Heinrich von Kleists „Penthesilea“ im Spiegel von Jacques Lacan


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Kleists „Penthesilea“ und Lacans Spiegelstadium-Aufsatz

2 Objekt des Begehrens
2.1 Achilles als „Objekt klein a“
2.2 Achilles als „großer Anderer“

3 Die Sprache in Kleists „Penthesilea“
3.1 Sprache als Distinktes
3.2 Tötung durch Sprache

4 Schlussbetrachtung

5 Literaturverzeichnis

Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Heinrich von Kleists Drama „Penthesilea“ in Bezugnahme auf die Psychoanalyse Jacques Lacans. Kleists „Penthesilea“ weist eine tiefenpsychologische Dimension auf, in der kriegerische und erotische Sprachbilder verschränkt sind. Er zeigt auf eindringliche Weise das Drama einer Welt, die durch verschiedene Sprachen gespalten ist und daher keine sinnstiftende Einheit als Grundlage einer Verständigung bietet. Diese Tragik mit sprachanalytischen Thesen von Jacques Lacan zu veranschaulichen, ist das Ziel der Arbeit.

Zentrum der Lacanschen Lesart von Kleists Drama wird die Konstituierung der Identität Penthesileas und Achilles’ über Sprache sein. Diese ist für die Kommunikation der Charaktere untereinander von entscheidender Bedeutung. Sprache in diesem Zusammenhang kann sowohl nonverbale Kommunikation – wie sie beispielsweise in den sich treffenden Blicken der Hauptcharaktere zum Ausdruck kommt –, verbale Kommunikation als auch eine Instrumentalisierung von Sprache als Waffe bedeuten.

Der erste Teil der Arbeit (Kapitel 2.) beschäftigt sich mit Lacans Aufsatz „Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion wie sie uns in der psychoanalytischen Erfahrung erscheint“[1] und dient als theoretische Grundlage für die weitere Auseinandersetzung mit Kleists „Penthesilea“ und Lacan. Allerdings sollen darüber hinaus auch folgende Fragen berücksichtigt werden: Wie konstituiert sich die Identität der Hauptcharaktere über die Spiegelung im jeweils anderen? Wie kommunizieren Penthesilea und Achilles über ihre Blicke? Der Aufsatz bereitet außerdem weitere Theorien Lacans vor. So deutet zum Beispiel das Sich-Spiegeln im Blick des anderen darauf hin, dass dieser zum Objekt des Begehrens wird.

Im zweiten Teil der Arbeit (Kapitel 3.) wird eine Analyse vor dem Hintergrund einer Mitschrift von Lacans Vorlesung „Vom Blick als Objekt klein a“[2] vorgenommen. Hierbei interessiert insbesondere, inwiefern Achilles oder dessen Blick für Penthesilea als „Objekt klein a“ fungiert (Kapitel 3.1) oder ob Achilles doch eher als „großer Anderer“ oder als Vaterersatz für Penthesilea auftritt (Kapitel 3.2).

Die „Vaterfrage“ spielt eine entscheidende Rolle für den dritten Teil der Arbeit (Kapitel 4.), in dem verbale Besonderheiten der Sprache des Dramas thematisiert werden. Diese sind ein wesentlicher Bestandteil Lacans Psychoanalyse und spielen auch in Kleists Werken eine explizite Rolle. Kapitel 4.1 widmet sich zunächst der Frage, ob Sprache für Penthesilea überhaupt etwas Distinktes bedeutet, da sie doch nicht einmal zwischen sich reimenden Wörtern unterscheiden kann. Anschließend wird Penthesileas Tötung durch Sprache betrachtet (Kapitel 4.2): Wie ist es ihr möglich, sich durch Sprache selbst zu töten und die Existenz als Subjekt aufzugeben? Denn bei Lacan ist es gerade die Sprache, die, eingeführt durch die Instanz des Vaters, das Kind zum eigen-ständigen Subjekt werden lässt.

1 Kleists „Penthesilea“ und Lacans Spiegelstadium-Aufsatz

In seinem Aufsatz „Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion wie sie uns in der psychoanalytischen Erfahrung erscheint“ beschreibt Lacan, was mit dem Kind passiert, wenn es sich das erste Mal im Spiegel wahrnimmt und durch den Blick, der „die der Motorik weit überlegene Wahrnehmung [ist,] die Einheit eines Bildes [perzipiert], die realiter noch fehlt“.[3] Das Kind setzt sich ein durch die Spiegel-Imago vermitteltes Ideal-Ich, das ihm als Garant „jener Einheit und Dauerhaftigkeit, jener Präsenz und Omnipotenz dient, die seine körperliche Existenz ihm noch nicht verleihen kann“.[4] Allerdings folgert Lacan, dass die Funktion des Sich-Erkennens im Spiegel einer fundamentalen Verkennung verhaftet sei, die zu einem spannungsgeladenen Drama werden und dadurch ein unbefriedigtes Begehren im Menschen hervorrufen könne.[5]

Das Spiegelstadium ist Lacan zufolge im Bereich des Imaginären angesiedelt und das „Sich-selbst-Hervorbringen [...] ist insofern narzißtischer Art, als es der Illusion des Eins-sein-Wollens mit sich selbst als einem anderen unterliegt“.[6] Das Subjekt „ersetzt sein Ich-Ideal [...] durch ein ‚idealisiertes Objekt‘, dem es sich in kritikloser Zuwendung ‚selbstlos‘ unterwirft“.[7]

In Kleists „Penthesilea“ lassen sich zahlreiche Bezugspunkte zu Lacans Aufsatz finden. Zentrales Element dabei ist das Wiedererkennen, die Spiegelung Penthesileas und Achilles’ im jeweils anderen oder im Blick des anderen. Beide gleichen sich im Laufe des Dramas aneinander an: „Sie wächst zu seiner Größe schon heran!“[8]

Das Spiegelerlebnis löst nach Lacan

eine Reihe von Gesten aus, mit deren Hilfe es [d.i. das Kind] spielerisch die Beziehung der vom Bild aufgenommenen Bewegungen zur gespiegelten Umgebung und das Verhältnis dieses ganzen virtuellen Komplexes zur Realität untersucht, die es verdoppelt, bestehe sie nun im eigenen Körper oder in den Personen oder sogar in Objekten, die sich neben ihm befinden.[9]

Penthesilea, die an Achilles den vortrefflichen Kämpfer schätzt, erkennt sich in ihm wieder. Sie konstituiert fortan durch Achilles ihr eigenes Ich. Sie erkennt ihn dadurch als ebenbürtig an. Achilles’ Auftauchen am Horizont wird von Penthesilea gleich dem Aufgehen der Sonne beschrieben: „So geht die Sonne prachtvoll / An einem heitern Frühlingstage auf!“ (Vv. 368f.) In ihren Spiegelfantasien eignet sich Penthesilea schließlich die Eigenschaften Achilles’ an, den sie mit dem Sonnengott Helios vergleicht:

Seht, wie sie, in dem goldenen Kriegsschmuck funkelnd,

Voll Kampflust ihm entgegen tanzt! Ists nicht,

Als ob sie, heiß von Eifersucht gespornt,

Die Sonn im Fluge übereilen wollte,

Die seine jungen Scheitel küsst! (Vv. 1058-1062)

Penthesilea gleicht jetzt auch der Sonne, und Achilles soll ihr, genau wie sie ihm, Anerkennung dafür entgegen bringen: „So sieh mich auch wie deine Sonne an.“ (V. 1756) Für einen Augenblick scheint also der „Glanz Achilles’“ durch die Spiegelung auf sie übergegangen zu sein.[10] Allerdings sind die Bilder, die Penthesilea und Achilles voneinander haben, Wunschvorstellungen. Denn Penthesilea erkennt sich nicht im Spiegelbild des anderen, sie verkennt sich:

Das initiale Verkennen ihrer Selbst im Spiegel, das nach der ersten Kampfes-begegnung mit Achill in der Frage „Was bin ich denn seit einer Hand voll Stunden“ (V. 747) gipfelt, um die Identitätsfrage mit der Selbstspaltung Penthesi-leas zu beantworten, löst eine Kette von Verkennungen und Versehen aus, die von nun an sämtliche Handlungen und die Sprache, in der sie sich ereignen, affizieren.[11]

Doch auch die Gespaltenheit Penthesileas lässt sich in vielerlei Blickwinkeln in Lacans Aufsatz wiederfinden: Das Kind, das sich im Spiegel wahrnimmt, unterliegt einer Ganzheitsvision.[12] Penthesilea erlebt diese Vision durch das Sich-Spiegeln in Achilles. Dass es sich hierbei um eine Vision handelt, ist daran erkennbar, dass sie in Wirklichkeit in dreierlei Hinsicht gespalten ist:

Erstens im nicht-koordinierten Körper: Die Hand versagt ihr, die Pfeil und Bogen oder das Schwert führen soll, die Füße versagen ihr, wenn sie stolpert, wenn sie fliehen will; ihr ganzer Körper ist gelähmt, wenn sie Achill sieht, die Zunge versagt ihr, wenn sie spricht; und schließlich das auffälligste Symptom: die entfernte rechte Brust, wenn Achill sie verletzt, trifft er die Brust.[13]

[...]


[1] Lacan, Das Spiegelstadium, S. 177-187.

[2] Lacan, Die vier Grundbegriffe, S. 71-126.

[3] Pagel, Jacques Lacan, S. 23.

[4] Ebd., S. 23.

[5] Vgl. ebd., S. 25.

[6] Ebd., S. 30.

[7] Ebd., S. 34.

[8] Kleist, Penthesilea, V. 409. Im Folgenden werden Zitate unter Angabe der Verszahl im Text nachgewiesen.

[9] Lacan, Das Spiegelstadium, S. 177f.

[10] Pfeiffer, Kleists „Penthesilea”, S. 199.

[11] Hansen, Gewaltige Performanz, S. 112.

[12] Pagel, Jacques Lacan, S. 25f.

[13] Gallas, Lacans vier Diskurse, S. 207.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Heinrich von Kleists „Penthesilea“ im Spiegel von Jacques Lacan
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft)
Veranstaltung
Heinrich von Kleist: Dramen und Erzählungen
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
17
Katalognummer
V112791
ISBN (eBook)
9783640124374
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heinrich, Kleists, Spiegel, Jacques, Lacan, Heinrich, Kleist, Dramen, Erzählungen
Arbeit zitieren
Heike Barkawitz (Autor:in), 2008, Heinrich von Kleists „Penthesilea“ im Spiegel von Jacques Lacan, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112791

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