren Eltern in Konfliktsituationen kommen würde. Mit der Geburt des zweiten Kindes im Jahre 1974 wächst die Familie in dem Mehrgenerationenhaus weiter. Daraus lässt sich vermuten, dass G. Meier nun ihre Aufmerksamkeit auf zwei Kinder richten muss, welches mehr Verantwortung und mehr Belastung bedeuten könnte.

Im Jahr 1978 zeigt sich eine gravierende Veränderung in G. Meiers Leben. Anfang 1978 erkranken beide Elternteile und werden pflegebedürftig. G. Meier pflegt ihre Eltern bis zum Jahr 2001. Es ist anzunehmen, dass für G. Meier die Pflege beider Elternteile eine neue Herausforderung darstellt. Da es damals üblich war, die eigenen Eltern zu Hause zu pflegen, könnte davon ausgegangen werden, dass G. Meier diese Aufgabe nicht aus freiem Willen angeht, sondern sie einer Tradition folgt. Es könnte aber auch sein, dass G. Meier durch ihr familiär geprägtes Leben und den familiären Zusammenhalt diese Pflegeaufgaben aus eigenem Willen übernimmt. An der Pflegesituation lässt sich dennoch erkennen, dass G. Meier sich um ihre Familie (Vater und Mutter) sorgt und kümmert. Im Jahre 1990 bis 2001 betreut sie zusätzlich ihre Schwiegereltern. Es ist zu vermuten, dass sie dadurch keine Zeit mehr für sich hat und ihre Kinder lernen müssen eigenständig zu sein. Hier lässt sich wieder vermuten, dass der eigene Verzicht in ihrem Leben weiterhin eine wesentliche Rolle einnimmt. Nicht nur finanzielle Einschränkungen sind möglich, sondern auch die Einschränkung des eigenen Lebens, der Verzicht auf Freizeit und eigenen Wünschen. Durch die lange Pflege der Eltern muss G. Meier ihre berufliche Tätigkeit zurückstellen und Rücksicht nehmen. Es kann sein, dass G. Meier diese Einschränkung der beruflichen Tätigkeit sehr belastet, da sich deutlich erkennen lässt, dass sie an ihrem Beruf Freude hat. G. Meier pflegt ihre Eltern bis zu deren Tod. Ihre Mutter stirbt im Jahre 1988 und ihr Vater im Jahre 2001. Der Tod der Eltern könnte für G. Meier einen großen Verlust bedeuten, um welchen sie lange trauern könnte. Es ist naheliegend, dass sie nun Zeit braucht um diese Ereignisse zu verarbeiten. Es wäre auch möglich, dass sie durch die ständige Betreuung und Pflege nun Erholung erfährt.

5.2 Text- und thematische Feldanalyse

Aus dem gesamten Interview geht hervor, dass die Biografin eine eher sachliche und distanzierte Ansicht gegenüber ihrer eigenen biografischen Lebensgeschichte einnimmt. Dies zeigt sich bereits in der von ihr strukturierten und vorbereiteten Eingangserzählung, welche sich über einen bemerkenswert knappen Rahmen von 6 bis 34 Sequenzen hinweg vollzieht. Dieser beinhaltet eine detaillierte Abfolge von Daten und Fakten zu unterschiedlichen Ereignissen, die einer Aufzählung gleichen. Zunächst gibt die Biografin keine näheren Einblicke in ihre biografische Lebensgeschichte.

Die Biografin präsentiert sich in dem gesamten Interview als sehr zurückhaltend und vorsichtig. Wiederholend kommt es dazu, dass sie tiefgründige Erzählungen meidet, indem sie das Thema wechselt oder nicht weiter auf die Inhalte eingeht. Trotz ihrer vielen Erfahrungen und Erlebnisse in ihrem Leben, gibt sie wenig von diesen Preis. Dies lässt sich vor allem in dem thematischen Feld „ich bin eine Person, die viel erlebt hat“ (TF25) darstellen. Die Selbstpräsentation der Biografin wird hauptsächlich durch Erzählungen, welche durch Darstellungen von bestimmten Handlungsabläufen und feststehender Sachverhalte definiert sind, aufgezeigt. Die Struktur des Interviews wird größtenteils von der Interviewenden durch Erzählaufforderungen und Motivationen übernommen. Es lässt sich nicht ausschließen, dass die Biografin Hemmungen vor der Konfrontation mit ihrer eigenen biografischen Lebensgeschichte hat. Auch im weiteren Verlauf des Interviews lässt sich dieses Präsentationsmerkmal wiederholend feststellen.

Ein weiteres wesentliches Präsentationsmerkmal der Biografin, welches sich über den gesamten Verlauf des Interviews vollzieht, ist der Verzicht. Bereits in der Erzählung über ihre Kindheit positioniert sie sich als ein Mädchen, welches zu Hause viel mithelfen muss. Durch den geringen Verdienst der Eltern nimmt sie früh einen Job an und unterstützt ihre Familie finanziell. Dies lässt sich vor allem in den thematischen Feldern „ich bin eine Person, die mithelfen muss“ (TF27) und „ich bin eine Person, die in ihrer Kindheit wenig Zeit für sich hat“ (TF28) entnehmen. Die Selbstdarstellung des Verzichtes wird nochmals deutlich in der Zeit der Pflege der Eltern aufgegriffen. Sie präsentiert sich als eine Person, die sich zurücknimmt, wie es in dem thematischen Feld „ich bin eine Person, die sich zurücknimmt“ (TF20) deutlich erkennen lässt. Die Biografin gibt ihren Beruf auf, um sich voll und ganz der Pflege zu widmen. Dies muss für die Biografin einen großen Verzicht bedeuten. Sie macht deutlich, dass sie gerne in ihrem Beruf weitergearbeitet hätte, um ihre Kariere zu erweitern. Dies lässt sich vor allem in den thematischen Feldern „ich bin eine Person, die Rücksicht nehmen muss“ (TF43) und „ich bin eine Person, die ihre berufliche Kariere für die Pflege aufgeben muss“ (TF45) darstellen. Es wird deutlich, dass die Biografin ihre eigenen Bedürfnisse hintenanstellt, um ihren Eltern Unterstützung zu geben. Auch in ihrer detaillierten Erzählung über ihren strukturierten Tagesablauf in der Zeit der Pflege lässt sich der Verzicht wiedererkennen. Sie positioniert sich als eine Person, die Tag und Nacht Aufgaben für ihre Eltern übernehmen und ihr eigenes Leben hintenanstellen muss. Das thematische Feld „ich bin eine Person, die wenig Zeit für sich hat“ (TF42) verdeutlicht dies. Zudem positioniert sich die Biografin als ein Familienmensch. Die Erzählungen über das Zusammenleben mit den Eltern sowie über die frühe Heirat und über ihre eigenen Kinder zeigen eine familiäre Selbstdarstellung. Besonders ihr Einsatz in der Pflege der eigenen Eltern sowie ihre Unterstützung bei der Erkrankung der Schwiegereltern lässt sie als eine Person präsentieren, die für ihre Familie da ist. Dies zeigt sich in den thematischen Feldern „ich bin eine Person, der die Familie wichtig ist“ (TF37) und „ich bin eine Person, die sich für die Familie einsetzt“ (TF14).

Im Verlauf des Interviews treten zwei konkrete Selbstdarstellungen in Konflikt miteinander. Zum einen präsentiert sich die Biografin als ein führsorglicher Familienmensch, welche die Pflege der Eltern aus Fürsorge auf sich nimmt, wie sich in dem thematischen Feld „ich bin eine Person, die ihre Eltern nicht in ein Heim geben könnte“ (TF73) zeigt. Zum anderen wird aus einigen Sequenzen eine Selbstdarstellung sichtbar, welche zeigt, dass sie keine Wahl bei der Übernahme der Pflege hatte. Dies zeigt sich vor allem in den thematischen Feldern „ich bin eine Person, welche die Pflege als Belastung sieht“ (TF72) und „ich bin eine Person, die den Wünschen ihrer Eltern nachgeht“ (TF71) verdeutlichen. Sie lässt durchblicken, dass sie gerne Hilfe angenommen hätte, doch dies aufgrund der Einstellung der Eltern nicht möglich war. Diese wollten weder Hilfe von Außenstehenden annehmen, noch in ein Pflegeheim. Zudem positioniert die Biografin sich als eine Person, welche die Pflege als eine typische Rolle der Frau ansieht. Sie zeigt sich somit in dem damaligen typischen Rollenbild der Frau. Außerdem spricht die Biografin in dem Großteil der Erzählungen mit dem Verb „muss“. An dieser Ausdrucksweise der Biografin lässt sich erkennen, dass sie eher einer Pflichtaufgabe gegenüberstand. Zudem nimmt sie Stellung zu dem Thema Pflege in den thematischen Feldern „ich bin eine Person, die ihre Kinder vor der Pflege bewahren möchte“ (TF21) und „ich bin eine Person, die die Pflege als Arbeit ansieht“ (TF66). Sie positioniert sich als eine Frau, welche die Pflege als Belastung sieht und diese Aufgabe niemandem zumuten möchte. Durch diese Gegenüberstellung dieser zwei Selbstdarstellungen lässt sich vermuten, dass die Biografin einerseits ein Präsentationsinteresse daran hat, die Belastung der Pflege deutlich zu machen. Anderseits scheint es so, als würde sie keine besondere Anerkennung für ihre Leistung bekommen wollen. Dies zeigt sich vor allen an einigen Stellen des Interviews, bei denen sie deutlich macht, dass die 23-jährige Pflege der Eltern nur in den letzten Jahren sehr belastend war.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Biografin mit ihrem eigenen Leben unzufrieden ist und eher negative Erinnerungen mit diesem verbindet. Diese Positionierung wird vor allem nochmal deutlich in dem letzten Abschnitt des Interviews aufgegriffen, bei dem sie von einem Leben spricht, welches eher negativ belastet war.

5.3 Rekonstruktion der Fallgeschichte

Aus dem gesamten Interview lässt sich ein wesentliches Erlebensmerkmal feststellen. Die Biografin erlebt ihr gesamtes Leben als einen ständigen Verzicht. Dies zeigt sich bereits in ihrer Kindheit, in der die Biografin ihre Eltern bei den hauswirtschaftlichen Arbeiten sowie bei den Arbeiten auf dem Hof/Land helfen muss. Sie fühlt sich damals in ihrer Freiheit beraubend, da sie nur wenig Zeit für sich oder Freunde hat. Das Gefühl des Verzichtes bleibt in der Jugend weiterhin beständig. Die Biografin arbeitet neben der Schule in einer Zahnarztpraxis, um somit finanziell ihre Familie zu unterstützen. Da sie in armen Verhältnissen aufwächst, erlebt sie ihre Kindheit und Jugend als eine Zeit, in der Wünsche und Träume unzureichend scheinen und sie sich zurückstellen muss. Trotz dessen, erlebt die Biografin diese Zeit als „normal“ (vgl. Transkript Z. 42 - 64). Es lässt sich feststellen, dass sie ihren Verzicht in der Kindheit und Jugend auch heute als „normal“ erlebt. Dies könnte daran liegen, dass sie in der Nachkriegszeit aufgewachsen ist. In dieser Zeit entsprach es der Gewohnheit, in armen Verhältnissen zu leben, der Familie zu helfen und früh Verantwortung zu übernehmen. Auch die Begründungen der Biografin, wie „früher war halt alles anders“, lassen darauf schließen.

Das Verhältnis zwischen der Biografin und ihren Eltern lässt sich nur schwer aus dem Interview entnehmen, da die Biografin wenig über die Beziehung zu ihren Eltern erzählt. Durch verschiedene Nachfragen kommt heraus, dass G. Meier in ihrer Kindheit und Jugend streng erzogen wird und Gewalterfahrungen in der Erziehung macht. Es liegt nahe, dass sie diese Zeit als erniedrigend empfindet. Sie könnte sich traurig und ungeliebt fühlen (vgl. Transkript Z. 278 – 288). Aus heutiger Sicht empfindet die Biografin ihre Kindheit und die Beziehung zu den Eltern als „ein gutes Verhältnis“.

Das Erlebensmerkmal des Verzichtes wird nochmals deutlich in der Pflege ihrer Eltern. Dies beginnt bereits mit der Entscheidung der Pflegeaufgabe. Die Biografin fügt sich der Entscheidung der Eltern. Sie fühlt sich machtlos und sieht sich gezwungen diese Aufgabe zu übernehmen. Trotz dessen erlebt sie ein Verantwortungsgefühl und stellt sich dieser Aufgabe (vgl. Transkript Z. 231 – 243). Mit dem Beginn der Pflege gibt die Biografin ihren Beruf auf. Dies erlebt G. Meier als einen großen Verlust. Sie ist unglücklich und hat das Gefühl, auf ihre Träume zu verzichten (vgl. Transkript Z. 104 – 112). Ihr heutiges Erleben zeigt, dass sie immer noch unglücklich über diesen Verzicht ist. Vor allem das Aufgeben des Berufes, stellt für die Biografin auch heute noch einen großen Verlust dar. Es zeigt sich, dass sie sehr nachdenklich ist, aber dennoch der Annahme ist, dass sie bei der Übernahme der Pflege sowie bei dem Aufgeben des Berufes keine andere Wahl hatte.

Mit der Pflege der Eltern verändert sich auch nach und nach der Alltag der Biografin. Sie muss sich nicht nur um ihren eigenen Haushalt und um ihre Familie kümmern, sondern auch um ihre Eltern und dessen Verpflegung. Aus ihrem strukturierten Alltag lässt sich entnehmen, dass die Biografin eine hohe psychische sowie körperliche Belastung erfährt. Sie erlebt die Pflege als Kraftaufwändig und sieht diese als eine tägliche Herausforderung an. G. Meier fühlt sich oft erschöpft, da sie Tagsüber sowie in der Nacht für ihre Eltern da ist. Sie fühlt sich gehetzt und findet keine Ruhe. Da sie in der Pflegezeit keine Hilfe von Außenstehenden oder Familienangehörigen bekommt, liegt es nahe das die Biografin sich hilflos fühlt (vgl. Transkript Z. 165 – 190). Zudem zeigt sich, dass die Eltern der Biografin ein hohes Aufmerksamkeitsbedürfnis haben. Dies äußert sich durch bewusstes Einnässen der Eltern oder durch dauerhaftes Klopfen, als Signal um Hilfe zu bekommen, in der Nacht. Diese Situationen erlebt die Biografin als eine zusätzliche psychische Belastung. Sie empfindet dieses Verhalten der Eltern als eine Schikane und eine Qual. Die Biografin könnte dies als eine gewisse Undankbarkeit der Eltern erleben und sich ausgenutzt fühlen (vgl. Transkript Z. 117 – 128 und 201 – 206). Heute zeigt sich die Biografin eher zurückhaltend und nachdenklich. Sie macht deutlich, dass sie die Aufgabe einer Pflege niemandem wünschen würde. Dies zeigt deutlich, dass sie aus heutiger Sicht die Pflege als eine große Belastung in ihrem Leben ansieht. Heute versucht die Biografin Verständnis für das Verhalten ihrer Eltern aufzubringen, scheint jedoch unglücklich darüber zu sein, dass sie durch die Pflege Verzichte erfahren musste.

[...]


1 Siehe Anhang 6 a, b.

2 Siehe Anhang 1 a

3 Siehe Anhang 5

4 Siehe Anhang 2

5 Siehe Anhang 3

6 Siehe Anhang 4

7 Siehe Anhang 1 b.

Ende der Leseprobe aus 75 Seiten

Details

Titel
Pflege beider Elternteile und die Auswirkungen auf die eigene Biografie
Untertitel
Eine narrativ-biografische Rekonstruktion
Hochschule
HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst - Fachhochschule Hildesheim, Holzminden, Göttingen
Note
1
Autor
Jahr
2020
Seiten
75
Katalognummer
V1127185
ISBN (eBook)
9783346494962
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Forschungsbericht wurde anhand eines narrativ-biografischen Interviews rekonstruiert (Biografieforschung/Sozialforschung) und nach den Angaben/ Vorgaben des Studiums Soziale Arbeit der Hochschule ausgearbeitet. Der Bericht wurde mit der Note sehr gut benotet. Enthalten sind demnach das gesamte Transkript des Interviews, sowie eine detaillierte Erarbeitung der Rekonstruktion. Ideal für alle, die vor dem Erstellen eines Forschungsberichtes stehen.
Schlagworte
Biografieforschung, Forschung, Soziale Arbeit, Sozialforschung, narrativ-biografisches Interview, Rekonstruktion einer Biografie, Pflege der Eltern
Arbeit zitieren
Stella Börries (Autor), 2020, Pflege beider Elternteile und die Auswirkungen auf die eigene Biografie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1127185

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