Tom Regan und die Tierethik. Eine Darstellung seiner Position


Hausarbeit (Hauptseminar), 2021

13 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Abgrenzung von (in)direkten Pflichtansätzen

3 Über die Aspekte von Gleichheit und Recht

4 Zusammenführung am Beispiel der Nutztierhaltung

5 Konklusion und Kritisierung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

As a matter of strict justice, [.] we are required to give equal respect to those individuals who have equal inherent value, whether they be moral agents or moral patients, and, [.] whether they be humans or animals. (Regan 2004, S. 264)

Das Statistische Bundesamt verzeichnet im Bereich der Nutztierhaltung in Deutschland für das Jahr 2020 26 Millionen Schweine, 11,3 Millionen Rinder sowie 12,5 Milliarden, in den zahlreichen Legehenneneinrichtungen produzierte, Eier (vgl. Statistisches Bundesamt 2020 a). Daneben wurden in den Schlachtbetrieben innerhalb dieses Jahres 57,6 Millionen große Säugetiere sowie 670,1 Millionen Geflügeltiere für den Verzehr und die anderweitige Verarbeitung geschlachtet (vgl. Statistisches Bundesamt 2020 b). Die schiere Größe dieser numerischen Darstellungen verdeutlichen das Quantum der Instrumentalisierung von nicht­menschlichen Wesen zum Zwecke der Nahrungsmittelproduktion und der Tilgung ökonomischer Interessen. Unlängst sind daher tierethische Konfliktthemen dieser Art in den Fokus philosophischer Diskurse gerückt, welche auf Grundlage unterschiedlicher ethischer Betrachtungsweisen geführt werden.

Anknüpfend umreißt die vorliegende Arbeit eine dieser repräsentativen Anschauung und nimmt diesbezüglich den Tierrechtsansatz von Tom Regan genauer in den Blick. Konkret soll sich mit folgender Fragestellung auseinandergesetzt werden: Wie begründet Tom Regan seine Konzeption von Tieren als Träger von Rechten? Das textliche Fundament bilden dabei vor allem das Hauptwerk „The Case for Animal Rights“ sowie die Abhandlung „Wie man Rechte für Tiere begründet“. Ziel ist es, die Fragestellung näher zu beleuchten und Argumente zu finden, welche diese verifizieren sowie die Betrachtungsweise amplifizieren.

Zu Beginn der vorliegenden Arbeit sind zunächst die von Regan induzierten Abgrenzungen von direkten und indirekten Pflichtansätzen im Rahmen der Debatte ethische Verpflichtungen gegenüber nicht-menschlicher Wesen dargelegt. Im weiteren Verlauf sind ausgewählten Aspekten seiner Konzeption der Rechte für Tiere nähere Betrachtungen gewidmet. Nachfolgend ist die Nutztierhaltung im Fokus Regans zuvor explizierter Positionierung dargestellt. Am Ende der vorliegenden Arbeit erfolgt der Zusammenschluss die vorangegangenen Ausführungen im Lichte der Ausgangsfrage unter Einbettung kritischer Anmerkungen.

2 Die Abgrenzung von (in)direkten Pflichtansätzen

Tom Regan war ein amerikanischer Philosoph, welcher von 1938 bis 2017 lebte und als Befürworter der Tierrechtsposition ein Konzept zur Ausdehnung von Rechten auf nicht­menschliche Tiere konstruierte (vgl. Ach 2019, S. 55 f). Bevor Tom Regan in seinem Werk „The Case for Animal Rights“ seine eigenen Darstellungen bezüglich der Tierrechte konkretisiert, legt er eine Reihe kontrastierender Positionen dar, welche er in umfangreichen Argumentationen entkräftet, um schließlich deren Inkonsistenz zur Konstruktion einer ethisch­konzeptionellen Basis für Tiere und deren Schutzbedürftigkeit zu postulieren. Regan unterscheidet dabei in seinen Ausführungen die Ansätze „ indirect duty views “ (Regan 2004, S. 150, H. i. O.) und „ direct duty views “ (ebd. S. 151, H. i. O.). Der diesen Ansätzen subsumierten Positionierungen divergieren wiederum ihrerseits in deren Ansichten über „moral agents and moral patients“ (ebd., S. 151). Nachfolgend erfahren die genannten Elemente eine genauere Explikation.

Unter „moral agents“ (ebd. S. 151) fasst Regan Individuen bzw. erwachsene Menschen ohne Einschränkungen im Bereich der kognitiven Leistungen, welche ein großes Repertoire an hochentwickelten Fähigkeiten besitzen (vgl. Flury 1999, S. 173). Unter diesen sind besonders das Vermögen zur Abwägung unparteiischer moralischer Prinzipien, sowie das Verhalten „gemäß den Ergebnissen der moralischen Reflexion“ (Flury 1999, S. 176) hervorzuheben, welche in gewisser Weise die Handlungsverantwortung der „moral agents“ (Regan 2004, S. 151) deklarieren. Zu den Mitglieder/innen einer moralischen Gemeinschaft fasst Regan „all and only moral agents“ (Regan 2004, S. 152).

Im Unterschied dazu sind „moral patients“ (Regan 2004, S. 151) nicht zu moralischen Handlungen befähigt, da sie nicht über das entsprechende Urteilsvermögen verfügen (vgl. Regan 2004, S. 152). Unter diese Gruppierung fasst Regan Säugetiere, sowie Kinder und geistig Behinderte (vgl. Regan 2004, S154 f.; Fury 1999, S. 173). Obwohl die beiden letzteren der Spezies Homo sapiens angehören, wohnt diesen nicht das entsprechende Maß an kognitiven Fähigkeiten inne, welche zur moralischen Urteilsfällung benötigt wird. Der Autor klassifiziert „moral patients“ (Regan 2004, S. 151) nachfolgend in die Kategorien a und b, wobei nur letztere über „other cognitive and volitional abilities“ (Regan 2004, S. 153), wie etwa „desires and beliefs, [.] sense of the future, [.] emotional life, [.] psychophysical identity over time, [.] autonomy“ (Regan 2004, S. 153) verfügen und im weiteren Verlauf „moral patients“ (Regan 2004, S. 153) im eigentlichen Sinne definitorisch fassen sollen. Gemäß der Berücksichtigung der Differenzierung in „moral agents and moral patients“ (Regan 2004, S.

151) ergeben sich die Pflichtansätze „direct and indirect duty views“ (Regan 2004, S. 193) hinsichtlich des Bestehens von (in)direkten Pflichten von „moral agents“ (Regan 2004, S. 151) gegenüber „moral patients“ (ebd.).

Unter dem „ Indirekte-Pflichten-Ansatz “ (Regan 1997, S. 33, H. i. O.) fasst Regan all jene Positionen die besagen, „daß wir keine direkten Pflichten gegenüber Tieren haben, daß wir ihnen nichts schulden und daß wir ihnen kein Unrecht zufügen können“ (Regan 1997, S. 33). Demnach haben Menschen „Pflichten in bezug auf Tiere, aber keine Pflichten gegenüber Tieren“ (Regan 1997, S. 33). All jene Pflichten, welche diese nicht-menschlichen Tiere an sich betreffen, sind Pflichten gegenüber „ourselves, other human beings, or [...] God“ (Regan 2004, S. 150). In Hinblick auf diesen Ansatz der indirekten Pflichten beleuchtet Regan „the rational egoism of Jan Narveson [.] the contractarianism of John Rawls [.] and Immanuel Kant's respect for humanity“ (Regan 2004, S. 193) und hebt deren innewohnenden Schwächen in der Begründung eines adäquaten, konstruktiven und haltbaren Konzeptes zur Rechtfertigung tierethischer Bestrebungen hervor.

Da die vorliegende Arbeit durch einen limitierten Umfang determiniert ist, findet im weiteren Verlauf lediglich der Kontraktualismus nähere Betrachtung. Regans Kritik an jenem richtet sich gemeinhin an die Idee der Moral als eine Resultante der Kollektivierung von Verhaltensregeln durch die Vertragsschließenden bzw. der zuvor explizierten „moral agents“ (Regan 2004, S. 151). Da nicht-menschliche Tiere keine partizipierenden Subjekte der Vertragsverhandlungen darstellen, wird ihnen die Möglichkeit zur Generierung von gesicherten und anerkannten Rechten verwehrt (vgl. Regan 1997, S. 34). Weiterhin sind im Rahmen dieser Anschauung nur diejenigen Spezies der Tiere „aufgrund menschlicher gefühlsmäßiger Interessen geschützt“ (Regan 1997, S. 35), welche über spezifische ästhetische Attribute und/ oder symbolischen Gehalt verfügen. Auch die „ Theorie der Gerechtigkeit “ (Regan 1997, S. 36, H. i. O.) von John Rawls als eine verfeinerte Variante des Kontraktualismus kann der Auffassung Regans nach keine vollumfängliche rationale Zustimmung verzeichnen, da jene direkte Pflichten gegenüber Wesen, welche keinen Gerechtigkeitssinn besitzen, systematisch verneint (vgl. Regan 1997, S. 35 f.). Diesem Ausschlusskriterium unterliegen neben Kindern und kognitiv beeinträchtigen Personengruppen auch nicht-menschliche Tiere bzw. gemeinhin die Summe der „moral patients“ (Regan 2004, S. 193). Weiterhin liefert Rawls Theorie für Regan keine zufriedenstellende Basis, weil „those in the original position are arbitrarily allowed to know that they will not be animals, when they are ,incamated“‘ (Regan 2004, S. 193) und indes mit einer Missachtung der Forderung nach Unparteilichkeit im Akt des Vertragsschlusses einher geht.

Im Anschluss an die Offenlegung der gemeinsamen Schwächen und der resultierenden Inkonsistenz der „indirect duty views“ (Regan 2004, S. 193) legt Regan die Notwendigkeit eines „moral principle (the harm principle) that applies to our treatment both moral agents an moral patients“ (Regan 2004, S. 193) offen, welches als „prima facie direct duty not to harm“ (ebd.) die wechselseitige Anerkennung direkter Pflichten beider Parteien, sowohl „moral agents“ (Regan 2004, S. 193) als auch „moral patients“ (ebd.), impliziert. Auf Basis dessen schließt er Explikationen über „ direct duty views “ (Regan 2004, S. 151, H. i. O.) an, welche sich durch „direct duties to moral patients“ (Regan 2004, S. 195) auszeichnen. In Hinblick auf diesen Ansatz der direkten Pflichten beleuchtet Regan „ the cruelty-kindness view “ (Regan 2004, S. 195, H. i. O.) sowie „act utilitarianism“ (ebd.) in den Varianten hedonistischer Utilitarismus und Präferenzutilitarismus (vgl. Regan 2004, S. 228 ff.).

Da der vorliegenden Arbeit ein begrenzter Umfang vorgegeben ist, finden im weiteren Verlauf lediglich Regans Auseinandersetzungen mit dem Utilitarismus nähere Betrachtung. Der Autor kritisiert, dass dieser „fails to provide an adequate basis for the stringency of the prima facie direct duty not to harm“ (Regan 2004, S. 228). So weist beispielsweise die hedonistische Bilanzierung infolge der Tötung von „moral patients“ (Regan 2004, S. 228) unter Umständen keine negativen Konsequenzen auf, da die Verringerung der Lust auf seitens der Opfer durch den Lustgewinn des/der Täter/in übertrumpft werden kann (vgl. Regan 2004, S. 200 ff.). Regan positioniert sich gemeinhin gegen das „konsequentialistische Nutzenkalkül und das Aggregationsprinzip des Utilitarismus“ (Grimm, Wild 2020, S. 84), nach welchem die beste Bilanz zwischen aufsummierten positiven und negativen Momenten ausschlaggebend ist. Weiterhin übt Regan Kritik am kompromisslosen „egalitarianism“ (Regan 2004, S. 229) des Utilitarismus. Er beanstandet, dass „[d]er Utilitarismus [...] keinen Raum für die gleichen Rechte unterschiedlicher Individuen [bietet], weil er den Gedanken ihrer inhärenten Gleichwertigkeit nicht zuläßt.“ (Regan 1997, S. 38). Diesbezüglich führt Regan eine Analogie auf, um seinen Standpunkt zu veranschaulichen:

„In einer Tasse können sich verschiedene Flüssigkeiten befinden, manchmal süße Flüssigkeiten, manchmal bittere, manchmal eine Mischung aus beidem. Was von Wert ist, sind die Flüssigkeiten: Die süßen sind die besseren, die bitteren die schlechteren. Die Tasse, der Behälter, hat keinen Wert. Was Wert hat, ist das, was hineinfließt, nicht worin es fließt. Für den Utilitaristen sind wir [...] wie die Tasse. Als Individuen besitzen wir keinen Wert und insofern auch keinen gleichen Wert.“ (Regan 1997, S. 39)

Demnach kritisiert Regan diesen Umstand der „ replaceable receptacles of value“ (Regan 2004, S. 209, H. i. O.), nach welchem sich der Wert eines Individuums nach dessen positiven und negativen Zuständen richtet, nicht jedoch nach dem Individuum selbst.

3 Über die Aspekte von Gleichheit und Recht

Nach ausführlicher Kritik am Kontraktualismus, Utilitarismus sowie einigen weiteren, im Rahmen dieser Ausarbeitung jedoch vernachlässigten Positionen, und Darlegungen von Argumenten für deren Ungenügsamkeit, arbeitet Regan seinen eigenen Ansatz heraus, welchen er „ equality of individuals “ (Regan 2004, S. 235, H. i. O.) tauft. Im Folgenden finden die Begrifflichkeiten des „inherent value“ (Regan 2004, S. 233), „ subject-of-a-life criterium “ (Regan 2004, S. 243, H. i. O.), sowie zwei von Regan aufgestellte Prinzipien nähere Betrachtung.

Regans Anschauung nach besteht das Grundproblem des Utilitarismus darin, dass das Individuum selbst in Akten der Bilanzierung und Verrechnung vergehen kann. Er führt zu dessen Schutz vor dem Nutzenkalkül die Begrifflichkeit „inherent value“ (Regan 2004, S. 233) ein, welche zugleich das Zentrum von Regans Theorie markiert (vgl. Grimm, Wild 2020, S. 85). „ Justice and Equality “ (Regan 2004, S. 233, H. i. O.) sollen demgemäß dadurch generiert werden, dass „those individuals who have inherent value have it equally“ (Regan 2004, S. 263), unabhängig von Geschlecht, Rasse, Talenten, Intellekt, Fähigkeiten und Fertigkeiten (vgl. Regan 1997, S. 41). Regan postuliert in diesem Konzept „individuals [.] having value in themselves“ (Regan 2004, S. 235). Die Einführung dieses „inhärenten Wert[es]“ (Regan 1997, S. 41) soll zugleich einerseits die Erklärung dafür liefern, weshalb die Schädigung sowohl von „moral agents“ (Regan 2004, S. 263) als auch „moral patients“ (ebd.) in gleicher Weise ein Unrecht darstellt und andererseits das Fundament für die Konstruktion seines Tierrechtsansatzes begründet (vgl. Regan 2004, S. 263 ff.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Tom Regan und die Tierethik. Eine Darstellung seiner Position
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Philosophie)
Veranstaltung
Vorlesung Grundlagen der Technikphilosophie und der Angewandten Ethik
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
13
Katalognummer
V1129898
ISBN (eBook)
9783346492012
ISBN (Buch)
9783346492029
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tom Tegan, Tierethik, Tierrechte
Arbeit zitieren
Mareike Scheibel (Autor:in), 2021, Tom Regan und die Tierethik. Eine Darstellung seiner Position, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1129898

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