Person und der personale Identität. Inwiefern ist die Identitätsentwicklung einer Person problematisch?


Essay, 2021

7 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inwiefern ist die Identitätsentwicklung einer Person problematisch?

Die Frage nach der Identität eineiiger Zwillinge mit identischer DNA scheint offensichtlich auf die Antwort nach unterschiedlichen Identitäten zweier Personen hinauszulaufen. Auch die Identitätsentwicklung einer Person die sich einer Geschlechtsumwandlung unterzieht wirft Fragen auf. Zudem kann nach dem Glauben der Wiedergeburt sich eine Identität über mehrere Personen vollziehen. Nach dem Text von David Lewis scheint es diskutabel, inwiefern wir bei eineiigen Zwillingen von zwei Identitäten und bei einer Person, die im Laufe ihres Lebens zwei Geschlechter hat, sowie Wiedergeborenen, von einer Identität, sprechen. Zudem ist die Identität nach Derek Parfit im Leben nicht entscheidend, sondern die Verbindung zwischen psychischen Zuständen.1

Parfit nimmt Transportszenarien an, in denen eine doppelte Identität infrage gestellt wird. Beispielsweise wird ein Mensch zum Zeitpunkt t1 auf der Erde in einen Transporter zum Zeitpunkt t2 aufgelöst und eine Kopie seines Körpers durchlebt. Dieser wird dann zum Zeitpunkt t4 nach dem Vorgang t3 auf dem Mars weiterleben. Ab dem Zeitpunkt t2 gibt es also zwei gleiche Identitäten und die zurückgebliebene Person auf der Erde wird sterben, während die Person auf dem Mars weiterlebt. Daraus kann geschlossen werden, dass Parfit, geht er von der Körpertheorie aus, davon ausgeht, dass die parallel lebenden Personen auf dem Mars und der Erde nicht mehr identisch sind. Doch bleibt offen ob Person A aus Zeitpunkt t1 mit Person B aus Zeitpunkt t2 und Person C auf dem Mars aus Zeitpunkt t4 identisch ist.2 Die Frage nach einer einzigartigen Seele bleibt dabei offen.3 Ob die Person nach der Kopie auf dem Mars mit der Kopie auf dem Mars identisch ist, ist zu widerlegen, da beide den selben Ursprung, die Person vor der Kopie, haben, und es gegen die Transitivität von Identität spräche. Ob die Person A vor der Kopie mit der Person C auf dem Mars identisch ist hängt ohne Einflussnahme von der Person B aus Zeitpunkt t2 zusammen.

Ferner stellt sich die Frage, ob es Lücken in der Identität geben kann, wie bei der Zerlegung und Wiederzusammensetzung einer Uhr. Beispielsweise beeinträchtigen aber die Körperveränderungen der Zellerneuerung die Identität nicht.

In „survival and identity“ behandelt Lewis die Frage nach dem Überleben und der Identität. Des weiteren stellt sich die Frage nach alltäglichem Überleben und Sterben.4 Im Überleben ginge es um mentale Kontinuität und Verbundenheit.5 Auch Parfit nimmt an, dass wenn die eine Identität zu Ende ginge, die Kopie auf dem Mars in seiner Idee, das Leben mit den identischen Gedanken, die man auf der Erde hatte und den gleichen psychischen Zuständen, die in Verbindung mit dem Ich stehen, fortsetzt.6 Die kontinuierlichen, mentalen Zustände sollen zweifach verbunden sein, einerseits durch Bindungen der Ähnlichkeit und andererseits durch Bindungen rechtmäßig-kausaler Abhängigkeit.7 Was das Überleben in kontinuierlichen Bindungen ausmacht ist nach Lewis folglich die Identität.8 Die Identität erweist sich als Frage nach dem wer ich bin und der Verbindung wer ich sein werde. Nach Derek Parfit ist Identität ein Verhältnis zu einem bestimmten, formalen Charakter der Kontinuität oder Verbundenheit.9 Demnach sei Identität allerdings nicht ausschlaggebend um zu überleben, eine mentale Kontinuität und Verbundenheit jedoch schon.10 Dennoch kann Parfits These nach Lewis angefochten werden und Identität als überlebenswichtig dargestellt sein.11

Des Weiteren geht Lewis von einer Ich-Relation, der Beziehung zwischen verschiedenen Stufen einer einzelnen, kontinuierlichen Person und einer R-Relation, der Beziehung die signifikant für das Überleben ist, aus.12 Wenn gesunder Menschenverstand für das Überleben notwendig sind, so ist es die Identität, die sich auf die Ich-Relation bezieht.13 Doch scheint es eine Diskrepanz zwischen Identität, mentaler Kontinuität und Verbundenheit zu geben.14 Dabei ist die Ich-Relation symmetrisch, während die R-Relation eine Richtung hat.15 Identität hingegen ist transitiv zu verstehen, während die R-Relation intransitiv ist.16 Teilweise, zeitliche und räumliche Überlappungen der fortlaufenden Person sind unmöglich, so dass auch die Ich-Relation transitiv scheint.17

Im Fall einer Fission wird eine Person zu zweien. Dies erklärt sich zum Beispiel im Fall von eineiigen Zwillingen nach der Geburt. Eine Fusion, in der zwei Personen zu einer werden ist hingegen schwer verständlich. Auch ist es nach Lewis möglich, dass eine Person im Laufe der Zeit durch Fission nacheinander, innerhalb einer Identitäten mehrere Charakterzüge mit sich führt. Beispielsweise kann die Identität einer Person als Tochter im Alter zur selben Identität als Person einer Mutter und Großmutter werden.

Die Identität zweier Personen unterscheidet sich folglich aus unterschiedlichen Verhältnissen der Verbundenheit zur Umwelt und unterschiedlichen Beziehungen kontinuierlicher, mentaler Zustände der Personen. Demnach ist es offensichtlich, dass auch bei Zwillingen von zwei Identitäten gesprochen wird. Die mentalen Zustände und Erfahrungen beider Personen sind durch die Fission nach der gemeinsamen Organisationsstruktur im Mutterleib unterschiedlich betrachtbar. Den Menschen macht der Verstand aus, der je nach Individuum unterschiedlich ausgeprägt ist. Nach Lewis spielt im Überleben zudem eine Verbundenheit eine Rolle. Dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit miteinander kann bei verschiedenen Individuen identisch sein. Die Identität einer Person erweist sich also als einzigartiges, kontinuierliches Verhältnis mentaler Zustände, unabhängig von der biologischen Identität, welche auch durch unterschiedliche Entwicklungsstadien einzigartig bleibt.

Die Identitätsentwicklung von Zwillingen hat die besondere Herausforderung, dass Tag und Nacht ein genetischer Doppelgänger vorhanden ist. Als Merkmal des eigenen Selbstbewusstseins gilt das visuelle Selbsterkennen im ersten Lebensjahr. Oftmals erkennen sich eineiige Zwillinge auf Photos nicht wieder, sondern meinen es mit dem Bruder oder der Schwester zu tun zu haben. Eine besondere Bindung scheint zwischen monozygoten Zwillingen zu herrschen. Diese Verbundenheit, nach Lewis, ist überlebenswichtig. Die Ähnlichkeit beider Personen ist dabei für die Identitätsentwicklung prägend, in dem sie sich selbst im anderen wiedererkennen. Trotzdem gelingt es durch die mentalen Zustände jedem einzelnen monozygoten Zwilling, sich Selbst mit eigenständiger Identität zu erleben.

Aufgrund ihres identischen Erbguts befinden sich Zwillinge in vielen Entwicklungsphasen auf demselben Stand. Durch intrauterine Verhältnisse, zum Beispiel in der Erziehung, können die Erfahrungen mit der Zeit allerdings differieren. Die Entwicklung zur Selbstständigkeit findet nur in Unterscheidungen zu anderen Personen statt. Demnach ist die Selbstständigkeitsentwicklung auch eine Identitätsentwicklung. Zwillinge müssen sich voneinander abgrenzen, um eine eigene Identität zu entwickeln. Es fragt sich, ob das individuelle Selbst als Identität zu bezeichnen ist. Hierbei sei das Selbst aber anders als im platonischen Sinn, nicht kollektiv als göttliches Ideal, zu verstehen, sondern als personales Bewusstsein. Die Entwicklung des Selbstbewusstseins und die der Identität hängen nach Lewis von kontinuierlichen, mentalen Zuständen ab. Im Laufe des Lebens kann es allerdings zu Brüchen mentaler Zustände kommen. Psychische Erkrankungen können die geistige Verfassung beeinträchtigen, und so auch die Identität von Zwillingen auseinander geraten lassen. Komplikationen im Ablösungsprozess werden gerade für Zwillinge in der Forschung vermutet. So sollte in der Identitätsfindung ein gesundes Verhältnis zu den geistigen Zuständen und dem Zusammengehörigkeitsgefühl stattfinden. Trotz der genetischen Übereinstimmung entstehen durch Umwelteinflüsse Differenzierungen. Die Identität entwickelt sich also auch durch die Umwelt hindurch.

Identitätsbildung kann als lebenslange Aufgabe des Überlebens betrachtet werden. Gefühle der Identitätsentwicklung verändern sich vor allem in der Adoleszenz, während neue kognitive Fähigkeiten und biologische Veränderungen stattfinden. Entwicklungen wie die des Selbstkonzepts und sozialen Verstehens bilden sich also in sich entwickelnden geistigen Zuständen aus. Im Mittelpunkt des Erwachsenenalters bilden sich zudem berufliche Entwicklungen oder Familiengründung weiter, die maßgeblich die Identität prägen. Hinzukommt die Vermittlung der Sprache als Kommunikationsfähigkeit eines Individuums, um Identität zu konstituieren. Die eigene Sprache ist jeder Person einzigartig und steht in Abhängigkeit mit den Mitmenschen und der jeweiligen Situation. Dadurch kann Identitätsentwicklung als Prozess, der sich je nach Situation ändert gesehen werden. Im Überleben ist Identität nach Lewis als abhängig von den Umständen der Kommunikation, was auch für zwei Zwillinge gilt.

Unter Transgender versteht man eine Person, deren Geschlechtsidentität nicht vollständig mit dem nach der Geburt eingetragenen Geschlecht übereinstimmt.18 Abzugrenzen ist der Begriff von dem auf körperliche Eindeutigkeit fokussierte Konzept der Transsexualität, der sich in der Sexualforschung der 1970er Jahre prägte. Transgender-Kongruenz bezeichnet den Grad, zu dem Personen sich mit ihrer äußerlichen Erscheinung wohlfühlen und ihre authentische Identität annehmen. Im Folgenden wird von einer Person, die sich bereits einer Geschlechtsumwandlung unterzogen hat, ausgegangen. Die mentale Kontinuität und Verbundenheit zu der Umwelt, die die Identität eines Individuums ausmacht wurde nach diesem Beispiel transformiert. Demnach kann von einer Person mit zwei nacheinanderfolgenden Identitäten gesprochen werden. Scheint die Person im falschen Körper geboren zu sein, und hat eine gestörte Selbstwahrnehmung, spricht man medizinisch von Geschlechtsdysphorie. Eine hormonelle und, oder operative Umwandlung führt zur Identitätsänderung einer Person.

[...]


1 Vgl. Parfit, Derek: Reasons and Persons, Oxford, 1984, S. 215.

2 Vgl. Ebd., S. 203.

3 Vgl. Ebd. S. 210.

4 Vgl. Lewis, David: survival and identity, Oxford, 1983, S. 17.

5 Vgl. ebd.

6 Vgl. Parfit, 1984, S. 214.

7 Vgl. Lewis, 1983, S. 17.

8 Vgl. ebd., S. 18.

9 Vgl. ebd., S. 19.

10 Vgl. ebd.

11 Vgl. ebd.

12 Vgl. ebd., S. 21.

13 Vgl. ebd., S. 22.

14 Vgl. ebd.

15 Vgl. ebd., S. 23.

16 Vgl. ebd., S. 25.

17 Vgl. ebd.

18 https://www.bmfsfj.de/resource/blob/93956/ba3f7d5070103da9f2b62d08b23b2bac/imag-band-1-gutachten-begrifflichkeiten-data.pdf

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Details

Titel
Person und der personale Identität. Inwiefern ist die Identitätsentwicklung einer Person problematisch?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
2
Autor
Jahr
2021
Seiten
7
Katalognummer
V1128372
ISBN (eBook)
9783346490230
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Person, Identität, Zwillingsidentität, Zwillinge, Parfit
Arbeit zitieren
Michal Hanna Göbel (Autor:in), 2021, Person und der personale Identität. Inwiefern ist die Identitätsentwicklung einer Person problematisch?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1128372

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