Einstellungen zum Suizid in Deutschland und Israel - Ein Vergleich


Doktorarbeit / Dissertation, 2005

189 Seiten, Note: Magna Cum Laude


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

VORWORT

EINLEITUNG

1. EINFÜHRUNG IN DIE SUIZIDALITÄT
1.1 Terminologie
1.2 Epidemiologie
1.2.1 Allgemeine Suizidrate
1.2.2 Angaben zur Fragestellung
1.3 Allgemeine Erklärungsmodelle
1.3.1 Psychoanalytische Erklärungsansätze
1.3.2 Soziologische Erklärungsansätze
1.3.3 Medizinisch-Psychiatrische Erklärungsansätze

2. EINSTELLUNGEN UND SUIZIDALITÄT
2.1 Der Einstellungsbegriff
2.2 Einstellungen zum Suizid

3. ARBEITSHYPOTHESEN
3.1 Hypothesenaufstellung
3.2 Theoretische Fundierung

4. METHODIK
4.1 Suizidforschung und qualitative Methoden
4.2 Zu den Arbeitsmethoden
4.3 Kritische Bemerkungen zur Methodik

5. ERGEBNISSE
5.1 Allgemeine Einstellungen zum Suizid
5.2 Unterschiede in Sozialeinstellungen
5.3 Ausblick der Ergebnisse

6. DISKUSSION UND INTERPRETATION

7. ZUSAMMENFASSUNG

8 LITERATURANGABEN

9. ANMERKUNGEN

10. TABELLENVERZEICHNIS

ANHANG

Wir müssen lernen und die verzweifelten Menschen lehren, dass es eigentlich nie und immer darauf ankommt, was wir vom Leben noch zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf, was das Leben von uns erwartet“ (Prof. V. E. FRANKEL, KZ-Überlebender).

VORWORT

Der Suizid gilt als ein umstrittenes, tabuisiertes, unüberschaubares und äußerst komplexes Phänomen der menschlichen Natur. Die Fähigkeit, sich selbst zu töten, zeigt sich als menschenspezifisches Handeln in allen Kulturen und Gesellschaftsformen. Dennoch gibt es kaum ein anderes Phänomen, das in verschiedenen Zeitepochen und von verschiedenen Kulturen so unterschiedlich gewertet, definiert und empfunden wurde der Suizid.

Im Zuge meiner wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Thema Suizidalität und angeregt von meiner ersten Forschungsarbeit über Geschlechtsunterschiede in der Häufigkeit suizidaler Handlungen, bin ich auf die gravierenden Unterschiede in der Suizidhäufigkeit verschiedener Kulturen mit unterschiedlichen politisch bedingten Lebenssituationen aufmerksam geworden.

Ausgangspunkt meines Forschungsvorhabens war die Überzeugung, dass sich gravierende Unterschiede in der Suizidrate verschiedener Nationen (Verhaltensebene) in den dort herrschenden allgemeinen Einstellungen zum Suizid (kognitive Ebene) wieder spiegeln.

Die geminderte Suizidhäufigkeit sowohl in Israel als auch in den jüdischen Gemeinden weltweit ließ vermuten, dass auch markante Unterschiede in den allgemeinen Einstellungen zum Suizid zwischen israelischen bzw. jüdischen Personen und anderen Kulturenkreisen vorliegen könnten.

Für mich (mit einer deutsch-israelischen Kulturangehörigkeit) gab es keine spannendere, relevantere und emotionalere Fragestellung als den Vergleich zwischen Deutschland und Israel.

Die besondere Beziehung zwischen Deutschland und Israel kann nie der „Normalität„ entsprechen, so Bundespräsident KÖHLER in seiner Rede vor der israelischen Kneset im Januar 2005, so kann auch meines Erachtens keine Vergleichsstudie zwischen Deutschland und Israel eine „normale“, objektive und nach den „kalten“ empirischen Gütekriterien erschöpfend dargestellt werden. Denn die Exploration der Suizidthematik bei Israelis (jüdischen Glaubens) und Deutschen beinhaltet nicht nur politische und kulturelle Unterschiede, sondern auch eine gemeinsame Geschichte, die bei der vorliegenden Arbeit - wie bei jedem Vergleich zwischen Juden und Deutschen (anderen Glaubens) - nicht unberührt bleibt.

Sowohl das Thema des Suizids als auch der Vergleich zwischen Israel und Deutschland stellt eine besondere Komplexität dar, die hier qualitativ beleuchtet und diskutiert wird. Durch die Erfassung und Interpretation kulturspezifischer Einstellungen zum Suizid versucht der vorliegende Vergleich, einen Beitrag zum Verständnis der internationalen Unterschiede in der tatsächlichen Suizidhäufigkeit leisten zu können.

In erster Linie möchte ich meinen Betreuern, Herrn Dr. Prof. CHRISTOPH WULF und Herrn Dr. Prof. JÜRGEN ZIMMER an der Freien Universität Berlin danken, die mich als externen Doktoranden mit sehr viel interkulturellem Interesse und persönlicher Freundlichkeit aufgenommen und begleitet haben.

Ebenso danke ich Herrn Prof. Dr. ISRAEL ORBACH, der mich in die Universität Bar-Ilan in Israel eingeladen und bei der Interpretation meiner Untersuchungsergebnisse unterstützt hatte. Herr Dr. Prof. ISRAEL ORBACH, der als Suizid-forscher seit vielen Jahren in Israel tätig ist, hat meine Arbeit sowohl mit kulturspezifischen bzw. traditionellen Betrachtungsweisen bereichert und als auch methodisch unterstützt.

Dankbar bin ich selbstverständlich auch den Probanden sowie den Gruppendiskussionsteilnehmern in beiden Ländern, die mit viel Interesse und nicht wenig Emotionen zu dieser komplexen Thematik einen wichtigen Beitrag geleistet haben.

Mein letzter, aber herzlicher Dank geht an meine Freunde und Kollegen, die mich in allen Stadien der Arbeit aufrichtig unterstützt und ermutigt haben.

Die Arbeit widme ich meinem viel zu früh verstorbenen Vater, David Saar.

" Lasst uns lieber sterben, als von unseren Feinden zu Sklaven gemacht zu werden, lasst uns von dieser Welt in Freiheit scheiden!" ( nach Berichten von zwei Überlebenden des einzigen jüdischen Massenselbstmordes – Massada).

EINLEITUNG

Die allgemeinen Einstellungen zum Leben, Tod und Freitod sind insbesondere heutzutage von einer großen Relevanz. Noch nie war in unserer Gesellschaft die Grenze zwischen dem Begriff des Lebens und dem des Todes so fließend und durchlässig wie heute. Einerseits verspricht die heutige (genetisch-medizinische) Forschung eine immer längere Lebens-erwartung, andererseits fürchtet man in den modernisierten Gesellschaften immer weniger den selbst herbeigeführten Tod, viel eher ein qualvolles oder sinnlos verlängertes Leben. So nimmt das philosophische und rechtliche Interesse an dem „Freitod“ sowie an der Sterbehilfe zu, während die religiösen und moralischen suizidtabuisierenden Normen immer mehr an Bedeutung verlieren. Die traditionelle „Kultur des natürlichen Todes“ - die nur von Gottes Willen bestimmt sein sollte – scheint mit der Modern-isierung unserer Gesellschaft langsam zu verschwinden.

Treffen jedoch diese Tendenzen in den Einstellungen zum Suizid unterschiedliche Gesellschaften und Kulturen im gleichen Maße? Bleibt die Akzeptanz des „Freitodes“ von politischen Ereignissen oder von all-täglicher Lebensbedrohung unberührt? Welche kulturellen und politischen Faktoren beeinflussen die Einstellungen zum Suizid und eventuell auch die Häufigkeit der Handlung selbst? Derartige kulturpsychologische Fragen haben mich bewogen, die heutigen Einstellungen zum Suizid zwischen Israel und Deutschland qualitativ zu vergleichen und kritisch zu diskutieren.

Während der selbst herbeigeführte Tod in Europa von Juristen und Philosophen diskutiert wird, hat der Staat Israel seit September 2000 über 140 palästinensische Selbstmordanschläge erlitten und heute über 1000 tote israelische Zivilsten zu beklagen. Selbstmordattentäter, verkleidet als israelische Soldaten, Discobesucher oder Orthodoxe schlagen jede Woche, manchmal täglich, wahllos zu und überziehen die ganze israelische Gesellschaft mit Angst, Nervosität, Unruhe, Machtlosigkeit, Zynismus und Verzweiflung. Die Alltagsrealität in Israel könnte in Deutschland nur dann nachempfunden werden, wenn der Amoklauf von Erfurt (2002) sich in einem Land von der Größe Hessens wöchentlich wiederholen würde.

Paradoxerweise führt diese bedrohte Lebenssituation in Israel nicht zu einer Erhöhung der Suizidhäufigkeit. Das Gegenteil ist der Fall. Mit der Intensivierung der Selbstmordattentate und mit den immer neu angekündigten Anschlägen sinkt die Suizidrate in Israel rapide ab.

Vor diesem Hintergrund erwuchs mein wissenschaftliches Interesse an der vorliegenden Arbeit.

Die Unterschiede in der Suizidhäufigkeit zwischen Deutschland (14,9 im Jahr auf 100.000 Einwohner) und Israel (6,7 im Jahr auf 100.000 Einwohner) werden mit jedem weiteren israelischen Opfer immer gravierender (Statistisches Bundesamt, 1997). Der geminderte Suizid in Israel während politisch bedrohter Lebenssituationen ist für die Suizidforscher keineswegs neu. Die Geschichte hat uns gezeigt, dass Menschen in bedrohten Lebenssituationen eher zum Überleben und nicht zum Selbsttöten neigen. So wurde z. B. während der beiden Weltkriege - und insbesondere in den kriegführenden Ländern - eine erheblich niedrige Suizidrate registriert.

Auch in der tragischen Geschichte des jüdischen Volkes bzw. in unzähligen Eroberungen, Pogromen, Verfolgungen sowie in den Konzentrations- und Vernichtungslagern des europäischen Holocausts wurde die Selbsttötung weder kollektiv noch individuell als Erlösung eingesetzt.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, mit welchen möglichen kulturabhängigen Weltanschauungen bzw. Einstellungen derartige Suizidimmunität verbunden ist.

Im Zentrum meiner Überlegungen ist die Annahme, dass die gravierenden Unterschiede in der Suizidhäufigkeit zwischen Deutschland und Israel mit unterschiedlichen Grundeinstellungen zum Leben, Tod und damit auch zum Suizid korrespondieren und dadurch auch erklärt werden könnten.

Die vorliegende Arbeit geht grundsätzliche davon aus, dass die politisch bedingten unterschiedlichen Lebenssituationen sowie weitere kulturellen Einflüsse (traditioneller oder religiöser Natur) in diesen beiden Ländern die allgemeinen Einstellungen zum Leben, Tod und Suizid erheblich beeinflussen.

Im ersten Teil der Hypothesenbildung stehen die Einstellungen zum Suizid deutscher und israelischer Probanden . Dabei wird von einem kultur-abhängigen Grundverständnis für die Suizidhandlung ausgegangen.

Zunächst ist anzunehmen, dass israelische Personen (unter den politisch bedingten Lebensumständen) den Suizid aus nationalen (ideologischen) Gründen strenger ablehnen, als deutsche Probanden dies tun. So könnte z. B. die bedrohte und angespannte Lebensrealität in Israel zu Ver-änderungen in den allgemeinen Einstellungen zum Leben und Tod bzw. zu einer höheren Wertschätzung des Lebens und damit zur Ablehnung des Suizids führen. Denkbar ist es auch, dass mit den Unterschieden in der Hochschätzung des Lebens auch Unterschiede in der Bewertung bzw. Gewichtung von psychischen Belastungen bei deutschen und israelischen Probanden einhergehen. So könnten existenzielle Selbsterhaltungs-gedanken, Konfrontationen mit dem Lebensverlust oder Todesängste in Israel individuelle psychische Krisen wie z. B. Kränkungen narzisstischer Art relativieren und unterdrücken.

Eine zweite Gruppe der Arbeitshypothesen befasst sich auch mit den Sozialeinstellungen deutscher und israelischer Probanden, die ebenso im Zusammenhang mit suizidalem Verhalten stehen und die Suizidhandlung begünstigen oder hemmen könnten. Anzunehmen ist, dass israelische Probanden aus traditionellen und politischen Gründen in soziale und familiäre Netzsysteme mehr eingebunden sind, als deutsche Probanden.

Demnach zeigen deutsche und israelische Probanden vermutlich auch unterschiedliche Wertvorstellungen von sozialen und familiären Struktur-en, die ebenso mit Einstellungen zum Suizid sowie mit der Handlung selbst im Zusammenhang stehen.

Anhand der zu erfassenden Einstellungen zum Suizid deutscher und israelischer Probanden diskutiert diese Arbeit auch weitere Überlegungen, welche einen Beitrag zum Verständnis der kulturspezifischen Suizid-häufigkeit zu liefern versuchen.

Verfolgt man die Annahme über Unterschiede in Sozialeinstellungen sowie in den politisch bedingten Lebenssituationen in Deutschland und Israel, so erscheint es nahe liegend, dass Deutsche und Israelis über unterschiedliche Möglichkeiten verfügen, ihre Emotionen zu regulieren bzw. Aggressionen zu entladen. Mögliche ort spezifische Faktoren (Mentalitäts- und Temperamentsunterschiede oder Klima) könnten ebenso zu Unterschieden im emotionalen Verhalten wie möglicherweise zur unterschiedlichen Entladung von Selbstaggression führen. Ein mögliches höheres Autoaggressionspotenzial sowie die hier vermuteten begrenzten sozialen Einbindungen Wertvorstellungen könnten in Deutschland präsuizidale Verhaltensweisen begünstigen. Auch dies diskutiert die vorliegende Arbeit.

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um einen qualitativen Vergleich, in der die allgemeinen Einstellungen zum Suizid exploriert und vergleichend analysiert werden. 25 israelische Probanden jüdischen Glaubens und 24 deutsche Probanden (christlichen Glaubens) im Alter von 27 und 60 Jahren wurden anhand offener Tiefeninterviews zum Thema des Suizids befragt. Alter-, Sozialschicht- und Religiositätsunterschiede waren zwecks der Vergleichbarkeit gleich verteilt. Der erste Teil des Tiefen-interviews enthält Fragen zu den allgemeinen Einstellungen zum Leben, Tod und Suizid. Im zweiten Teil der Exploration wurden allgemeine Sozialeinstellungen in Deutschland und Israel thematisiert. Die 50 bis 70minütigen Interviews sind i. S. der qualitativen Forschung durch offene Gestalt und Dynamik charakterisiert, um die kulturelle Vielschichtigkeit, Komplexität und Interpretationstiefe des Explorationsthemas zu gewährleisten. Die Mehrzahl der Tiefeninterviews wurde über Ton-aufnahme und Feldnotizen (Mitschreiben, Zitieren) protokolliert und dokumentiert. In einer zweiten Untersuchungsphase wurden die Interviewergebnisse mit Hilfe von drei (Deutsch und Hebräisch sprechenden) Personen bearbeitet und übersetzt. Anschließend wurden die herausgearbeiteten Interviewergebnisse sowohl in Israel als auch in Deutschland durch Gruppendiskussionen thematisiert. Im Endstadium Arbeit wurden die Untersuchungsergebnisse zwecks eines „Experten-vergleiches“ (Korrelation mit Expertenurteil sowie mit anderen Kultur-vergleichsstudien) an Herrn Prof. I. ORBACH (Universität Bar Ilan, Israel) weitergeleitet.

Im Ergebnis der qualitativen Interpretation stellt die vorliegende Arbeit in deren Diskussion ein theoretisches Erklärungsmodell für die möglichen Unterschiede in den Einstellungen zum Suizid deutscher und israelischer Probanden auf. Durch das Verständnis der kulturspezifischen Einstell-ungen zum Suizid versucht die vorliegende Arbeit, auch allgemeine oder universelle kulturspezifische Faktoren – welche die Suizidhandlung beeinflussen - herauszuarbeiten.

Charakteristisch für den vorliegenden Vergleich sind die Vielschichtigkeit der Thematik, die kulturell-politische Relevanz sowie die historisch bedingte Emotionalität, welche die Arbeit in allen ihrer Stadien begleiten.

„Das einzige, was zwölf Personen, die sich in den Kopf schießen, gemeinsam haben, ist die Kugel“ ( SHNEIDMAN, 1989, S. 40 ).

1. EINLEITUNG IN DIE SUIZIDALITÄT

1.1 Terminologie

Eines der markantesten Merkmale der Suizidforschung ist die Vielfältigkeit verschiedener Forschungsfelder und unterschiedlicher theoretischer Schulen, die sich im letzten Jahrhundert etablierten und zu einem einzigen Untersuchungsgebiet gehören. Dadurch gewinnt die Suizidalität aus unterschiedlichen Perspektiven auch unterschiedliche Definitionen und Grundverständnisse.

Verschiedene Autoren sind sogar der Auffassung, keine einheitliche, universelle und übereinstimmende Definition finden zu können. „Eine strenge Definition für Selbsttötung hinsichtlich des zeitlichen Verlaufs, eines sichtbaren Aktes, der Betroffenheit der Gesamtperson, der Ausgrenzung anderer Beteiligter und der Folgen der Tat erweist sich weiterhin als äußerst problematisch. Oftmals kann nur eine Analyse des Einzelfalles die dynamische Bezogenheit des Geschehens auf den Tod hin anzeigen“ (KREBS, 1979, S. 43).

Der Begriff des „Suizid“ stammt ursprünglich aus dem Lateinischen „sui caedere“ bzw. „sich selbst töten“. Er beschreibt den Sachverhalt der Selbst-tötung und distanziert sich von jeglicher Bewertung. Aufgrund dieser Neutralität wurde der Begriff des Suizids insbesondere von Philosophen als unzureichend beschrieben. „Merkwürdig, wie die latinisierten Formen stets einer Sache ihre Wirklichkeit absaugen“ (AMÉRY, 1976, S. 14).

Im Deutschen werden jedoch weitere Begriffe wie der des „Selbstmordes“ und „Freitodes“ verwendet, welche neben der Selbsttötung moralische und juristische Bedeutungen beinhalten. Beiden Begriffen sind das menschliche Bewusstsein und die hiervon abgeleitete freie Verantwortung gemeinsam.

Der Begriff des Selbstmordes stammt aus der wertenden und juristischen Sozialgeschichte und meint einen bewussten Anschlag auf das eigene Leben unter dem Blickwinkel der Schuldhaftigkeit. Aus der juristischen Perspektive betrachtet, beinhaltet der Selbstmord eine grausame und hinterhältige Tat, nämlich den Mord, welcher entgegen dem Totschlag, geplant und zielgerichtet begangen wird.

In früheren Zeiten galt der Selbstmord tatsächlich als eine kriminelle Tat. So wurden Suizidversuche in Deutschland bis zum Ende des 18. Jahrhunderts unter Strafe gestellt, in Großbritannien noch bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts. FREUD (1917) bezeichnet ebenfalls den Selbstmord als eine Tat, bei der sich ein Mensch selbst umbringt, der im Grunde einen anderen meint, also diesen töten möchte.

Der Begriff des Freitodes geht ebenso von einer bewussten freien Entscheidung aus. Entgegen dem Selbstmord wird der Freitod aber nicht negativ, sondern positiv bewertet, weil dieser eine historisch-philo-sophische Bedeutung und Berechtigung besitzt, nämlich die universell freie Entscheidung des Menschen, sein Leben selbst zu beenden. Der Philosoph J. AMÉRY (1976) definiert den Freitod als letzte und höchste Möglichkeit des Menschen, seine individuelle Freiheit zu erleben und zu verwirklichen. Diesen allerletzten Freiraum der Entscheidung könne ihm auch unter extremen Bedingungen niemand nehmen.

ROMAN (1983) ergänzt den Ansatz AMÉRYs und betont die persönliche Autonomie bzw. die absolute Selbstbestimmung des Suizidanten. „Vor mehr als einem Jahrzehnt bin ich zu dem Schluss gekommen, [...] dass ein durchdachter, überlegter Freitod es einem Menschen ermöglicht, einen idealen Abschluss seiner Lebensspanne zu finden“ (1983, S. 13).

Dagegen scheinen Suizid und Suizidalität neutrale Begriffe zu sein und werden vorzugsweise von Medizinern und Psychologen verwendet. Die Medizin und die klinische Psychologie betrachten die Suizidalität i. S. einer pathologischen, destruktiven Entwicklung und widersprechen mit diesem Krankheitsbegriff dem philosophischen Konzept der freien Entscheidung bzw. Verantwortung. Aus dieser Perspektive betrachtet, ist der Suizidant in seinem suizidalen Verhalten nicht vom bewussten (freien) Willen gesteuert und daher vom Schuldvorwurf befreit.

In diesem definitorischen Konflikt zwischen dem Krankheits- und Freiheitsbegriff unterscheiden sich die meisten Grundauffassungen und Verständnisse der Suizidalität. Aus der philosophischen Sicht ist sowohl der Suizid als auch der Selbstmord eine spezifisch menschliche Erscheinung, die an das Menschsein gebunden ist und bei Tieren nicht vorkommen kann. Denn die menschliche Psyche sei vom Bewusstsein aus zu definieren und ausschließlich am Rationalitätsprinzip orientiert.

Die Freiheit, Suizid zu begehen, sei - entgegen dem Krankheitsbegriff - ein Zeichen des gesunden Seelenlebens, in dem sich der „Geist“ in vernünftiger Erkenntnis von dem sinnlosen, bewusstlosen und natürlichen Lebensprinzip abtrennt (AMÉRY, 1976). Dagegen betrachten Mediziner und Psychoanalytiker (vgl. STEINERT & FARBEROW, 1994) sogar chronische Selbstschädigungen wie Suchtkrankheiten im weiteren Sinne als suizidales Verhalten. Bestimmte risikoreiche Sportarten, AIDS-Infektionen und Verkehrsunfälle können ebenso i. S. einer unbewussten Destruktivität als suizidales Verhalten verstanden werden. Aus dieser Betrachtungsweise werden in der Literatur Begriffe wie „parasuizidale Verhaltensweisen“, „maskierter Suizid“ „indirekter Suizid“, „Fokaler und chronischer Suizid“ (MENNINGER, 1938), “hidden suicide“ (MEERLOO, 1962, 1968), „subintetioned death“ (SHNEIDMAN, 1963), „Tod durch Selbstaufgabe“ (SELIGMAN, 1976), „psychogener Tod“ (STUMPFE, 1974, 1975) abgeleitet. Der Psychoanalytiker KÖHLER (1988) spricht in seinem Werk „Psychologie der B(er)gsteiger“ von einem völlig unbewussten Suizid bei Männern, deren Motive im Zusammenhang mit Autoaggressionen, Machtphantasien, Ablösung von mütterlichen Versorgungsmotiven und Sexualängsten zu verstehen sind. Die „Härte“ gegen sich und andere, kann in den Tod führen und als eigene Destruktivität interpretiert werden. Verkehrsunfälle und Verletzungen sind Beispiele dafür und verstehen sich, so Köhler, als Folge provozierter Gegenaggression. Der Autor erwähnt sogar Infektionen wie AIDS, deren Häufigkeit bei Männern überwiegt, und die durch verantwortungsloses und unvorsichtiges Sexualverhalten hervorgerufen werden können.

Andere Autoren schlagen verallgemeinerte und umfassende Definitionen für die Suizidalität vor. „In weitgehender Übereinstimmung sprechen wir heute bei Suizidalität von einer Denk-, Erlebens-, und Verhaltensweise, die ein bestimmtes psychisches Leiden ausdrückt, eine Bewältigung von Betroffenen selbst aber nicht möglich erscheinen lässt und überwiegend bewusst oder unbewusst auf Fremdhilfe ausgerichtet ist“. (GÖTZE, 1988, S. 630). Schließlich stößt man in der Suizidforschung auf verschiedene präsuizidale Begleithandlungen wie „Suizidversuch“, „Suizidgedanken“, „Suizidideen“, „Suizidphantasien“ oder „suizidale Geste“.

PÖLDINGER (1968) definiert sie alle zusammen als „Das Potential aller seelischen Kräfte und Funktionen, das auf Selbstvernichtung tendiert...“ (S. 41). WOLFERSDORF (1994) stellt ebenso eine umfassendere Definition auf: „Suizidalität meint die Summe aller Denk- und Verhaltensweisen von Menschen, die in Gedanken, durch aktives Handeln oder passives Unterlassen oder durch das Handeln lassen den eigenen Tod anstreben oder ihn als mögliches Ergebnis einer Handlung in Kauf nehmen“ (S. 47).

Die Vielfältigkeit der Sichtweisen und die Uneinigkeit der Definitionen wurzeln in der Geschichte der Suizidforschung. Eine Skizzierung dieser wissenschaftlichen Entwicklung veranschaulicht die unterschiedlichen konkurrierenden Ansätze verschiedener Disziplinen, die sich im letzten Jahrhundert etabliert haben. Die Erklärung der suizidalen Handlung ist bis vor rund 80 Jahren so gut wie ausschließlich den Theologen, Philosophen und Juristen überlassen worden. Es wurde von einer „einfachen“ und bewussten Motivation für die Suizidhandlung ausgegangen und nicht an der moralischen Verantwortung des Suizidanten für sein Tun gezweifelt. DURKHEIM war der erste, der diese bewusste Entscheidungsfreiheit in Zweifel zog und wies empirisch nach, dass die Suizidrate unter ungünstigen sozialen Bedingungen ansteigt. In seinem ersten Standardwerk „Le Suicide“ (1897) stellte er den Suizid zum ersten Mal als ein tragisches Endprodukt gesellschaftlicher Isolation und Entfremdung dar. In seinem Anomiekonzept erklärte DURKHEIM den funktionellen Zusammenhang zwischen der Einbindung des Individuums in soziale Institutionen und der Suizidwahrscheinlichkeit.

Acht Jahre später wies der deutsche Psychiater GAUPP (1905) darauf hin, dass „Persönlichkeitsfaktoren abnormer Art“ bei Suizidanten vorhanden sein müssten. Er postulierte, dass krankhafte Ursachen von situations-gebundenen Motiven sorgfältig unterschieden werden müssten. Die Psychiatrie stellte Konzepte auf, welche die Suizidalität durch angeborene und dispositionelle Faktoren und durch eine pathologische Genese erklären. FREUD (1917) und Abraham (1924) beschrieben die Suizidalität aus psycho-dynamischer Sicht als Mord am introjizierten Objekt. MENNINGER (1938) interpretiert den Suizid ebenso als Ausdruck eines destruktiven Todestriebes. Nach dem zweiten Weltkrieg interessierten sich zahlreiche Autoren für die zwischenmenschlichen Beziehungen in ihrer Wirkung auf die Suizidalität. HENSELER (1974) betont in seiner Narzissmustheorie die „narzisstische Kränkung“ als zentralen Entstehungs-mechanismus der suizidalen Krise. Demnach begeht kein Mensch Suizid, wenn sein „Selbst“ nicht verletzt oder bereits zerstört ist.

KIND (1992) stellt in seiner Arbeit („Suizidal. Die Psychoökonomie einer Suche“) ein objektbeziehungstheoretisches Modell der Suizidalität vor, welches als ein wesentlicher Beitrag auf dem Gebiet der Suizidalität gewürdigt wurde.

Die Mediziner waren an der Konzeption persönlichkeitsspezifischer Merkmale bzw. Symptomen, die die Suizidgefahr diagnostizieren und minimieren können, interessiert. Suizidalität wurde aus der medizinischen Sicht als Abschluss einer krankhaften psychischen Entwicklung verstanden. RINGEL (1953) betont im Rahmen seines „präsuizidalen Syndroms“ die suizidale Entwicklung als „gemeinsamer Nenner“ all jener Erkrankungen, die zum Suizid führen können, und unterschied zwischen drei verschiedenen Symptomen. Auch PÖLDINGER (1968) stellt drei verschiedene Phasen der suizidalen Krise vor (vgl. „Stadien der suizidalen Krise“).

Weitere beschreibende Strukturmodelle zum Suizid wurden nach phänomenologisch-psychotherapeutischen Abläufen aufgestellt (z. B. STENGEL, 1964; HENDIN, 1963, 1964; FEUERLEIN, 1971).

Vertreter der Verhaltenstherapie (Lerntheoretiker) vertreten die These, dass Suizid ein Ausdruck eines funktionalen Verhaltens sei, welches in der frühen Kindheit als Bewältigungsstrategie erlernt wurde (vgl. SCHMIDTKE, 1988).

In den letzten Jahren wurden unterschiedliche Theorien in einen multi-disziplinären Ansatz integriert. SHNEIDMAN (1985) hat in seiner drei-dimensionalen Kubustheorie angenommen, dass die Ätiologie des Suizidverhaltens auf die drei Dimensionen - Schmerz, Unruhe und Zwang zurückführbar sei, denen er schematisch die drei Raumrichtungen eines Würfels zuordnet.

Auch die biologische (genetische) Suizidforschung hat sich in den letzten 30 Jahren zunehmend entwickelt. Mehrere Zwillingsuntersuchungen (z. B. WOLFERSDORF & STRAUB, 1994; BRONISCH, 1995) beschäftigen sich mit der Frage, ob eine genetische Disposition für Impulskontrollstörungen und Aggressivität vorhanden sein könnte. Trotz der beträchtlichen Fülle von Untersuchungen und des wissenschaftlichen Engagements in diesem Gebiet konnte ein direkter Zusammenhang zwischen einer genetischen Disposition zur Impulsivität und Suizidalität bisher nicht nachgewiesen werden.

Trotzdem zeichnet sich gegenwärtig eine deutliche Entfernung von ätiopathologisch-psychoanalytischen Erklärungsmodellen hin zu einer epidemiologischen und biologischen Ausrichtung ab. Die psycho-analytischen Konzepte der Suizidalität stehen heutzutage unter der Kritik, dass sie überwiegend theoretisch fundiert und in der Akuttherapie bzw. Krisenintervention überholt seien.

Vor diesem Hintergrund haben jüngst Psychoanalytiker weitere Ansätze aus der psycho-analytischen Behandlung veröffentlicht, die neue Aspekte und relevante Zusammenhänge der Suizidalität (Geschlechtsidentität und Suizid, der erweiterte Suizid etc.) eingehend thematisieren und anhand von klinischen Fallbeispielen beschreiben (vgl. GERISCH, 1998, 2001, 2003;, WURMSER 2001; VOIGTEL , 2001; CAMPBELL, 2003; GANS, 2003).

Zusammengefasst lassen sich eindeutige definitorische Probleme in der Suizidforschung erkennen. Zunächst muss der strittige und ungelöste Konflikt zwischen dem Krankheits- und Freiheitsbegriff erwähnt werden. In dem Spannungsfeld zwischen der philosophischen Sichtweise (suizidales Handeln als Ausdruck menschlicher Freiheit) und der psychologisch-medizinischen Ausrichtung (suizidales Verhalten als Ausdruck psychischer Erkrankung) kann noch nicht definiert werden, was „frei“ und was „gesund“ ist. Bei Rauschzuständen oder psychischen Krankheiten mit Realitätsbezug kann die „natürliche Willensentscheidung“ des Menschen eingeschränkt oder ganz ausgeschaltet werden. Andererseits könnte die Suizidalität grundsätzlich als Krankheit verstanden werden, weil sie sich gegen das lebenserhaltende Prinzip (die basalen Funktionen wie Atmung, Triebbedürfnisse usw.) richtet. Über lange Zeit wurde suizidales Verhalten pathologisch verstanden und dementsprechend behandelt. Auch heute ist das klinische Denken weder überkommen noch verfehlt, jedoch scheint die Suizidalität mehr oder doch etwas anders zu sein, als das, was man therapeutisch behandeln oder bekämpfen könnte.

Ferner führen die vielfältigen normativen Wertungen und Tabuisierungen der Suizidalität zu definitorischen Differenzen. Offenbar kann der Suizid von unserer Gesellschaft noch nicht so vorurteilsfrei wie der natürliche Tod betrachtet und definiert werden. BÖCKER (1973) hebt hervor, dass diese Suizidakzeptanz nur in einer „aufgeklärten Gesellschaft“ möglich ist. Daher kann ein näheres und umfassendes Verständnis suizidalen Verhaltens nur unter Berücksichtigung der jeweiligen kulturell bedingten Normen geschaffen werden.

Heute erscheint die Suizidalität noch ein unüberschaubares und komplexes Phänomen und keine einheitliche Verhaltensweise. Eine Mehrzahl von Autoren ist sich darüber einig, dass die Suizidalität nur in ihrer Individualität (durch die Einzelfallanalyse) verstanden werden kann. Diese auf das Individuum gerichtete Bestrebung, die Suizidalität in ihrer Einzigartigkeit und Komplexität zu ergründen widerspricht dem pragmatischen Bedarf, allgemeingültige bzw. praxisnahe Merkmale und Symptome zur Prävention und Bekämpfung der Suizidalität zu definieren. Auch dieser „methodische Konflikt“ bleibt in der Suizidforschung ungelöst. Vielmehr zeigen sich einige Suizidforscher am Ende ihrer Forschung so aufgeklärt wie am Anfang: „Kein Mensch weiß, warum sich Menschen das Leben nehmen“ (SHNEIDMAN, 1985, zitiert nach OTZELBERGER, 1999, S. 234).

Das ist so, wie wenn Jahr für Jahr eine Kleinstadt durch Suizid sterben würde“

(OTZELBERGER, 1999, S. 15).

1.2 Epidemiologie

1.2.1 Allgemeine Angaben

Suizid gehört in den meisten europäischen Ländern und in den USA zu den 10 häufigsten Todesursachen. Jeder 50. Mann und jede 120. Frau sterben durch eigene Hand. In Deutschland bringen sich jedes Jahr (ca. 14000) mehr Menschen um, als zusammengerechnet im Straßenverkehr und an Aids sterben (SCHMIDTKE, 1998).

Die Suizidrate in der Bundesrepublik Deutschland liegt bei 14,9 1)* insgesamt und bei 22,1 bei den Männern und bei 8,1 bei den Frauen (Statistisches Bundesamt, 1998). In den alten Bundesländern stirbt jeder 71. Mann (bei einer mittleren Lebenserwartung von 72,9 Jahren) und jeder 149. Frau (bei einer Lebenserwartung von 79,3 Jahren) durch Suizid (SCHMIDTKE, 1996).

Die jährliche Zahl der Selbstmordversucher erreicht eine Größenordnung, die an die Einwohnerzahl einer mittleren Großstadt heranreicht. Allerdings werden die Suizidversuche in Deutschland aus datenschutz-rechtlichen Gründen nicht erfasst, deren Häufigkeit kann nur aufgrund wissenschaftlicher Studien geschätzt werden.

* Anmerkungen finden Sie ab S. 147 ff.

Diese Zahlen zeigen deutlich, dass die Suizidalität kein statistisch seltenes Phänomen ist, sondern eine von vielen „Normalitäten“ unserer Gesellschaft, vor denen wir zumeist die Augen verschließen. Suizide und Suizidversuche stellen nach wie vor ein ernstes gesellschaftliches Problem dar.

In den letzten Jahrzehnten ist die Suizidrate in Mitteleuropa relativ stetig angestiegen (WELZ, 1991). Faktoren wie männliches Geschlecht, höheres Alter, Verwitwung, der unverheiratet und geschiedene Zivilstand, Kinder-losigkeit, soziale Isolierung, hohe Bevölkerungsdichte, Alkoholkonsum, körperliche und psychische Krankheit usw. haben eindeutig eine positive Korrelation mit den Suizidziffern. So ist z. B. die Suizidrate des Mannes zwei bis dreimal höher als die der Frau. In der Bundesrepublik Deutschland sind die Männer ohne Berücksichtigung der Alterverteilung ungefähr doppelt so stark gefährdet wie die Frauen. Bei Frauen zeichnet sich dagegen eine größere Zahl von nicht tödlichen Suizidversuchen ab (vgl. SCHMIDTKE, 1988). Für die einzelnen Altersgruppen ist festzustellen, dass die Suizidhäufigkeit bei Kindern sehr niedrig ist, bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen waren und sind sie nach Unfällen jedoch die häufigste Todesursache (WEINACKER & FRICKE, 1996). Ferner kann festgehalten werden, dass die Suizidalität im Alter wesentlich häufiger ist, als in den jungen Altersgruppen. Die Suizidrate steigt mit zunehmendem Alter in allen Ländern an (vgl. TEISING, 1992).

1.2.2 Angaben zur Fragestellung

Im Hintergrund der vorliegenden Arbeit stehen die folgenden statistischen Tendenzen:

1) Die Suizidrate in den meisten nordeuropäischen Nationen ist wesentlich höher als die in Südeuropäischen oder in am Mittelmeer liegenden Ländern: Im internationalen Vergleich liegt die Bundesrepublik Deutschland im „Mittelfeld“. In Griechenland verzeichnet sich die niedrigste Suizidrate in Europa (3,5), in Ungarn (als Extremwert) ist es mit 38,6 Suiziden die höchste Suizidrate. Die Suizidrate in Ländern wie Italien, Spanien und Portugal ist sehr niedrig (zwischen 2,7 und 8,3), wogegen diese Zahl in Ländern wie Dänemark, Schweden und Finnland sehr hoch (zwischen 21 und 22) liegt. Tabelle 1 veranschaulicht, dass die Unterschiede in der Suizidrate zwischen den meisten nordeuropäischen Kulturen und den südeuropäischen oder am Mittelmeer liegenden Ländern gravierend sind. Diese Tendenz bezieht sich auch auf den deutsch-israelischen Vergleich und deutet darauf hin, dass allgemeine ethnologische (Temperament) oder physikalische (Klima) Bedingungen für die gravierenden Unterschiede in der Suizidrate mit verantwortlich sein können. Die Unterschiede in der Suizidrate zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel sind durchaus gravierend. Während die Suizidrate in Deutschland 14,9 (vgl. Tab. 1) beträgt, verzeichnet Israel eine Suizidrate von lediglich 6,7 (Statistisches Bundesamt, 1998). Damit übereinstimmend lassen sich ähnliche Relationen zwischen anderen nord- und südeuropäischen Ländern, wie Dänemark (14,7) und Italien (6,1) erkennen. Seit Beginn der Terrorwelle von Selbstmordattentaten (September, 2000) wurden in Israel weitere Schwankungen der Suizidrate nach unten registriert. Suizidforscher in Israel rechnen bei jeder Verschlechterung und Verunsicherung der politischen Lage mit einem weiteren Absinken der Suizidrate (ORBACH, 2002). Darüber hinaus zeigt sich auch ein gravierend höherer Konsum von Alkohol und Drogen in Deutschland im Vergleich zu Israel. Diese Konsumunterschiede zeigen sich insbesondere bei Angehörigen von autoritären Institutionen (wie Armee und Polizei). 2)

2) Die Suizidrate bei jüdisch geprägten Gemeinschaften – nicht nur im Staat Israel – ist am niedrigsten: In jüdisch geprägten Gemein-schaften ist die Suizidrate am niedrigsten (SCHOBEL, 1981). Vor allem gelten die Einstellungen zum Suizid in der jüdischen Religion im Vergleich zu anderen Traditionen als die positivsten (DOMINO, 1981; STACK, 1983). Katholische Länder wie Italien, Spanien, Portugal oder Irland weisen eine sehr niedrige Suizidrate auf (zwischen 2,7 und 8,3). Dagegen zeigt sich die Suizidrate in protestantischen Ländern wie Dänemark, Schweden und Finnland relativ hoch (zwischen 21 und 22). Ausgenommen werden andere katholische Länder wie Österreich und Ungarn, deren Suizidrate als noch höher gilt, als in den skandinavischen Ländern, nämlich 23,3 bzw. 23,5 (SCHOBEL 1981). Auch protestantische Länder wie Norwegen und Island, weisen eine relativ niedrige Suizidrate (7,3 bzw. 5,4) auf. Aufgrund dieser Beispiele kann eine direkte Wirkung der Konfessionszugehörigkeit auf die Suizidhäufigkeit angezweifelt werden. Vielmehr scheint die Religions-zugehörigkeit in ihrer kulturelltraditionellen Bedeutung, auf die internationalen Unterschiede in der Suizidhäufigkeit Einfluss zu nehmen.

3) Universelles Phänomen in der Suizidforschung: Unter belastenden und lebensbedrohlichen Umständen wie Krieg, Lager-Haft sowie KZ-Haft werden Suizidhandlungen nur selten begangen. Während der beiden Weltkriege – und nicht nur in den kriegsführenden Ländern – wurden deutliche Schwankungen der Suizidrate nach unten registriert. Ähnlich Tendenzen zur geminderten Suizidhäufigkeit sind bei Verfolgungs- und Folteropfern in verschiedenen Zeitepochen der Geschichte bekannt. Offensichtlich verringert sich das Suizidrisiko eines Menschen, dessen Leben von anderen bedroht wird (vgl. BAYER, 1948, BOCHNIK, 1962, RINGEL, 1953).

Tab. 1: Internationaler Vergleich der jährlichen Suizidrate je 100.000 Einwohner (Statistisches Bundesamt, 1998).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.3 Allgemeine Erklärungsmodelle

1.3.1 Die psychoanalytischen Erklärungsansätze

FREUD, Gründer der Psychoanalyse, führte bereits im Jahre 1910 die erste psychoanalytische Tagung über die Suizidalität („Symposium über Selbstmord“) durch. FREUD stellte in seinen ersten Einsichten die grund-legende Frage, ob eine enttäuschte Libido zu einer Überwindung des Lebenstriebes führen könnte, oder ob das Ich aus eigenen Motiven auf seine Behauptung verzichten könnte (vgl. FREUD, 1910).

In seiner Abhandlung „Trauer und Melancholie“ (1916) modifiziert FREUD seine Gedanken und erklärt, dass die Selbstschädigung eine Rückwendung der Aggression gegen die eigene Person bedeute. Dies werde nach FREUD immer dann vollzogen, wenn die Person nicht in der Lage sei, ihre Triebregungen gegen „das Objekt“ zu richten. 3) Die Person fürchte den Verlust des Liebesobjekts und verinnerliche dieses oder Teile von ihm. Der Mordimpuls richte sich also auf ein Objekt, das den „potentiellen Selbstmörder“ verlassen hatte. Der Selbstmörder, so FREUD, wolle einen anderen Menschen unbewusst tatsächlich umbringen. „Kein Neurotiker verspürt Selbstmordabsichten, der solche nicht von einem Mordimpuls gegen andere auf sich zurückwendet“ (FREUD, 1916, S. 428).

Bereits im Jahre 1912 hatte Abraham den Ambivalenzkonflikt zwischen Liebe und Hass als zentrales Moment der manisch-depressiven Erkrankungen sowie der Zwangsneurosen betont. Im Jahr 1917 ergänzte FREUD die Arbeit ABRAHAMs (1912) und stellte erneut die These auf, dass der durch einen Objektverlust induzierte Ich-Verlust und freigelegte Ambivalenzkonflikt eine regressive Abwehr im Sinne der Objektintrojektion bewirkt. Ferner geht Abraham von einer psychischen Disposition des Melancholikers aus und bezeichnet diese als „primäre narzisstische Wunde“ (1924). Sie werde nach Abraham durch eine enttäuschende und versagende Mutter verursacht und erzeuge eine so genannte „Urverstimmung“ (1924), die wiederum die ausgeprägte Ambivalenz von Liebe und Hass gegenüber den Objekten als auch die Neigung zu einer narzisstischen Objektwahl begünstige. Auf einen Objektverlust reagiere der Melancholiker mit Wut bzw. mit einer „Welle des Hasses“ (ABRAHAM, 1924). Diese Hasswelle müsse abgewehrt werden, weil das Objekt gerade aufgrund des Ambivalenz-konfliktes als unverzichtbar erlebt werde. Mit der Abwehr des Hasses komme es zu einer narzisstischen Identifikation mit dem Objekt, wodurch das Objekt präsent bleibe und nicht aufgegeben werden müsse. Der Ambivalenzkonflikt besteht sowohl aus der regressiven Identifizierung (Seite der Liebe) als auch aus einer sadistischen Objektzerstörung. Der Hass lenkt sich auf das zerstörte äußere Objekt und dann reinintrojiziert. Das introjizierte Objekt wird zu einem Feindlichen und löst einen Hass gegen das eigene Selbst aus (vgl. ABRAHAM, 1924). „Nun lehrt uns die Analyse der Melancholie, dass das Ich sich nur dann töten kann, wenn es durch die Rückkehr der Objektbesetzung sich selbst wie ein Objekt behandeln kann, wenn es die Feindseligkeit gegen sich richten darf, die dem Objekt gilt und die die ursprüngliche Reaktion des Ich gegen Objekte der Außenwelt vertritt“ (FREUD, 1917, S. 438).

Das Freud-Abrahamsche Modell (FREUD, 1917; ABRAHAM, 1912, 1924) gilt als erste psychoanalytische klassische Erklärungstheorie der Suizidalität. Dieses trieb-dynamisch orientierte Konzept stellt die Aggression ins Zentrum der Theorie und erklärt die Suizidalität als letzte Konsequenz depressiver Reaktionen.

Später (1930) in seiner Abhandlung „Jenseits des Lustprinzips“ modifiziert FREUD seine Gedanken und stellt in seiner zweiten dualistischen Triebtheorie dem Lebenstrieb - Eros, der aus Sexual- und Ich-Trieben besteht, den Todestrieb (Thantos) gegenüber. FREUD interpretiert den Todestrieb als Ausdruck des Drangs und aktiven Willens des Menschen, sich zu töten. Der biologisch geprägte Todesbegriff beinhaltet nicht nur aggressive Momente, sondern auch sexuelle Impulse, die für Aufhebung der Spannung und letztlich die Rückführung in einen anorganischen Zustand sorgen (vgl. LAPLANCHE & PONTALIS, 1967). FREUD erklärt (1923b), dass in der Melancholie eine vollständige Entmischung zwischen Lebens- und Todestrieben stattfindet. Damit erklärt FREUD auch den Selbstmord als regressive Entmischung libidinöser und aggressiv- destruktiver Energien. Der Mord versteht sich dagegen nach Freud als eine aktive Ausprägung des Todestriebes. 4)

TABACHNICK (1971) erweitert diese Theorie und erklärt, dass die durch das Über-Ich agierenden Todestriebe die Fähigkeiten besitzen, das Ich zum Suizid zu führen, indem sie den Zusammenhalt zwischen Lebens- und Todestriebe sprengen. Die selbstdestruktiven Valenzen des Todestriebes befinden sich demnach im „Kampf“ gegen die Eros-Komponenten und besiegen diese mit dem Suizid. Auch GREISON (1964) führt die aggressiven Reaktionen nicht auf die Frustration oder auf die Kränkung zurück, sondern auf eine angeborene Triebkraft, die sich primär als Autoaggression gegen das Subjekt wendet. FEDERN (1929) postuliert, dass auch bei Angehörigen von Suizidanten ein „unbewusster Tötungswille“ vorhanden sei, mit dem der Suizidale identifiziert sei.

MENNINGER (1938) vertritt die These, dass es neben dem scheinbaren „Selbsthass“, der aus dem introjizierten Objekt stammt, auch einen allgemeinen Selbsthass beim Depressiven gibt. Verantwortlich für diesen Selbsthass sind, so MENNINGER, primäre Autoaggressionen. Er beleuchtet in seinem Werk „Selbstzerstörung“ drei fundamentale psychodynamische Aspekte der Neigung zur Feindlichkeit gegen sich selbst: „Den Wunsch zu töten, den Wunsch getötet zu werden sowie den Wunsch tot zu sein“. Jeder Suizid enthält nach MENNINGER diese drei Aspekte, auch wenn diese dem Suizidanten unbewusst sind. Der Autor definiert dabei den Begriff des chronischen Suizids als Verhalten, das die eigene Existenz indirekt der Selbstzerstörung ausliefert (z. B. Drogenabhängigkeit) sowie der Begriff des fokalen Suizids, der selbstbestrafende Impulse durch sich wieder-holende Handlungen (z. B. Verletzung der Hand-gelenke durch ober-flächliche Schnitte) bedeutet.

RINGEL (1953) lehnt das Konzept des Todestriebes ab und berichtet, dass die Autoaggression - im Unterschied zum Todestrieb – direkt nachweisbar ist. Er liefert Beispiele, in denen ein Patient vor dem Selbstmordversuch mit dem Messer auf den Partner losgegangen ist, oder Mordabsichten in präsuizidalen Phasen von Suizidanten geäußert wurden. Überein-stimmend damit erwähnt RINGEL auch die erweiterten Suizidfälle, in denen ein Elternteil sich selbst umbringt, nachdem vorher die eigenen Kinder getötet wurden. In diesem Zusammenhang führt RINGEL die in Kriegszeiten sinkende Suizidrate auf diese Theorie zurück und postulierte, dass die Auslösung von Aggressionen gegen andere unter solchen Umständen legitimiert wird. Er betont, dass neben einer starken Abhängigkeit von einer einzigen Person auch andere Faktoren für die Hemmung der Aggression gegen andere verantwortlich sind, und nennt in diesem Zusammenhang die „übersteigerte Zivilisation“, in der es immer schwieriger wird „Aggressionen abzureagieren beziehungsweise wirkungsvoll entlastend zu kanalisieren“ (RINGEL, 1984, S. 61).

HACKER (1971) unterstützte diese These von RINGEL und stellt bei einer Population von 28 Mördern fest, sie hätten die Morde nur oder auch begangen, um selbst exekutiert zu werden. Ferner stellte er heraus, dass Mörder sehr häufig Suizidversuche in ihrer Vorgeschichte begangen haben.

Im Jahr 1953 erweiterte RINGEL sein Aggressionskonzept in seinem eher medizinisch orientierten Werk: „Der Selbstmord – Abschluss einer krankhaften psychischen Entwicklung“. Er beschreibt die Suizidalität als Ergebnis psycho-pathologischer Genese mit Hilfe einzelner Symptome. Das von ihm genannte „präsuizidale Syndrom“ hat nach RINGEL einen charakteristischen Verlauf, mit einen zentralen Symptom der „Ich-Verunsicherung“. RINGEL betont in dieser suizidalen Entwicklung den Zuwachs der Vulnerabilität und des Aggressionsdrucks sowie die Bildung eines strengen Über-Ich, welches Aggressionsabfuhr verbietet bzw. mit Selbstbestrafung vollendet. Das präsuizidale Syndrom RINGELs (1953) besteht aus der Trias:

1) Einengung . Der Betreffende fühlt sich in seiner Umgebung bedrängt und in der Entfaltung eigener Möglichkeiten entscheidend behindert. Die Wahrnehmung der Situation und die Bilanz des Lebens werden verzerrt. Die Zeit scheint stillzustehen und es gibt keine positiven zukünftigen Vorstellungen. Die Dynamik, der Antrieb und das Interesse an der Welt gehen verloren, aktives Handeln wird unmöglich, spontane Reaktionen hören auf. Die Person entwickelt sich in eine einzige Richtung, in die zum Selbstmord hin.
2) Autoaggression . Präsuizidale Personen stehen nach RINGEL unter starkem Aggressionsdruck und sehen keine Möglichkeit, die Aggression nach außen abzureagieren. „So wie sich die Dynamik der Persönlichkeit im Rahmen dieser Einengung entwickelt, so erhält auch der Aggressionstrieb in der präsuizidalen Entwicklung ein einziges Ziel, nämlich das eigene Selbst (RINGEL, 1984, S. 60).
3) Suizidphantasien. Die Suizidphantasien dienen, so RINGEL, zu einer psychischen Entlastung. Dabei wird nicht direkt an den Tod gedacht, sondern vielmehr an eine andere Form des Weiterlebens. In einer zweiten Stufe wird die Vorstellung konkretisiert, sich das Leben zu nehmen. Abschließend werden Einzelheiten geplant. 5)

Gegen Ende der fünfziger Jahre setzten Autoren wie Adler und Sullivan den Akzent auf die zwischenmenschliche Bedeutung der Suizidalität. Dabei vertraten sie die Meinung, dass die Suizidalität ein unzulängliches Interesse an der Gesellschaft widerspiegele: Die soziale Eingliederung der Person sei durch Hass und Feindschaft gekennzeichnet, und sie versuche gegen die anderen vorzugehen, indem sie sich selbst verletze.

In den letzten 30 Jahren wurde das Interesse der Psychoanalyse immer mehr von Aggressionen auf die narzisstische Gestaltung von Objekt-beziehungen gelenkt. Anders als FREUD – der Autoaggressionen lediglich auf Internalisierungsprozesse nach Objektverlust bezog – betrachtet HENSELER (1974) in seiner Narzissmustheorie die Autoaggression als direkte Folge jeder Verletzung oder Verunsicherung des Selbst. 6) Er vertritt die zentrale These, dass schwere Kränkungen eine maßlose narzisstische Wut hervorrufen. Dadurch sollen die Gefühle der Erniedrigung, Kränkung und Machtlosigkeit kompensiert werden. Nach HENSELER wird aber die Aggression so intensiv und bedrohlich erlebt, dass sie durch Wendung gegen die eigene Person unschädlich gemacht werden muss. HENSELER sieht die Aggression im Dienste der Abwehr und erklärt, dass Machtphantasien mit aggressivem Inhalt die Machtlosigkeits- oder Kränkungsgefühle in der suizidalen Krise kompensieren sollen.

KOHUT (1971, 1977) erklärt in seiner Narzissmustheorie den Verlust libidinöser Besetzungen des Selbst – und nicht die narzisstische Krise als Ursache der Suizidhandlung. Aggressionen sind nach KOHUT keine angeborenen Impulse, sondern eine situative Reaktion auf Verletzungen des Selbstwertgefühls in Form einer narzisstischen Wut. KOHUT unter-scheidet zwischen „nach Verschmelzung hungernden Persönlichkeiten“, die ständig mit größter Intensität versuchen, ihre Objekte zu kontrollieren, und „k ontakmeidenden Persönlichkeiten“, die er als „schizoiden Charaktertyp“ bezeichnet (vgl. KOHUT, 1973). Analog dazu unterscheidet MERTENS (1991) zwischen „reaktiven Narzissten“, die auf Kränkungen mit Wut reagieren, und „illusionären Narzissten“, die verletzte und kontaktmeidende Reaktionen zeigen.

Analog kann man in der narzisstischen Krise zwischen zwei Suizidtypen unterscheiden:

1) Der passive Suizidant: Dieser Typus zieht sich zurück, meidet gesellschaftliche Kontakte und richtet seine aggressiven Impulse nicht gegen das kränkende Objekt. In seinem regressiven Verhalten dominieren eher unbewusste Suizidmotive (Rückkehr in den „Primärzustand“ bzw. Wünsche nach Erlösung, Ruhe, Geborgenheit und Sicherheit, „V erschmelzung mit einem diffus erlebten früheren Objekt“, vgl. HENSELER, 1974).
2) Der aktive Suizidant: Dieser Typus führt um seine Selbstwertgefühle einen „narzisstischen Kampf“, wobei er auch eine massive narzisstische Wut gegen kränkende oder verlassende Objekte empfindet. Für ihn ist es unvermeidbar, sich mit seinen kränkenden Objekten auseinander-zusetzen und die Gefühle der Verachtung oder Rache herauszulassen. Allerdings mahnt HENSELER (1974), dass selbst dieser „Kampf“ nicht auf Dauer erhalten bleiben kann und durch die Suizidhandlung als „narzisstische Rettung“ endet. Im Gegensatz zu dem „regressiven Suizidanten“ werden dabei nicht die unbewussten Suizidmotive (wie die „Flucht in die Sicherheit“) angestrebt, sondern der aktive Suizidant interpretiert seine Selbsttötung als einen dramatischen Sieg seines Selbstwertgefühls oder eine Bestrafung des kränkenden Objekts.

Im Gegensatz zu der klassischen Aggressionstheorie von FREUD versteht die Narzissmustheorie den Aggressionskonflikt vordergründig als Ergebnis einer narzisstisch gestörten Persönlichkeit. „Der Hass auf das enttäuschende Objekt bleibt unbewusst und die tatsächlichen Selbstzerstörung wird als narzisstische Verwandlung uminterpretiert“ (HENSELER, 1991, S. 212).

KERNBERG postuliert übereinstimmend, dass die Selbsttötung als einzige Möglichkeit gesehen wird, das gehasste Objekt zu zerstören und das „narzisstische Ego“ zu „retten“ (1991). TEISING (1992) versteht diese Wünsche als regressive Abwehr des narzisstischen Charakters. Der Tod selbst wird in diesen Suizidphantasien geleugnet und der aggressive Hass gegen das kränkende Objekt bleibt unbewusst. ZILBOORG (1991) vertritt die Auffassung, dass jede Suizidhandlung eine unbewusste Komponente der Feindseligkeit enthält, die mit einer deutlichen Unfähigkeit einhergeht, andere zu lieben. Damit verbindet der Autor, die innerpsychische Dynamik, die den Suizid leitet, mit äußeren Faktoren (Objekten und sozialen Strukturen).

KIND (1992) stellt ein gewürdigtes Modell zur Suizidalität auf, das verschiedene genetische frühkindliche Entwicklungsphasen mit spezifischen Funktionen der Suizidalität differenziert. Dabei geht KIND von einer objektbeziehungstheoretischen Perspektive aus und erklärt die Suizidalität als Aktualisierung pathologischer frühkindlicher Objekter-fahrungen. Anders als FREUD versteht KIND die Suizidalität nicht als die Tötung eines introjizierten Objektes, sondern als dessen Änderungs-versuch. In dieser Veränderung soll aus einem gleich-gültigen und abweisenden Objekt ein anteilnehmendes und zugewandtes Objekt ge-schaffen werden. Die Suche nach einem zugewandten Objekt resultiert nach KIND aus einer traumatischen frühkindlichen Erfahrung, nämlich dem Nichtvorhandensein eines hinreichend bestätigenden Objekts. Das Kind benötigt dieses Objekt für seine Identitätsentwicklung und sucht bei ihm das „Gefühl der Existenzberechtigung“ (KIND, 1992).

Aus dieser objektbeziehungspsychologischen Perspektive werden weitere Muster der Auseinandersetzung mit „inneren Objekten“ beschrieben, die über die Selbst-Objekt-Beziehungen hinausgehen. HIRSCH (1998) sieht als Ursache des Suizidimpulses eine traumatische Störung der Selbst-Objekt-Differenzierung. Der Suizid versteht sich demnach als eine „Befreiungs-aktion“ eines inneren und unerträglichen Konflikts zwischen gleichstarken Abgrenzungs- wie Fusionswünsche gegenüber dem primären Objekt (vgl. Hirsch, 1998). KÜCHENHOFF (2001) geht von der psychoanalytischen Objektbeziehungstheorie aus und sieht den Suizid als eine misslungene psychische Repräsentation von Destruktivität. Demnach werden Suizid- und Suizidversuchshandlungen als unbewusste Appelle an den anderen verstanden (vgl. KÜCHENHOFF, 2001).

In den letzten Jahren wurden weitere Ansätze aus der psychoanalytischen Behandlung veröffentlicht, die spezifische neue Aspekte und relevante Zusammenhänge des Suizids eingehend erweitern. So werden die funktionalen Zusammenhänge zwischen Sucht, Trauma und Suizidalität anhand von klinischen Fallbeispielen dokumentiert und beschrieben (WURMSER, 2001; VOIGTEL, 2001). GERISCH (1998, 2001, 2003) befasst sich mit der allgemeinen geschlechtsspezifischen Suizidalität und geht jüngst durch eine ausführliche Falldarstellung dem Zusammenhang zwischen Suizidalität und der konfliktreichen weiblichen Identitätsentwicklung nach. Andere Arbeiten widmen sich der Aggressionsthematik bzw. Formen der Gewalt in der Suizidalität (CAMPBELL, 2003) und dem hochrelevanten Phänomen des erweiterten Suizids (vgl. GANS, 2003) unter psycho-analytischen Gesichtspunkten.

Z usammengefasst kann nach Sichtung der psychoanalytischen Erklärungsansätze festgehalten werden, dass in der Entstehung der Suizidalität unbewusste Komponenten (Konflikte, Triebe, Aggressionen) beteiligt sein können. Die verschiedenen psychoanalytischen Suizid-theorien, die nur schwer vereinbar sind, spiegeln zweifellos die Unterschiede in der allgemeinen Theorieentwicklung innerhalb der Psychoanalyse wider. Das wichtige Verdienst der psychoanalytischen Erklärungsmodelle besteht darin, den Suizid durch nachvollziehbare (dynamische, narzisstische oder objektale) Entstehungsprozesse oder –mechanismen beschreiben zu können. Damit wird das eher abstrakte und komplexe Phänomen der Suizidalität als Endprodukt einer psychischen Entwicklung verstanden. Denn die psychodynamischen Erklärungsansätze befassen sich mit den inneren und wohl komplexen Faktoren der Suizidalität. So betont Ringel (1983): „Außenfaktoren allein können niemals einen Selbstmord bewirken, weil keine Situation, und sei sie noch so trostlos, einen Suizid zu erzwingen und die entscheidende Stellungnahme der Persönlichkeit auszuschalten in der Lage ist“ (S. 53).

[...]

Ende der Leseprobe aus 189 Seiten

Details

Titel
Einstellungen zum Suizid in Deutschland und Israel - Ein Vergleich
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Freie Universität Berlin)
Note
Magna Cum Laude
Autor
Jahr
2005
Seiten
189
Katalognummer
V113013
ISBN (eBook)
9783640132980
ISBN (Buch)
9783640134670
Dateigröße
1091 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Einstellungen, Suizid, Deutschland, Israel, Vergleich
Arbeit zitieren
Dr. Guy Saar (Autor), 2005, Einstellungen zum Suizid in Deutschland und Israel - Ein Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113013

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Einstellungen zum Suizid  in Deutschland und Israel - Ein Vergleich



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden