Wie erklärt Werner Sombart die Entstehung des Kapitalismus?


Seminararbeit, 2015

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Quellendiskussion

1 Begriffsklärung Kapitalismus

2 Sombarts Vorgehensweise bei der Bildung seiner Theorie

3 Kernpunkte

4 Wirkung

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat der Nationalökonom und Soziologe Werner Sombart wie kein anderer Sozialwissenschaftler die Beantwortung der Frage der Entstehung des modernen Kapitalismus angeregt und mitgeprägt (Steinert 2010: 76). Nachdem er seine Studien der Nationalökonomie 1888 unter Anleitung seines Doktorvaters Gustav Schmoller abgeschlossen, und mehrere Jahre als Universitätsprofessor gearbeitet hatte, erfuhr er im Zuge der Veröffentlichung seiner Abhandlung über Den modernen Kapitalismus zunehmende Aufmerksamkeit (Appel 1992: 13, Gosepath 2008: 1201). Als Reaktion auf zahlreiche Kritiker der Erstauflage von 1902 hat Sombart mehrere vertiefende Einzelstudien unternommen und neben diesen im Jahr 1916 eine stark überarbeitete Zweitauflage Des modernen Kapitalismus veröffentlicht (Brocke 1987: 425). In seiner schlussendlich drei Doppelbände umfassenden Enzyklopädie über Den modernen Kapitalismus sowie in vielzähligen Einzelstudien hat er die Entwicklung des Kapitalismus aus einer historisch-systematischen Perspektive im gesellschaftsgeschichtlichen Gesamtzusammenhang mit besonderem Fokus auf die Bedeutung die vorherrschende Geisteshaltung der damaligen Gesellschaftsmitglieder untersucht (Braun 2012: 50, Brocke 1987: 429).

Insgesamt hat sich Sombart 40 Jahre seines Lebens der Frage nach der Herkunft und Entwicklung des Kapitalismus gewidmet (Brocke 1987: 429). Seine Theorien sogten damals nicht nur im deutschen Raum sondern auch im Ausland für ausgiebigen Gesprächsstoff und brachten zahlreiche Rezessionen und offene Debatten mit sich (Appel 1992: 9f).

Wie jedoch hat Sombart seine aufsehenerregende Theorie zur Entstehung des Kapitalismus aufgestellt und auf welche Thesen gründen seine Schlussfolgerungen? Auf diese und weitere Fragen möchte ich in dieser Arbeit eingehen. Dabei wird zunächst ein kurzer Überblick über die wichtigsten verwendeten Quellen gegeben. Anschließend wird der zum weiteren Verständnis notwendig vorausgesetzte Begriff des Kapitalismus zuerst allgemein und im Anschluss nach Sombarts Verständnis definiert. Im nächsten Schritt soll Sombarts Vorgehensweise bei der Bildung seiner Theorie über die Entwicklung des modernen Kapitalismus erläutert werden. Im Anschluss werden dann die wichtigsten Kernaspekte seiner Theorie dargelegt. Zuerst sollen die Hauptursachen der Genesis des modernen Kapitalismus in seiner frühkapitalistischen Epoche erläutert werden und anschließend dessen vollständige Entfaltung im Zeitalter des Hochkapitalismus. Im Folgenden findet eine kurze Analyse über die Wirkung, welche Sombarts Theorie in wissenschaftlichen Kreisen hatte statt. Zuletzt werden die herausgearbeiteten Punkte in meiner Schlussfolgerung zusammengefasst.

Ziel dieser Arbeit ist es, Werner Sombarts Theorie der Entstehung des Kapitalismus bzw. seinen jeweiligen historischen Ausprägungen von seinen Anfängen bis zur Hochzeit darzulegen und Aufschluss über die Wirkweite seiner Theorie im wissenschaftlichen Diskurs zu geben .

Quellendiskussion

Zur Darlegung von Sombarts Theorien über die Entstehung des modernen Kapitalismus wird hauptsächlich seine 1916 erschienene, komplett überarbeitete Version verwendet, da diese für die Weiterentwicklung seines Wirkens verglichen mit der Erstauflage von entscheidendem Wert ist und die Rezeption seiner Theorien im weiteren Verlauf ausmacht. Sombart erklärt selbst in dem Vorwort der zweiten Auflage, dass er „kaum ein Zehntel“ (Sombart (1916) 1987-a: IX) des Originaltextes verwendet und dass dieser verbliebene Rest „in ganz neue Gedankengefüge eingeordnet“ (Sombart (1916) 1987-a: IX) sei. Außerdem gliedert sich der dritte Doppelband, welcher 1927 folgte und die Voraussetzungen der Einleitung des hochkapitalistischen Zeitalters beinhaltet, an ebenjene Kerngedanken der Ausgabe von 1916 an. Die Urfassung von 1902 soll lediglich in Kapitel 4 im Hinblick auf die zeitgenössische Kritik kurz angesprochen werden. Weiter werden zur Erläuterung seiner sozialpsychologischen Interpretation des Kapitalismus seine vertiefenden Untersuchungen über den Zusammenhang von Luxus und Kapitalismus (1912), Krieg und Kapitalismus (1913) und die Rolle Des Bourgeois (1913) als moderner Wirtschaftsmensch mit ebenjenen Titeln zu Rate gezogen.

1 Begriffsklärung Kapitalismus

Bei der Erläuterung der Entstehung des Kapitalismus nach dem Verständnis von Werner Sombart soll der Begriff des Kapitalismus zuerst näher definiert werden.

Eine allgemeine Definition des Begriffs Kapitalismus zu finden, gestaltet sich schwierig, da mit ihm unterschiedliche Bedeutungen assoziiert werden.

Aus der Fülle von Erklärungsversuchen findet man im Brockhaus-Lexikon folgenden Eintrag: „Anfang des 19. Jh. geprägter Begriff für eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die durch Privateigentum an den Produktionsmitteln, privates Unternehmertum, das Prinzip der Gewinn bzw. Nutzenmaximierung, Steuerung des Wirtschaftsgeschehens über den Markt, Wettbewerb, Rationalität, Individualismus und den Ggs. zw. Kapital und Arbeit (Arbeitgeber und –nehmer) gekennzeichnet ist […]“ (Brockhaus 2005: 442).

Zum erweiterten Verständnis von Sombarts Rezeption des Kapitalismus, sollte die wertende Verwendung des Begriffs betrachtet werden, demzufolge er „von Marxisten … auch als diskriminierender Begriff in der politischen Auseinandersetzung gebraucht und unter anderem mit der Ausbeutung der Arbeitnehmer durch eine kleine Gruppe von Besitzenden gleichgesetzt [wird]“ (Hüsli 2015).

Sombart selbst beschreibt seine Auffassung des Begriffs im Ersten Band Des modernen Kapitalismus als „eine verkehrswirtschaftliche Organisation, bei der regelmäßig zwei verschiedene Bevölkerungsgruppen: die Inhaber der Produktionsmittel, die gleichzeitig die Leitung haben, Wirtschaftssubjekte sind und besitzlose Nurarbeiter (als Wirtschaftsobjekte), durch den Markt verbunden, zusammenwirken, und die von dem Erwerbsprinzip und dem ökonomischen Rationalismus beherrscht wird.“ (Sombart (1916) 1987: 319). Dass sich Sombarts Verständnis des Begriffs Kapitalismus dabei ausschließlich auf die negativen Aspekte desselbigen beschränkte, lässt sich sehr deutlich in einer Funkaufnahme anlässlich seines 70. Geburtstags erkennen, in der er sagt „Ich [habe] das unsere Zeit beherrschende Wirtschaftssystem - den Kapitalismus dargestellt: d.h. den Verlauf dieses furchtbaren Gewitters, das über die Menschen hereingebrochen ist, das ein paar Jahrhunderte heraufgezogen ist, dann sich im 19. und im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts entladen hat, und heute im Abziehen begriffen ist, so daß wir nur das ferne Grollen des Donners vernehmen. Einer mußte ja schließlich die Geschichte dieser Katastrophe schreiben.“ (Brocke 1987: 429).

2 Sombarts Vorgehensweise bei der Bildung seiner Theorie

Als ein Vertreter der Deutschen Historischen Schule, welche ihre Ursprünge im 19. Jahrhundert hatte, besaß Werner Sombart die Ansicht, dass sich „Wirtschaftssysteme verschiedener Zeiten durch einen jeweils eigenen ‚Wirtschaftsstil‘ auszeichnen“ (Buß 1985: 25, Gosepath 2008: 1202). Er untersuchte den modernen Kapitalismus daher im Sinne der Tradition des theoretischen Historismus und ging weiter davon aus, dass sich der Kapitalismus in bestimmten Gesellschaften jeweils in zeitlich abgrenzbaren wirtschaftlichen Stadien entwickelt hat („Stadientheorie“, Buß 1985: 25). Folglich nahm er in seiner Abhandlung Der moderne Kapitalismus eine Unterteilung in eine Vor-, Früh-, Hoch-, und Spätkapitalistische Phase vor (Gosepath 2008: 1202, Buß 1985: 26). Hierbei hat Sombart typische Hauptmerkmale der einzelnen Stadien modellhaft herausgearbeitet. Es gilt festzuhalten, dass sich sein Erklärungsmodell nicht auf explizite Fälle einzelner Länder bezieht, sondern den Versuch darstellt, generelle Strukturen herauszuarbeiten, welche Modernisierungsprozesse von Gesellschaften vereinfacht veranschaulichen (Buß 1985: 25). Dabei untersuchte er vor allem die Zusammenhänge der jeweiligen historischen Ausprägung der kapitalistischen Wirtschaft und der kollektiven Geisteshaltung der Wirtschaftsteilnehmer zu jener Zeit (Buß 1985: 25). Unter dem Einfluss seiner zu jener Zeit noch marxistischen Einstellung ist sein Hauptwerk von dem marxistischen Verständnis der Gesellschaftsgeschichte als Klassenkampf geprägt, wonach der moderne Kapitalismus begünstigt wurde von einem überspitzten sozialen Selbsterhaltungstrieb, d.h. dem Gewinnstreben bis hin zur ausschweifenden, völlig demoralisierten Habgier der gehobenen Gesellschaftsschicht (Brocke 1987: 425).

Zur Konstruktion seiner historisch-soziologischen Theorien bezieht sich Sombart vor allem auf die Länder Italien, Frankreich, Großbritannien und Deutschland, welche sich als Vorreiter kapitalistischer Entwicklungen auszeichnen (Sombart (1916) 1987-a: X). Dabei geht er in seinen historischen Ausführungen, welche sich über einen Zeitraum vom 14. Jahrhundert bis Anfang des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1939 erstrecken, nur „soweit es sich einheitlich gestaltet und einheitlich verläuft“ (Sombart (1916) 1987-a: 23) ins Detail.

Nach Sombarts Verständnis ergänzen sich die Fragestellungen „nach der Übereinstimmung und Allgemeinheit und die nach der Verschiedenheit und Besonderheit, die man als soziologische und historische bezeichnen kann, [und] sind offenbar gleich berechtigt […]“ (Sombart (1916) 1987-a: 23).

Somit ist „jede Einzelerscheinung des Wirtschaftslebens“ (Sombart (1916) 1987-a: 23) in seiner umfassenden Theorie zuerst mit historischen Fakten ausgestattet, über welche er dann theoretisch-systematische Interpretationen und Schlussfolgerungen anstellt (Sombart (1916) 1987-a: 326). Hierbei ist weiterer wichtiger Kernaspekt von Sombarts forscherischer Vorgehensweise seine Werturteilsfreiheit (Sombart (1916) 1987-a:XI). Er begnügt sich in seinen Abhandlungen damit, seinen Lesern lediglich viele empirisch-theoretische Teilstudien anzubieten, und beleuchtet das ‚Problem‘ Kapitalismus mit seiner „Scheinwerfermethode“ (Sombart (1916) 1987-a: XI) aus verschiedenen Blickwinkeln ohne dabei eine Hauptursache für dessen Entstehung festmachen zu wollen. Das heißt, Sombart möchte historische Zusammenhänge erklären und verzichtet nachdrücklich auf „metaphysische Betrachtungen“ der Entstehung des Kapitalismus (Sombart (1927) 1987-c: 6). Stattdessen ist es sein Anliegen, durch das Aufdecken der zahlreichen Fragen, welche sich beim Versuch einer modellhaften Allgemein-Theorie ergeben, deutlich zu machen, dass eben dieses Vorhaben unmöglich ist (Sombart (1916) 1987-a: X-XI).

Der moderne Kapitalismus bildet laut Sombart den Versuch einer „gesamt-europäischen Wirtschaftsgeschichte“ (Sombart (1916) 1987-a: 23). Auf seine Hauptaussagen soll im Folgenden eingegangen werden.

3 Kernpunkte

Um die Faktoren welche die Genesis des Kapitalismus bedingt haben, herauszuarbeiten, zeigt Sombart in chronologischer Reihenfolge zuerst die historischen Voraussetzungen auf, welche als Basis für seine Genesis vorhanden sein mussten, um dann auf die wichtigsten Entwicklungen, welche dem Kapitalismus auf dem Weg zum Erfolg geholfen haben, einzugehen. Dabei lassen sich die Voraussetzungen nach Sombarts historische Einteilung der Vor- und Frühkapitalistischen Phase zuordnen, während die weiteren Entwicklungen sich Ende der Früh- und vor allem in der Hochkapitalistischen Phase befinden. Die für die Entstehung des Kapitalismus relevanten Kernelemente der beiden Phasen sollen im Folgenden herausgearbeitet werden.

3.1. Frühkapitalistische Phase

Die Kernursache der Entwicklung der modernen Kapitalismus findet sich nach Sombarts Verständnis in der Entstehung eines kapitalistischen Geistes. Dieser neue „Geist der Weltlichkeit […], der Eigensucht und Selbstbestimmung […] und des Unternehmerdrang[s]“ (Sombart (1916) 1987-a: 327), welcher sich ab dem 14. Jahrhundert erst in einzelnen Menschen manifestiert und sie von alten Beschränkungen gelöst hat, wird im Zeitalter des Hochkapitalismus schließlich zum kollektiven Bewusstsein der Gesellschaft geworden sei (1916) 1987-a: 326ff).

Ab der frühkapitalistischen Phase, welche grob die Zeitspanne vom 16. bis ins 18 Jahrhundert umfasst durchdrang dieses neue Bewusstsein sämtliche „Gebiete des menschlichen Lebens“ (Sombart (1916) 1987-a: 328), also neben der Gesellschaft auch den Staat, die Religion, und das Wirtschaftsleben.

Durchdrungen vom kapitalistischen Geist entstand laut Sombart in dieser Zeit eine neue Art Mensch, nämlich den „wagenden unternehmenden Mann(es), der beherzt den Entschluß faßt, aus den Gleisen der herkömmlichen Wirtschaftsführung herauszutreten und neue Wege einzuschlagen“ (Sombart (1916) 1987-b: 836). Dieser Unternehmertyp war mit organisatorischen, rechnerischen und händlerischen Fähigkeiten ausgestattet und besaß die nötige Intelligenz und Tatkfraft zur Schaffung neuer Unternehmungen und einem „starken Sinn für die materiellen Werte“ (Sombart (1916) 1987-b: 838).

Hierbei versteht Sombart den Kapitalismus ausdrücklich als „Werk einzelner hervorragender Männer“ (Sombart (1916) 1987-b: 836, welchen unter den politisch günstigen Bedingungen vermehrt freie Unternehmungen tätigen konnten, somit entwickelte sich langsam eine freie Unternehmerschaft Sombart (1916) 1987-a: 333).

Unter dem Einfluss der treibenden Kraft des kapitalistischen Geistes manifestierte im kapitalistischen Unternehmer das ursprüngliche Wirtschaftsprinzip der „Bedarfsdeckung“ langsam zum „Erwerbsprinzip“, d.h. dem Streben nach Kapitalakkumulation zur Bereicherungszwecken um, während damit einhergehend der vorkapitalistische „Traditionalismus“ von einem zunehmenden „ökonomischen Rationalismus“ ersetzt wurde (Sombart (1916) 1987-a: 320). Dieser ökonomische Rationalismus“ umfasst die Plan- Zweck, und Rechnungsmäßigkeit von unternehmerischen Handlungen, wobei Sombart vor allem der doppelten Buchhaltung eine wichtige Rolle zuschreibt (Sombart (1916) 1987-a: 320, Sombart (1916) 1987-b: 1080).). Daraus resultierend bewirkt der kapitalistische Geist die zunehmende „Versachlichung“ (Sombart (1916) 1987-b: 1077), d.h. die Kontraktualisierung und „Rationalisierung der menschlichen Beziehungen“(Sombart (1916) 1987-b: 1079).

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Wie erklärt Werner Sombart die Entstehung des Kapitalismus?
Hochschule
Universität Trier  (Soziologie)
Veranstaltung
Markt Organisation und soziale Ungleicheit
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V1128283
ISBN (eBook)
9783346488602
ISBN (Buch)
9783346488619
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Werner Sombart, Kapitalismus, Kapitalismusbeginn, Kapitalismusanfänge, Der moderne Kapitalismus, Kapitalismus-Theorie, Nationalökonomie
Arbeit zitieren
Julia Hirt (Autor:in), 2015, Wie erklärt Werner Sombart die Entstehung des Kapitalismus?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1128283

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