Die Techno-Szene. Klangliche Dimensionen, Jugendkultur und die Kulturindustrie eines Musik-Genres

Eine subkulturelle Analyse unter Bezugnahme eigener Erfahrungen in der Techno-Szene


Hausarbeit, 2018

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Klangliche Dimensionen von Techno
2.1 Musikanalyse
2.1.1 Rhythmus
2.1.2 Sounds
2.1.3 Harmonik und Melodik
2.1.4 Aufbau

3. Jugendkultur
3.1 Inhalte der Kultur
3.1.1 Locations
3.1.2 Tanz
3.1.3 Drogen"

4. Kulturindustrie
4.1 Kommerzialität und Medien

5. Eigene Erfahrungen in der Lokalen Techno Szene von Würzburg

6. Abbildungsverzeichnis

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Dunkle Räume, schnell aufblitzende Lichteffekte, dröhnende Bässe. Musik deren Geschwindigkeit, Rhythmus und Harmonien entfernt von radiotauglichen Klängen sind. Menschen, die in Ekstase zu stumpfen Bassdrum-Schlägen und vereinzelt auftauchenden Melodien tanzen. Dies sind die ersten Eindrücke, wenn man heutzutage eine Techno Diskothek betritt.

Trotz der für die meisten Menschen eher befremdlichen und als monoton empfundenen Musik, sind die Clubs gut besucht und erfreuen sich immer mehr Beliebtheit. Auch in Würzburg ist ein Anstieg der vorzufindenden Veranstaltungen, bei denen Techno gespielt wird, zu erkennen und auch Diskotheken, deren standardmäßiges Abendprogramm eher ein anderes ist, springen auf den Zug auf. Die in Detroit und Chicago entstandene Musikrichtung und damit verbundene Jugendbewegung, die sich seit den Anfängen der 1990er Jahre entwickelte, ist immer noch in der deutschen Gesellschaft verankert. Lang bestehende Events wie „Mayday“ erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit und auch heute zelebrieren noch viele Jugendliche diesen Lebensstil, indem sie am Wochenende Techno­Veranstaltungen besuchen.!

Techno ist längst nur noch Überbegriff einiger Bewegungen. Zahlreiche neue Musikrichtungen wie Trance, Gabba/Hardcore oder Minimal-Techno differenzierten sich aus dem Muttergenre und es entwickelten sich neue Subkulturen. Diese tragen in sich eigene Werte und Normen und grenzen sich durch ihre Affinität zu Techno­Musik von Kultur der Gesellschaft ab. Diese Ansichten vertreten dabei keine politische Einstellung, sondern es handelt sich eher um zwischenmenschliche Werte wie Aufgeschlossenheit und Akzeptanz. Die Akzeptanz bezieht sich unter anderem auf den in der Szene vorherrschenden Konsum von Betäubungsmitteln, wie Ecstasy, Speed und LSD, aber auch sexuelle Orientierung und Ausdrucksformen des Tanzes werden vorurteilsfrei akzeptiert.

Welches musikanalytische Bild die Literatur über Techno liefert, was generell Inhalte der mit Techno verbundenen Jugendkultur sind und meine eigenen Erfahrungen in der Techno-Szene, werden im Folgenden ausgearbeitet.

2. Klangliche Dimensionen von Techno

2.1 Musikanalyse

In diesem Kapitel wird ein musikanalytisches Bild von Techno dargestellt, um sich einen groben Überblick zu verschaffen und Inhalte der Kultur besser nachvollziehen zu können.

Die wohl ursprünglichste Form des Techno entwickelte sich Anfang der 1990er Jahre in Detroit. Weitere Genres wie Gabba/Hardcore oder Trance, die sich bezüglich verschiedener Charakteristika wie Klängen und Tempi vom klassischen Detroit Techno unterscheiden, entwickelten sich aus dem Ursprungsgenre.

„Die erste Gabba/Hardcore-Welle lässt sich auf Anfang der 90er Jahre datieren.“1 Elementarer Unterschied dieses Genres ist das Tempo, auch Bpm2 genannt. Während Kommerz-House oder klassischer Detroit-Techno bei etwa 115-130 bpm agieren, beginnen Rave-Techno oder Gabba/Hardcore ab 180 bpm und können sich bis zu 250 bpm steigern.3 „Des weiteren macht dieses Subgenre von Techno in seiner schlichten Konstruktionsweise Anleihen aus dem konventionellen, gitarrenorientierten Hardcore und dem Punkrock“4 und verdeutlicht „eine unverkennbare Abgrenzung zu der immer ,massentauglicher‘ werdenden Techno- Musik“5.

Als eine Gegenbewegung der immerfort härter werdenden musikalischen Entwicklung von Techno, entstand Anfang der 90er Jahre der Trance als ein weiteres Genre. „Der Ausdruck Trance wird im Techno-Bereich verwendet für elektronisch produzierte Musik, die Tanzende mit weichen Klängen und dennoch schnellen Rhythmen in einen extrem entspannten nahezu schon als hypnotisch zu bezeichnenden Zustand versetzen soll.“6

So wie jede Musikrichtung hat auch Techno unverbindliche Rezepturen, „die wie ein Ravensburger Malen-nach-Zahlen befolgt werden“7 können. Techno in seiner klanglichen und strukturellen Dimension zu erfassen, erweist sich daher als kein allzu schwieriges Unterfangen. Rhythmik und Basslinien bleiben meist stumpf oder einseitig und sind nach Schema von Lied zu Lied ähnlich.

Die analytische Skizze eines exemplarischen Detroit Techno Tracks lässt sich gut mit folgender Abbildung verdeutlichen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Noten-Transkription charakteristischer Komponenten eines Detroit-Techno-Tracks.8

Rhythmisch liegt diesem Lied „ein viertaktiges Schema mit der strikt geführten Bassdrum im sogenannten Four-to-the-floor-Beat zugrunde.“9 Claps ertönen auf jede zweite und vierte Zählzeit, geschlossene Hi-Hats als Afterbeat. Ein spitzer Synthesizer-Sound, der sich rhythmisch in das Gefüge eingliedert sowie eine hauptsächlich aus Sechzehntel bestehende Hi-Hat Linie, „die den Track in Bewegung hält.“10

2.1.1 Rhythmus

Die Grundsubstanz und die damit maßgebliche Formbestimmung eines Techno­Liedes, wird durch die Rhythmik gegeben. Hauptrhythmik oder auch Grundbeat der meisten Songs sind Bassdrum-Schläge im Viervierteltakt11, auch „Four-to-the-floor- Beat“12 genannt. Diese ziehen sich meist - mit gelegentlich auftauchenden Abweichungen - durch den Verlauf des ganzen Liedes. Zusätzlich werden „in schöner Regelmässigkeit rhythmische Elemente hinzukommen“13, bis sich ein Gerüst aufgebaut hat. Durch den doch sehr monotonen Rhythmus fallen spezielle Hintergrundrhythmen besonders auf und tragen zur Gesamtcharakteristik eines Stückes bei. „Wenn dazu noch ein treibender Sechzehntel-Groove eingebaut ist - um so besser.“14 Computersounds oder Synthesizer-Klänge werden zusätzlich als Rhythmusträger eingesetzt, was eine Unterscheidung von Rhythmus und Klängen als schwierig gestaltet.15

2.1.2 Sounds

„Unsere Melodie ist das Schreien der Maschinen“16 beschreibt einen Teil des Klangbildes gut, das in Techno-Liedern enthalten ist. Neben standardmäßigen Schlagzeug-Klängen zählen, über ein Mikrofon aufgenommene metallische Geräusche, elektronisch erzeugte Klänge oder über Synthesizer eingespielte Melodien, zu häufig verwendeten Erscheinungen. Die präzise Verwendung metallischer Klänge nimmt Bezug auf die Entstehungszeit des Techno in Detroit: Auch die Urheber von Techno in Detroit nahmen sich ihrer industrialisierten Umgebung an und brachten diese Eindrücke in musikalischer Form zum Ausdruck.17 „Rhythmische Geräusch-Sounds“18 sollen den Klangaufbau des Schlagzeugs intensivieren und erweitern. Moderne Synthesizer und andere technische Geräte bieten eine unzählige Auswahl an Sounds, welche vielfach verwendet werden und schaffen so „säuselnde bis spacige Klangteppiche im Hintergrund“19.Durch die Veränderung von Klängen mittels spezieller Effekte, wie Delay oder Reverb, ermöglicht der Computer „deutlich zu hörende Klangvariationen von Hauptfiguren oder subtile Klangvariationen im Hintergrund.“20

2.1.3 Harmonik und Melodik

Während bei klassischen Popsongs harmonische Strukturen in Strophen und Refrain gegliedert sind, existiert eine solche Aufteilung bei Techno nicht.

Durch eine fehlende Struktur stehen Harmonien eher im Hintergrund und Sounds treten in den Vordergrund.21 Bassfiguren bestehen häufig nur aus wenigen Tönen oder werden komplett weggelassen22, da Kickdrum-Schläge mit unterlegter Bassfrequenz als Bass genügen.23

Einfache Melodien werden durch atmosphärische Pads oder elektronische Synthesizer-Sounds gespielt und melodische Motive treten als „vertonte eintaktige Rhythmen“24 auf. Oft bestehen Melodien nur aus wenigen Tönen und ziehen sich über 8 Takte hinweg. Diese achttaktigen Muster werden stumpf mit kleinen Variationen wie der Veränderung einzelner Töne oder der gleichen Melodie in einem höheren Frequenzbereich wiederholt. Zu den anfangs auftretenden Melodien fügen sich ähnlich wie bei rhythmischen Mustern weitere melodische Muster hinzu, die mit den anfänglichen Melodien harmonisieren.

2.1.4 Aufbau

Durch fehlende musikalische Strukturen wie Refrain oder Strophen lassen sich keine allgemein gültigen Aussagen über den strukturellen Aufbau von Techno treffen.

Lieder erscheinen „meist als willkürliches Aneinanderreihen von Elementen, zufällig und durch Ausprobieren entstanden.“25

Der innere Aufbau von Techno lebt - trotz der nicht wechselnden Bassdrum Rhythmen - „durch ein ständiges Auf- und Abbauen von Spannungen.“26 Durch „gleichförmiges Hinzu-bzw. Abschalten“27 achttaktiger Muster wie Hi-Hats oder Melodien entsteht eine Form des strukturellen Minimalismus im Techno.

Variationen entstehen beispielsweise durch Pausen der Bassdrum-Schläge. In diesen Pausen werden meist zwei bis drei achttaktige Muster eingespielt, die auf einen Höhepunkt hinarbeiten, auch Build-up genannt. Mit Einsatz der Bassdrum kommt es zum Drop und die meisten der bereits präsentierten achttaktigen Figuren sind zu hören.

Ist das Material einmal gegeben „führt die Musik häufig nirgends mehr hin“28 und es kommen keine neuen Elemente hinzu. Dies kann beim bloßen Zuhören langweilig werden, Liveauftritte von DJs ändern diese Wahrnehmung jedoch. Häufiges Wiederholen sowie „Form und- Ziellosigkeit“29 der achttaktigen Phrasen machen „den Reiz dieser Musik aus.“30 Die fast nahtlosen Übergänge oder das Verschmelzen von zwei oder mehr Liedern im sogenannten Mixing geben den sonst so formlosen Liedern etwas fließendes und der Tanzende wird in einen der Trance ähnlichen Zustand versetzt.31

3. Jugendkultur

3.1 Inhalte der Kultur

Techno gilt „innerhalb einer großen, allgemeinen Gesellschaft“32 als eine Teilkultur, deren Vertreter sich laut Gabriele Klein in zwei Gruppen aufteilen lassen. Zum einen die ältere Generation, welche die Anfänge des Techno miterlebt hat, zum anderen Jugendliche, „die Hauptsache bum bum bum und gar nicht weiter drüber nachdenken“33. Dennoch wird Techno meist „als vereinheitlichender Oberbegriff für eine homogene Jugendkultur der 15- bis 20jährigen verwendet“.34 Techno steht unter anderem für eine gesellschaftliche Bewegung, deren Denkansätze geprägt sind von „Liebe, Friede, Toleranz, Respekt, Neugier, Freude, Experimentierfreudigkeit, Abwesenheit von Rassismus, Sexismus“35. Auch eine Verbindung zwischen politischem Statement und Techno lässt sich nicht knüpfen, es handelt sich um keine Gegenkultur, die aus Protest gegen gesellschaftliche Konventionen entstanden ist36, sondern „es geht allein um die Party im Hier und Jetzt.“37 Forscher der Cultural Studies gingen davon aus, „daß sich die subkulturellen Stile unmittelbar in Anlehnung an die soziale Herkunft bilden“38. Dies trifft bei Techno allerdings nicht zu:

Während frühere Subkulturen von den Mods, Teds über die Rock’n’Roller bis zu den Punks aus Klassenkulturen hervorgingen und sich als klassenspezifische Jugendkulturen verstanden, ist die Techno-Szene sozial sehr heterogen. In den Clubs treffen sich Menschen verschiedener Bildungs- und Einkommensschichten mit einem breiten Spektrum an Schul- und Berufsausbildungen.39 Der Begriff Subkultur kommt aus der „Konstruktion der ,Exoten‘“40 und beschreibt hier die Abspaltung vom Mainstream, unter dem nicht eine andere Jugendkultur verstanden wird, „sondern die dominante Kultur.“41

[...]


1 vgl. Barbara Volkwein: What’s Techno?. Geschichte, Diskurse und musikalische Gestalt elektronischer Unterhaltungsmusik. Osnabrück 2003. S.26

2 „beats per minute“ abgekürzt bpm

3 vgl. Marcel Ackerknecht: „Techno im Eigenbau“, in techno, hrsg. von Philipp Anz und Patrick Walder, Zürich 1995, S.120

4 vgl. Volkwein: What’s Techno?.(wie Anm. 1) S.26

5 Ebd.

6 Ebd. S.28

7 vgl. Marcel Ackerknecht: „Techno im Eigenbau“, in techno, hrsg. von Philipp Anz und Patrick Walder, Zürich 1995, S.120

8 Quelle siehe Abbildungsverzeichnis Abb. 1

9 vgl. Barbara Volkwein: What’s Techno?. Geschichte, Diskurse und musikalische Gestalt elektronischer Unterhaltungsmusik. Osnabrück 2003. S.160

10 Ebd. S.161

11 vgl. Manuela Keller: „Eine Musikanalyse“, in techno, hrsg. von Philipp Anz und Patrick Walder, Zürich 1995, S.123

12 vgl. Barbara Volkwein: What’s Techno?. Geschichte, Diskurse und musikalische Gestalt elektronischer Unterhaltungsmusik. Osnabrück 2003. S.160

13 vgl. Keller: „Eine Musikanalyse“, in techno (wie Anm. 1) S.123

14 Ebd.

15 Ebd.

16 vgl. Christiana Breinl: Free Tekno. Geschichte einer Gegenkultur. Wien 2012. S.21

17 Ebd.

18 vgl. Manuela Keller: „Eine Musikanalyse“, in techno, hrsg. von Philipp Anz und Patrick Walder, Zürich 1995, S.124

19 Ebd. S.123

20 Ebd.

21 Ebd. S.125

22 Ebd.

23 vgl. Barbara Volkwein: What’s Techno?. Geschichte, Diskurse und musikalische Gestalt elektronischer Unterhaltungsmusik. Osnabrück 2003. S.160

24 vgl. Keller: „Eine Musikanalyse“, in techno, (wie Anm. 1) S.125

25 vgl. Manuela Keller: „Eine Musikanalyse“, in techno, hrsg. von Philipp Anz und Patrick Walder, Zürich 1995, S.125

26 Ebd.

27 vgl. Barbara Volkwein: What’s Techno?. Geschichte, Diskurse und musikalische Gestalt elektronischer Unterhaltungsmusik. Osnabrück 2003. S.160

28 vgl. Keller: „Eine Musikanalyse“, in techno (wie Anm. 1) S.125

29 Ebd.

30 Ebd.

31 Ebd.

32 vgl. Barbara Volkwein: What’s Techno?. Geschichte, Diskurse und musikalische Gestalt elektronischer Unterhaltungsmusik. Osnabrück 2003. S.55

33 vgl. Gabriele Klein: Electronic Vibration. Pop Kultur Theorie. Wiesbaden 2004. S.66

34 Ebd. S.65

35 vgl. Volkwein: What’s Techno?. (wie Anm. 1) S. 57

36 vgl. Klein: Electronic Vibration. (wie Anm. 2) S.68ff.

37 Ebd. S.69

38 Ebd. S.75

39 Ebd. S.144

40 Ebd. S.77

41 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Techno-Szene. Klangliche Dimensionen, Jugendkultur und die Kulturindustrie eines Musik-Genres
Untertitel
Eine subkulturelle Analyse unter Bezugnahme eigener Erfahrungen in der Techno-Szene
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Musikforschung)
Veranstaltung
Welten elektronischer Tanzmusik: Eine subkulturelle Analyse
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
18
Katalognummer
V1129321
ISBN (eBook)
9783346497857
ISBN (Buch)
9783346497864
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Techno, Subkultur, Analyse, Rhythmus, Sound, Harmonik und Melodik in Techno, Locations, Tanz, Drogen, Kommerzialität, und Medien
Arbeit zitieren
Justus Reim (Autor:in), 2018, Die Techno-Szene. Klangliche Dimensionen, Jugendkultur und die Kulturindustrie eines Musik-Genres, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1129321

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