Wie der Protestantismus die moderne Welt maßgeblich beeinflusste. Eine Analyse der Rede von Professor Dr. Ernst Troeltsch


Seminararbeit, 2018

12 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung und zur Person
Der Historismus und seine Krise

Der Vortrag
Die Moderne
Der Kulturbegriff
Säulen des Protestantismus
Wirkung des Alt-Protestantismus
Moderne Religion
Nachwirkungen

Kultur-Protestantismus

Fazit

Literatur

Einleitung und zur Person

Auf dem 9. Deutschen Historikertag in Stuttgart im April 1906 hielt, anstatt dem geplanten Ökonomen Professor Dr. Max Weber (1864 – 1920), Professor Dr. Ernst Troeltsch (1865 – 1932) einen Vortrag mit dem Thema „Die Bedeutung des Protestantismus für die Entstehung der modernen Welt“. In der vorliegenden Arbeit soll herausgearbeitet werden, inwieweit der Titel ein Ergebnis seiner Untersuchung darstellt und auf welche Bereiche der modernen Welt er sich bezieht. Eine genaue Betrachtung verdient seine Begriffsbildung. Doch zunächst steht die Person Troeltschs selbst im Fokus. Wieso konnte der Professor von der Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg Weber angemessen vertreten, um was handelt es sich genau bei dem von Troeltsch angeführten Begriff der „Historität“ und schlussendlich, wie wirkte sich der Protestantismus auf die moderne Religion aus?

Professor Dr. Ernst Troeltsch habilitierte 1891 mit der theologiegeschichtlichen Arbeit „Vernunft und Offenbarung bei J. Gerhard und Melanchton“ und wurde 1894 auf den Lehrstuhl für systematische Theologie in Heidelberg berufen. An der pfälzischen Universität war dies eine relativ neue theologische Richtung, die eng mit einer innerprotestantischen Union verbunden war. Dementsprechend waren die dort entstandenen Arbeiten von reformierten und lutherischen Ansichten beeinflusst.1 Die Verbindung zwischen Troeltsch und Weber entstand an der Universität Heidelberg, wo letzterer den Lehrstuhl für Nationalökonomie und Finanzwissenschaften innehatte. Nachdem Weber aufgrund der systemischen Verpflichtungen nur noch als Honorarprofessor tätig war, reisten er und Troeltsch beruflich bedingt gemeinsam in und durch die USA.2

Der Historismus und seine Krise

Als es im 19. Jahrhundert zur Krise des Historismus im Zuge der industriellen Revolution sowie der zunehmenden Bedeutung der (Natur-)Wissenschaften kam, trat Troeltsch als Vertreter der religionsgeschichtlichen Schule und Weber als Vertreter der Methodologie der Sozialwissenschaften auf. Die Krise betraf das geschichtliche und gesellschaftliche Bewusstsein Europas. Diese begann mit der Zersetzung des positivistischen Menschen und Weltbildes bzw. der Sichtbarwerdung einer Kluft zwischen der "Welt des Seienden" und der "Welt der Sinngebung". Es stellte sich damals die Frage, ob eine Wissenschaft der Geschichte und der Gesellschaft überhaupt möglich sei, da die menschliche Subjektivität und Irrationalität jedes Wissen in seinem Erklärungs- und Prognosewert erheblich einschränke.3 Es drohte der Übergang zum Relativismus, dem sich einige Wissenschaftler entgegenstellten, die an einen "Sinn der Geschichte" glaubten. Gemeinsam war diesen die Kritik am Positivismus und die Beteiligung an der damaligen Methodendiskussion.

Neben der grundlegenden Klärung der Krise des Historismus bedingt es auch eine kurze Skizze des religiös, protestantischen Umfelds Troeltsch. Die theologische Fakultät Heidelberg hat sich 1864 von der Erforschung des Leben Jesu abgewandt und den theologischen Prinzipien des Liberalismus zugewandt. Damit stand nichtmehr nur die Bibel als Erkenntnisquelle parat, sondern die ganze Welt, inklusive deren Geschichte. So erklärt die Religionsgeschichtliche Schule das Urchristentum konsequent geschichtlich. Für Troeltsch zentral war zudem der Verzicht auf einen christlichen Absolutheitsanspruch.4 Dies beinhaltete ein Umdenken beim Umgang mit Dogmen und Bekenntnissen. In den lateinischen Kirchen gelten Dogmen gemeinhin als verbindliche und unveränderliche Lehrsätze. Bekenntnisse dagegen unterliegen einem historischen und damit zeitlichen Einfluss. Daher können sich Bekenntnisse mit der Zeit verändern. Protestantische Kirchen haben nach eigenem Selbstverständnis keine Dogmen, sondern nur Bekenntnisse, welche dem geschichtlichen Wandel unterliegen und daher einer fortdauernden Interpretation bedürfen. Der Begriff des Dogmas wird im protestantischen Kreisen reformiert. Ein Dogma wird mit der absoluten Wahrheit gleichgesetzt, welche jede Wissenschaft sich zu nähern versucht, doch ein Erreichen kann niemals stattfinden.5

Der Vortrag

Historie ist nach Troeltsch stehts an den denkenden Geist und das gegenwärtige Erleben gebunden. Die in der Vergangenheit liegenden Entschlüsse werden zur Gestaltung der Gegenwart und der Zukunft genutzt. Das diese strukturellen Beziehungen zum Teil willkürlich gezogen werden, wird eingestanden. Daher ist es wichtig an einer begrifflichen Klärung zur Erfassung von Gegenwart und an einer Gegenüberstellung zur Vergangenheit zu arbeiten. Obwohl dies eine schwierige Aufgabe sei, gewinne die Wissenschaft die Möglichkeit zur Gruppierung von geschichtlichen Materials sowie deren Zusammenhänge.

Die Moderne

Seinem eigenen Anspruch nach sprachlicher Präzision folgend kritisiert Troeltsch im Anschluss an seine Einleitung den gedankenlosen Umgang des Begriffs „Moderne Welt“. Das Wort „Modern“ versuche eine Kultureinheit absolut zu definieren, was unmöglich erscheint. Vielmehr deute das Wort einen Kampf zwischen alten und neuen Mächten, alten und neuen System an, wobei auch hier sich das Problem auftut, Kultureinheiten, sprich Alt und Neu, voneinander abzugrenzen. Genauigkeit lässt sich hingegen bei dem Begriff „Moderne Kultur“ gewinnen.6 Dessen älterer Vorläufer nennt Troeltsch die „Kirchliche Kultur. Diese kirchliche Kultur ist geprägt durch den „Glauben an eine absolute und unmittelbar göttliche Offenbarung“. Durch diesen Glauben erzeugte die im 4. Jahrhundert gegründete Reichskirche ein Kulturideal, welches in der Lage war das gesamte europäische Mittelalter zu prägen. Besonders der Katholizismus wird im Rahmen der kirchlichen Kultur hervorgehoben. Aufgrund der Unvereinbarkeit von ewig göttlichen und wandelbaren menschlichem wurde das letztere entwertet. Nichtsdestotrotz führte dieser asketische Grundcharakter nicht zum Ziel, sodass die Masse in Klerus auf der einen Seite und Laienstand auf der anderen Seite aufgespalten wurde. Eine doktrinäre Volksfrömmigkeit prägte als organisierte Kulturidee lange Zeit das natürliche Leben zahlreicher Menschen.

Der Kulturbegriff

Die moderne Kultur zeichnet sich durch Individualismus und durch eine Orientierung und Technisierung der Naturwissenschaften aus. Kulturideen fußten nicht mehr auf (religiösen-) Autoritäten, sondern rein auf autonome und rationelle Überzeugung. Im Gegensatz zum Katholizismus akzeptierte der Protestantismus dieses Potpourri der Überzeugungen, Meinungen und Theorien. Zwar hielt er an überlieferten Überzeugungen fest, gründete die Frömmigkeit aber in den Auslegungen der Gläubigen.7 Merkmale für die moderne Kultur sind für ihn Bevölkerungsanstieg, die kapitalistische Wirtschaft, die Demokratisierung und die Herausbildung militärisch-bürokratischer Großstaaten.8 In diesem Zusammenhang sagte er, dass der Protestantismus an dieser Entwicklung insofern beteiligt war, dass er alte Strukturen aufbrach und der weiteren Entwicklung ihren freien Lauf ließ. Die sich neu bildende soziale Welt wurde vom Calvinismus in vielen Bereichen bejaht. Besonders die Herausbildung einer intellektuellen Elite ist durch den Calvinismus begünstigt und unterstützt worden.

So ist für Troeltsch die Welt und deren Erscheinungsformen, wie die Freiheit, Individualität und Persönlichkeit des Menschen, durch die Metaphysik des absoluten Personalismus durchdrungen. Ohne den Religiösen Personalismus, der durch den Prophetismus und das Christentum tief im Menschen verankert ist, wären Autonomie, Fortschrittsglaube, Lebenszuversicht und Arbeitsdrang nicht denkbar.9

Säulen des Protestantismus

Der Protestantismus verdankt seine Offenheit aber nach wie vor der christlichen Idee. Der Mensch sei dazu bestimmt, eine vollendete Persönlichkeit zu entwickeln. Dies erreicht er durch die Bindung zu Gott. Diese Bindung, oder auch Aufschwung von Troeltsch genannt, mündet in einem Ergriffenwerden, einer Glaubenserfahrung, bzw. Offenbarung. Dies ist eine Säule des Protestantismus. Die Andere entstand durch die Spannung zwischen der materiellen Welt und Gott. Das irdische Lebewesen Mensch ist sich Zusehens seiner Existenz sowie der Existenz Gottes bewusstgeworden. Als Individuum formt er seine reflektierende Persönlichkeit heraus und macht so in der Welt die Schöpfung Gottes sichtbar. Ohne das Erstarken des Individualismus, hervorgebracht über Jahrhunderte, durch den christlichen Glauben und insbesondere den Protestantismus, wären Autonomie und Fortschrittsglaube nicht denkbar.

Grundsätzlich wird zwischen dem neuen, modernen Protestantismus und dem Alt-Protestantismus unterschieden. Der Neu-Protestantismus zeichnet sich unter anderem durch die Abkehr von der kirchlichen Autorität, hin zur überzeugenden Wirkung des Wort Gottes aus. Der Alt-Protestantismus umfasst die Konfessionen des Luthertums sowie des Calvinismus. Diese traditionelle Denkweise knüpft an das mittelalterliche kirchliche Denken an und versucht Staat und Gesellschaft in jedem Aspekt nach den Maßstäben der Offenbarung zu ordnen.10 Entsprechend dem Vortragstitel ist nur der Alt-Protestantismus von weiterer Bedeutung, da nur er die Entstehung der modernen Welt mitgegründet hat, während der Neu-Protestantismus durch ebendiese gestaltet worden ist.11

Wirkung des Alt-Protestantismus

Das Einwirken des Alt-Protestantismus ist nach Ansicht von Troeltsch aber zwiegespalten. Der Alt-Protestantismus unterschied sich bis dahin nur in die beiden Konfessionen Luthertum und Calvinismus. Dogmatisch hatten beide zwar dieselben Grundlagen, doch gingen sie aufgrund unterschiedlicher Interpretation und Gewichtung langsam auseinander. Der Calvinismus entwickelte sich dabei viel weiter und wurde schließlich zu einer Weltmacht, mit dem entsprechenden Einfluss auf ethische, politische und soziale Belange.12

Während für das Luthertum das Predigtamt und die Sakramente von Gott gleichwertig zur Bekehrung des Menschen eingesetzt wurden, war beim Calvinismus die Bedeutung des Schriftwortes in seiner allein erlösenden und heiligenden Auswirkung als wesentlich höher beurteilt worden, wie die bloßen Heilungsswerkzeuge, die Sakramente.

Unterschiede zwischen Luthertum und Calvinismus sind der auf der einen Seite vorhandene Idealismus der Wirkung Gottes durch Geist, Wort und Sakrament und auf der anderen Seite der aktivere, weltklügere und organisierte christliche Humanismus. Letzterer betrachtete die Welt und ihre Ordnungen als durch die Schöpfung gegeben und als natürlichen Boden und Voraussetzung des christlichen Handelns.13 Auf diesem entwickelte er eine innerweltliche Askese zur Bewältigung der biblischen Forderungen und der weltlichen Probleme. In seiner Konsequenz geht der Calvinismus also weiter als Luthertum und Katholizismus, da die Welt bejaht und ein christliches Leben in der Welt nicht nur für möglich gehalten wird, sondern in dieser auch Erfüllung findet.14 Trotzdem ist ein selbständiger sittlicher Wert innerhalb weltlicher und geschichtlicher Kulturgüter nicht anerkannt. Die Welt ist und bleibt vorerst nur eine Willenssetzung Gottes, ein von ihm erzeugter Boden unseres Handelns. Der Calvinist lebt in ihr und überwindet sie durch das Heil und die Seligkeit der Rechtfertigung und des erlösenden Todes Christi.15 Zu der innerweltlichen Askese kommt beim Calvinismus ein besonderes Verständnis der Arbeit hinzu. Es wird zum Teil der calvinistischen Ethik, da es Selbstdisziplin und das Gedeihen der christlichen Gemeinde fördert.

Folgend analysiert Troeltsch den Einfluss des Protestantismus auf einzelne (Gesellschaft‑) Bereiche. Der Übersicht halber werden Ich diese zum Teil nur skizziert dargestellt:

- Zugeständnisse der Wissenschaft gegenüber16
- Sexualität wurde zur individuellen moralischen Angelegenheit. Aufhebung des Sakrament Charakters des ehelichen Geschlechtsverkehrs

An der Erbsündenlehre wurde festgehalten und die sexuelle Lust nur in der Ehe erlaubt. Der Calvinismus hatte Ehe und Familie sogar ausschließlich in die Erzeugung und Aufzucht von Nachkommen gestellt.17

- Übernahme des römischen Rechtverständnisses

Während Luther im Zivilrecht lediglich eine Notwendigkeit und ein Zugeständnis an die Ordnungen des Sündenstandes sah, hat der Jurist Calvin das Rechtsmittel als Hauptmittel einer guten christlichen Gesellschaft angesehen.18

- Aufwertung des Beamtenberufs19
- Erwachsen eines Staatsideal mit der Idee eines Staatsvertrages

Starke Einwirkungen hatte der Protestantismus auf die Herausbildung bestimmter Staatsformen und deren Verfassung. Auch hier war es wieder der Calvinismus der entsprechenden Veränderungen brachte, im Gegensatz zum konservativen Luthertum und dessen Förderung des Absolutismus. Obwohl vom staatlichen Naturrecht aus gesehen konservativ, bevorzugte der Calvinismus in Verbindung mit der Prädestinationslehre eine gemäßigte Aristokratie.20

- Aufhebung des Zinsverbots, Basislegung für den Frühkapitalismus

Hinsichtlich des wirtschaftlichen Lebens, führte Troeltsch fort, wirkte sich der Protestantismus ähnlich aus. Während das Luthertum am kanonischen Zinsverbot und dem Verbot des Kreditwesens und des Großhandels festhielt, war es wieder der Calvinismus der Veränderungen brachte. Bereits in Genf verwarf Calvin das Zinsverbot. Das führte schließlich zur Gründung der ersten Genfer Bank21 und die Entfaltung des Industrialismus und Kapitalismus.22

- Humanistische Ideale23
- Säkularisierung der Bildungsanstalten24
- Entkirchlichung der Kunst25

Der Alt-Protestantismus hat die moderne Welt nicht erzeugt. Vielmehr ging von ihm eine passive Kraft aus, die sich in vielen gesellschaftlichen bis hin zu politischen Bereichen ausgewirkt hat. Diese Entwicklung war zudem keine einheitliche, bzw. geradlinige. Die einzelnen Konfessionen waren zum Teil konträrer Ansichten, wobei Troeltsch den Calvinismus das fortschrittlichere Denken attestiert.26

[...]


1 Rendtorff, S. 276f.

2 Kaesler, S. 26

3 Kaesler, S. 236

4 Benrath, S. 579f.

5 Lohse, S. 14f.

6 Troeltsch, vgl. S. 208

7 Ebd., vgl. S. 211

8 Ebd., vgl. S. 215

9 Ebd., vgl. S. 222

10 Ebd., vgl. S. 258

11 Ebd., vgl. S. 232

12 Ebd., vgl. S. 230f.

13 Ebd., vgl. S. 238f.

14 Ebd., vgl. S. 242f.

15 Ebd., vgl. S. 234f.

16 Ebd., vgl. S. 250

17 Ebd., vgl. S. 251

18 Ebd., vgl. S. 254

19 Ebd., vgl. S. 258

20 Ebd., vgl. S. 260f.

21 Ebd., vgl. S. 271

22 Ebd., vgl. S. 274

23 Ebd., vgl. S. 283

24 Ebd., vgl. S. 287

25 Ebd., vgl. S. 294f.

26 Ebd., vgl. S. 233

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Wie der Protestantismus die moderne Welt maßgeblich beeinflusste. Eine Analyse der Rede von Professor Dr. Ernst Troeltsch
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
12
Katalognummer
V1127985
ISBN (eBook)
9783346497369
ISBN (Buch)
9783346497376
Sprache
Deutsch
Schlagworte
protestantismus, welt, eine, analyse, rede, professor, ernst, troeltsch
Arbeit zitieren
Christoph Höveler (Autor:in), 2018, Wie der Protestantismus die moderne Welt maßgeblich beeinflusste. Eine Analyse der Rede von Professor Dr. Ernst Troeltsch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1127985

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