Wenngleich es literarische Texte seit geraumer Zeit gibt, so ist die Art und Weise des Umgangs mit ihnen, d. h. insbesondere ihre Interpretation seit je her umstritten. Nicht nur die Literaturwissenschaft ist sich bis heute uneins in der Auslegung von Texten, sondern auch die „gewöhnliche“ Leserschaft kommt zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen, was die Bedeutung von Texten anlangt. Seit den Bemühungen der Konstanzer Schule und ihren Hauptvertretern Wolfgang Iser und Hans Robert Jauß, das Verhältnis von Text und Leser in einer Theorie der Rezeptionsästhetik neu zu definieren, hat der etwas starre Interpretationsbetrieb aus Hermeneutik und Strukturalismus in den 1970er Jahren neue Bewegung erfahren. Iser und Jauß zeigen in ihren Ausführungen die Verwechslung zwischen Bedeutung und Sinn auf. Wer Texte nur auf ihre Bedeutung hin liest, läuft also nicht nur Gefahr, Bedeutung mit Sinn zu verwechseln, sondern auch über den Sinn eines literarischen Textes hinweg zu lesen und somit die Grundlage für die mögliche Bedeutung von Texten außer Acht zu lassen. Könnten Texte allein über die Denotate ihre Wörter erschlossen werden, so stellt sich die Frage, warum die Bedeutung eines Textes, die sich dem Zugriff des Lesers gezielt und beinahe böswillig entzieht, immer erst „gefunden“ werden muss. Inwieweit dieser Auffassung ein Missverständnis innewohnt und inwieweit es sich lösen lässt, zeigt Wolfgang Iser anhand seiner rezeptionsästhetischen Theorie in „Der Akt des Lesens“ , die im Anschluss an eine knappe Darstellung auf drei Erzählungen angewendet werden soll. Über die Anwendung hinaus möchte ich zeigen, dass Isers „Leerstellen“ in den ausgewählten Erzählungen insbesondere von moralischer Bedeutsamkeit sind, wenngleich die Rezeptionsästhetik eine Vielzahl von möglichen Interpretationen annimmt.
Inhaltsverzeichnis
Die moralische Leerstelle
I. Einleitung
II. Iser und der Akt des Lesens
1. Voraussetzungen
2. Der implizite Leser
3. Textrepertoire
4. Thema und Horizont
5. Zwischen Retention und Protention
6. Die Leerstellen
7. Negation
III. Siegfried Lenz: Der seelische Ratgeber
1. Analyse
2. Die Sinnkonstitution und ihre Bedeutung
IV. Siegfried Lenz: Die Flut ist pünktlich
1. Analyse
2. Die Sinnkonstitution und ihre Bedeutung
V. Judith Hermann: Ruth (Freundinnen)
1. Herangehensweise
2. Störfaktoren im Figurenverhältnis
3. Ursachenforschung
4. Die Lösungsstrategien der Ich-Erzählerin
5. Die Sinnkonstitution und ihre Bedeutung
VI. Was soll ich tun? – Die Erzählungen im Überblick
VII. Grenzen der Rezeptionsästhetik
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand der rezeptionsästhetischen Theorie von Wolfgang Iser, wie literarische Texte durch sogenannte „Leerstellen“ den Leser zur aktiven Sinnkonstitution auffordern, und wendet diese methodisch auf drei Erzählungen von Siegfried Lenz und Judith Hermann an, um insbesondere die moralische Dimension des Leseprozesses und die gesellschaftliche Relevanz der dargestellten Konflikte zu beleuchten.
- Anwendung der Rezeptionsästhetik nach Wolfgang Iser auf Kurzprosa
- Analyse der Interaktion zwischen Textstruktur und Leserdisposition
- Untersuchung von moralischen Fragestellungen in literarischen Werken
- Interpretation von Identitätskonflikten und zwischenmenschlichen Krisen
- Reflexion über die Grenzen und Möglichkeiten rezeptionsästhetischer Analyseverfahren
Auszug aus dem Buch
III. Siegfried Lenz: Der seelische Ratgeber
Ausgehend vom Titel als einem ersten Lesesegment bildet der Leser ein Satzkorrelat, das sich aus Vorstellungen über den möglichen Protagonisten speist und in einem ersten Horizont niederschlägt. Dieser wie auch alle weiteren Horizonte stehen dabei immer vor dem Hintergrund der jeweiligen Leserdispositionen, sodass das Interaktionsfeld zwischen Text und Leser bereits eröffnet ist.
Zunächst ist der mögliche Protagonist rein über seine Funktion als Ratgeber definiert. Diese Funktion ist nun aber nicht als eine professionelle im klassischen Sinne ausformuliert, denn es handelt sich nicht etwa um einen Psychologen oder Psychiater, sondern eher um jemanden, der sich mit den alltäglichen Sorgen und Nöten der Menschen mit eingeschränkter Professionalität auseinandersetzt und damit eher einem „Hobby-Psychologen“ gleicht. Der Leser wird infolgedessen hier keine psycho-pathologischen Erkrankungsfälle im Rahmen der Protention erwarten, sondern Fälle von Menschen, die einzelne Teile ihres alltäglichen Lebens alleine nicht organisieren können und daher eine Art von kompetenter Lebensberatung benötigen.
Im ersten Satz erfährt der Leser durch den Ich-Erzähler, dass der seelische Ratgeber „Wenzel“ mit Vornamen heißt und für eine Zeitschrift tätig ist. Die Verwandtschaft der tschechischen Entlehnung zum Namen „Vincent“, was soviel wie „Sieger“ heißt, ist offensichtlich. Der Leser wird hinter diesem Namen also einen erfolgreichen, wenigstens aber einen besondern Mann vermuten und den entsprechenden Horizont bestätigt sehen. Dieser wird im Folgenden durch den Kommentar „Nie habe ich für einen Menschen gearbeitet wie Wenzel Wittko.“ der erzählenden Figur aufgefüllt. Gleichzeitig wird der Status der Figuren sichtbar: Wenzel Wittko ist Dienstherr und der Ich-Erzähler sein Gehilfe. Die sich daraus ergebende Hierarchie der beiden Figuren passt sich den Vorstellungen innerhalb des ersten Horizonts an. Die Beschreibung, die durch die erzählende Figur im Weiteren gegeben wird, beschränkt sich im Bereich der Äußerlichkeiten auf den Kopf und wird ergänzt durch Wesenzüge, welche die erzählende Figur meint, an Wenzel Wittkos Gesicht ablesen zu können. Dadurch fällt die Betonung hier auf geistige und charakterliche Eigenschaften von Wenzel Wittko.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die rezeptionsästhetische Theorie ein und stellt die Absicht dar, Isers Konzept der Leerstellen auf drei ausgewählte Erzählungen anzuwenden.
II. Iser und der Akt des Lesens: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen von Wolfgang Iser, insbesondere Begriffe wie impliziter Leser, Textrepertoire, Leerstelle und Negation.
III. Siegfried Lenz: Der seelische Ratgeber: Die Analyse untersucht die Interaktion zwischen Leser und Text sowie die Konstruktion der Hauptfiguren und ihres Scheiterns.
IV. Siegfried Lenz: Die Flut ist pünktlich: Dieses Kapitel widmet sich der Interpretation des Natur-Kultur-Konflikts und der moralischen Dimension der erzählten Ereignisse.
V. Judith Hermann: Ruth (Freundinnen): Die Analyse fokussiert auf Identitätsbildung, das Modell der Freundschaft und die Rolle von Störfaktoren in der zwischenmenschlichen Beziehung.
VI. Was soll ich tun? – Die Erzählungen im Überblick: Hier werden die Ergebnisse der Analysen zusammengefasst und in den größeren moralischen Kontext der Kantschen Frage gestellt.
VII. Grenzen der Rezeptionsästhetik: Dieses Kapitel diskutiert die methodischen Begrenzungen der Rezeptionsästhetik bei der Anwendung auf unterschiedliche Lesertypen und Textarten.
Schlüsselwörter
Rezeptionsästhetik, Wolfgang Iser, Siegfried Lenz, Judith Hermann, Leerstellen, Sinnkonstitution, Literaturanalyse, Leserdisposition, moralische Fragestellung, Identitätsbildung, Kommunikation, Textstruktur, Protention, Retention, Interaktionsprozess.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie literarische Texte den Leser durch die Struktur von Leerstellen dazu anregen, aktiv Sinn zu stiften und moralische Aspekte zu reflektieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die literarische Rezeptionsästhetik, die Analyse moralischer Dilemmata in Erzählungen sowie das Verhältnis von Text, Autor und Leser.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Isers „Leerstellen“ in den untersuchten Erzählungen zur Konstitution von Sinn führen und welche moralische Bedeutsamkeit sich daraus für den Leser ergibt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird die rezeptionsästhetische Analysemethode nach Wolfgang Iser verwendet, die den Text als Kommunikationsmodell zwischen Autor und Leser begreift.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert drei spezifische Erzählungen („Der seelische Ratgeber“, „Die Flut ist pünktlich“, „Ruth (Freundinnen)“), um die theoretischen Konzepte auf die Praxis anzuwenden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen Rezeptionsästhetik, Sinnkonstitution, Leerstelle, Identitätsbildung und Normenrepertoire.
Wie unterscheidet sich die Rezeption der Lenz-Erzählungen von jener der Judith-Hermann-Erzählung?
Die Analyse zeigt, dass Lenz’ Texte stärker mechanische oder naturgebundene Konflikte thematisieren, während bei Hermann Fragen der Identitätssuche und Spiegelung der eigenen Persönlichkeit durch die Freundin im Vordergrund stehen.
Warum spielt die Kantsche Frage „Was soll ich tun?“ eine Rolle?
Sie dient als Metapher für den Aufforderungscharakter literarischer Texte, da der Leser durch die Lektüre und die moralische Unbestimmtheit der Figuren gezwungen wird, sich zur eigenen ethischen Positionierung und Handlungsfähigkeit zu verhalten.
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- Frank Schmitz (Author), 2008, Die moralische Leerstelle - Siegfried Lenz und Judith Hermann aus rezeptionsästhetischer Perspektive, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112992