Die Protagonisten in Alexander Puschkins "Eugen Onegin"


Essay, 2019

21 Seiten, Note: 13


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Eugen Onegin

Tatjana Larin

Wladimir Lensky

Olga Larin

Der Erzähler

Fazit

Einleitung

Der Roman „Eugen Onegin“, welchen Alexander Puschkin im Zeitraum von 1823 bis 1831 verfasste, wurde vom russischen Literaturkritiker Vissarion G. Belinsky als „Enzyklopädie des russischen Lebens“ bezeichnet. Dies kann man von vielen Facetten des Romanes ableiten - so werden unterschiedliche Gesellschaftsschichten und -sphären dargestellt, unterschiedliche Wünsche, Träume und Ziele der Protagonisten und verschiedene Arten der Beziehung zwischen den Charakteren, von romantischen Gefühlen bis hin zur Freundschaft, oft auf komplexer Ebene.

Auch die Charaktere der Geschichte selbst stellen eine interessante Bandbreite an Verhalten und Emotionen dar. So wirkt Eugen Onegin, der Namensgeber des Versromanes, anfangs wie ein unterkühlter und gelangweilter, ja schlichtweg unsympathischer Dandy; sein Freund und Nachbar Wladimir Lensky wiederum ist ein von der Liebe zu seiner Verlobten Olga beseelter, impulsiver Dichter. Auch die beiden Schwestern Olga und Tatjana könnten unterschiedlicher kaum sein: Olga hat ein sonniges Gemüt, während Tatjana oft tief in Gedanken versunken ist und sich in Büchern verliert. Olgas Liebe zu Wladimir scheint perfekt; Tatjanas Sehnsucht nach Eugen scheint unerfüllt zu bleiben. Neben einigen Nebencharakteren rundet die Geschichte schließlich der Erzähler ab, welcher oft Bezug auf die Handlung nimmt, den Leser direkt anspricht und scheinbar von seinen eigenen Erlebnissen erzählt - oft wurde daher diskutiert, ob es sich bei diesem Erzähler um Alexander Puschkin selbst handelt, der Eugen Onegin als Ort für seine Memoiren verwendet.

Dies soll auch Thema dieser Ausarbeitung sein; vor allem jedoch werden die Charaktere thematisiert, sowie die Beziehungen zwischen den Protagonisten. Dabei wird besonders auf das Verhältnis zwischen Eugen und Tatjana sowie zwischen Eugen und Lensky eingegangen, auch die Romanze zwischen Lensky und Olga wird jedoch ein Thema sein. Im Fazit werden besondere Erkenntnisse, zu welchen durch die Analyse des Werkes gelangt wurde, erwähnt sowie die wichtigsten Punkte zusammengefasst.

Eugen Onegin

Zu Beginn des Romanes ist Eugen gerade zwanzig Jahre alt. Er hat weder Vater noch Mutter; lebt im Luxus (1, XXIII) und soll die Ländereien seines sterbenden Onkels erben (1,LIII). Bereits an dieser Stelle wird Eugen als sehr auf den eigenen Vorteil bedacht beschrieben (1,I), da er sich zwar durchaus am bevorstehenden Reichtum erfreut, aber keineswegs den kranken Onkel pflegen möchte. So sagt er, ihn möge der Teufel holen. Dankbarkeit für den hohen Lebensstandard, den ihm die Erbschaft weiterhin ermöglichen wird, zeigt er also nicht - im Gegenteil, er ist sogar erleichtert, als der Onkel vor seiner Ankunft stirbt (1, LII) und er sich nicht um diesen kümmern muss.

Von seinem Leben als „Dandy“, als gut situierter Mann der Gesellschaft, scheint Eugen jedoch längst gelangweilt zu sein (1, XXXVII):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auch kann sich Eugen an seinen zahlreichen Affären, bevorzugt mit verheirateten Frauen, kaum noch erfreuen (1, X), noch an Duellen und dem Luxus, den er bereits gewohnt ist. Dabei betont der Erzähler jedoch, dass Eugen keineswegs Suizidgedanken hege (1, XXXVIII), sondern nur gelangweilt und emotional erkaltet sei - was den Erzähler zu erfreuen scheint, da es ihm selbst ebenso gehe. Eugen zieht sich also, durchaus enthusiastisch, auf das Landgut des Onkels zurück, vielleicht in der Hoffnung, durch das Landeben wieder Passion für das Leben im Generellen zu empfinden. Eugen beschäftigt sich dort viel mit Literatur (1, XLIV), verwirft jedoch auch diese Beschäftigung bald.

Auf dem Land lernt er bald den jungen Poeten Wladimir Lensky kennen und durch ihn die Schwestern Tatjana und Olga Larin. Eugen flirtet mit Tatjana - für ihn ist das ein harmloses, bald schon gewohnheitsmäßiges Vergnügen, Tatjana jedoch verliebt sich in ihn und denkt Tag und Nacht an Eugen. Als sie ihm schließlich einen Liebesbrief schreibt, wirkt er durchaus berührt, reagiert jedoch nicht darauf (4, XI), da er sie, wie er sagt, nicht verletzen will:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Er erklärt ihr schließlich, dass ein Leben als verheirateter Mann für ihn nicht in Frage kommt und weist ihre Avancen zurück (4, XIII):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dabei erklärt er ihr ebenfalls, dass sie sich sicherlich bald erneut verlieben würde - wie es junge Mädchen täten. Eugen verhält sich hier jedoch bei weitem nicht so herzlos und kühl, wie man denken könnte: Er erklärt Tatjana ehrlich, dass die Ehe nichts für ihn sei und sie zwar sein Ideal sei (ob dies stimmt, sei dahingestellt, aber zumindest ist dies für sie sicherlich ein Trost), er aber wisse, dass sie mit ihm nicht glücklich werden könne. Selbst wenn man kritisch sagen könnte, er solle diese Entscheidung nicht für Tatjana treffen - zumindest erspart er ihr höchstwahrscheinlich viel Kummer und auf lange Sicht gesehen ermöglicht er ihr durch diese Zurückweisung sogar ein Leben in Wohlstand und ohne Sorgen. So ist seine Zurückweisung durchaus eine gute Tat, statt wie sonst die Beziehung solange aufrechtzuerhalten, wie es ihm gefällt, und danach zu verschwinden. Davon ausgehend, könnte man also sagen, dass Tatjana ihm zumindest mehr bedeutet als die zahllosen Liebschaften zuvor.

Tatjana und Eugen sehen sich nach dieser Zusammenkunft lange nicht wieder. Er verschwendet scheinbar keine besonderen Gedanken an sie, während Tatjana beinahe ausschließlich über ihn nachdenkt. Jedoch behält sie diese Gedanken für sich, weswegen niemand erfährt, dass die Beziehung der beiden nicht zustande kommen wird. Ganz im Gegenteil, wird sogar von vielen, die beide kennen, angenommen, eine Hochzeit stehe bevor. So wird Eugen schließlich zum Namenstag Tatjanas eingeladen - durch eine List Lenskys nimmt er an, nur die Familie sei dort - und flirtet dort aus Wut über diese Tatsache und die Annahme, er solle bald Tatjana heiraten, mit Olga. Lensky ist davon bestürzt und wird ihn später zum Duell fordern - was Eugens Freund das Leben kostet. Eugen war sich selbstverständlich vollkommen im Klaren darüber, dass sein Flirt mit Olga seinen Freund provozieren würde - er tat es, um sich für die Einladung zu rächen und auch für die Tatsache, dass die Feier nicht im Kreis der Familie stattfindet, wie angenommen. Olga freut sich über die Aufmerksamkeit; von ihrer Seite war dies jedoch keine Berechnung, sondern vollkommene Unwissenheit darüber, was dies bei Lensky auslösen könnte. So ist Olga verwirrt, wieso Lensky die Feier verlässt, und freut sich, ihn wieder zu sehen, als er sie vor dem Duell ein letztes Mal besuchen kommt.

Olgas Unwissenheit über Fragen der Ehre oder Regeln der Romantik und Eugens vollkommen unbegründete Wut auf Lensky führen hier zu einem tragischen Ausgang, dem Tod Lenskys. Eugen flieht nach diesem Vorfall - er ist sich also wohl durchaus bewusst, dass er eine Fehlentscheidung getroffen hat; ob man die Flucht nun als feige oder weise sieht, sie beweist jedenfalls, dass er sich nach Lenskys Tod Gedanken über die Konsequenzen gemacht hat - auch wenn er zuvor nicht fähig war, das Duell zu verhindern, und sich an gesellschaftliche Konventionen klammerte, die ihm ja augenscheinlich nichts bedeuten. Nach Eugens Flucht findet Tatjana Trost in den Büchern, die er liest. Auch wenn er sich gerne als Dandy präsentiert, so ist es interessant, dass er sehr viele Bücher liest, und dies sehr intensiv - Fußnoten und Notizen aller Art beweisen, dass er durchaus Gedanken zu Themen besitzt, und diese mitteilen will; und sei es nur passiv, durch Notizen, die im Normalfall niemand sehen wird. Hier kommt das Bild eines geistlosen Mannes, der andere Menschen lediglich für die eigenen Zwecke benutzt, durchaus ins Wanken: So scheint Eugen tiefgründiger zu sein, als gedacht. Doch erneut bleibt er passiv; beweist dieses Wissen nur im Stillen, für sich.

Eugen und Tatjana sehen sich viele Jahre nicht. Als sie sich erneut treffen, ist Eugen in der Gesellschaft Adliger unterwegs; er sieht Tatjana und fragt erstaunt, wer sie sei - er kann kaum glauben, dass er Tatjana vor sich sieht. Als er schließlich erfährt, dass sie mittlerweile eine verheiratete Frau und Fürstin ist, entwickelt er eine Obsession und schreibt ihr Liebesbriefe, welche sie nicht beantwortet. Hier findet sich erneut Eugens Verhaltensmuster: Er handelt unbedacht, bedenkt nicht, welche Konsequenzen es für eine verheiratete Frau haben könnte, wenn diese Briefe gefunden werden, oder was seine Worte in ihr auslösen könnten. Wie schon mit Olga und Lensky handelt Eugen hier nur nach seinem eigenen Belieben; er bleibt nicht mit den Regeln der Gesellschaft konform. Tatjana nimmt sich hier jedoch durchaus ein Beispiel an ihm - sie gesteht ihm, ihn noch immer zu lieben; will jedoch ihrem Mann treu bleiben. Ihre Ehrlichkeit über ihre Gefühle und die Willensstärke, diesen nicht zu folgen, zeigen ihre geistige Entwicklung. Im Vergleich zu ihr ist Eugen jedoch scheinbar noch immer der Mann, der er immer schon war - zumindest auf den ersten Blick geht es ihm noch immer nur um sich selbst und sein eigenes Glück. Weiterhin bleibt anzumerken, dass Tatjana für Eugen ein Ziel sein könnte, gerade weil sie nun verheiratet und mächtig ist - die Rolle des Geliebten einer Fürstin scheint für ihn reizvoll, wo es die Rolle des Ehemanns Tatjanas zuvor nicht war. Ob er sie also wirklich liebt, bleibt unklar.

Abschließend lässt sich sagen, dass Alexander Puschkins Worte, der Leser würde am Ende seiner Erzählung Eugen sowohl kennen als auch nicht kennen (Scholle, s.47), durchaus zutreffen. Eugen verhält sich passiv, kann aber auch impulsive Entscheidungen treffen, die oft für andere negative Konsequenzen haben; so verliert Olga ihren Verlobten, Lensky stirbt und Tatjana lebt ein relativ unglückliches Leben als Fürstin. Dennoch hat er durchaus auch gute Seiten, und ist kein von Grund auf schlechter Mensch. Vielmehr ist Eugen ein Mensch von schwachem Willen und Gemüt, der oft ein Spielball seiner Gesellschaft zu sein scheint - unentschlossen, passiv und gelangweilt, sucht er Emotionen, die er nicht empfindet: Sei es durch ein Duell bis zum Tod mit seinem Freund oder durch Affären mit verheirateten Ehefrauen, oder durch seine gewünschte Romanze mit einer verheirateten Fürstin. Alexei Rybakov begründet dies damit, dass eins der wichtigen Motive in Eugen Onegin die Widersprüche sind - so verwandelt sich Eugen während des ersten Kapitels von einem „mondänen Taugenichts“ zu einem „romantisch enttäuschten Helden“ (Rybakov, s.82). Laut Rybakov ermöglichen es diese tiefgründigen Gedanken, Eugen zu einem ebenbürtigen Freund des Autors zu machen (s.82). Rybakov stellt die Frage, ob diese Widersprüche wirklich Zufall sind, oder vielleicht doch von Puschkin geplant - Puschkin selbst sagte dazu: „Ich habe das alles genau durchgesehen: Es stecken viele Widersprüche darin, doch will ich sie nicht beseitigen.“ (s.82)

Es kann also durchaus spekuliert werden, dass Eugen bewusst ein vielfältiger Charakter ist, und die Seiten an ihm, die sich widersprechen, genau so geplant waren. Scholle widerspricht dem nicht; für sie jedoch ist Eugen praktisch ein Unbekannter - so würden „persönliche Kindheitserinnerungen Onegins“ nicht erzählt, seine Erziehung durch „Madame“ oder „Monsieur“ sage nichts aus, da dies nur namenlose, ersetzbare Charaktere seien (s.34) und die Erziehung durch französische Lehrer etwas in der oberen Gesellschaft übliches und dadurch nicht spezifisches. Das Leben eines „Vertreters der Petersburger Gesellschaft“ und eines „Dandys der zwanziger Jahre“ fülle Eugen weiterhin nicht „mit (...) Leben aus“ (ebenda).

Unabhängig davon, was man nun persönlich über Eugen Onegin denkt, so ist eines offensichtlich: Er bildet einen der interessantesten Charaktere der modernen Literatur, gerade weil er voller Widersprüche steckt und seine Entscheidungen solch weitreichende Konsequenzen haben.

Tatjana Larin

Tatjana ist die Schwester von Lenskys Verlobter, Olga. Im Gegensatz zu ihrer Schwester, die als unbeschwert beschrieben wird, als Maiglöckchen, wird Tatjana als schwermütig und ernst beschrieben (2, XXV). Die Schwestern stehen sich dennoch nah, ihre unterschiedlichen Gemüter ändern nichts an ihrer schwesterlichen Zuneigung.

Der Autor vermeidet es jedoch auch nicht, ihren Namen als „Namen niederer Kreise“ zu bezeichnen (2, XXIV). Tatjana verliert sich gerne in Büchern und verbringt viel Zeit in der Natur. Auch dem Aberglaube ist sie durchaus zugetan (5, VII). Nachdem Eugen mit ihr flirtet, verliebt sie sich in ihn (3, IX) und denkt praktisch die ganze Zeit an ihn:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Sie schreibt ihm schließlich einen Liebesbrief. Er weist sie zurück - dies verstärkt ihre Leidenschaft aber noch, weswegen sie nun fast ständig an ihn denkt (4, XXIII). Nach seiner Zurückweisung trauert sie, zieht sich zurück und wird teilnahmslos. Ihr Verhalten spiegelt Eugens: Auch er zieht sich gerne auf seinen Landsitz zurück, liest dort im Stillen Bücher und verbringt Zeit alleine - Tatjanas unerwiderte Leidenschaft für Eugen spiegelt ebenso das spätere Verhältnis der Beiden; Tatjana als Objekt der Begierde Eugens, sie als Zurückweisende und er der vor Leidenschaft verkommende Liebende. Es bleibt zu zweifeln, ob die beiden romantisch kompatibel sind, doch es kann kaum bestritten werden, dass von beiden Seiten Interesse besteht, wenn auch stets zum unpassendsten Zeitpunkt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Protagonisten in Alexander Puschkins "Eugen Onegin"
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
13
Autor
Jahr
2019
Seiten
21
Katalognummer
V1128284
ISBN (eBook)
9783346499424
ISBN (Buch)
9783346499431
Sprache
Deutsch
Schlagworte
protagonisten, alexander, puschkins, eugen, onegin
Arbeit zitieren
Michelle Blum (Autor:in), 2019, Die Protagonisten in Alexander Puschkins "Eugen Onegin", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1128284

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