Volksgenosse auf Rädern - Motorisierung und Konsumorientierung


Essay, 2000

5 Seiten


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Motorisierung und Konsumorientierung

(Die Zeichen der Zeit /Lutherische Monatshefte Heft 7/2000, S. 34-36)

Meine Liebe gehört dem Automobil. Das Auto hat mir die schönsten Stunden meines Lebens geschenkt<, bekannte Mercedes-Fan Hitler, der bereits 1923 das erste - auf die NSDAP zugelassene - Luxusauto von Daimler fuhr. Als Hitler am 11. Februar 1933 als erster Reichskanzler überhaupt, die Internationale Automobilausstellung mit einem Besuch beehrte. Wie in den folgenden Jahren hielt er eine programmatische Rede und zählte mit einer Referenz vor der Automobilindustrie auf, was in seinen Augen in der Zukunft zur Förderung dieser wohl wichtigsten Industrie zu geschehen habe: >So wie das Pferdefuhrwerk einst sich seine Wege schuf, die Eisenbahn den dafür nötigen Schienenstrang baute, muß der Kraftverkehr die für ihn erforderlichen Autostraßen erhalten. Wenn man früher die Lebenshöhe von Völkern oft nach der Kilometerzahl von Eisenbahnschienen zu messen versuchte, dann wird man in Zukunft die Kilometerzahl der für den Kraftverkehr geeigneten Straßen anzulegen haben.<

Dieses Programm zur >Volksmotorisierung< war gewiß eines der wirkungsvollsten populistischen Elemente nationalsozialistischer Propaganda. Nach der Machtergreifung im Januar und der Hitlerrede vom Februar folgte in der Verkehrspolitik - um im Nazi-Vokabular zu bleiben - >Schlag auf Schlag<: sofort nach der Machtübernahme Aufhebung der bisherigen Geschwindigkeitsbegrenzungen; 10. April 1933 Steuerfreiheit für neu zugelassene Pkw; 27. Juli 1933 Gesetz über den Bau von Reichsautobahnen; 29. September 1933 erster Spatenstich beim Autobahnbau.

Die einheimische Automobilindustrie aber steckte bis 1932 in einer Dauerkrise. Die amerikanische Konkurrenz erwies sich zeitweise technisch überlegen, zumal der deutsche Automobilbau in viele Unternehmen zersplittert war. Der Erste Weltkrieg, Wirtschaftskrise und Inflation schwächten die Oberschicht, auf deren Kaufkraft die Automobilindustrie lange Zeit als Luxus- und Luxussportindustrie angewiesen war. Die Regierungen von Weimar hatten nämlich auf den Ausbau des Massenverkehrs auf der Schiene gesetzt; das Automobil blieb zu ihrer Zeit Luxusspielzeug der Reichen und Mächtigen, im Sinne des Wortes eine >Motorkutsche<.

Gerade darin lag die Brisanz der nationalsozialistischen Propaganda für Autobahn und Volksmotorisierung: >Solange das Automobil lediglich Verkehrsmittel für besonders bevorzugte Kreise bleibt<, verkündete Hitler 1934, >ist es ein bitteres Gefühl, von vorherein Millionen braver, fleißiger und tüchtiger Mitmenschen, denen das Leben ohnehin nur begrenzte Möglichkeiten einräumt, von der Benutzung eines Verkehrsmittels ausgeschlossen zu wissen, das ihnen vor allem an Sonn- und Feiertagen zur Quelle eines bisher unbekannten, freudigen Glücks würde.< Hitler schwebte ein deutsches >Volksauto< vor. Sein Vorbild war der von ihm verehrte amerikanische Automobilfabrikant Henry Ford, der schon 1908 bis 1927, seit 1913/14 mit Fließbandsystem, mehr als 15 Millionen Autos des berühmten Modells T fertigen ließ.

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Details

Titel
Volksgenosse auf Rädern - Motorisierung und Konsumorientierung
Autor
Jahr
2000
Seiten
5
Katalognummer
V112726
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Volksgenosse, Rädern, Motorisierung, Konsumorientierung
Arbeit zitieren
Dr. phil. Walter Grode (Autor), 2000, Volksgenosse auf Rädern - Motorisierung und Konsumorientierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112726

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