Dieser Essay verfolgt das Argument, dass Entwicklung – qua dem unserer Zeit zugrundeliegendem linearen Geschichtsverständnis – eine Zukunft besitzt. Fraglich ist jedoch, welche Qualität diese Zukunft besitzen wird. Es folgt ein Plädoyer für eine Entwicklungspolitik, die sich an mehr als an wirtschaftlicher Entwicklung und pro Kopf Einkommen orientiert, indem sie die Entwicklung menschlicher Fähigkeiten in den Fokus rückt und neue Wege zur Verbesserung menschlicher Lebensqualität geht. Um die Gegenwart und die Zukunft von Entwicklung zu verstehen, müssen wir jedoch ihre Vergangenheit kennen. Beginnend in der Zeit der Aufklärung (18. Jahrhundert) begleitet der Entwicklungsbegriff die Moderne bis zum heutigen Tag. Der Aussage Michel Foucaults "Wir müssen auch die historischen Bedingungen kennen, die eine bestimmte Art der Begriffsbildung motivieren. Wir brauchen ein geschichtliches Bewusstsein für die Situation, in der wir leben" folgend, verfolgt meine Ausführung einen genealogischen Ansatz, indem zunächst der historische Kontext der Entwicklungspolitik nachgezeichnet wird um am Ende ein Resümee bezugnehmend auf die Frage nach der Zukunft von Entwicklung auszusprechen.
Inhaltsverzeichnis
1. Asymmetrische Gegenbegriffe
2. Ideengeschichtliches Fundament: Zivilisations- und Fortschrittsphilosophie des 18. Jahrhunderts (Aufklärung)
3. Startpunkt moderner Entwicklungspolitik: Harry S. Trumans Point-IV-Programm
4. Revolutionäre Paradigmenwechsel: 70 Jahre Entwicklungsgeschichte
4.1 Wachstum und Entwicklung
4.2 Paradigma I: Modernisierungstheorie (1949 - Ende 1960er Jahre)
4.3 Paradigma II: Die Grundbedürfnisstrategie (Ende 1960er - Ende 1970er Jahre)
4.4 Paradigma 3: Washington Consensus und die Krise der Entwicklungspolitik (Anfang 1980er – Ende 1990er)
5. Entwicklung – quo vadis? Aktuelle Herausforderungen und neue Wege zur Verbesserung der menschlichen Lebensqualität
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die historische Genese und die ideologischen Grundlagen des Entwicklungsbegriffs, um kritisch zu hinterfragen, wie sich ein lineares Fortschrittsverständnis über Jahrzehnte hinweg in der Entwicklungspolitik etablieren konnte und welche alternativen Ansätze zur Steigerung der menschlichen Lebensqualität existieren.
- Genealogie der Entwicklungspolitik seit der Aufklärung
- Die Rolle der Modernisierungstheorie und des Wachstumsdogmas
- Kritische Analyse des Paradigmenwechsels in der Entwicklungsgeschichte
- Die Bedeutung von asymmetrischen Gegenbegriffen in der EZ
- Ansätze zur Neudefinition von Entwicklung (z.B. Sen's Capability-Ansatz)
Auszug aus dem Buch
Asymmetrische Gegenbegriffe
Der Grundgedanke der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) basiert auf der Annahme, die Welt sei aus zweierlei Holz geschnitzt, wobei das eine Stück wohlgeformt und fertig bearbeitet ist und das andere Stück noch der ein oder anderen strukturellen Überarbeitung und Lasur vom Meister bedarf. Allseits bekannt ist mittlerweile die Aufteilung der Welt in unterentwickelte und entwickelte Länder. Erstere – so die Weltsicht der zweiten Gruppe – benötigen Entwicklungshilfe von Experten, die ihr Wissen top-down zur Verfügung stellen (vgl. Lepenies 2008: 202; Lepenies 2009: 33). Neben Geldleistungen ist es vor allem der Wissenstransfer (Lepenies 2009: 35) der helfen soll, einen Transformationsprozess einzuleiten, der „als ein gradueller Übergang vom Zustand der Unterentwicklung hin zur Entwickeltheit, in anderen Worten, als ein Anpassungsprozess an die Gegebenheiten der weiter fortgeschrittenen Gesellschaften“ (ebd.: 34) dienen soll. Die von oben (IWF; Weltbank, BMZ; GIZ etc.) gesandten „institutionalisierten Besserwisser“, wie sie Philipp Lepenies (2009: 35) treffend nennt, sollen strukturelle Gegebenheiten – sozialer, politischer oder ökonomischer Natur – in einem anderen Land verändern und damit die Position des Landes auf dem gemeinsamen Entwicklungspfad gen Fortschritt korrigieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Asymmetrische Gegenbegriffe: Dieses Kapitel erläutert die sprachliche und strukturelle Teilung der Welt in entwickelte und unterentwickelte Nationen als rhetorische Grundlage der Entwicklungshilfe.
2. Ideengeschichtliches Fundament: Zivilisations- und Fortschrittsphilosophie des 18. Jahrhunderts (Aufklärung): Hier werden die Wurzeln des linearen Geschichtsverständnisses bei Autoren wie Ferguson und Condorcet aufgezeigt, die den Boden für spätere Entwicklungstheorien bereiteten.
3. Startpunkt moderner Entwicklungspolitik: Harry S. Trumans Point-IV-Programm: Das Kapitel analysiert Trumans berühmte Rede von 1949 als formale Geburtsstunde einer Entwicklungspolitik, die auf technischem Wissenstransfer und Modernisierung basiert.
4. Revolutionäre Paradigmenwechsel: 70 Jahre Entwicklungsgeschichte: Dieses Kapitel gibt einen chronologischen Überblick über die verschiedenen Phasen der Entwicklungspolitik, von der Modernisierung über die Grundbedürfnisstrategie bis zum Neoliberalismus des Washington Consensus.
5. Entwicklung – quo vadis? Aktuelle Herausforderungen und neue Wege zur Verbesserung der menschlichen Lebensqualität: Das abschließende Kapitel hinterfragt den Fokus auf Wirtschaftswachstum und diskutiert alternative Ansätze wie den Capability-Ansatz von Amartya Sen.
Schlüsselwörter
Entwicklungspolitik, Modernisierungstheorie, Washington Consensus, Wirtschaftswachstum, Asymmetrische Gegenbegriffe, Armutsbekämpfung, Grundbedürfnisstrategie, Historischer Kontext, Post-Strukturalismus, Capability-Ansatz, Wissenstransfer, Entwicklungsökonomie, Lebensqualität, Paradigmenwechsel, Aufklärung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in diesem Essay grundsätzlich?
Der Essay untersucht die Entstehung und Entwicklung der offiziellen Entwicklungsrhetorik und -praxis seit der Aufklärung bis in die heutige Zeit und hinterfragt dabei kritisch die dominierenden, linearen Fortschrittsnarrative.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den zentralen Themen gehören die ideengeschichtlichen Wurzeln der Entwicklungshilfe, der Einfluss von ökonomischen Wachstumsdogmen sowie die kritische Auseinandersetzung mit der Einteilung der Welt in entwickelte und unterentwickelte Regionen.
Was ist die primäre Zielsetzung der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, ein genealogisches Verständnis für aktuelle entwicklungspolitische Diskurse zu schaffen und ein Plädoyer für einen Paradigmenwechsel hin zu einer am Menschen orientierten Entwicklungspolitik zu formulieren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Der Autor nutzt einen genealogischen Ansatz, um die historischen Bedingungen nachzuzeichnen, die unsere heutige Art der Begriffsbildung im Bereich Entwicklung maßgeblich geprägt haben.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Aufarbeitung der Aufklärung, der Ära Truman, und die Analyse von drei großen Paradigmenwechseln innerhalb der letzten 70 Jahre der Entwicklungsgeschichte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich besonders durch Begriffe wie Paradigmenwechsel, asymmetrische Gegenbegriffe, Modernisierungstheorie, lineare Zeitverständnisse und den Capability-Ansatz charakterisieren.
Was ist unter dem von Reinhart Koselleck geprägten Begriff der "asymmetrischen Gegenbegriffe" in diesem Kontext zu verstehen?
Es beschreibt sprachliche Kategorien wie „entwickelt“ vs. „unterentwickelt“, die dazu dienen, einen exklusiven Anspruch auf Allgemeinheit zu erheben und die wechselseitige Anerkennung zwischen Akteuren auszuschließen.
Inwiefern beeinflusste das "Point-IV-Programm" von Truman die spätere Praxis der Entwicklungshilfe?
Das Programm legte den Grundstein für die Idee, dass hoch industrialisierte Nationen technisches Wissen und wirtschaftliche Methoden in ärmere Regionen exportieren sollten, um dort den gleichen Entwicklungspfad zu ermöglichen.
Warum übt der Autor Kritik an der alleinigen Fixierung auf das Bruttosozialprodukt (BSP) oder Bruttoinlandsprodukt (BIP)?
Kritisiert wird, dass diese rein ökonomischen Indikatoren die Lebensrealität und die individuellen Verwirklichungschancen der Menschen ausblenden und Entwicklung fälschlicherweise ausschließlich mit ökonomischem Wachstum gleichsetzen.
- Arbeit zitieren
- Luise Köcher (Autor:in), 2021, Entwicklungsphilosophie. Geschichte, Rhetorik, Politik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1128098