Inwieweit kann aus Perspektive des Neorealismus und aus Perspektive des Institutionalismus unter den Bedingungen des Sicherheitsdilemmas ein Stabilitätszustand in den internationalen Beziehungen hergestellt werden?
Zur Beantwortung dieser Fragestellung wird zunächst das Sicherheitsdilemma nach John Herz definiert. Daraufhin werden die zwei Theorien der internationalen Beziehungen – zunächst der Neorealismus, gefolgt vom Institutionalismus – in ihren zentralen Annahmen und Aussagen dargestellt und jeweils in Beziehung zum Sicherheitsdilemma gesetzt. In einer abschließenden Zusammenfassung wird die Fragestellung mittels einer Gegenüberstellung der dargestellten Lösungsansätze einer Antwort aus der jeweiligen theoretischen Perspektive zugeführt.
In seinem Werk Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf., veröffentlicht in dem Jahr 1796, skizziert Immanuel Kant in Form von Präliminar- und Definitivartikeln die Grundlagen eines solchen ewigen Friedens, „der das Ende aller Hostilitäten bedeutet“ und nicht in sich selbst die Wurzeln für den nächsten Krieg trägt.
Im dritten Präliminarartikel appelliert Kant an die Staaten, stehende Heere gänzlich abzuschaffen:
„Denn sie bedrohen andere Staaten unaufhörlich mit Krieg, durch die Bereitschaft, immer dazu gerüstet zu erscheinen; reizen diese an, sich einander in Menge der Gerüsteten, die keine Grenzen kennt, zu übertreffen, und, indem durch die darauf verwandten Kosten der Friede endlich noch drückender wird als ein kurzer Krieg, so sind sie selbst Ursache von Angriffskriegen, um diese Last loszuwerden“.
Mit diesem Gedanken drückt Kant im Kern jenes Konzept aus, das durch John Herz 1950 unter dem Begriff des ‚Sicherheitsdilemmas‘ große Relevanz für Theorien internationaler Beziehungen zu gewinnen begann. Diese Frage nach dem ewigen Frieden – oder nach einer möglichen Lösung des Sicherheitsdilemmas, „with which human societies have had to grapple since the dawn of history“ – ist zentral für viele Theorien der internationalen Beziehungen, darunter der Neorealismus und der Institutionalismus. Ausgehend von ihren jeweiligen Standpunkten lassen sie jedoch sehr unterschiedliche Folgerungen und Einschätzungen bezüglich des Sicherheitsdilemmas zu.
Gliederung
1. Einleitung
2. Das Sicherheitsdilemma
3. Neorealismus
3.1. Wissenschaftstheoretische Annahmen
3.2. Die Kernannahmen des Neorealismus
3.3. Kooperation aus neorealistischer Perspektive
4. Institutionalismus
4.1. Wissenschaftstheoretische Annahmen
4.2. Die Kernannahmen des Neorealismus
4.3. Kooperation aus institutionalistischer Perspektive
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit aus der Perspektive des Neorealismus sowie des Institutionalismus unter den Bedingungen des Sicherheitsdilemmas ein stabiler Zustand in den internationalen Beziehungen hergestellt werden kann. Dabei werden die theoretischen Grundlagen beider Schulen gegenübergestellt, um ihre jeweiligen Lösungsansätze für die Herausforderungen anarchischer Strukturen zu analysieren.
- Grundlagen und Definition des Sicherheitsdilemmas nach John Herz
- Wissenschaftstheoretische Annahmen und Kernkonzepte des Neorealismus
- Konzept der komplexen Interdependenz im Institutionalismus
- Bedingungen für Kooperation und Stabilität in anarchischen Systemen
- Gegenüberstellung und Synthese beider theoretischer Ansätze
Auszug aus dem Buch
3.1 Wissenschaftstheoretische Annahmen
Die Theorie des Neorealismus geht maßgeblich auf die Arbeiten von Kenneth Waltz zurück. In seinem Buch Man, the State and War, veröffentlich im Jahr 1959, spricht Waltz von drei unterschiedlichen ‚levels of analysis‘ beziehungsweise ‚images‘, wobei er letzteren Ausdruck für „more accurate and elegant“ (Waltz 2001, S. ix) hält. Ausgangspunkt für Waltz‘ (2001) Dreiteilung ist folgende Fragestellung:
„One may seek in political philosophy answers to the question: Where are the major causes of war to be found? […] To make this variety manageable, the answers can be ordered under the following three headings: within man, within the structure of the separate states, within the state system. […] These three estimates of cause will subsequently be referred to as images of international relations …“ (S. 12).
Das erste ‚image‘ stellt die Ebene des Individuums dar. Kern dieses Bildes ist die Annahme konstanter und unveränderlicher anthropologischer Vorrausetzungen, die analog auch im Verhalten politisch Verantwortlicher zum Tragen kommen (Waltz 2001, S. 17 f.). Diesem Bild gemäß ist das Entstehen von Kriegen und zwischenstaatlichen Konflikten überhaupt auf die menschliche Natur zurückzuführen.
Das zweite ‚image‘ befasst sich hingegen mit den internen Strukturen eines Staates. Dabei werden Unterschiede in den internen Strukturen von Staaten – zum Beispiel Demokratien und autoritäre Systeme – mit deren außenpolitischem Verhalten in Beziehung gesetzt, um so jene innerstaatlichen Strukturen zu identifizieren, die eher mit einem friedlichen außenpolitischen Gebaren einhergehen. „The proposition to be considered is that through the reform of states wars can be reduced or forever eliminated“ (Waltz 2001, S. 83).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Konzept des Sicherheitsdilemmas ein und formuliert die zentrale Forschungsfrage nach der Stabilität in internationalen Beziehungen aus Sicht von Neorealismus und Institutionalismus.
2. Das Sicherheitsdilemma: Dieses Kapitel definiert das Sicherheitsdilemma als Ergebnis anarchischer Strukturen, in denen das Streben nach Sicherheit durch Machtakkumulation bei allen Staaten zu einer allgemeinen Verringerung der Sicherheit führt.
3. Neorealismus: Hier werden die systemischen Grundlagen nach Kenneth Waltz erläutert, wobei der Fokus auf der Anarchie, dem Selbsthilfeprinzip und der Bedeutung von Machtverteilungen liegt.
3.1. Wissenschaftstheoretische Annahmen: Dieser Abschnitt expliziert Waltz' Dreiteilung der Analyseebenen („images“) und begründet den systemischen Ansatz des Neorealismus.
3.2. Die Kernannahmen des Neorealismus: Das Kapitel erläutert die Grundstruktur des internationalen Systems, die Anarchie und die Notwendigkeit des Balancierens („balancing“).
3.3. Kooperation aus neorealistischer Perspektive: Es wird dargelegt, dass Kooperation unter neorealistischen Bedingungen nur zeitweise durch hegemoniale Zwangsmacht ermöglicht wird.
4. Institutionalismus: Dieses Kapitel stellt mit der „komplexen Interdependenz“ das Gegenmodell zum Neorealismus vor und betont die Rolle von Institutionen.
4.1. Wissenschaftstheoretische Annahmen: Hier werden die Konzepte von Sensitivität und Verletzlichkeit innerhalb der Interdependenztheorie von Keohane und Nye eingeführt.
4.2. Die Kernannahmen des Neorealismus: Der Abschnitt erläutert das Modell des „Iterated Prisoners’ Dilemma“ und die Funktion von internationalen Regimen als „Kooperationskatalysatoren“.
4.3. Kooperation aus institutionalistischer Perspektive: Zusammenfassend wird dargestellt, wie Interdependenz und Regime die Sicherheit unter Anarchie stabilisieren können.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Unterschiede und Gemeinsamkeiten beider Theorien zusammen und plädiert für eine komplementäre Nutzung der Modelle.
Schlüsselwörter
Sicherheitsdilemma, Neorealismus, Institutionalismus, Internationale Beziehungen, Anarchie, Machtverteilung, Kooperation, Komplexe Interdependenz, Regime, Machtakkumulation, Systemtheorie, Kenneth Waltz, Robert Keohane, Hegemonie, Stabilität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem sogenannten Sicherheitsdilemma in den internationalen Beziehungen und untersucht, wie dieses durch zwei einflussreiche Theorien – den Neorealismus und den Institutionalismus – erklärt und theoretisch gelöst wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Arbeit fokussiert auf die Struktur internationaler Systeme, die Bedingungen für staatliche Kooperation, die Rolle von Macht im Vergleich zu institutioneller Zusammenarbeit und die Dynamiken zwischen Staaten in einem anarchischen Umfeld.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, inwieweit aus Sicht beider Theorien unter den Bedingungen des Sicherheitsdilemmas ein Stabilitätszustand in den internationalen Beziehungen hergestellt werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Analyse, bei der die theoretischen Annahmen beider Schulen (Neorealismus und Institutionalismus) systematisch gegenübergestellt und auf das Sicherheitsdilemma angewendet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die wissenschaftstheoretischen Annahmen, Kernannahmen und die spezifischen Ansätze zur Kooperation beider Theorien, basierend auf zentralen Werken der Autoren Kenneth Waltz, Robert Keohane und Joseph Nye.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Sicherheitsdilemma, Anarchie, komplexe Interdependenz, Machtkonkurrenz, internationale Regime und staatliche Souveränität geprägt.
Was unterscheidet den Neorealismus vom Institutionalismus bei der Kooperation?
Während der Neorealismus Kooperation primär als Ergebnis von Hegemonie und Zwang in einer anarchischen Welt betrachtet, sieht der Institutionalismus in internationalen Regimen und der „komplexen Interdependenz“ Mittel, um dauerhafte Kooperation auch ohne dominante Hegemonen zu ermöglichen.
Wie bewertet der Autor das Sicherheitsdilemma im Fazit?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass beide Theorien wichtige Deutungsmuster liefern und sich nicht ausschließen, sondern je nach betrachtetem Phänomen und Politikbereich als komplementäre Analyseinstrumente dienen sollten.
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- Sebastian Grünberg (Author), 2020, Das Sicherheitsdilemma. Eine gegenüberstellende Analyse anhand des Neorealismus und des Institutionalismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1128968