Die Migrationspolitik Donald Trumps, die Mauer an der US-Mexiko-Grenze und die Polarisierung der Gesellschaft. Eine Untersuchung der Auswirkungen


Hausarbeit, 2021

47 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Einführung in den Gesamtkontext
2.1.1. Überblick: Gesellschaftliche & politische Polarisierung in den USA
2.1.2. Mediale Verstärkung der Polarisierung
2.1.3. Institutionelle Verstärkung der Polarisierung
2.1.4. Auswirkungen der Polarisierung
2.2. Trump als Symptom, nicht als Ursache
2.3. Trumps Migrationspolitik als Ausdruck seines Populismus & als Katalysator der politischen & gesellschaftlichen Polarisierung
2.3.1. Trump als Populist
2.3.2. Migrationspolitik im Wahlkampf 2016: Trumps populistische Rhetorik
2.3.3. Migrationspolitik von 2017-2020: Trumps polarisierenden Policies
Zeitstrahl: Migrationspolitische Meilensteine
Ausgangssituation & erste Policies
Von der proklamierten Krise zur tatsächlichen Krise
Haushaltsstreit & Politikstau
Verschiebung der öffentlichen Aufmerksamkeit
2.3.4. Zwischenfazit: Verknüpfung von rigider Migrationspolitik, populistischer Rhetorik & konstruierten Feindbildern
2.3.5. Hinterlassenschaften von Trumps Migrationspolitik

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

30 Jahre nach den berühmt gewordenen Worten „Tear down this wall“ (Reagan, zit. n. Deutscher Bundestag 2012), die ein US-amerikanischer Präsident 1987 vor dem Brandenburger Tor in Berlin sprach, wiederholte einer seiner Nachfolger ein ums andere Mal „We will build the wall“ (Trump, zit. n. VOA News 2017). Selbstverständlich nicht mitten durch Berlin, dafür aber an der südlichen US-Grenze zu Mexiko. Dieses (Wahl-)Versprechen erschien manchen als Verheißung, die USA „SAFE AGAIN“ (ebd., Herv. i. O.) zu machen und anderen als Vernichtung des American Dream – inwiefern Donald Trumps Mauerpläne und ihre Umsetzung eine polarisierende Wirkung entfalteten, möchte ich in dieser Arbeit aufzeigen.

Donald Trump, 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, ließ Worten Taten und Mauern in Köpfen Mauern an Grenzen folgen. Dass er dadurch einen Beitrag leistete zur Verwandlung seines Landes in „Die Gespaltenen Staaten von Amerika“, um den prominenten Buchtitel von Gellner und Oswald (2018) aufzugreifen, schien Teil seiner politischen Agenda zu sein.

Doch in der populistischen Rhetorik und dem polarisierenden Politikstil eines einzelnen Mannes – und sei es der Präsident – die Ursache für die tiefgreifende Spaltung der US-Gesellschaft zu sehen, wäre deutlich zu kurz gegriffen. Tatsächlich war die amerikanische Bevölkerung bereits vor Trumps Amtsantritt polarisiert und ist es nach seinem Abtritt geblieben. Allerdings ist es ihm in bis dato beispielloser Weise gelungen, einer seit langem existierenden Stimmung der Unzufriedenheit in bestimmten Bevölkerungsschichten und einer unterschwellig vorhandenen Nachfrage nach populistischer Politik eine Stimme zu geben – und einen Platz im Weißen Haus.

In meinen folgenden Ausführungen werde ich untersuchen, wie Trump seine Selbstdefinition als Anti-Establishment-Politiker, der sich für die Interessen der ,wahren Amerikaner‘ einsetzen würde, und seine Rhetorik gebrauchte, um seine politische Agenda trotz Widerstand aus Teilen des Parlamentes sowie der Justiz, Gesellschaft und Medien weiter zu verfolgen. Die Migrationspolitik inklusive Mauerbau wird beispielhaft als einer jener Bereiche betrachtet, in denen Trump die republikanische Agenda weiter Richtung rechts verschob und die Gräben innerhalb der amerikanischen Gesellschaft durch sein Handeln und seine Haltung maßgeblich vertiefte. Orientieren werde ich mich dabei an folgender Leitfrage: Inwiefern hat Trumps Migrationspolitik – insbesondere seine populistische Rhetorik und sein Projekt des Mauerbaus an der amerikanisch-mexikanischen Grenze – die bereits vorhandene gesellschaftliche Polarisierung der US-Bevölkerung verstärkt?

Zu Beginn meiner Ausführungen gebe ich einen kurz Überblick über das Ausmaß der Polarisierung in den USA. Im Anschluss zeige ich, wie mediale und institutionelle Faktoren zur Vertiefung ideologischer Gräben beitragen und welche Konsequenzen daraus erwachsen. Auf dieser Grundlage wird die These aufgestellt und begründet, Trump sei nicht die Ursache der polarisierten Stimmung, sondern eines ihrer Symptome. Dass Trump aber durchaus zur Verstärkung der Polarisierung beigetragen hat, ist meine zweite These, welche anhand seiner Migrationspolitik und seines Mauerprojektes illustriert und begründet wird. Nach der grundsätzlichen Einordnung seines Politikstils als populistisch führe ich aus, wie seine Haltung in Einwanderungsfragen während des Wahlkampfes im Jahr 2016 und seiner Amtszeit von 2017 bis 2021 die parteipolitischen und gesellschaftlichen Fronten verhärtete und resümiere anschließend, was nach vier Jahren unter einem US-Präsidenten Trump bleibt. Im Fazit gehe ich knapp auf die wichtigsten Erkenntnisse ein und schließe mit einem kurzen Ausblick.

2. Hauptteil

2.1. Einführung in den Gesamtkontext

2.1.1. Überblick: Gesellschaftliche & politische Polarisierung in den USA

Während der 50er und 60er Jahre des vorangegangenen Jahrhunderts besaßen die parteipolitischen Positionen der Republikaner und der Demokraten eine deutliche Schnittmenge, obgleich die Parteien jeweils eigene Schwerpunkte setzten. Im Zuge des Vietnamkrieges (1955-1975) hat die gesellschaftliche und parteipolitische Polarisierung in den USA spürbar zugenommen, wovon die Parteienlandschaft und die öffentliche Debatte bis heute geprägt sind. Ein Grund für diese Entwicklung ist der, von der politikwissenschaftlichen Literatur seit Anfang der 1970er Jahre identifizierte Trend einer zunehmenden Relevanz von Identitätspolitik (vgl. z.B. Russel Hochschild 2017: 284). Während die Demokratische Partei schrittweise nach links rückte und liberale Werte stärkte, entwickelte die Republikanische Partei sich auf einer gedachten politischen Ideologie-Skala weiter nach rechts und schärfte ihr konservatives Profil. Dies führt dazu, dass eine Mehrheit von 92% der Republikaner bzw. 94% der Demokraten inzwischen eine konservativere bzw. liberalere Haltung vertritt, als der Medianwähler der jeweils anderen Partei einnimmt (vgl. Pew Research Center 2014; s. Abb. 1). Neben der ersten Schlussfolgerung einer massiven Auseinanderentwicklung der Parteipositionen lässt sich zudem konstatieren, dass dies eine vergleichsweise neue Entwicklung ist, denn während die Positionsdifferenzen zwischen Republikanern und Demokraten lange Zeit relativ stabil waren, drifteten die Parteien seit Mitte der 2000er Jahre rasant auseinander (vgl. ebd.; s. Abb. 2).

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Abbildung 1 Auseinanderentwicklung der Republikaner und Demokraten (vgl. Pew Research Center 2014)

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Abbildung 2 Verstärkung der ideologischen Spaltung zwischen Republikanern und Demokraten (vgl. Pew Research Center 2014)

Grundsätzlich ist eine klare politische Positionierung aus demokratietheoretischer Sicht nicht nachteilig für ein Parteiensystem; im Gegenteil wird (nicht nur) die deutsche Demokratie häufig mit dem Vorwurf der Profillosigkeit ihrer ehemals klar voneinander abgrenzbaren und mehrheitsfähigen Volksparteien bedacht (vgl. z.B. Baus 2013: 265–277; Dorn u.a. 2017). Was Politikwissenschaftler und andere Beobachter im Fall der USA jedoch mit Besorgnis erfüllt, ist ein Übermaß an Abgrenzung in der Haltung der Parteianhänger. So wird die jeweils gegnerische Partei zunehmend nicht mehr als Konkurrent, sondern richtgehend als Feind wahrgenommen. Wenn jedoch Frustration, Angst und Ärger die individuelle Einstellung zum politischen Gegner dominieren (vgl. Pew Research Center 2016; s. Abb. 3), kann das negative Auswirkungen auf die Fairness des politischen Wettbewerbs sowie die Akzeptanz gegenteiliger Meinungen haben. Zudem sorgt die Wahrnehmung der oppositionellen Partei als ,feindlich‘ dafür, dass eine Zusammenarbeit mit höherer Wahrscheinlichkeit abgelehnt wird und zwar auch in jenen (wenigen) Gebieten, in denen Einigkeit herrscht sowie in Krisensituationen, in denen rasch und geschlossen entschieden werden müsste, um ein für alle unbefriedigendes Outcome zu verhindern. Doch wenn ein in den letzten Jahrzehnten deutlich angewachsener Anteil von Demokraten (27%) und Republikanern (36%) die jeweils andere Partei als „Bedrohung für das Wohl der Nation“ (Pew Research Center 2014, übers. v. Wolff; s. Abb. 4) betrachtet, erscheint eine solche bipartisane Zusammenarbeit kaum noch möglich.

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Abbildung 3 Empfindungen von republikanischen und demokratischen Parteianhängern gegenüber einander (vgl. Pew Research Center 2016)

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Abbildung 4 Wahrnehmung der jeweils anderen Partei als Bedrohung für das Wohl der Nation (vgl. Pew Research Center 2014)

Insgesamt ist die eigene Parteizugehörigkeit jenes individuelle Merkmal, das die US-amerikanische Gesellschaft am stärksten spaltet. In einer repräsentativen Studie des Pew Research Centers wurden die Positionen zu 30 politischen Fragen erfasst, und mit Abstimmungsergebnissen von durchschnittlich 39 Prozentpunkten Unterschied divergierten die Meinungen von Republikanern und Demokraten deutlich stärker als beispielsweise die zwischen weißen und farbigen Erwachsenen (17%), College-Absolventen und Personen ohne Collegeabschluss (10%) oder Frauen und Männern (6%) (vgl. Pew Research Center 2019).

So ist es bei besonders salienten politischen Themen häufig die eigene Parteizugehörigkeit, welche die subjektive Meinung beeinflusst, sodass sich ideologische Gräben zwischen den beiden großen US-Parteien in der amerikanischen Gesellschaft widerspiegeln. Nach der Waffengesetzgebung sowie der Haltung in Rassenfragen, zum Klimawandel und der Bereitstellung sozialer Sicherungsnetze durch den Staat ist Immigration das politische Themenfeld, bei dem die Positionen der beiden große US-Parteien am stärksten auseinanderdriften (vgl. ebd.). Eine Migrationspolitik, die sich weit rechts oder weit links verorten lässt, besitzt daher durchaus das Potenzial, die US-Gesellschaft in unterschiedliche Lager zu spalten.

2.1.2. Mediale Verstärkung der Polarisierung

Die ideologische Zuspitzung politischer Positionen ist in den jeweils einflussreichsten Kreisen der Demokratischen und der Republikanischen Partei am stärksten ausgeprägt und aufgrund ihrer multiplen Kommunikationskanäle werden diese Meinungen besonders prominent kommuniziert und in die Gesellschaft hineingetragen. Die Politikwissenschaftler Rosati und Scott unterscheiden zwischen der sogenannten elitären Öffentlichkeit1 („elite public“, Rosati und Scott 2011: 331) und dem Massenpublikum („mass public“, ebd.), welches den Medianwähler repräsentiert. Bei der erstgenannten Gruppe wird zusätzlich eine Binnendifferenzierung vorgenommen: Demnach sind die Meinungsführer („opinion leaders“, ebd.) gut gebildet, politisch informiert und besetzen Führungspositionen in Wirtschaft, Politik und Kultur, während die aufmerksamen Bürger („attentive public“, ebd.) ebenfalls gut informiert sind, jedoch weniger prominente und einflussreiche Posten einnehmen. Eine derartige Personengruppe gibt es sowohl auf Seiten der Demokraten als auch der Republikaner, während die breite Masse der Bevölkerung – sozioökonomisch schwächer, weniger gut gebildet und kaum politisch informiert – hinsichtlich ihrer politischen Positionierung mittig ausgerichtet ist und aufgrund der seit dem Vietnamkrieg zentrifugalen Tendenzen im Parteiensystem kaum noch eine politische Heimat findet (vgl. ebd. 331–349).

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Abbildung 5: Ideologische Auseinanderentwicklung von Parteien und verschiedenen Bevölkerungsgruppen (vgl. Rosati und Scott 2011: 348)

Die elitäre Öffentlichkeit, insbesondere die Meinungsführer, tragen entscheidend zu diesem Auseinanderdriften der Parteipositionen bei, u.a. durch den geschickten Einsatz von Medien. Sowohl Anhänger der Demokraten als auch der Republikaner konsumieren mehrheitlich bestimmte Medien, die bereits vorhandene liberale bzw. konservative Positionen fortlaufend rezipieren, bestätigen und dadurch weiter verstärken, während die Perspektive der jeweiligen Gegenseite immer mehr in den Hintergrund gerät (vgl. Russel Hochschild 2017: 330). Seitdem im Jahr 1987 die Vorschrift der ausgewogenen Radio-Berichterstattung in Form einer festen Sendezeit für Vertreter unterschiedlicher Positionen aufgehoben wurde, etablierten sich Talk-Formate, welche eine Mischung aus Entertainment und erzkonservativen Gedankengut anbieten. Der darüber transportierte Einfluss prominenter Medienmacher darf keinesfalls unterschätzt werden: Beispielsweise erreicht das Format von Rush Limbaugh jede Woche etwa 13 Mio. Hörer, womit es nach Angaben des Talkers Magazin das in den USA meistgehörte Radioprogramm ist (vgl. Buchter 2017). In Anknüpfung an diesen Erfolg haben Roger Ailes und Rupert Murdoch 1996 mit Fox News ein vergleichbares Fernsehformat geschaffen, die bis heute jene (politische) Informationsquelle darstellt, welche die Mehrheit der Republikaner am häufigsten nutzt und der sie am meisten vertraut (vgl. Jurkowitz u.a. 2020). Aufgrund eines so verengten Informationskanal besitzt Fox News einen großen Einfluss auf die politische Bildung und den Informationsstand eines Großteils der republikanischen Wählerschaft und weil das Medienunternehmen durch die Stimmen von Trump und anderen republikanischen, sehr konservativen Meinungsführern dominiert wird, gewinnen ihre Ansichten eine unverhältnismäßig hohe Präsenz in der Berichterstattung. Dieser Umstand verstärkt die Polarisierung zwischen beiden Parteien, denn während die Demokraten Fox News weitgehend meiden, konsumieren sie mehrheitlich genau jene Medien, denen die republikanische Anhängerschaft am wenigsten vertraut (vgl. ebd.).

Auch soziale Medien fördern die Bildung reproduktiver Räume: Über sie finden sich häufig Gruppen Gleichgesinnter zusammen und ihr interner Austausch weitgehend gleichförmiger Ansichten führt entsprechend des Prinzips der Gruppenpolarisierung zur Radikalisierung ihrer Positionen. Soziales Prestige und Akzeptanz durch die anderen Gruppenmitglieder werden in solchen Echokammern nicht durch Kompromissbereitschaft oder Moderation erreicht, stattdessen wird die Vertretung zugespitzter und extremer Positionen sozial belohnt (vgl. Lütjen 2020: 54). Die in den letzten beiden Jahrzehnten aufgekommene und rasant angewachsene Popularität sozialer Medien kann folglich als für die Polarisierung förderlicher Faktor betrachtet werden.

2.1.3. Institutionelle Verstärkung der Polarisierung

Institutionelle Besonderheiten im politischen System der USA sorgen dafür, dass die Positionen von gut vernetzten und ideologisch hochmotivierten Aktivisten beider Parteien stärker ins Gewicht fallen als die moderaten Meinungen des republikanischen bzw. demokratischen Medianwählers. Seit den 1960er Jahren wird der Großteil der politischen Ämter über das Prinzip der innerparteilichen Vorwahlen (Caucuses) besetzt, was ursprünglich zur Demokratisierung des Wahlprozesses beitragen sollte. Statt wie bisher von den Parteieliten bestimmt, sollte die Amtsvergabe nun unter Berücksichtigung vieler Stimmen erfolgen. Dieses Ziel wurde jedoch verfehlt, denn die Wahlbeteiligung bei den Caucuses war von Anfang an gering und ist es bis heute: Mit etwa 15% partizipiert nicht wie intendiert die Mehrheit der Wahlberechtigten, sondern nur eine sehr begrenzte Gruppe von besonders aktiven Parteimitgliedern am Wahlprozess (vgl. Lütjen 2020: 69). Gut organisierten Minderheiten kann es so gelingen, ihren Kandidaten zum Sieg in den Vorwahlen zu verhelfen, sodass sie für die Hauptwahl aufgestellt werden. Aus dieser Position heraus ist ein Sieg in vielen US-amerikanischen Distrikten sicher, weil die Wähler v.a. mit Blick auf die Parteizugehörigkeit entscheiden. Somit genügt es in konservativ geprägten, ländlichen Gebieten häufig, als Kandidat der Grand Old Party (GOP) aufgestellt zu werden, um sich eines Wahlsieges sicher zu sein, während in liberaleren, urbanen Regionen mit großer Wahrscheinlichkeit demokratische Kandidaten siegen (vgl. ebd. 68f.). Anstelle der zentripetalen Tendenz, die einem Zwei-Parteien-System klassischerweise zugeschrieben wird (vgl. Sartori 1976: 285f.), entfaltet das US-System zentrifugale Kräfte, weil die Kandidaten beider Parteien entgegen Sartoris Theorie weniger die moderaten Positionen der Medianwähler, sondern vielmehr die radikalen Forderungen der Flügel bedienen wollen. Dieser Umstand mindert die Kompromissbereitschaft von Politikern und setzt stattdessen Anreize, Positionen rechts bzw. links der Mitte zu vertreten, um die aktivsten Kräfte der eigenen Parteibasis zufriedenzustellen (vgl. Lütjen 2020: 69). Aufgrund der hohen innerparteilichen Konkurrenz neigen Kandidaten und Politiker beider Parteien zur Vertretung immer radikalerer Positionen, während parteiübergreifende Kompromisse und Kooperationsversuche zunehmend mit dem Risiko einer Abstrafung durch die eigene Basis verbunden sind.

2.1.4. Auswirkungen der Polarisierung

Die gesellschaftliche und mediale Polarisierung beeinflusst das Abstimmungsverhalten im US-Kongress, was sich seit einigen Jahren verstärkt zeigt. U.a. weil Kompromisse und gemeinsam verabschiedete Gesetze in der Vergangenheit medial scharf kritisiert wurden, verhärten sich die Fronten zwischen republikanischen und demokratischen Senatoren und Abgeordneten zunehmend, sodass konsensuale Abstimmungsergebnisse immer seltener werden (vgl. Buchter 2017). Nach von S&P Global Market Intelligence zur Verfügung gestellten GovTrack -Daten war der aus den Zwischenwahlen im Jahr 2018 hervorgegangene 116. US-Kongress der am wenigstens produktivste seit Beginn der Datenerhebung durch GovTrack. Diese mangelnde Produktivität erklärt sich v.a. durch den Mehrheitswechsel von Republikanern zu Demokraten im Repräsentantenhaus, denn während Trump in der ersten Hälfte seiner Regierungszeit den republikanisch dominierten Kongress weitgehend hinter sich vereinen konnte, war dies in einer Situation des divided government nicht mehr in dieser Form möglich (vgl. Gode und Reynolds 2021). Insbesondere die Budgetverhandlungen wurden dadurch erschwert, denn die demokratischen Abgeordneten wollten viele Projekte des republikanischen Präsidenten nicht durch eine Bewilligung der Finanzierung unterstützen und verweigerten daher oftmals ihre dafür nötige Zustimmung (vgl. Reynolds 2019). Tatsächlich kam es während der trumpschen Amtszeit zu einer der extremsten Konsequenzen stark polarisierter Lager im Kongress – diesen „Government Shutdown“ (Sirakov 2020: 26), welcher den Regierungsbetrieb für 35 Tage stilllegte, werde ich später vertieft betrachten.

Ein weiterer Indikator der Frontenbildung zwischen Demokraten und Republikanern ist der seit Jahren niedrige Anteil an Wechselwählern (2016: 24%; 2018: 22%). Unter den etwa 30% als Wechselwähler angenommenen Personen vor den Wahlen im Jahr 2020 gaben 8% an gänzlich unentschlossen zu sein, während 21% eine Präferenz vertraten, die Möglichkeit eines Gesinnungswechsels aber nicht vollkommen ausschlossen. Eine Mehrheit von 51% dieser Wechselwähler identifizierte sich selbst als ,unabhängig‘ (vgl. Brodie u.a. 2019), was zu dem Befund passt, dass die meisten Parteianhänger entschieden hinter ihrer jeweiligen Partei stehen: Nur 4% der als Republikaner bzw. Demokratien registrierten Wähler gaben an, den Kandidaten der gegnerischen Partei zu unterstützen (vgl. Pew Research Center 2020a).

Auch die Tatsache, dass die Zustimmungsraten der beiden letzten US-Präsidenten, Donald Trump und Barack Obama, in ihren jeweiligen politischen Lagern über die Jahre ihrer Präsidentschaft stabil blieben (vgl. Gallup 2021), weist darauf hin, dass die Bürger ihre politische Positionierung zunehmend von ihrer Identität als Republikaner oder Demokraten abhängig machen und weniger von den konkreten Policies und der Performanz der Parteien und Politiker (vgl. Römmele 2020). Der Politikwissenschaftler und Soziologe Adorf beobachtet v.a. auf republikanischer Seite eine „kontinuierliche[n] Steigerung der eigenen Wagenburgmentalität“ (Adorf 2020: 120) und meint damit die starke Loyalität zur eigenen Partei sowie den Rückzug in ihre Gemeinschaft, um sich von allen alternativen Positionen abzugrenzen. Damit spiegelt sich in der republikanischen Wählerbasis die oben dargestellte Tendenz des Kongresses wider, einen offenen und konstruktiven Austausch über inhaltliche Differenzen mit der Gegenseite zunehmend zu meiden, und stattdessen aus Prinzip auf den eigenen Positionen zu beharren (vgl. Römmele 2020).

Die Gräben zwischen Republikanern und Demokraten wurden nicht zuletzt auch durch die Etablierung der Tea-Party-Bewegung seit 2009 und das Erstarken des evangelikalen Fundamentalismus vertieft, tragen beide Entwicklungen doch zu einer Intensivierung konservativer Werte in der GOP bei (vgl. ebd. ; Schleusener 2020: 54). Da viele republikanische Senatoren und Abgeordneten der Tea-Party-Bewegung nahestehen und hinsichtlich der eigenen Wiederwahl auf ihre Unterstützung angewiesen sind, nehmen sie zunehmend radikalere Positionen ein, was die geringe Anzahl parteiübergreifender Kompromisse und gemeinsam verabschiedeter Gesetze mit bedingt (vgl. Braml 2013: 54).

[...]


1 Der Begriff „elitär“ ist hier rein deskriptiv zu verstehen und meint die sozioökonomisch stärksten Schichten einer Bevölkerung – abzugrenzen davon ist der unten im Zuge des Populismuskonzeptes eingeführte Begriff der „Elite“, welcher zusätzlich eine normative Komponente besitzt.

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Die Migrationspolitik Donald Trumps, die Mauer an der US-Mexiko-Grenze und die Polarisierung der Gesellschaft. Eine Untersuchung der Auswirkungen
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Max-Weber-Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Trumpismus - Merkmal und Herausforderung der Demokratie in den USA
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
47
Katalognummer
V1129915
ISBN (eBook)
9783346490957
ISBN (Buch)
9783346490964
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Trumpismus, Trump, 45. US-Präsident, US-Mexiko-Grenze, Migrationspolitik, Einwanderungspolitik, Mauer, Grenzmauer, Grenzschutz, Populismus, populistische Rhetorik, Polarisierung, Zwei-Parteien-System, US-Demokratie, US-Mexiko-Beziehungen, Wahlversprechen
Arbeit zitieren
Ariatani Wolff (Autor:in), 2021, Die Migrationspolitik Donald Trumps, die Mauer an der US-Mexiko-Grenze und die Polarisierung der Gesellschaft. Eine Untersuchung der Auswirkungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1129915

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