Was ist Talent? Zum Relative-Age-Effect im deutschen Profifußball


Hausarbeit, 2020

35 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Talent
2.1 Definition Talent und Talent im Sport
2.2 Statischer Talentbegriff
2.3 Dynamischer Talentbegriff
2.4 Komplette Talentdefinition
2.5 Talentsichtung und Talentförderung
2.6 Relative Age Effect
2.6.1 Definition Relative Age Effect
2.6.2 Bedeutung im Jugendfußball
2.6.3 Bedeutung im Herrenfußball

3. Talentförderung in Deutschland
3.1 Erste Stufe der Talentförderung
3.2 Talentförderung auf Verbandsebene
3.3 Zweite Stufe der Talentförderung
3.3.1 Nachwuchsleistungszentren
3.3.2 DFB-Eliteschulen

4. Kritisches Hinterfragen der DFB-Talentförderung
4.1 Kritik an der Talentförderung
4.2 Vergleich zu an deren Nationen
4.3 Verbesserungs vorschläge für die Talentförderung
4.3.1 Früherer Fokus auf individuelle Ausbildung
4.3.2 Rückgang der Ergebnisorientiertheit
4.3.3 Mannschaftszusammenstellung nach biologischem Alter
4.3.4 Förderung von körperlich schwächeren Spielern
4.3.5 Größere Unterstützung der Amateurvereine

5. Schluss

6. Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

ABBILDUNG 1: ENTSTEHUNG UND VERSTÄRKUNG EINES RAE

ABBILDUNG 2: AUSWIRKUNGEN DES RELATIVE AGE EFFECTS

ABBILDUNG 3: DEUTSCHE U16-NATINALSPIELER NACH GEBURTSMONAT

ABBILDUNG 4: DEUTSCHE U17-NATIONALSPIELER NACH GEBURTSMONAT

ABBILDUNG 5: RAE U17-WM

ABBILDUNG 6: DEUTSCHE A-NATIONALSPIELER NACH GEBURTSMONAT

ABBILDUNG 7: DEUTSCHE BUNDESLIGASPIELER NACH GEBURTSMONAT

ABBILDUNG 8: TALENTFÖRDERUNG GEHT HAND IN HAND

ABBILDUNG 9: DER „QM-KREIS“

ABBILDUNG 10: EINGESETZTE ENGLISCHE U-NATIONALSPIELER IM JAHR 2016

1. Einleitung

Um die Jahrtausendwende herum erlebte die deutsche Nationalmannschaft eine überaus enttäuschende Zeit. Bei der Weltmeisterschaft 1998 schied man zwar erst im Viertelfinale aus, jedoch ging das Spiel gegen Kroatien mit 0-3 verloren. Zwei Jahre später, im Jahr 2000, fand die Europameisterschaft in Belgien und den Niederlanden statt. Dieses Turnier sollte sich als Desaster entpuppen. Die Nationalmannschaft schied als Gruppenletzter aus und konnte in einer Gruppe mit Portugal, England und Rumänien nur ein Tor schießen, kassierte im Gegenzug jedoch fünf Gegentore. Besonders ernüchternd war das letzte Gruppenspiel gegen Portugal, die portugiesische Mannschaft schonte viele ihrer Schlüsselspieler, da sie schon qualifiziert waren. Größtenteils wurden die Spielweise sowie der Zusammenhalt der deutschen Mannschaft kritisiert. 2002 konnte die Mannschaft sogar Vize-Weltmeister werden, schied jedoch 2004 bei der Europameisterschaft in Portugal wieder in der Vorrunde aus. Angesichts der anstehenden Weltmeisterschaft im eigenen Land in 2006, aber auch der Zukunft des deutschen Fußballs, musste der DFB-Pläne entwickeln und sich Ziele setzen.

Umgehend nach dem Ausscheiden bei der Europameisterschaft im Jahr 2000 setzten sich die damaligen Bundesliga-Vereine und der DFB zusammen. Das Ziel war die Talentförderung und das Nachwuchssystem zu revolutionieren. Im Februar 2001 verpflichteten sich alle Erstliga-Vereine, Nachwuchsleistungszentren (NLZ) zu errichten. Der Besitz eines NLZs wurde als Voraussetzung für die Lizenzierung bestimmt. Zur Saison 2002/2003 startete das Projekt des DFB und verpflichtete auch die Vereine der 2. Bundesliga dazu, ein NLZ zu haben. Die Leistungszentren werden seit 2007 alle drei Jahre neu bewertet und weiterentwickelt. Außerdem werden diese Zentren von den drei Parteien DFB, DFL und der belgischen Agentur Double Pass zertifiziert. Das Ziel ist es die Qualität des Nachwuchses zu steigern und die jungen Talente wirksamer zu fördern. Seit der Saison 2002/2003 kann der deutsche Fußball nennenswerte Erfolge vorweisen. Bei Großereignissen schnitt man außerordentlich ab. Ab der Heim-WM 2006 bis zur Europameisterschaft 2016 erreichte die Nationalmannschaft immer mindestens das Halbfinale. Die Art und Weise wie die Spieler spielten verbesserte sich zudem auch. Auch auf Vereinsebene gab es beachtenswerte Erfolge. So nahm der FC Bayern 2010 und 2012 im Finale der Champions League teil. Der FC Schalke 04 konnte 2011 mit heroischen Leistungen ihres Torwarts Manuel Neuer bis in das Halbfinale stoßen. Ein nennenswerter Höhepunkt war, als der FC Bayern und Borussia Dortmund 2013 im Champions-League-Finale aufeinandertrafen. Es war das erste alldeutsche Champions­League-Finale und bei beiden Mannschaften liefen viele deutsche Nationalspieler auf. Der FC Bayern konnte schließlich das Finale für sich gewinnen.

Nichtsdestotrotz wird der WM-Sieg 2014 als der krönende Punkt dieses Projekts angesehen. Deutschland besiegte Argentinien mit 1-0 in Rio de Janeiro. Die Torvorlage kam von Andre Schürrle, das Tor schoss Mario Götze. Götze war zu dem Zeitpunkt einer der bekanntesten jungen Spieler auf der Welt.

Schon vor 2014 war Mario Götze weltweit bekannt. In der Saison 2009/2010 gab er sein Debüt und in der nachfolgenden Saison ging sein Stern auf. Im Alter von nur 18 Jahren war er einer der wichtigsten Schlüsselspieler für den BVB, der am Ende der Saison auch die Meisterschaft gewinnen konnte. Götzes Karriere startete deutlich früher als die Laufbahn eines jeden anderen deutschen Spielers.

Als Miroslav Klose 18 Jahre alt war stand er im Gegensatz zu Götze nicht einmal in der 2. Bundesliga auf dem Platz. Erst mit 21 gelang Klose der Durchbruch und legte die Weichen für seine lange und erfolgreiche Spielerkarriere. Heutzutage beginnt das Werben für junge Spieler sehr früh. Die Spieler rücken schon in jungen Jahren in den medialen Fokus. Youssoufa Moukoko ist erst 15 Jahre alt, dennoch wird ihm eine rosige Zukunft prognostiziert. Er spielt in der U19 von Borussia Dortmund und dominiert seine Liga.

Die drei genannten Spieler sind zu je einem unterschiedlichen Zeitpunkt entdeckt und gefördert worden. Auch das Alter, in dem diese drei Spieler als Talente eingestuft wurden, ist unterschiedlich. Als Klose mit 21 Jahren seinen Durchbruch schaffte, galt er als Talent. Heute gibt es Spieler im gleichen Alter, die nicht mehr als Talente bezeichnet werden.

Diese schriftliche Präsentationsunterlage behandelt die Themen um den Begriff Talent. Der Begriff Talent soll daher zunächst in der Theorie erklärt werden. Des Weiteren verschafft diese Arbeit einen Überblick über den “Relative Age Effect” und wie dieser den Fußball beeinflusst. Ein weiterer Teil dieser Arbeit besteht darin, die Talentförderung in Deutschland vorzustellen. Hierbei wird in DFB-Ebene und Landesverband-Ebene eingeteilt. Den Schluss des Hauptteils bilden fünf Ideen zur Verbesserung des Talentfördersystems in Deutschland. Als Grundlage hierfür wird die Nachwuchsförderung von anderen Nationen als Vergleich hergezogen, um möglicherweise Ideen oder Anpassungen zu finden.

2. Talent

Dieser Abschnitt behandelt den Begriff Talent. Zunächst wird versucht, den Begriff Talent im Allgemeinen zu definieren. Anschließend wird der Begriff Talent unter dem sportlichen Aspekt näher untersucht. Abschließend wird der “Relative Age Effect (RAE)” und dessen Einfluss im Fußball vorgestellt.

2.1 Definition Talent und Talent im Sport

Der Begriff Talent ist ein denkbar oft benutzter Begriff. Der DUDEN definiert das Wort Talent als „Begabung, die jemanden zu ungewöhnlichen bzw. überdurchschnittlichen Leistungen auf einem bestimmten, besonders auf künstlerischem Gebiet befähigt“. Wie JOCH (1992) erwähnt, gibt es „eine beträchtliche Anzahl von Definitionen und Definitionsversuchen“ (S.89). SCHMIDT ist der Meinung, dass „der Begriff ,Talent‘ und dessen Bedeutung [.] nicht eindeutig geklärt [ist]“ (S.5). FRIEDRICH führt die Gedanken von CARL auf, der bei Talent von Personen spricht, die „mit herausragenden spezifischen Veranlagungen oder Fertigkeiten“ ausgestattet sind (FRIEDRICH, 2015, S.4: zitiert von CARL, 1988, S.11).

Im Sport wird der Begriff Talent häufig benutzt. Meistens wird damit ein vielversprechender junger Sportler assoziiert. JOCH (1992) stellt dar, dass manche Autoren sich auf Merkmalsbereiche und Voraussetzungen konzentrieren. Diese sollen einen „Einfluß auf das sportliche Talent haben“ (S.89). JOCH stellt einen von HAHN (1982) zusammengestellten Katalog vor, der eben diese Merkmale und Bedingungen auflistet. HAHN listete folgendes auf:

- ,Anthropometrische Voraussetzungen wie Körpergröße, Körpergewicht, Verhältnis, von Muskel- und Fettgewebe, Körperschwerpunkt, Harmonie der Proportionen u.a.;
- physische Merkmale wie aerobe und anaerobe Ausdauer, Reaktions- und Aktionsschnelligkeit, Schnelligkeitsausdauer, statische und dynamische Kraft, Kraftausdauer, Gelenkigkeit, und Feinstkoordination von Bewegungen u.a.;
- technomotorische Bedingungen wie Gleichgewichtsfähigkeit, Raum-, Distanz- und Tempogefühl, Ball- Klingengefühl, Musikalität, Ausdrucksfähigkeit, rhythmische Fähigkeiten, Gleitvermögen u.a.;
- Lernfähigkeit wie Auffassungsaufgabe, Beobachtungs- und Analysevermögen, Lerntempo u.a.;
- Leistungsbereitschaft wie Trainingsfleiß, körperliche Anstrengungsbereitschaft, Beharrlichkeit, Frustrationstoleranz u.a.;
- kognitive Steuerung wie Konzentration, motorische Intelligenz, Kreativität, taktische Vermögen;
- affektive Faktoren wie physische Stabilität, Streßbewältigung, Wettkampfbereitschaft u.a.;
- soziale Bedingungen wie Rollenübernahme, Mannschaftseinordnung u.a.'

‘So könnte man den Begriff Talent als eine Gruppe unterschiedlicher Fähigkeiten und Fertigkeiten aus unterschiedlichen Bereichen umschreiben, die der Athlet in höherem oder geringerem Maße besitzt‘ (vgl. JOCH, 1992, S.89, zitiert von HAHN, 1982, S.85).

Eine weitere Definition liefert Andreas HOHMANN. Er stellt fest, dass der Talentbegriff „zwei zunächst voneinander unabhängige Entwicklungen“ (S.2) vorzeigt. Zunächst gab es einen engen Talentbegriff, der sich zu einem weitem Talentbegriff weiterentwickelte. Der enge Talentbegriff umfasst „die Wettkampfleistung und die Leistungsdisposition“ (S.2). Wie bereits erwähnt, änderte sich der enge Talentbegriff zu einem weitem Talentbegriff. Dieser schließt „die pschologische [sic] Leistungsbereitschaft und die exogene[n] Umweltbedingungen“ (S.2) mit ein. Die andere Entwicklung führte zu einer Verlagerung des statischen Talentbegriffs zu einem dynamischen Talentbegriff (S.2). HOHMANN schließt somit aus dem weitem und dynamischen Talentbegriff folgende Talentdefinition;

„Als Talent im Spitzensport wird eine Person bezeichnet, die (a) aus retrospektiver Sicht in ihrer Sportlerkarriere bereits nachweislich Spitzenleistungen erbracht hat oder die (b) unter Berücksichtigung des bereits realisierten Trainings im Vergleich mit Referenzgruppen ähnlichen biologischen Entwicklungsstandes und ähnlicher Lebensgewohnheiten überdurchschnittlich sportlich leistungsfähig ist und bei der man unter Berücksichtigung personinterner (endogener) Leistungsdisposition und verfügbarer kontextueller (exogener) Förderbedingungen in prospektiver Hinsichr [sic] begründbar annimmt oder mathematisch-prognostisch ermittelt, dass sie in einem nachfolgenden Entwicklungsabschnitt sportliche Spitzenleistung erreichen kann.“

Zusammengefasst definiert HOHMANN Talent als ein Mensch, der im Vergleich zu gleichaltrigen, begabter ist und bessere Leistungen abliefern kann.

2.2 Statischer Talentbegriff

Anmerkung der Redaktion: Diese Abbildung wurde aus urheberrechtlichen Gründen entfernt.

JOCH stellt vier Merkmale vor, die als Grundlage für den statischen Talentbegriff dienen können:

- „ Dispositionen, die das Können betonen,
- Bereitschaft, die das Wollen hervorhebt
- soziales Umfeld, das die Möglichkeit bestimmt und
- Resultate, die das wirklich erreichte (Leistungs-)Ergebnis dokumentieren“ (JOCH, 1992, S.90)

Diese vier Merkmale konzentrieren sich eher auf das sportliche Talent. Nach JOCH ist das Alter, wenn diese Merkmale wirksam werden, grundsätzlich gleichgültig. Jedoch wird der Begriff Talent mit Jugend- und Kindesalter assoziiert (vgl. JOCH, 1992, S.90).

Unter dem ersten Merkmal Disposition versteht man grundsätzlich, dass bei einem Spieler etwas „keimhaft [.] vorhanden ist“, welches sich in der Zukunft zu größeren und bedeutenderen sportlichen Leistungen entfalten könnte (JOCH, 1992, S.91). Diese Anlagen können sich durch zielgerichtetes Trainieren und ständiges Erreichen hoher sportlicher Leistungen im Laufe der Zeit entfalten. Die sportliche Höchstleistung wird nach DIETZ (2014) höchstwahrscheinlich noch nicht erreicht sein (S.7) und wie eben genannt erst im Laufe der Zeit kommen. JOCH stellt Disposition als „individuelle Voraussetzungen - somatischer, psychischer und motorischer Art - für das Erreichen von hohen sportlichen Leistungen“ vor (JOCH, 1992, S.91). Im Zusammenhang zur Disposition ist die Bereitschaft des Talents essentiell. „Antriebe und Willenseigenschaften [sind] [.] letztlich dafür verantwortlich, daß Dispositionen tatsächlich wirksam werden“ (JOCH, 1992, S.91). Talentierte Sportler, die sich regelmäßig selber motivieren können und dazu bereit sind, hart zu arbeiten, können ihr Potenzial eher erreichen als talentierte Sportler, die nicht den gleichen Trainingsfleiß gezeigt haben.

Eine weitere Voraussetzung ist die Soziale Umwelt. Die soziale Umwelt ist ein bedeutsamer Faktor im Thema Talente, denn die soziale Umwelt steht im Zusammenhang dazu, wie sich das Potenzial des Talents entfalten könnte. JOCH formuliert es provozierend als „Jede Gesellschaft hat die Talente, die sie verdient, die sie sich leisten kann (oder will) und für die sie sich engagiert“ (JOCH, 1992, S.92). Beispielsweise muss ein junges Talent aus ärmeren Verhältnissen deutlich größere Hindernisse überwinden als Talente, die eher wohlhabend sind. Fußballprofis wie Franck Ribéry, Luis Suarez und Arturo Vidal kommen aus armen und schwierigen Verhältnissen. Sie mussten in kleinen Wohnungen leben oder als Jugendliche lange arbeiten, um die Familie mit zu ernähren. Trotzdem konnten sie sich durch hartes Arbeiten und dank ihrer Zielstrebigkeit durchsetzen und große Karrieren genießen (o.D., Vom Tellerwäscher zum Millionär: Diese Profis waren einst einmal arm). Ein weiterer wichtiger Faktor sind Familie und Freunde, die einen Einfluss haben können wie sich das Talent entfalten kann (vgl. JOCH, 1992, S.92).

Die drei genannten Faktoren Disposition, Bereitschaft und soziales Umfeld sind eine gute Grundlage für Leistungsnachweise (vgl. DIETZ, 2014, S.8 und JOCH, 1992, S.92). Ohne einen Leistungsnachweis kann die Talentdefinition nicht als vollendet angesehen werden. Laut JOCH (1992) liegt die Leistungsfähigkeit eines Talentes mindestens über dem Durchschnitt. Ein Talent muss auch an Leistungsvergleichen teilnehmen um sich somit profilieren und messen zu können, denn „Talent ohne Leistung gibt es nicht“ (JOCH, 1992, S.92f.). JOCH fasst den statischen Talentbegriff wie folgt zusammen:

„Als (sportliches) Talent kann eine Person bezeichnet werden, die über (vorwiegend genetisch bedingte) Dispositionen zum Erreichen von hohen sportlichen Leistungen verfügt, die Bereitschaft mitbringt, solche Leistungen auch zu vollbringen, die Möglichkeit dafür in der sozialen Umwelt vorfindet und letztlich mit den erzielten Leistungsresultaten den Eignungsnachweis dokumentiert“ (JOCH, 1992, S.93).

2.3 Dynamischer Talentbegriff

Anmerkung der Redaktion: Diese Abbildung wurde aus urheberrechtlichen Gründen entfernt.

Im Gegensatz zum statischen Talentbegriff konzentriert sich der dynamische Talentbegriff auf das Potenzial und die Zukunft des Talentes. Das Ziel der Talentförderung ist, dass das Talent sich vollends entfalten kann und auf höchstem Niveau Leistung bringen kann. Der dynamische Faktor des Begriffs erschließt sich daraus, dass die Entwicklung ein Prozess ist. Im Sport stützt sich das Thema Talente vorzugsweise auf das Kindes- und Jugendalter. Der Aspekt der Entwicklung rückt bei diesem Altersbereich besonders in den Fokus. Dadurch wird der pädagogische Faktor auch wichtig (vgl. JOCH, 1992, S.93). Wie beim statischen Talentbegriff zeichnen auch bestimmte Kriterien den dynamischen Talentbegriff aus.

Das erste Kriterium ist der aktive Veränderungsprozess. JOCH (1992) sieht zwischen der Talentthematik und der motorischen Entwicklung entsprechende Zusammenhänge (S.94). Weiter werden die Bereiche der Persönlichkeit von dem Veränderungsprozess komplett abgedeckt, jedoch unterscheidet sich die Intensität der Veränderung. Der Veränderungsprozess schließt eine anhaltende oder verspätete Entwicklung mit ein und berücksichtigt auch, dass sich jedes Talent im eigenen Tempo weiterentwickelt. Besonders wichtig dabei ist, dass das Talent die eigene Entwicklung aktiv mitgestaltet, anstatt die Fähigkeiten ohne Einwirkung wachsen zu lassen (vgl. JOCH, 1992, S.94). JOCH beschreibt „die voluntive Seite des „talentierten Individuums“ mit Begriffen wie „Interesse, Neigung, besonderes Engagement [...] Leistungsmotivation“ (JOCH, 1992, S.95).

Der nächste Faktor ist die Steuerung durch das Training. Um ein Talent optimal zu fördern und zu entwickeln, muss auch das Training zielführend aufgebaut und gesteuert werden. „Ganzheitlichkeit, Spezialisierung, Allmählichkeit, Langfristigkeit, Systematik und angemessene Häufigkeit“ sind Prinzipien, die beim zielgerichteten Training von Bedeutung sind (JOCH, 1992, S.95). Ein Talenttraining besteht aus drei Teilbereichen, die aufeinander aufbauen und voneinander abhängig sind. Es gibt das motorische Basistraining, welches als Basis gilt. Darauf bauen das Grundlagentraining und das Aufbautraining auf, wobei letzteres fast schon an einem Talenttraining beziehungsweise Hochleistungstraining angrenzt. Des Weiteren ist die Teilnahme an Wettkämpfen weiterhin essentiell, um sich zu messen (vgl. JOCH, 1992, S.95).

Der letzte Faktor ist die Pädagogische Begleitung. Wie weiter oben genannt ist der Begriff Talent im Sport im Kindesalter beziehungsweise Jugendalter anzusetzen. Deshalb ist die Pädagogik auch ein wichtiger Bestandteil in der Talententwicklung. Die Pädagogik soll dabei beispielsweise positive Werte im Wettkampf, wie z.B. Zielstrebigkeit, Anstrengungsbereitschaft oder Erfolgsstreben übermitteln (vgl. JOCH, 1992, S.96).

2.4 Komplette Talentdefinition

Nachdem nun der statische und dynamische Talentbegriff vorgestellt worden sind, können diese zu einer vollständigen Definition zusammengelegt werden.

„Talent besitzt jemand, oder: ein Talent ist, wer auf der Grundlage von Dispositionen, Leistungsbereitschaft und den Möglichkeiten der realen Lebensumwelt über dem Altersdurchschnitt liegende (möglichst im Wettkampf nachgewiesene) entwicklungsfähige Leistungsresultate erzielt, die das Ergebnis eines aktiven, pädagogisch begleiteten und intentional durch Training gesteuerten Veränderungsprozess darstellen, der auf ein später zu erreichendes hohes (sportliches) Leistungsniveau zielstrebig ausgerichtet ist“ (JOCH, 1992, S.97).

2.5 Talentsichtung und Talentförderung

Die Aufgabe der Talentsichtung ist es, ein mögliches Talent möglichst früh zu entdecken. Damit wird dem Talent die Möglichkeit gegeben, relativ lange das Talentförderungssystem zu genießen. Die Talentsichtung hat, wie der Talentbegriff, neben einer statischen Komponente auch eine dynamische Komponente. Zum einem werden Leistungen zum aktuellen Zeitpunkt berücksichtigt, zum anderen spiegeln Begriffe wie Talenterkennung und Talentprognose die dynamische Seite der Talentsichtung wieder (vgl. GERISCH et al. 1989, S.280, GÜLLICH, 2012, S.10, zusammengefasst von DIETZ, 2014, S.13). Nach CARL (1988) gibt es verschiedene Möglichkeiten wie ein Talent gesichtet werden kann:

- „Sichtung über Sportzensur
- Auswertung schulischer Wettkämpfe
- Spezielle Sichtungswettkämpfe der Vereine und Verbände
- Sichtung über standardisierte Tests
- Subjektive Beobachtung sporttreibender Kinder und Jugendliche durch Lehrer, Übungsleiter und Trainer“ (S.17)

In Deutschland ist es normal, dass es kein einheitliches System zur Talentsichtung gibt. Die Verbände und Sportvereine organisieren sich diesbezüglich selbst. Auch das Alter, ab wann Talente gesichtet werden, ist je nach Sportart unterschiedlich (vgl. Friedrich, 2015, S.13). Im Fußball beispielsweise veranstaltet der Bayerische- Fußballverband jedes Jahr einen Talentsichtungstag für alle Kinder, die in der U11 spielen.

Die Talentförderung ist ein begleitender Prozess, welcher das Talent in dessen Entwicklung immer unterstützt. Acht bis zehn Jahre Förderung werden hierbei als ein optimaler Zeitraum angesehen. Wie bereits erwähnt, soll das Talent möglichst früh in das Talentförderungssystem kommen. JOCH (2001) stellt zudem Kriterien auf, die Teil eines Talentförderungsprozesses sind:

- Abwechslungsreich
- Allgemein
- Attraktiv
- Gründlich
- Variantenreich
- Vielseitig‘ (S.81-83, auch zitiert in DIETZ, 2014, S.16)

Des Weiteren soll die Individualität des Talentes gefördert werden. Das Wachsen lassen soll dafür sorgen, dass in der Eigenschaftsentwicklung nur vereinzelt eingegriffen wird. Die Individualität des Talentes wird gefördert, indem es frei und unbekümmert aufwachsen kann. DIETZ (2014) führt auf, dass „im modernen Mitteleuropa“ (S.17) immer weniger Straßenfußballer in den Nachwuchsmannschaften aufzufinden sind. Den Spielern wird vorgeschlagen, dass sie alle die gleiche Persönlichkeit aufzeigen und nicht aus der Maße rausstechen. Weiter führt DIETZ (2014) positive Aspekte auf, die einen Straßenfußballer beschreiben. So sind Eigenschaften wie Selbstorganisation oder das Spielen ,solange sie Lust haben' wichtige Komponenten bei sogenannten Straßenfußballer (vgl. DIETZ, 2014, S.17, zitiert von Barth et al., 2012, S.17-20).

[...]

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Was ist Talent? Zum Relative-Age-Effect im deutschen Profifußball
Hochschule
Hochschule für angewandtes Management GmbH
Note
2,7
Autor
Jahr
2020
Seiten
35
Katalognummer
V1128706
ISBN (eBook)
9783346528988
ISBN (Buch)
9783346528995
Sprache
Deutsch
Schlagworte
talent, relative-age-effect, profifußball
Arbeit zitieren
Angelo Petrone (Autor:in), 2020, Was ist Talent? Zum Relative-Age-Effect im deutschen Profifußball, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1128706

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Was ist Talent? Zum Relative-Age-Effect im deutschen Profifußball



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden