Zum Erkennen und Empfinden bei Johann G. Herder


Hausarbeit, 2020

6 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Mitte des 18. Jahrhunderts verzeichneten Psychologie und Medizin enorme Fortschritte, die auch in der Philosophie zu einem gesteigerten Interesse an Untersuchungen zum menschlichen Seelenleben und seiner körperlichen Bedingtheit führen1. Baumgarten gab den Anstoß zu kontroversen Debatten zum Verhältnis der Begriffe Empfinden und Erkennen untereinander und in Bezug auf Ästhetik. Auch Mendelssohn kontrastierte das Begriffspaar in seinen Briefen über die Empfindungen, in denen er die Gegensätzlichkeit beider Termini unterstrich. Die Berliner Akademie der Wissenschaften beteiligte sich 1773 und 1775 an diesem Diskurs mit einem Preisausschreiben2, das Anlass für Herders Abhandlung Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele war. Inhaltlich orientierte sich die Preisfrage stark an den Hauptthesen J. G. Sulzers, Mitinitiator der Ausschreibung und Direktor der philosophischen Klasse der Akademie3. Er forderte Untersuchungen zum Einfluss des Körpers auf die Seele4; so bedarf es bei der Bestimmung von Erkennen und Empfinden auch der Bestimmung des Verhältnisses von Seele und Leib5. Im Preisausschreiben der Berliner Akademie der Wissenschaften sollte eine ebensolche Verhältnisbestimmung der – nach Sulzer voneinander getrennten – Seelenkräfte des Erkennens und Empfindens vorgenommen werden.

Zum Verständnis von Herders Schrift sei zunächst Sulzers Theorie6 skizziert: Er führt jegliche Seelentätigkeit („die vielen verschiedenen Wirkungen der Seele“7) auf zwei gegensätzliche Vermögen zurück, nämlich die Fähigkeit, 1) sich etwas vorzustellen oder die Beschaffenheit der Dinge zu erkennen und 2) zu empfinden8. Die Gegensätzlichkeit beider Vermögen begründet Sulzer mit verschiedenen Bezugsrichtungen – während sich das Vorstellen (auch Nachdenken) auf Objekte der Außenwelt fokussiere, richte sich das Empfinden nach innen, auf das Subjekt (Selbst). Er beschreibt die Begriffe Erkennen und Empfinden als zwei getrennte, abwechselnd ins Bewusstsein tretende Größen der Wahrnehmung. Seine Annahme eines Ratio-Emotio-Dualismus schließt ein gleichzeitiges Wirken beider Vermögen aus, „da es (…) unmöglich ist, daß die Aufmerksamkeit zur gleichen Zeit auf zween verschiedenen Dingen gerichtet sey, so entsteht der Zustand der Betrachtung wahrscheinlicher Weise aus einer beständigen und schnell aufeinander folgenden Abwechslung des Nachdenkens und Empfindens“9. Das phänomenologische Erkennen (qua Körper, Sinnesorgane) korreliert folglich nicht mit seelischen (inneren) Empfindungen, auch dann nicht, wenn etwa ein Gegenstand – Sulzer verwendet mit Verweis auf Descartes das Beispiel einer Nadel – ein Gefühl auslöst, z.B. einen schmerzenden Stich. Demgemäß wäre mit Blick auf die Ästhetik auch das Werk von seiner Wirkung zu trennen10, denn die „Empfindung ist (…) eine Handlung der Seele, die mit dem Gegenstande, der sie hervorbringt, oder veranlasst hat, nichts gemein hat. (…) Nicht den Gegenstand empfindet man, sondern sich selbst“ 11.

In seiner Beantwortung der Preisfrage widerspricht Herder Sulzers Theorie jedoch und argumentiert gegen die Trennung beider Vermögen. Er schlägt einen monistischen Ansatz vor, denn er ist überzeugt: „Nie wird man diesen Kräften (Erkennen und Empfinden) tief auf den Grund kommen, wenn man sie (…) von einander scheidet und unabhängig einzeln betrachtet“12. Die Kräfte des Körpers beschreibt Herder als Empfindungen der Seele13. Zwar hebt er vor allem die Bedeutung der Empfindungsperspektive hervor, betont aber auch die Einheit des Wirkens beider Vermögen – die Seele wirkt hierbei, indem sie von den Kräften des Körpers Gebrauch macht14. Damit hebt er den Leib-Seele-Dualismus auf und plädiert für die Einheit von Körper und Seele: „Das Verhältnis von Empfinden und Erkennen wird von Herder als Analogon zur Einheit von Körper und Seele begriffen“15. Hieraus folgt auch die Negation von „Sulzers Vorstellung von der Differenz beider (Vermögen) durch ihre unterschiedliche Bezugsrichtung auf das Subjekt bzw. Objekt“16. Anders als Sulzer interpretiert Herder beide Aspekte ontologisch: sowohl Objekt als auch Subjekt seien realisierte Gedanken Gottes und damit geistiger Natur. Erkennen und Empfinden sind demnach „ein Wesen Eines Geistes“17 und nicht zwei voneinander getrennte Seelentätigkeiten, sie spiegeln vielmehr verschiedene Perspektiven wider und drücken sich gleichsam ineinander aus: So wie die Seele sich selbst nur im Spiegel ihres Körpers erkennt, so soll es sich mit allen Erkenntnissen verhalten: Alle deutlichen Gedanken werden in anschaubaren Formeln gesehen. Das heißt, sie sind nicht unmittelbar der Seele präsent, sondern können nur vermittels der Empfindungen hervorgerufen werden.18

Herder untersucht Empfinden und Erkennen folglich nicht in dualistischer Tradition, sondern genealogisch. Das initiale „Hervorrufen“ der Empfindung verortet er im Physiologischen und argumentiert mit Verweis auf Haller mit dem Begriff des Reizes. Das Empfinden wird als das Ursprüngliche beschrieben, dessen Ursache und Werden er auf das körperliche Phänomen des (inneren) Reizes zurückführt19. Hierin sieht Herder „das erste glimmende Fünklein zur Empfindung“20, was die tote Materie belebe. Diese Reizbelebung bedingt das Erkennen, denn „in allem was tote Natur ist, kennen wir keinen inneren Zustand“21. Greifbar wird dieser erst durch Analogieschlüsse: durch Beobachtung von Ähnlichkeiten in der Natur wird ein empathisches Mit- und Nachempfinden möglich. Der Begriff der Natur ist hier nicht nur auf die uns umgebende zu beschränken, sondern beschreibt, so Menke, den Grund oder Anfang der Subjektbildung, eine Genealogie des empfindenden Menschen22. Hierauf fußt das gefühlsbasierte Erkennen; ein Gefühl, das Herder als „dunklen Mechanismus der Seele“23 beschreibt. Die o.g. Analogien – wenn wir also „Ähnlichkeit mit uns (…) fühlen“24 – meinen keine Vergleichbarkeit der Dinge an sich, sondern eine gefühlte Gemeinsamkeit. Dieses Analogieempfinden resultiert nach Herder aus einem „geistige(n) Band“25 durch das (Menschen-) Geschöpf und Schöpfer miteinander verbunden sind. Diese Verbindung ist nicht körperlich-mechanisch erklär- oder beweisbar ist; insofern muss sie „geglaubt, d.i. erfahren, empfunden werden“26. Für das sinnliche Erkennen fungiert dieses Band als „Medium“ der Wahrnehmung: innere Sinne, das Nervengebäude, reagieren auf „Reiz und Gefühl von außen“27. Sie geben den unbestimmten Eindrücken (Reizen) buchstäblich Sinn, indem sie unbestimmte Eindrücke ins Erfahrbare, Erkennbare transferieren. Herder veranschaulicht diesen (Erkenntnis-) Prozess am Beispiel einer Pflanze, deren Samen oder Wurzel dem Reiz, deren Stängel der Empfindung und deren Blüte dem Erkennen entspreche28. Die Empfindung wurzelt also im (dunklen) Reiz und steigt „von der Dunkelheit zur Klarheit, vom Empfinden zum Erkennen“29, sodass aus „Finsternis Licht, aus Empfindung Erkenntniß werde“30. Damit wird deutlich, dass Erkennen und Empfinden bei Herder zwei miteinander untrennbar verwobene Stufen eines Erkenntnisprozesses sind. Insofern sind die beiden Vermögen nicht prinzipiell, sondern nur graduell verschieden – das Erkennen ist ein geläutertes Empfinden und das Empfinden ein noch ungeläutertes Erkennen.31

Herder entwirft damit eine Theorie der reizinitiierten, gefühlsbasierten Welterschließung durch Analogieschlüsse; das Empfundene wird dabei de profundis ad lucem zur Erkenntnis. Bleiben wir bei Herders Bild der Pflanze, wird seine Terminologie des Dunklen und Hellen anschaulich. Denn sie ist nicht nur als aufklärerische Lichtmetapher Dieses Dunkle differenziert Herder vom zu verstehen, sondern kann auch als Indikator für Unbewusstsein und Bewusstsein gelesen werden – die im Verborgenen liegende Wurzel und den sichtbaren Teil der Pflanze. Die Grenze der menschlichen Erkenntnis ist das (Selbst-) Bewusstsein. Bewusstsein (damit auch gewusstes Sein) und daraus Folgendes, wie etwa Handlungen, zählt Herder zum Bereich des Klaren, Hellen, der Ratio, des Denkens. Er widerspricht jedoch dem cogito ergo sum des cartesischen Rationalismus32 und verweist auf das Unbewusste (Ungewusste), die „dunklen Kräfte und Reize“, „daß (…) also die tiefste Tiefe unserer Seele mit Nacht bedeckt ist“33.

Hellen, der Erkenntnis: „Weil das Dunkle nicht bewußt ist, kann es auch keine Erkenntnis sein, denn es ist als Unbewußstes keiner normativen Unterscheidung – wie der zwischen Schein und Wahrheit – im Feld des Erkennens – fähig“34.

Das Unbewusste als „dunkler Mechanismus der Seele“, als präsubjektive Kraft35 ordnet Herder deshalb dem Gefühl zu. Die Begriffe Empfinden und Erkennen markieren damit verschiedene Etappen der Bewusstwerdung, mit denen die oben beschriebenen Erkenntnisstufen einhergehen.

[...]


1 Vgl. Heinz (2016), 124.

2 Mangels zufriedenstellender Resonanz schrieb die Akademie die Preisfrage 1975 erneut aus (vgl. Heinz (1994), 109).

3 Vgl. Heinz (2016), 122.

4 Ebd., 124.

5 Ebd., 125.

6 1763 verfasste Sulzer seine Anmerkungen über den verschiedenen Zustand, worin sich die Seele bey Ausübung ihrer Hauptvermögen, nämlich des Vermögens, sich etwas vorzustellen und des Vermögens zu empfinden, befindet.

7 Heinz (1994), 113.

8 Vgl. Sulzer in Heinz (1994), 113.

9 Sulzer in Heinz (1994), 114.

10 Die sinnliche Erfahrbarkeit von Kunst erklärt Sulzer in seiner Allgemeine Theorie der Schönen Künste mit dem Begriff der Einbildungskraft. Er definiert sie als das „Vermögen der Seele die Gegenstände der Sinnen und der innerlichen Empfindung sich klar vorzustellen wenn sie gleich nicht gegenwärtig auf sie würken Durch ihr Wirken erzeugt sie somit „nichts neues“, sondern sorgt dafür, dass die äußere Welt „so weit wir sie gesehen und empfunden haben“ wieder „heran(gebracht)“ wird. Als Eigenschaft der Seele betont Einbildungskraft das Lebendige im Menschen, welcher durch sie nicht bloßer mechanischer Organismus ist. Notwendig ist die Übung der Einbildungskraft als ästhetische Praxis: „man muss sich vorzüglich bemühen, Begriffe, Wahrheiten und allgemeine Kenntnis mehr anschauend in sinnlichen Gegenständen zu empfinden, als durch reinen Verstand zu erkennen“; Explizit sollen dabei auch Empfindungen imaginieren werden. Empfindungen, (auch) hervorgerufen durch Einbildungskraft, werden hierbei als Mittel zur Erkenntnis beschrieben. (Vgl. Sulzer (1792), 10 ff.).

11 „Die Empfindung ist also eine Handlung der Seele, die mit dem Gegenstande, der sie hervorbringt, oder veranlasst hat, nichts gemein hat. (…) Nicht den Gegenstand empfindet man, sondern sich selbst.“ (Sulzer in Heinz (1994), 114).

12 Herder, SWS 8, 195 in Polke, 222.

13 Vgl. Heinz (2016), 126.

14 Vgl. Heinz (1994), 124.

15 Heinz (2016), 126.

16 Ebd.

17 Brief an Friedrich von Hahn vom 5.8.1774 (FHA 4, 1078).

18 Heinz (1994), 129

19 Herder, 331.

20 Ebd.

21 Herder, 329.

22 „Und diese Natur des Menschen, aus der er sich zum Subjekt entwickelt, ist ästhetisch“. Ästhetisch sei sie deshalb, weil sie keine klare, rationale Erkenntnis ist (insofern ist sie „dunkel“). (Menke, 49).

23 Herder, Wäldchen, 282 in Menke, 49.

24 Herder, 329.

25 Herder, 335.

26 Ebd., 244.

27 Ebd., 346.

28 Vgl. Herder, SWS 8, 276-280 in Polke, 225.

29 Herder, SWS 8, 247 in Polke, 226.

30 Herder, SWS 8, 289 in Polke, 226.

31 Vgl. Polke, 225

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Zum Erkennen und Empfinden bei Johann G. Herder
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
6
Katalognummer
V1128941
ISBN (eBook)
9783346498380
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Herder, Erkennen, Empfinden
Arbeit zitieren
Marlen Reinschke (Autor:in), 2020, Zum Erkennen und Empfinden bei Johann G. Herder, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1128941

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