Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Heinrich von Kleists Drama „Penthesilea“ in Bezugnahme auf die Psychoanalyse Jacques Lacans. Kleists „Penthesilea“ weist eine tiefenpsychologische Dimension auf, in der kriegerische und erotische Sprachbilder verschränkt sind. Er zeigt auf eindringliche Weise das Drama einer Welt, die durch verschiedene Sprachen gespalten ist und daher keine sinnstiftende Einheit als Grundlage einer Verständigung bietet. Diese Tragik mit sprachanalytischen Thesen von Jacques Lacan zu veranschaulichen, ist das Ziel der Arbeit.
Zentrum der Lacanschen Lesart von Kleists Drama wird die Konstituierung der Identität Penthesileas und Achilles’ über Sprache sein. Diese ist für die Kommunikation der Charaktere untereinander von entscheidender Bedeutung. Sprache in diesem Zusammenhang kann sowohl nonverbale Kommunikation – wie sie beispielsweise in den sich treffenden Blicken der Hauptcharaktere zum Ausdruck kommt –, verbale Kommunikation als auch eine Instrumentalisierung von Sprache als Waffe bedeuten.
Der erste Teil der Arbeit (Kapitel 2.) beschäftigt sich mit Lacans Aufsatz „Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion wie sie uns in der psychoanalytischen Erfahrung erscheint“ und dient als theoretische Grundlage für die weitere Auseinandersetzung mit Kleists „Penthesilea“ und Lacan. Allerdings sollen darüber hinaus auch folgende Fragen berücksichtigt werden: Wie konstituiert sich die Identität der Hauptcharaktere über die Spiegelung im jeweils anderen? Wie kommunizieren Penthesilea und Achilles über ihre Blicke? Der Aufsatz bereitet außerdem weitere Theorien Lacans vor. So deutet zum Beispiel das Sich-Spiegeln im Blick des anderen darauf hin, dass dieser zum Objekt des Begehrens wird.
Im zweiten Teil der Arbeit (Kapitel 3.) wird eine Analyse vor dem Hintergrund einer Mitschrift von Lacans Vorlesung „Vom Blick als Objekt klein a“ vorgenommen. Hierbei interessiert insbesondere, inwiefern Achilles oder dessen Blick für Penthesilea als „Objekt klein a“ fungiert (Kapitel 3.1) oder ob Achilles doch eher als „großer Anderer“ oder als Vaterersatz für Penthesilea auftritt (Kapitel 3.2).
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Kleists „Penthesilea“ und Lacans Spiegelstadium-Aufsatz
2 Objekt des Begehrens
2.1 Achilles als „Objekt klein a“
2.2 Achilles als „großer Anderer“
3 Die Sprache in Kleists „Penthesilea“
3.1 Sprache als Distinktes
3.2 Tötung durch Sprache
4 Schlussbetrachtung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht Heinrich von Kleists Drama „Penthesilea“ mithilfe der psychoanalytischen Theorien von Jacques Lacan. Das zentrale Ziel ist es, die Tragik der Protagonistin, deren Identitätskonstitution und ihr letztliches Scheitern an einer männlich geprägten symbolischen Ordnung durch eine sprachanalytische Lesart zu veranschaulichen.
- Die Anwendung von Lacans Spiegelstadium auf die Identitätsentwicklung von Penthesilea und Achilles.
- Die Analyse von Achilles als „Objekt klein a“ im Kontext des Amazonenstaates.
- Die Untersuchung der Sprachauffassung in Kleists Drama und deren Abgrenzung zur griechischen Kultur.
- Die Rolle der fehlenden Vaterfigur für Penthesileas Unfähigkeit, das Imaginäre zu überwinden.
- Die Bedeutung der Instrumentalisierung von Sprache als destruktive Waffe.
Auszug aus dem Buch
3.2 Tötung durch Sprache
Das vom Subjekt im Spiegelstadium durchlebte Wechselspiel von Sich-Erkennen und Verkennen, von spiegelverhafteter Faszination und Aggression „deutet die in dual imaginärer Erstarrung fixierte Rivalität mit sich selbst an. Eine Lösung bzw. Erlösung scheint [dem Subjekt] nur in der Vernichtung des einen – sich selbst – möglich, obwohl [es] weiß, daß diese auch den Tod des anderen fordert.“ Helga Gallas beschreibt dies für Penthesilea als „Identifikation mit dem anderen als dem idealisierten Bild oder die Rivalität mit dem eigenen Spiegelbild, das sich in Haßliebe äußert“. Sie folgert, dass Penthesileas Begehren vielleicht letztlich darauf abziele, dass der Tod sie begehre und sie so ihren absoluten Meister erst zum Schluss finden könne. Folglich findet sich in Kleists „Penthesilea“ genau die Situation, dass die Protagonistin zu-nächst das von ihr in Haßliebe begehrte Objekt, nämlich Achilles, in einem hysterischen Anfall gleich ihren Hunden zerfleischt (vgl. Vv. 2594-2597) und später, als ihr Spiegelbild zerstört ist, keinen anderen Ausweg weiß, als sich selbst zu töten.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Arbeit führt in die Fragestellung ein, wie Kleists „Penthesilea“ mittels der Psychoanalyse Lacans analysiert werden kann, wobei der Fokus auf der Identitätskonstituierung über Sprache liegt.
Kleists „Penthesilea“ und Lacans Spiegelstadium-Aufsatz: Dieses Kapitel erläutert theoretische Grundlagen des Spiegelstadiums und überträgt die dort beschriebenen Mechanismen der narzisstischen Identitätsbildung auf die Beziehung zwischen Penthesilea und Achilles.
Objekt des Begehrens: Es wird untersucht, inwiefern Achilles für Penthesilea als unerreichbares „Objekt klein a“ fungiert oder alternativ als Ersatz für den fehlenden „großen Anderen“ bzw. den Vater.
Die Sprache in Kleists „Penthesilea“: Der Hauptteil analysiert, warum die Kommunikation zwischen Amazonen und Griechen scheitern muss und wie Sprache bei Penthesilea nicht zur Vermittlung, sondern zur destruktiven Handlungsweise instrumentalisiert wird.
Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass Penthesileas tragisches Ende aus ihrer Verhaftung im Imaginären resultiert, da ihr die zur symbolischen Ordnung notwendige Vaterfigur fehlt.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Penthesilea, Jacques Lacan, Psychoanalyse, Spiegelstadium, Objekt klein a, Großer Anderer, Identität, Sprache, Symbolische Ordnung, Imaginäres, Begehren, Amazonen, Vaterfigur, Selbsttötung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Heinrich von Kleists Drama „Penthesilea“ aus der Perspektive der Psychoanalyse von Jacques Lacan.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Identitätsbildung im Spiegelstadium, die Natur des Begehrens sowie die spezifische Rolle der Sprache als destruktive Kraft innerhalb des Dramas.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, das tragische Scheitern der Kommunikation und die Zerstörung der Protagonistin durch sprachanalytische Thesen Lacans zu erklären.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse angewandt, die durch psychoanalytische Konzepte (Lacan) als theoretischer Rahmen gestützt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung des Spiegelstadiums, die Untersuchung von Achilles als Objekt des Begehrens sowie eine detaillierte Sprachanalyse des Kleist-Textes.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen das Spiegelstadium, das Objekt klein a, der große Andere, die symbolische Ordnung und die Sprachauffassung Kleists.
Warum spielt die Vaterfigur in der Analyse eine so große Rolle?
Laut der untersuchten psychoanalytischen Lesart ist die Vaterfigur notwendig, um das Kind vom Imaginären in die symbolische Ordnung zu führen; ihr Fehlen im Amazonenstaat wird als Ursache für Penthesileas Scheitern interpretiert.
Was bedeutet es, wenn Sprache bei Penthesilea als Waffe eingesetzt wird?
Im Gegensatz zur griechischen Kultur, in der Sprache Distinktion schafft, nutzen die Amazonen Sprache nicht produktiv, sondern setzen sie in der Handlung (der Zerstörung) ein, was zu Penthesileas Selbstzerstörung führt.
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- Heike Barkawitz (Author), 2008, Heinrich von Kleists „Penthesilea“ im Spiegel von Jacques Lacan, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112791