Trauma und Flucht im Kontext Schule. Heilpädagogische Interventionen für Kinder und Jugendliche


Hausarbeit, 2021

16 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Vorwort

1. Einleitung
1.1. Schule und Flucht – ein aktuelles Thema
1.2. Eingrenzung der Themenfelder der Arbeit
1.3. Aufbau der Arbeit

2. Trauma und dessen Folgen
2.1. Definition Trauma
2.2. Traumatisierung von Kindern durch Flucht
2.3. Traumaspezifische Diagnosen bei Kindern von 6-10 Jahren
2.3.1. Akute Belastungsreaktion
2.3.2. Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
2.3.3. Anpassungsstörung
2.4. Entwicklungsbiologische Aspekte von Flucht und Trauma
2.5. Neurobiologische Folgen von Traumata

3. Traumatisierte Kinder in der Schule – Handlungsmöglichkeiten
3.1. Interventionen und Methoden im Bereich „Sicherheit“
3.2. Beziehungsarbeit
3.3. Handlungsoptionen bei Dissoziation und Verhaltensauffälligkeiten
3.4. Interventionen im Bereich „Selbstwirksamkeit/Selbstbemächtigung/Selbstwert“
3.5. Tiergestützte Interventionen

4. Schlussfazit

II. Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis:

AEMR Allgemeine Erklärung der Menschenrechte

BfArM Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte

ICD-GM Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme

DSM Diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen

PTBS Posttraumatische Belastungsstörung

SEM Staatssekretariat für Migration – Schweiz

UMA Unbegleitete minderjährige Asylsuchende

UNHCR Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen

I. Vorwort

Flucht und Schule ist ein aktuelles und oft auch kontrovers diskutiertes Thema. Allein in der Schweiz stellten in den Jahren 2018 bis 2020 40.565 Menschen einen Asylantrag (SEM, Stand 2021), 1377 davon waren UMA`s. Mit dem Status anerkannter oder vorläufig aufgenommener Flüchtling leben 35.036 Kinder und Jugendliche in der Schweiz (SEM, Stand 31.5.2021). Dies zeigt auf, dass viele Pädagogen mit Kindern, welche Flucht erfahren mussten, Kontakt haben, sei es als Klassen- oder Fachlehrer.

Nicht alle diese Kinder sind traumatisiert, doch alle tragen das Thema „Flucht“ in ihrer Biographie und unterscheidet sie damit von der Mehrzahl der Kinder.

Auch ich sah mich mit Kinder konfrontiert, deren Verhalten mir zuerst unerklärlich schien, sich dann aber, oft im Kontext ihrer Vergangenheit, als nachvollziehbar darstellte. Ich erinnere mich an ein Mädchen, welches sich oft weigerte seine Mütze und Jacke an der Garderobe aufzuhängen. Drängen und auch Erklärungsversuche scheiterten meist. Erst nach Gesprächen mit den Eltern und Erkunden der Biographie wurde klar, dass die Familie lang in kalten Klimazonen auf der Flucht war und man immer bereit für den Weiterzug sein musste. Eine verlorene oder vergessene Jacke und Mütze hätte fatale Folgen gehabt.

Wie kann dem Thema „Flucht“ in der Schule praktische begegnet werden, soll in dieser Arbeit auszugsweise beleuchtet werden.

In der Arbeit wird das generische Maskulin verwendet, soweit gebräuchlich. Alle anderen Geschlechtsidentitäten werden dabei vollumfänglich eingeschlossen, sofern dies im Kontext erforderlich.

1. Einleitung

1.1. Schule und Flucht – ein aktuelles Thema

Weltweit sind immer mehr Menschen auf der Flucht unter ihnen geschätzt 50% Kinder. Auch in der Schweiz und Europa nehmen die Flüchtlingszahlen zu und damit die Relevanz in schulischen Institutionen.

Jedes Kind hat ein Recht auf Bildung (Art. 26 AEMR, Art. 28 UN Kinderrechtskonvention, Art. 22 Genfer Flüchtlingskonvention). Geflüchtete und traumatisierte Kinder stellen Lehrkräfte aufgrund ihrer Erfahrungen und Erlebnisse jedoch oft vor grosse Herausforderungen im Unterrichtsalltag. Vielfach haben die Kinder viele Jahre an Schulerfahrung verloren und sehen sich jetzt, nach der Fluchtphase, einer erneuten Herausforderung konfrontiert. Sie müssen sich einer neuen Kultur, Sprache, Umwelt anpassen. Sind oft „Sprach- und Kulturmittler“ für ihre Eltern, welche oft selbst traumatisiert und mit der Situation überfordert sind. Diese Kinder haben Herausragendes geleistet und tun es noch. Diesem Umstand muss von allen Rechnung getragen werden bei der behutsamen Einbindung der Kinder in den Schulalltag.

1.2. Eingrenzung der Themenfelder der Arbeit

Das Themenfeld Trauma/Flucht und die Handlungsoptionen im Umgang mit traumatisierten Kindern ist umfangreich. In der vorliegenden Arbeit wird daher nur auf Interventionsmöglichkeiten in der Institution Schule und Nachmittagsbetreuung für Kinder im Grundschulalter (6-10 Jahre) eingegangen und diese im Kontext des neurobiologischen und entwicklungsbiologischen Hintergrunds näher beleuchtet. Es werden Interventionsoptionen aus den Schwerpunkten ‘Sicherheit vermitteln“, „ Beziehungsarbeit“ und „ Selbstwirksamkeit und Selbstbemächtigung stärken“ konkret vorgestellt. Nicht eingegangen wird auf theoretische und praktische Überlegungen der Traumatherapie.

1.3. Aufbau der Arbeit

In Kapitel 2 möchte ich zuerst auf die Definition von Traumata und dessen Folgen eingehen. Es wird erläutert, was man unter einem Trauma versteht und was nicht. Welches die psychischen und physischen Folgen einer Traumatisierung sein können und wie diese in der diagnostischen Klassifizierung einzuordnen sind.

In Kapitel 3 werden dann auszugsweise Interventionen und Handlungsmöglichkeiten für ausgewählte Themenkomplexe vorgestellt und diese in ihrer Wirkweise erklärt.

2. Trauma und dessen Folgen

2.1. Definition Trauma

Im alltäglichen Sprachgebrauch wird das Wort Trauma oft inflationär gebraucht, z.B. ‘Sport in der Schule hat mich traumatisiert“. Dies kennzeichnet wohl eine vorhandene oder vergangene Belastung, ein Trauma im Sinne einer psychologischen Traumatisierung ist es jedoch nicht (Zimmermann, Weyrauch, et al., 2017, S. 27).

Das Wort Trauma kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Wunde“. Wunden und die daraus eventuell entstehenden Narben im Sinne von überwundenen Belastungen und Krisen machen das Leben aus und lassen uns wachsen und reifen (Zimmermann, Weyrauch, et al., 2017, S. 27). Doch wo ist die Grenze zwischen Belastungen und Lebenskrisen und tatsächlichem Trauma. Stehen keine subjektiven Bewältigungsmöglichkeiten des Erlebens eines bedrohlichen Ereignisses zur Verfügung spricht man von einem Trauma, der Betroffene ist mit seinen psychischen, physischen, emotionalen und kognitiven Ressourcen nicht in der Lage das Geschehnis zu verarbeiten (Zimmermann, Weyrauch, et al., 2017, S. 28). Gefühle von Ohnmacht, Hilflosigkeit und Schutzlosigkeit gehen einher mit einer Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis (Zimmermann, Weyrauch, et al., 2017, S. 28). Da ein Trauma dynamisch und oft prozesshaft ist wird in der Fachliteratur meist der Begriff der Traumatisierung verwendet, welcher Dynamik und Prozesshaftigkeit besser veranschaulicht (Baierl & Frey, 2016, S. 22). Im ICD-10 wird Traumatisierung unter den psychischen Störungen bei F.43 ff als Reaktion auf schwere Belastungen und Anpassungsstörung aufgeführt (BfArM, 2021).

2.2. Traumatisierung von Kindern durch Flucht

Maercker unterscheidet zwei Arten von Traumata. Den Typ I, welcher einmalig und eine kurzandauernde belastende Situation darstellt, z.B. durch Unfälle, Naturkatastrophen, Vergewaltigung, Überfall und den Typ II, länger andauernde, wiederholt stattfindende gefährliche Einwirkung auf den Menschen, z.B. Atomunfall, Missbrauch (wiederholt), politische Verfolgung und Krieg (Maercker, 2013, S. 15). Hinsichtlich der Schwere differenziert Maercker weiterhin zwischen „man-made“ (durch Menschen zugefügte Traumata) und natural disaster (durch die Natur oder sonstige, nicht von Menschen, ausgelöste Traumatisierungen)(Maercker, 2013, S. 15).

Besonders schwer zu verarbeiten und damit mit schwerwiegenderen Traumareaktionen verbunden sind Typ II, man-made Traumatisierungen, zu welchen auch Krieg und Flucht zählen (UNHCR, 2018, S.16). Für Kinder ist ein derartiges Ereignis ungleich schwieriger zu verarbeiten und einzuordnen, da sie nicht über die gleiche kognitive und emotionale Reife verfügen wie Erwachsenen. Kinder entwickeln erst ihr Bild der Welt und durch Krieg und Flucht wird es ihnen entweder gar nicht erst ermöglicht ein positives Bild der Welt und Gesellschaft zu erschaffen oder das Entstehen eines solchen wird im Keim erstickt und zerstört (UNHCR, 2018, S. 16).

2.3. Traumaspezifische Diagnosen bei Kindern von 6-10 Jahren

Derzeit gibt es folgende psychiatrische Diagnosen die im ICD-10 und DSM im Rahmen einer Traumatischen Belastung vergeben werden können (Gahleitner et al., 2017, S. 30).

Es wird im Folgenden nur auf die Klassifikation nach dem ICD-10 eingegangen.

2.3.1. Akute Belastungsreaktion

Bei der akuten Belastungsstörung (F.43.0, ICD-10) treten Symptome unmittelbar nach dem belastenden Ereignis auf und vermindern sich frühestens nach 8 h (Gahleitner et al., 2017, S. 30).

Symptome können eine generalisierte Angststörung, sozialer Rückzug, Aufmerksamkeitsstörungen, Unfähigkeit Reize zu verarbeiten sein (ICD-10-GM Version 2021, o. J.).

Da die Störungsdauer mit max.4 Wochen angesetzt wird, dürfte diese Diagnose im schulischen Kontext eher unterrepräsentiert sein.

2.3.2. Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

Unter einer PTBS (F.43.1 ICD-10) werden verzögerte Reaktionen auf ein aussergewöhnlich belastendes Ereignis (einmalig oder andauernd) subsumiert (ICD-10-GM Version 2021, o. J.). Eine Diagnose sollte daher auch frühestens nach 4 Wochen gestellt werden (Gahleitner et al., 2017, S. 30). Bei einer PTBS treten typischerweise Symptome aus dem Bereich des „Wiedererlebens“ des Ursprungstraumas (Flashbacks1, Intrusionen2 ), Vermeidungsreaktionen von Triggerungen3 und Symptome erhöhter physiologischer Erregbarkeit (Schlafstörungen, Reizbarkeit, aggressives Verhalten, Konzentrationsschwierigkeiten, Schreckhaftigkeit) (Gahleitner et al., 2017, S. 31) auf.

2.3.3. Anpassungsstörung

Die im ICD-10 unter F.43.2 aufgeführte Anpassungsstörung ist die in Deutschland am häufigsten gestellte Diagnose in der ambulanten Kinder- und Jugendpsychotherapie (Gahleitner et al., 2017, S. 30). Sie ist gekennzeichnet durch eine, nicht später als 4 Wochen nach dem traumatischen Ereignis einsetzende, depressive Episode mit Störungen der Gefühle und des Sozialverhaltens (ICD-10-GM Version 2021, o. J.) und hält i.d.R nicht länger als 6 Monate an (Gahleitner et al., 2017, S. 30).

[...]


1 Flashbacks: Wiedererleben von plötzlich intensiven Wahrnehmungen von Traumabestandteilen (Refugee help, o. J.)

2 Intrusionen: durch Trigger ausgelöste Erinnerungen, Wiedererleben von Traumata (Stangl, o. J.)

3 Triggerung: Schlüsselreiz der Verhalten oder Empfinden auslöst (Stangl, o. J.)

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Trauma und Flucht im Kontext Schule. Heilpädagogische Interventionen für Kinder und Jugendliche
Hochschule
Internationale Fachhochschule Bad Honnef - Bonn  (Heilpädagogik)
Note
1
Autor
Jahr
2021
Seiten
16
Katalognummer
V1128732
ISBN (eBook)
9783346488626
ISBN (Buch)
9783346488633
Sprache
Deutsch
Schlagworte
trauma, flucht, kontext, schule, heilpädagogische, interventionen, kinder, jugendliche
Arbeit zitieren
Claudia Mayr (Autor:in), 2021, Trauma und Flucht im Kontext Schule. Heilpädagogische Interventionen für Kinder und Jugendliche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1128732

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