Geistig behinderte Menschen mit einem hohen Hilfebedarf leben trotz vieler positiver Entwicklungen in der Behindertenhilfe in großen Einrichtungen. Die Bewohner dieser Einrichtungen haben nur sehr niedrige Wahlmöglichkeiten in Bezug auf die Gestaltung der Unterstützungsleistungen. Diese Arbeit geht deshalb der Frage nach, ob der Grundsatz der Partizipation in der Praxis auch tatsächlich beachtet wird.
Durch die UN-Behindertenrechtskonvention und auch dem neuen BEI – NRW soll es zu mehr Mitentscheidungen und Teilhabe kommen. Mit der UN-Behindertenrechtskonvention hat die Bundesrepublik sich verpflichtet, in sämtlichen Lebensbereichen Vorkehrungen zu treffen. Auf der anderen Seite erstellte der LVR mit dem BEI – NRW ein Instrument zur Bedarfsermittlung, um den Einbezug der Beteiligten zu ermöglichen und zu garantieren. Partizipation und Teilhabe sind aber klar zu trennen, denn Teilhabe bedeutet das Einbezogen sein in einer Lebenssituation, währenddessen Partizipation als eine Beteiligung an Entscheidungsprozessen oder als Mitgestaltung gedeutet wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Partizipation
2.1 Partizipative Wende in den sozialen Berufen
2.2 Partizipationspyramide
2.3 Wie Partizipation gelingen kann
2.4 Partizipation und Behinderung
3. Der Begriff der Behinderung
4. Gesetze
5. Individuelle Hilfeplanung
5.1 Phasen der individuellen Hilfeplanung
5.2 Bewertung von Hilfeplankonzepten
5.3 Bei NRW
5.4 Hilfeplanung und Schwerstbehinderung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Grad der tatsächlichen Partizipation von Menschen mit Behinderung innerhalb der individuellen Hilfeplanung. Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen theoretischen Konzepten der Mitbestimmung und der gelebten Praxis in Behinderteneinrichtungen zu analysieren und kritisch zu hinterfragen.
- Grundlagen der Partizipation und ihre Bedeutung in sozialen Berufen
- Rechtlicher Rahmen und politische Anforderungen an Teilhabe
- Struktur und methodische Ansätze der individuellen Hilfeplanung
- Kritische Reflexion der Anwendung von Hilfeplankonzepten in der Praxis
- Herausforderungen der Partizipation bei Schwerstbehinderung
Auszug aus dem Buch
2. Partizipation
In der deutschen Sprache gibt es ein Sammelsurium von verschiedenen Begriffen und Bedeutungen (Dederich & Jantzen, 2009, S. 88). Darunter auch die Begriffe Teilhabe und Partizipation, die oft als Synonym genutzt werden (Teilhabeberatung, o.J, S.1). Der Grund hierfür ist, dass das englische Wort „participation“ in der originalen Version der UN-Behindertenrechtskonvention im deutschen mit „Teilhabe“ übersetzt wurde (Teilhabeberatung, o.J, S.1). Währenddessen Teilhabe laut WHO das „Einbezogen sein in eine Lebenssituation“ meint (Teilhabeberatung, o.J, S.1). Bedeutet Partizipation Mitbestimmung, also eine Beteiligung an Entscheidungsprozessen und die damit verbundene Einflussnahme auf das Ergebnis und ein aktives Mitgestalten (Teilhabeberatung, o.J, S.1).
Die WHO Definition der zweiten ICIDH-Fassung zeigt die Zweideutigkeit nochmals und hat bis heute weitreichende Folgen für die pädagogischen, politischen und juristischen Bewertungen von Behinderung (Dederich & Jantzen, 2009, S. 90). Hier sagt die WHO „Eine Beeinträchtigung der Partizipation ist ein nach Art und Ausmaß bestehendes Problem einer Person bezüglich ihrer Teilhabe in einem Lebensbereich oder einer Lebenssituation“ (WHO, 2008).
Somit ist es von Teilhabe und Selbstbestimmung abzugrenzen (Teilhabeberatung, o.J, S.1). Zwischen Partizipation und Selbstbestimmung herrscht eine Wechselwirkung, da Selbstbestimmung eine zentrale Bedingung für Partizipation ist, aber aus den Prozessen der Partizipation sich mehr Möglichkeiten für Selbstbestimmung ergeben (Teilhabeberatung, o.J, S.1). Seit Beginn des Lebens besteht ein grundlegendes Bedürfnis nach Partizipation (Dederich & Jantzen, 2009, S.91). Partizipation ist ausdrücklich auf die Gemeinschaft mit Anderen bezogen und ist ein individueller Akt der Selbstbestimmung (Dederich & Jantzen, 2009, S.88). Es soll nicht für Menschen gearbeitet werden, sondern mit Menschen (Straßburger & Rieger, 2019, S. 42).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der mangelnden Wahlmöglichkeiten in Behinderteneinrichtungen ein und stellt die Relevanz von Partizipation im Kontext aktueller gesetzlicher Änderungen dar.
2. Partizipation: Dieses Kapitel definiert Partizipation, grenzt den Begriff von Teilhabe ab, erläutert die Partizipationspyramide und identifiziert Hindernisse bei der Umsetzung in der Praxis.
2.1 Partizipative Wende in den sozialen Berufen: Der historische Wandel weg von einer kontrollierenden Fürsorge hin zu einer personalen Orientierung, die gesellschaftliche Teilhabe als politischen Auftrag begreift, wird hier beschrieben.
2.2 Partizipationspyramide: Es werden die Stufenmodelle zur Partizipation vorgestellt, die verdeutlichen, wie sich Minimalbeteiligung von echter Entscheidungsmacht unterscheidet.
2.3 Wie Partizipation gelingen kann: Dieses Unterkapitel fokussiert auf partizipative Gesprächsführung, Ressourcenorientierung und Coaching als Mittel zur Stärkung der Interessenvertretung.
2.4 Partizipation und Behinderung: Hier wird der aktuelle Diskurs über Partizipationsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderung in Abhängigkeit von gesetzlichen Rahmenbedingungen beleuchtet.
3. Der Begriff der Behinderung: Dieses Kapitel erläutert verschiedene Behinderungsdefinitionen, darunter das SGB IX und die ICF-Perspektive, und diskutiert das Verständnis von Behinderung im Alltag.
4. Gesetze: Die rechtlichen Grundlagen wie das SGB IX, das Bundesteilhabegesetz und die UN-Behindertenrechtskonvention sowie deren Bedeutung für die Teilhabe werden dargestellt.
5. Individuelle Hilfeplanung: Die Hilfeplanung als strukturiertes Set von Ideen zur Unterstützung wird erläutert, wobei insbesondere die Zielentwicklung mittels SMART-Kriterien im Vordergrund steht.
5.1 Phasen der individuellen Hilfeplanung: Dieser Abschnitt beschreibt den Prozess von der ersten Kontaktaufnahme über die Bedarfsanalyse bis hin zur Evaluation der Hilfeleistungen.
5.2 Bewertung von Hilfeplankonzepten: Hier werden pädagogische Konzepte, die auf Individualität setzen, formalen, an der Verwaltung orientierten Konzepten gegenübergestellt.
5.3 Bei NRW: Die spezifische Umsetzung der Hilfeplanung gemäß BEI-NRW, unter Berücksichtigung von Personenzentrierung und der Unterscheidung in verschiedene Zielebenen, wird hier dargelegt.
5.4 Hilfeplanung und Schwerstbehinderung: Das Kapitel widmet sich den besonderen Herausforderungen der Hilfeplanung bei Menschen, die ihre Bedürfnisse nicht verbal kommunizieren können.
Schlüsselwörter
Partizipation, Individuelle Hilfeplanung, Behinderung, Teilhabe, Selbstbestimmung, BEI-NRW, Soziale Arbeit, Hilfeplankonzept, Personenzentrierung, Bedarfsermittlung, Lebensweltorientierung, UN-Behindertenrechtskonvention, Mitbestimmung, SMART-Ziele, Ressourcenorientierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, inwieweit das Prinzip der Partizipation innerhalb der individuellen Hilfeplanung für Menschen mit Behinderung in der praktischen Anwendung von Einrichtungen tatsächlich gelebt wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Felder sind die theoretische Definition von Partizipation, der rechtliche Rahmen (z.B. SGB IX, UN-BRK), die Methodik der Hilfeplanung und die kritische Analyse der Umsetzung in verschiedenen Einrichtungskonzepten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: „Wird Partizipation in der Praxis auch beachtet?“ Ziel ist die Aufdeckung der Lücke zwischen dem gesetzlichen und theoretischen Anspruch auf Mitbestimmung und der alltäglichen Realität in der Behindertenhilfe.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit nutzt eine Literaturanalyse zu Partizipationstheorien und Hilfeplanungsverfahren sowie einen erfahrungsbasierten, praxisorientierten Teil, der Beobachtungen aus dem Arbeitsalltag der Autorin reflektiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretischen Grundlagen der Partizipation und Behinderung, eine Analyse relevanter Gesetze, eine detaillierte Erläuterung des Hilfeplanungsverfahrens inklusive der Phasen und Konzepte sowie eine Betrachtung der spezifischen Anforderungen bei Schwerstbehinderung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Partizipation, Teilhabe, Hilfeplanung, Personenzentrierung, Selbstbestimmung und das BEI-NRW-Verfahren.
Wie unterscheidet sich laut Autorin die Theorie von der Praxis im Wohnheim?
Die Autorin stellt fest, dass in der Praxis oft Zeitdruck und Personalmangel sowie starre administrative Vorgaben verhindern, dass Bewohner tatsächlich ihre Wünsche einbringen können, obwohl dies theoretisch gefordert wäre.
Warum ist die SMART-Zielsetzung für die Hilfeplanung so bedeutend?
SMART-Ziele bieten durch ihre spezifische, messbare, akzeptierte, realistische und terminierte Form eine klare Orientierung und ermöglichen eine bessere Überprüfbarkeit der Hilfeleistungen, wobei sie in der untersuchten Praxis oft nicht konsequent angewendet werden.
- Arbeit zitieren
- Melina Intveen (Autor:in), 2021, Partizipation in der individuellen Hilfeplanung bei Menschen mit Behinderung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1128673