Psychodynamisch imaginative Traumatherapie bei einer posttraumatischen Belastungsstörung. Wirksamkeit und Grenzen


Hausarbeit, 2020

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Trauma und Traumafolgestörung PTBS
2.1 Belastendes Ereignis und Abgrenzung zum Trauma
2.2 Posttraumatische Belastungsstörung als Traumafolge

3 Psychodynamische Imaginativen Traumatherapie (PITT)
3.1 Entstehung und Charakter
3.2 Integration des Ego-States Modell
3.3 Behandlungsablauf
3.3.1 Stabilisierungsphase
3.3.2 Rekonstruktion und emotionales Durcharbeiten der traumatischen Erlebnisse
3.3.3 Integration

4 Auswirkungen und Grenzen der PITT
4.1 Aktueller Forschungsstand
4.2 Grenzen

5 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

In dieser Arbeit wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit das generische Maskulinum verwendet. Weibliche und andere Geschlechteridentitäten sind dabei ausdrücklich miteingeschlossen, soweit es für die Aussage erforderlich ist.

Zitiert wurde nach den Richtlinien der APA American Psychological Association.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Das Thema posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) hat auch nach vielen Jahren seine Aktualität nicht verloren. Grausame Ereignisse sind schon lange Bestandteil unserer Gesellschaft, egal ob Bilder von Kriegsopfern in Syrien oder ertrunkener Kinder, die vor dem Krieg flüchteten. Auch Naturkatastrophen, wie der Tsunami im Jahr 2004, können unbestritten zu einem Trauma und einer Traumafolgestörung führen. Tatsächlich finden aber die meisten schwerwiegenden und traumatisierenden Ereignisse im häuslichen Umfeld sowie näheren Beziehungsräumen statt (Maercker & Rosner, 2006, S. 6).

Bei bis zu 50 Prozent der Traumatisierten bildet sich eine posttraumatische Belastungsstörung aus. Vor allem Kinder, die eine Traumatisierung durch andere Personen über einen längeren Zeitraum ertragen müssen, sind besonders gefährdet. Das Leben von traumatisierten Menschen mit einer Traumafolgestörung wie PTBS geht mit großem Leidensdruck und psychischen Begleiterkrankungen einher, unter denen die Patienten viele Jahre leiden (Maercker, 2013, S. 256).

Zur Traumatherapie können mehrere Ansätze gewählt werden. In der nachfolgenden Arbeit soll untersucht werden, ob die Probleme und der Leidensdruck der PTBS-Patienten durch die psychodynamisch imaginative Traumatherapie (PITT) gemildert werden können. Die PITT ist darauf ausgelegt, vor allem schwer traumatisierte Personen mild an das Trauma heranzuführen. Durch das aktivere Eingreifen des Therapeuten und die Abstimmung des Therapieablaufs mit dem Patienten kann stärker auf die Patientenbedürfnisse im Rahmen seiner individuellen Begleiterkrankungen eingegangen werden (Lampe et al. 2008).

Die vorliegende Arbeit befasst sich somit mit der psychodynamisch imaginativen Traumatherapie (PITT) und ihrer Wirksamkeit und Grenzen in Bezug auf die posttraumatische Belastungsstörung. Dazu soll im zweiten Kapitel geklärt werden, was ein Trauma ist und welche Arten von Traumata unterschieden werden. Es wird auf die Entstehung von Traumata und Traumafolgestörungen mit dem Hauptaugenmerk auf posttraumatische Belastungsstörung eingegangen. Weiter soll der psychodynamische Therapieansatz kurz umrissen werden und auf die unterschiedlichen Begleiterkrankungen der PTBS eingegangen werden. Das dritte Kapitel setzt sich mit der Entstehung und dem Charakter der psychodynamisch imaginativen Traumatherapie auseinander. Es wird aufgezeigt wie sie sich von anderen Therapien unterscheidet und die Eingliederung des Ego-State-Modells in die PITT wird vorgestellt. Der Behandlungsablauf in seinen drei Phasen beendet das Kapitel. Das vierte Kapitel widmet sich dem aktuellen Forschungsstand bezugnehmend auf die Wirkung der PITT bei verschiedenen Krankheitsbildern und der Wirksamkeit von Imaginationen. Die Grenzen der PITT werden bezüglich der Traumafolgestörung PTBS aufgezeigt. Im abschließenden Fazit werden Schlüsse für die Behandlung der PTBS mit PITT gezogen. Ein Ausblick schließt diese Ausarbeitung.

2 Trauma und Traumafolgestörung PTBS

Nach traumatisierenden Erlebnissen können Traumafolgestörungen entstehen. Eine davon ist die posttraumatische Belastungsstörung. Folgend soll der Unterschied zwischen einem belastenden Ereignis und einer traumatisierenden Situation, in der ein Trauma und somit in vielen Fällen auch eine Traumafolgestörung entstehen kann, erklärt werden.

2.1 Belastendes Ereignis und Abgrenzung zum Trauma

Auch wenn der Begriff Trauma in der alltäglichen Sprache beinahe inflationär verwendet wird, müssen für ein Trauma im medizinischen Sinne spezielle Kriterien erfüllt werden. Ein wichtiger Faktor bei der Trauma-Entstehung ist nach Sachsse (2010, S. 85-102) die erlebte Hilflosigkeit, die während einer belastenden Situation vorherrscht. Solange die erlebte Lebensgefahr als zu bewältigende Herausforderung angesehen wird, ist die Gefahr der Trauma-Entstehung nicht gegeben. Erst durch die Kombination aus Lebensgefahr gepaart mit erlebter Hilflosigkeit entsteht ein Trauma. Besonders bei langanhaltenden und wiederkehrenden Traumatisierungen ist die Gefahr erhöht. Zwar kann sich das Opfer auf die Traumatisierungssituation einstellen, die Hilflosigkeit in Bezug auf die Verhinderung weiterer traumatisierenden Situationen bleibt jedoch bestehen. Das Opfer kann in diesem Fall lediglich das Erlebnis der Traumata mittels Schutzmechanismen wie beispielsweise Dissoziationen einschränken. Hierbei wird unbewusst eine Abspaltung der Realität vorgenommen. Psychische und physische Prozesse, die gewöhnlich gemeinsam verlaufen, werden dann getrennt. Zwei Formen der Dissoziation sind die Derealisation und die Depersonalisation. Bei Erstem wird die Umgebung als nicht real empfunden, bei Letzterem dagegen fühlt sich der Körper nicht mehr zugehörig und fremd an (Wittchen & Hoyer, 2011, S. 990). Diese Schutzmechanismen haben den Nachteil, dass die traumatische Situation nicht oder nur eingeschränkt erinnert und somit später auch nur schwer verarbeitet werden kann (Sachsse, 2010, S. 85-102).

Huber (2003, S. 37-42) beschreibt, dass bei einem belastenden Ereignis mit erhöhtem Stresspegel allein noch kein Trauma entsteht. Obwohl bei einem belastenden Ereignis eine Überflutung an unangenehmen Reizen stattfindet, bleibt die Reaktionsfähigkeit vorhanden. Im Falle des Traumas ginge das nicht, denn dort setzt das sogenannte Freezing ein, also die Unfähigkeit sich zu bewegen sowie die Abspaltung der traumatischen Erlebnisse aus dem Bewusstsein (Dissoziation).

Traumata werden nach Ihren Ursachen sowie der Art und Häufigkeit unterschieden. Während bei Trauma-Typ I-Traumatisierungen ein Trauma einmalig und kurzfristig erlebt wird, beispielsweise bei einem schweren Autounfall, handelt es sich bei Trauma-Typ II-Traumatisierungen um langanhaltende und sich wiederholende traumatisierende Ereignisse. Weiter ist entscheidend ob das Trauma zufällig oder durch menschliches Zutun entstand. Die von Menschen verursachten Trauma-Typ II-Traumatisierungen, welche in der Kindheit entstanden, führen auch bereits zur Zeit ihrer Entstehung zu stärkerer Symptombildung und gehen oft mit größeren Beeinträchtigungen und chronischen Verläufen einher (Maercker, 2013, S. 14-15).

2.2 Posttraumatische Belastungsstörung als Traumafolge

Wie bereits betrachtet können Traumata je nach Art und Häufigkeit unterschiedlich weitreichende Folgen haben. So führen langanhaltende Traumatisierungen nach Wöllner (2006, S. 404) nicht nur zu Folgestörungen, sondern auch zu generellen Störungen der Gedächtnisfunktion. Trauma bezogene Erinnerungen sind oft lückenhaft oder unterliegen dissoziativer Amnesie, also einem Nichterinnern durch Abspaltung psychischer Prozesse. Zusätzlich können die Erinnerungen durch persönliche Erfahrungen nachträglich beeinflusst werden, ebenfalls kann es zu motiviertem Vergessen kommen.

Die PTBS ist durch fünf Hauptkriterien gekennzeichnet. Zunächst muss ein Trauma erlebt werden. Weiter muss eine Intrusion vorliegen, also eine wiederkehrende und quälende Wiedererinnerung bzw. ein Wiederdurchleben der traumatischen Situation, welche durch einen Schlüsselreiz hervorgerufen wird. Diese sind ein Selbstheilungsversuch des Patienten und beispielweise in Form von Albträumen oder Flashbacks möglich (Maercker, 2013, S. 284). Die PTBS ist darüber hinaus durch Vermeidungsverhalten gekennzeichnet. Es werden Gedanken, Gefühle, Erinnerungen oder auch Orte gemieden, welche mit den traumatischen Erlebnissen verknüpft sind. Ebenso ist der Erkrankte unfähig wichtige Inhalte des Traumas zu rekonstruieren. Hinzukommt ein emotionaler Taubheitszustand. Dieser bewirkt, dass traumatisierte Menschen anderen Personen, ihrer Umwelt bzw. Umgebung teilnahmslos gegenüberstehen. Sie fühlen sich emotional betäubt, abgestumpft sowie freudlos. Ein weiteres Hauptkriterium ist die anhaltende vegetative Übererregung. Hierbei baut sich die Stressreaktion im sympathischen Nervensystem nicht wie gewöhnlich innerhalb von einigen Stunden wieder ab, sondern besteht langanhaltend. Dadurch entstehen zum einen körperliche Symptome wie Herzrasen, Schreckhaftigkeit und Verspannungen sowie zum anderen psychische Symptome wie unangenehme Gefühlsüberflutungen, Schlafstörungen und Hypervigilanz. Die PTBS ist in den beiden Krankheitsklassifikationssystemen Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) und der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandten Gesundheitsproblemen (ICD) in einer weitestgehend identischen Form beschrieben (Maercker, 2013, S. 14-16).

Reifels und Kollegen (2017) bestätigen, dass eine PTBS andere psychische Störungen begünstigt und daher durch vielerlei Begleiterkrankungen gekennzeichnet ist. Überwiegend leiden Erkrankte einer PTBS zusätzlich unter Depressionen, Angststörungen, Suchtmittelkonsum und somatoformen Störungen wie etwa Schwindel, Verdauungsprobleme, Atem- und Herzkreislaufbeschwerden (Maercker, 2013, S. 282). Eine PTBS geht deshalb mit einer stark verminderten gesundheitsbezogenen Lebensqualität einher. Die Symptomatik variiert stark und kann in unterschiedlichen Formen in Erscheinung treten. Eine depressive, dissoziative oder Psychose ähnliche Symptomatik steht bei den meisten Patienten im Vordergrund und erschwert die Diagnose der PTBS. Die Erschwerung der Diagnose resultiert aus der Abgrenzung zahlreicher Differenzialdiagnosen, wie zum Beispiel der Boderline-Persönlichkeitsstörung, Depressionen, Anpassungs­oder Angststörungen (Maercker, 2013, S. 16-20, S. 112; Steil & Rosner, 2009, S. 323).

3 Psychodynamische Imaginativen Traumatherapie (PITT)

3.1 Entstehung und Charakter

Reddemann und Kollegen entwickelten ab 1985 die psychodynamische imaginative Traumatherapie. Da vor allem Menschen mit schwerer Traumatisierung unter vielen Begleiterkrankungen leiden (vgl. Abschnitt 2.3), liegt ein Schwerpunkt der Therapie auf der Symptomreduktion sowie auf der Ressourcenaktivierung. Die PITT bedient sich der intensiven Nutzung imaginativer Elemente, um durch ein Trauma verletzte Persönlichkeitsanteile zu versorgen (vgl. Abschnitt 3.2). Mit Hilfe der Vorstellungskraft werden innere Bilder (Imaginationen) genutzt, um die Förderung von Fähigkeiten zur Selbsttröstung, Selbstberuhigung sowie Akzeptanz der eigenen Person zu verbessern. Durch die Therapie soll das Bindungsverhalten nachhaltig verändert werden. Neben einer vertrauensvollen Beziehung zum Therapeuten geht es im Besonderen darum, eine wertschätzende und mitfühlende Beziehung zu sich selbst aufzubauen. Dieses „Ich“-stärkende Vorgehen soll sich im späteren Verlauf der Traumatherapie positiv auf die Art auswirken, wie der Patient mit unangenehmen Gefühlsüberflutungen oder Überforderung umgeht (Maercker, 2013, S. 282). Weiter wird die beeinträchtigte Fähigkeit der Emotionsregulation sowie die durch Traumata veränderte Informationsverarbeitung berücksichtigt (Wöllner, 2012, S. 73-74; Maercker, 2013, S. 284).

Typisch für psychodynamische Therapieansätze folgt auch die PITT einer Orientierung an den drei Phasen Stabilisierung, Konfrontation und abschließend der Integration des Traumas. Der Ablauf der Therapie wird an den Bedürfnissen und Möglichkeiten der Patienten orientiert und der Patient über das therapeutische Vorgehen informiert. Weiter zeichnet sich die PITT dadurch aus, dass ein erneutes Durchleben der Traumata durch massives Stresserleben als wenig sinnvoll angesehen wird. Stattdessen soll auf Imaginationsebene ein sanftes Heranführen an die traumatisierenden Erlebnisse erreicht werden, um eine Retraumatisierung zu vermeiden (Reddemann, 2011; Maercker, 2013, S. 284).

3.2 Integration des Ego-States Modell

Nach Watkins besteht eine Persönlichkeit aus verschiedenen Ego-States, also „Ich-Anteilen“. So sind auch in der natürlichen Entwicklung gesunde Ego-States vorhanden. Diese existieren mit jeweils zugehörigen unterschiedlichen Empfindungen sowie Handlungsimpulsen und sind meist an biografische Lebenssituationen gebunden (z.B. Kindheit). Im Zusammenhang mit Traumatisierungen kann es zur Bildung von krankhaften Ego-States kommen. Diese können entweder in die Persönlichkeit integriert oder auch abgespalten sein (Watkins, 1993, S. 232-240; Maercker, 2013, S. 283-287). Reddemann arbeitete im Laufe der Jahre das Ego-State-Modell in die imaginative Arbeit ein (Reddemann, 2011, S. 110-115). Durch die Einbeziehung der Ego-States in die PITT soll das Selbstwirksamkeitserleben des Patienten erhöht und die Fähigkeit zur Selbstfürsorge und -beruhigung gestärkt werden (Maercker 2013 S. 284-287, Reddemann, 2011, S. 180-182). Die Existenz und Herausbildung von Ego-States kann gut an der Diagnose der dissoziativen Identitätsstörung erklärt werden. Bei dieser Erkrankung werden die einzelnen Ego-States, die sich in Folge der Traumatisierung gebildet haben, sichtbarer und stärker voneinander abgrenzbar als bei schwächer traumatisierten Personen. In der PITT wird diese „innere Vielheit“ (Reddemann 2011, S. 113) vor allem zur Versorgung verletzter Erlebnisanteile genutzt (Reddemann, 2009; Maercker, 2013 S. 286). Es geht dabei primär darum, dass das heutige „Ich“ des Patienten den Schmerz dieser verletzten Anteile anerkennt und diese mittels Imaginationen verständnisvoll tröstet und umsorgt. Dies wird beispielsweise erreicht, indem der Patient mit Hilfe des Therapeuten den betroffenen, verletzten Ego-State aus einem belastenden Szenario rettet und an einen visualisierten, sicheren Ort bringt. Dort wird er von einem ebenfalls imaginären, inneren Helfer versorgt und beschützt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Psychodynamisch imaginative Traumatherapie bei einer posttraumatischen Belastungsstörung. Wirksamkeit und Grenzen
Hochschule
Hamburger Fern-Hochschule
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
16
Katalognummer
V1127558
ISBN (eBook)
9783346491930
ISBN (Buch)
9783346491947
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Psychodynamische Traumatherape, PITT, imaginative Traumatherapie, PTBS, Wirksamkeit
Arbeit zitieren
Tanja Jordan (Autor:in), 2020, Psychodynamisch imaginative Traumatherapie bei einer posttraumatischen Belastungsstörung. Wirksamkeit und Grenzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1127558

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