Die Aufhebung der Entfremdung und die Bildung des wahren Menschen bei Karl Marx


Hausarbeit, 2021

19 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Grundlagen des Marxismus
2.1 Die Dialektik bei Marx
2.2 Der Historische Materialismus

3. Die Entfremdung des Menschen
3.1 Der Entfremdungsbegriff
3.2 Die Aufhebung der Entfremdung

4. Die Bildung des wahren Menschen
4.1 Die Einheit des Menschen mit der Natur
4.2 Die Elemente der produktiven Tätigkeit
4.3 Die Entwicklung neuer Bedürfnisse
4.4 Die Realisierung des Gattungswesens

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Eine kurze Zustandsbeschreibung: Globale Erderwärmung und schmelzende Gletscher, wiederkehrenden Finanzkrisen und wachsende Armut sowie Rohstoffvorräte, die zur Neige gehen, weil Böden und Wasserreserven rücksichtlos ausgebeutet werden. Und irgendwo dazwischen: der Mensch. Er lebt in einer Gesellschaft, die geprägt ist von Materialismus, wachsender Ungleichheit und Kommerzialisierung. Mit der Ausbreitung des Marktes wächst die überwältigende Anzahl an Wahlmöglichkeiten, der die Unzufriedenheit mit der getroffenen Entscheidung, trotz sorgfältiger Abwägung, inhärent ist (Waldman, 2008). Und egal wie sehr jedes Individuum versucht, sich gegen die dysfunktionalen Entwicklungen auf jeglicher Ebene zu wehren, zurück bleibt immer das schale Gefühl der Entfremdung – von der eigenen Familie, der Umwelt, der Arbeit und letzten Endes auch von sich selbst.

Der Kapitalismus prägt nicht nur das Wirtschaften, sondern auch unseren Alltag, unser Miteinander, unser gesamtes Leben. Die These, dass die Wirtschafts- und Gesellschaftsform, in der wir seit der industriellen Revolution leben, unvermeidlich für eine Dehumanisierung der Menschheit verantwortlich ist, erfährt sowohl in der Wissenschaft, als auch im gesellschaftlichen Diskurs immer mehr Aufmerksamkeit und Zuspruch (Dörre et al., 2017). Dabei hat sich diese Entwicklung keineswegs erst in den vergangenen Jahren abgezeichnet. Einer, der die drastischen Konsequenzen der westlichen Industrialisierung schon früh erkannt hat, war Karl Marx. Ein Schlüssel für seine Philosophie, die der des Kapitalismus rivalisierend gegenüber steht, ist das von ihm skizzierte Menschenbild und der Existenz des wahren Menschen (Fromm, 2015, S.4f). An genau dieser Stelle soll die Hausarbeit, die „Die Aufhebung der Entfremdung und der Bildung des wahren Menschen bei Karl Marx“ untersucht, ansetzen. Ziel ist es, zu veranschaulichen, wie sich nach Marx der Subjektbegriff des Menschen im Kapitalismus von dem des Menschen im Kommunismus unterscheidet und inwieweit die Aufhebung der Entfremdung zu der Bildung des wahren Menschen führen kann.

Die Auseinandersetzung mit dieser Thematik soll nicht nur dazu beitragen, Marx kritische Gesellschaftstheorie, deren Basis die hier untersuchte Idealvorstellung des wahren Menschen ist, besser zu verstehen. Weil Marx uns seine Theorie keineswegs abgeschlossen hinterlassen hat (und auch nicht abgeschlossen hinterlassen wollte), soll die vorliegende Arbeit vor allem dazu anregen, weiterzudenken und sich mit einem der weit verbreitetsten Phänomene unserer Zeit – der Entfremdung – und ihrer Überwindung auseinanderzusetzten. Denn Marx Philosophie, die „wie existenzialistisches Denken ein Protest gegen die Entfremdung des Menschen“ ist, bildet eine ausgezeichnete Grundlage hierfür (Fromm, 2015, S.4).

Um jeden Leser1 abzuholen wird im ersten Schritt kurz die Dialektik von Marx skizziert und in einen größeren Kontext eingeordnet (2. Die Grundlagen des Marxismus). Anschließend soll gezeigt werden, wie die kapitalistische Gesellschaftsordnung für den Denker notwendigerweise den Zustand der Entfremdung hervorbringt. Dabei soll auf die verschiedenen Arten der Entfremdung und die Möglichkeit der Überwindung eingegangen werden (3. Die Entfremdung des Menschen). Darauf aufbauend wird die anthropologische Idealvorstellung Marx, die dem wahren Menschen entspricht, skizziert und punktuell mit dem Subjektbegriff des Menschen im Kapitalismus gegenübergestellt. Weil Marx keine detaillierte Beschreibung des wahren Menschen vorlegt, wird darüber hinaus Fromms psychoanalytisches Verständnis von „Produktivität“ integriert (4. Die Bildung des wahren Menschen). Zuletzt sind einige Schlussfolgerungen in Bezug auf die Fragestellung zu ziehen (5. Fazit).

Aufgrund der großen Qualitätsunterschiede in der Sekundärliteratur, wurden die Quellen für die vorliegende Arbeit sorgfältig ausgewählt. Als Grundlage dienen die Texte von Marx (und Engels, der einen großen Teil zu der Entwicklung des Marxismus beitrug) selbst. Neben den Marx-Engels-Werken (MEW), wurde vor allem das von Erich Fromm verfasste Buch „Das Menschenbild bei Marx“ hinzugezogen. Der Psychoanalytiker schafft es in seinem Werk die Fehldeutungen von Marx aufzudecken und sein Menschenbild, das geprägt ist von dem Glauben an die Fähigkeit des Menschen sich selbst zu befreien, kurz und prägnant zu erklären (Fromm, 2015).

2. Die Grundlagen des Marxismus

Eines der Besonderheiten der marxistischen Philosophie ist die Konstruktion eines Modells, in welchem die Natur- und Sozialgeschichte miteinander verzahnt sind. Marx, der zugleich Philosoph, Gesellschaftstheoretiker und Ökonom war, betrachtet die Geschichte nicht aus einer Perspektive, sondern sieht sie viel eher als einen vielschichtigen Interaktions- und Entwicklungszusammenhang (Geisen, 2011, S.110). Diese Komplexität und die Tatsache, dass Marx keine stringent aufgebaute politische Theorie entwickelte, erschwert den Zugang zu seiner Philosophie – vor allem, wenn man keine Vorkenntnisse hat (Pfahl-Traughber, 2018). Um das Verständnis zu erleichtern und sein Schaffen in einen größeren Kontext einzuordnen wird darum im Folgenden kurz auf die Dialektik von Marx (2 .1 Die Dialektik bei Marx) und den damit verknüpften historischen Materialismus eingegangen (2.2 Der Historische Materialismus).

2.1 Die Dialektik bei Marx

Marx kritisiert in seinen Werken den Kapitalismus und begründet die Notwendigkeit seiner Überwindung. Hierbei hebt er die positiven Entwicklungen dieser Wirtschafts- und Gesellschaftsform zwar hervor (MEW 4, S.466; MEW 6, S.556), jedoch kommt er insgesamt zu einem negativen Urteil. Denn neben der wirtschaftswissenschaftlichen Analyse spielen für Marx humanistische Kriterien eine entscheidende Rolle (deshalb ist auch ein Verständnis seiner anthropologischen Idealvorstellung, welches die vorliegende Arbeit versucht zu vermitteln, eine so wichtige Grundlage für den Zugang zu seiner Philosophie).

Bei der Ausarbeitung seiner kritischen Gesellschaftstheorie war es ihm darüber hinaus ein wesentliches Anliegen, diese Ansätze rational zu begründen und zur Wissenschaft zu erheben (MEW 3, S.V; Bockenheimer, 2012). Hierfür nutzt er die Dialektik, die als "Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Geschichte und des Denkens" (Marx & Engels, 1984, S.74) definiert werden kann. Jedoch ist in diesem Kontext darauf hinzuweisen, dass nicht von einer einheitlichen Bedeutung des Begriffs auszugehen ist. Während Dialektik in der Antike noch als die Kunst des Argumentierens und Beweisens verstanden wurde, bildete sie bei Hegel die Grundstruktur und Methode des objektiven Idealismus. Um diesen "Verfaulungsprozeß des absoluten Geistes" (MEW 3, S.17) zu beenden, transformierte Marx die Dialektik zur Methode der Gesellschaftskritik (Bockenheimer, 2012). Während Hegel davon ausging, dass das gesellschaftliche Sein der Menschen ihr Bewusstsein bestimmt und somit den Geist als das Ursprüngliche ansah (Marx & Engels, 1984), wehrte sich Marx gegen diesen Idealismus indem er behauptete, dass das gesellschaftliche Sein ihr Bewusstsein bestimmt (MEW 3, S.17; MEW 13, S.8f; Marx & Engels, 1984, S.225ff). Als Vertreter der Schulen des Materialismus kannte er die Natur als das Ursprüngliche an. Die materialistische Anschauung geht des Weiteren davon aus, dass die Produktionsweise die Gesellschaftsordnung konstituiert und den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess bedingt (MEW 3, S.V; MEW 13, S.7ff; Marx & Engels, 1984, S.225ff). Folglich richtet sich jede Gesellschaft und alle Rechtsverhältnisse nach den materiellen Lebensverhältnissen, also danach, was wie produziert wird und wie das Produzierte ausgetauscht wird. Die Ursachen aller gesellschaftlichen Veränderungen liegen somit nicht in den Köpfen der Menschen, sondern in der Veränderung der Produktions- und Austauschweise (MEW 13, S.7ff; Marx & Engels, 1984, S.225ff).

2.2 Der Historische Materialismus

Eine der Voraussetzungen des sogenannten historischen Materialismus, also der Theorien zur Erklärung von Gesellschaft und ihrer Geschichte gemäß der materialistischen Geschichtsauffassung, ist die Existenz des Menschen (Marx & Engels, 1984, S.225; MEW 3, S.28). Um zum Leben imstande zu sein, müssen die Individuen ihre Bedürfnisse, beispielsweise Hunger und Durst, befriedigen. Die Erzeugung der dafür notwendigen Mittel bezeichnen Marx als die "erste geschichtliche Tat" und die "Grundbedingung aller Geschichte" (MEW 3, S.28). Die zweite Grundannahme bildet die Tatsache, dass diese Aktion und die dafür erworbenen Instrumente wiederum neue Bedürfnisse erzeugen (MEW 3, S.28). Die dritte Voraussetzung ist die Familie: Um zu produzieren treten die Menschen in bestimmte Beziehungen zueinander. Zu Beginn ist die Familie "das Verhältnis zwischen Mann und Weib, Eltern und Kindern" (MEW 3, S.29) das einzige existierende soziale Verhältnis, doch sobald sich die Bedürfnisse vermehren, wird der Mensch neue gesellschaftliche Verhältnisse eingehen innerhalb derer die Produktion stattfindet. Die Produktionsverhältnisse, also die Beziehung der Individuen zueinander und zu den Produktionsmitteln, konstituieren die Gesellschaft. Dieses Zusammenwirken wird durch die Teilung der Arbeit organisiert (MEW 3, S.31). Die Division, die sich zu Beginn in der "Teilung der Arbeit im Geschlechtsakt" und den "natürlichen Anlagen (z.B. Körperkraft)" (MEW 3, S.31) äußerte, ist laut Marx erst dann eine wirkliche Spaltung, wenn die "Teilung der materiellen und geistigen Arbeit eintritt" (MEW 3, S.31). Hierdurch fällt der "Genuss und die Arbeit, Produktion und Konsumtion" (MEW 3, S.32) unterschiedlichen Individuen zu. Während der wirtschaftliche Reichtum von den Arbeitern geschaffen wird, konzentriert sich der Reichtum und das Eigentum an den Produktionsmittel in den Händen weniger Kapitalisten. Die privaten Eigentumsrechte an den Produktionsmitteln führen dazu, dass der besitzlose Teil der Gesellschaft, die Arbeiter, unter Produktionsverhältnissen lebt, die zur Ausbeutung und Entfremdung führen (MEW 3, S.32ff).

3. Die Entfremdung des Menschen

Im Folgenden wird der Begriff der entfremdeten Arbeit, wie Marx ihn besonders in den ökonomisch-philosophischen Manuskripten aus dem Jahr 1844 verwendete, genauer erläutert (3.1 Der Entfremdungsbegriff). Denn diese Entfremdung ist eng mit dem Subjektbegriff des Menschen im Kapitalismus verwoben, der später dem Subjektbegriff des Menschen im Kommunismus gegenübergestellt werden soll. Anschließend wird ausgeführt, wie die Entfremdung aufgehoben werden kann (3.2. Aufhebung der Entfremdung).

3.1 Der Entfremdungsbegriff

Die Entfremdung, also den Zustand des Arbeiters im Kapitalismus, manifestiert sich laut Marx in vier Formen: (1) Die Entfremdung vom eigenen Produkt der Arbeit, (2) Die Entfremdung von der eigenen Tätigkeit und (3) Die Entfremdung vom eigenen Gattungswesen. Diese drei Entwicklungen münden schließlich in (4) Die Entfremdung auf intersubjektiver Ebene.

(1) Die Entfremdung vom eigenen Produkt

Wie bereits skizziert produziert der Arbeiter das Privateigentum der Kapitalisten. Weil das Endprodukt in das Privateigentum der Kapitalisten übergeht, verliert der Hersteller die Verfügungsgewalt über sein Produkt. Die "Verwertung der Sachwelt" (MEW 40, S.511) steht im direkten Zusammenhang mit der "Entwertung der Menschenwelt" (MEW 40, S. 511) und der Arbeiter wird umso ärmer je mehr Reichtum er produziert. Hierbei konsolidiert er sein eigenes Produkt zu einer sachlichen Gewalt über ihn, es tritt ihnen als fremdes Wesen, als eine unabhängige Macht gegenüber (MEW 40, S.511).

(2) Die Entfremdung von der eigenen Tätigkeit

Die Entfremdung des Arbeiters vom eigenen Produkt ist laut Marx nur eine Konsequenz der "Entfremdung [...] in der Tätigkeit der Arbeit selbst" (MEW 40, S.515). Der Produzent kann nicht selbst über seine Arbeit entscheiden, sondern ist dazu gezwungen, die Tätigkeit auszuführen, die der Kapitalist ihm aufträgt, um sein Überleben zu garantieren (MEW 3, S.33). So ist der Fischer in einer naturwüchsigen Gesellschaft dazu gezwungen, Fischer zu sein und der Hirte muss zwangsläufig ein Hirte bleiben, wenn er die Mittel zum Leben nicht verlieren möchte (MEW 3, S.33). Die Arbeit selbst ist somit "nicht die Befriedigung eines Bedürfnisses, sondern nur ein Mittel, um Bedürfnisse außer ihr zu befriedigen" (MEW 40, S.514). Weil keine "Entfaltung freie[r] physische[r] und geistige[r] Energie" (MEW 40, S.514) möglich ist, gerät er in den Zustand der Entfremdung, indem er sich "in seiner Arbeit nicht bejaht, sondern verneint, nicht wohl, sondern unglücklich fühlt" (MEW 40, S.514). Es kommt somit nicht zu der Selbstverwirklichung, die zur Realisierung des Gattungswesens notwendig ist.

[...]


1 Nicht nur der Marxismus, sondern auch der Feminismus kann als eine der zentralen Bewegungen unserer Zeit betrachtet werden. Dementsprechend wäre es eigentlich angebracht in der gesamten Arbeit eine gendergerechte Sprache zu benutzen. Jedoch lebte Marx in einer Zeit, in der das männliche Geschlecht die Gesellschaft noch stärker dominierte als heute, weshalb sich seine Philosophie auch hauptsächlich auf jenes Geschlecht fokussiert. Deswegen wurde sich dazu entschieden durchgängig die männliche Form zu verwenden. Trotzdem ist die weibliche Form der Männlichen in der gesamten Arbeit gleichgestellt.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Aufhebung der Entfremdung und die Bildung des wahren Menschen bei Karl Marx
Hochschule
Zeppelin University Friedrichshafen
Note
2,0
Jahr
2021
Seiten
19
Katalognummer
V1128389
ISBN (eBook)
9783346488671
ISBN (Buch)
9783346488688
Sprache
Deutsch
Schlagworte
aufhebung, entfremdung, bildung, menschen, karl, marx
Arbeit zitieren
Anonym, 2021, Die Aufhebung der Entfremdung und die Bildung des wahren Menschen bei Karl Marx, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1128389

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