Die mittelalterliche Stadt als Spielraum religiöser und politischer Interessen. Eine Untersuchung großbürgerlicher testamentarischer Tätigkeiten


Seminararbeit, 2007

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. DIE ROLLE DES BÜRGERTUMS IM SAKRALEN RAUM DER SPÄTMITTELATERLICHEN STADT

3. DAS GROßBÜRGERLICHE TESTAMENT ZWISCHEN AD PIAS CAUSAS UND REPRÄSENTATIONSINSTRUMENT
3.1 Rechenschaft zu Gott: Der fromme Bürger und sein Testament
3.2 Kirchenlegate und fabrica ecclesiae
3.3 Die Grabstätte als Statussymbol

4. SCHLUSSWORT

5. QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

Mit dem Aufkommen von Städten an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert bildete sich neben Kirche und Adel als dritte politische Kraft das Bürgertum heraus. Vertreten durch den Rat, der sich jedoch bald zur städtischen Obrigkeit entwickelte, erwarben die Bürgerlichen –gilt vor allem für das Großbürgertum- die Attitüden des Adels für sich.[1] Dies implizierte auch den Wunsch, ihre eigene Frömmigkeit coram publico und pompös zur Schau zu stellen. Der von ihnen erwirtschaftete Reichtum ermöglichte es ihnen individuelle Frömmigkeitspraktiken für das Erlangen ihres Seelenheils zu entwickeln und dadurch direkt den sakralen Raum einer Stadt durch Repräsentation ihrer selbst zu gestalten. Die Bürgertestamente liefern einen dokumentierten Beitrag dazu, in die Vorstellungswelt, die Denk- und Verhaltensweisen des spätmittelalterlichen Bürgers einzudringen und vor allem im Kontext dieser Hausarbeit ihr Stiftungsverhalten zu analysieren. Sie fassen bürgerlichen Vorstellungen von Religiosität ebenso gut wie deren kaufmännisches Denken und soziale Verhaltensweisen zusammen.[2] Überhaupt ist diese Bevölkerungsgruppe nur durch Testamente für die Wissenschaft als solche fassbar.[3] Als Schriftdokumente sind sie folglich gerade deshalb so wertvoll, da sie die Wünsche und Vorstellungen eines Lebenden für seinen Weg ins Jenseits festhalten.

In dieser Arbeit soll der enge Zusammenhang zwischen unbestritten starker Religiosität und der Absicht der Großbürger, durch ihr testamentarisches Verhalten ein Mehr an weltlicher Macht zu erlangen, aufgezeigt werden. Die als uneigennützig proklamierten, von der Ökonomie befreiten Handlungen, die vordergründig allein dem Erhalt des Seelenheils dienten, hatten enorm zur Etablierung und Aufrechthaltung der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Ordnung in der mittelalterlichen Stadt beigetragen. Ad pias causas und die Vorstellungen von dem idealen Tod sollen hier nicht relativiert werden. Vielmehr liegt die Intention darin, unter Heranziehung ökonomischer und politischer Aspekte, das testamentarische Verhaltensmuster dieser Bevölkerungsgruppe im Zusammenhang mit ihrer Religiosität aufzuzeigen.

Im gleich ansetzenden zweiten Kapitel dieser Seminararbeit, soll die Stadt als sakraler Raum thematisiert werden, denn gerade dieser bot den Bürgern die ideale Okkasion, um ihre Stiftungspraxis individualisieren und entfalten zu können. Bevor das testamentarische Verhalten im Kontext der Kirchenlegate und der Grabstätte untersucht wird, möchte ich durchleuchten inwiefern Testamente zur Repräsentationszwecken dienen konnten.

2. Die Rolle des Bürgertums im sakralen Raum der spätmittelalterlichen Stadt

Für die Etablierung der bürgerlichen Herrschaft spielte die Teilhabe an der Kirchenverwaltung eine bedeutende Rolle. Dies zeigten die Konflikte um das Patronatsrecht und die Verwaltung der fabrica ecclesiae, die während des 13. Jahrhunderts das Verhältnis zwischen dem durch den Rat vertretenen Bürgertum und dem Klerus in einer Stadt prägten.[4] In der Hansestadt Lübeck zum Beispiel, rivalisierten diese Gruppen ebenfalls um die Macht.[5] Anhand der uns überlieferten Testamente sind wir in der Lage, die klare Favorisierung der Marienkirche beim Stiften der Bürgerlichen herauszukristallisieren.[6] Der Bau des Doms und der Marienkirche demonstrierten die Stellung der beiden konkurrierenden Blöcke.

Distinktionszeichen konnten aber auch gesetzt werden, ohne die Vorstellung von der Ganzheit der Sakralgemeinschaft aufgeben zu müssen, denn gerade Kirchen und Klöster hatten die Stadt zu dieser werden lassen.[7] Zudem stellten die Gaben an Kirchen und Klöster eine wichtige wirtschaftliche Grundlage für diese dar, so dass die geistlichen Einrichtungen schon bald Verständnis für das ökonomische Handeln der Bürger entwickelten. Auf der einen Seite bildete sich mit der Zeit eine Interessensgemeinschaft heraus; den Bürgerlichen war der Weg geöffnet, ihr Seelenheil unter Berücksichtigung eigener Wünsche zu verwirklichen. Auf der anderen Seite sicherte dies der Kirche und den Klöstern Gelder für den Bau und die innere Gestaltung der Gotteshäuser sowie die Einkommen des Personals.[8]

Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Grund für die Entstehung einer Art Dependenz der Kirche gegenüber dem städtischen Bürgertum muss das starke Bevölkerungswachstum in den Städten gewesen sein. Die dadurch enorm steigende Anzahl der Hilfebedürftigen überstrapazierte die finanziellen Mittel dieser Institution; sie sah sich nicht mehr in der Lage, diesen Menschen alleine zu helfen.[9]

Hierin sahen die Bürgerlichen die Möglichkeit, ihrer Frömmigkeit Taten folgen zu lassen, indem sie zum Beispiel Hospitäler und Armenhäuser finanzierten oder die Armen und Kranken zum Beispiel mit Lebensmittel versorgten. Die Dependenz ist jedoch nicht als einseitig zu sehen, denn ebenso lag es im Interesse eines Bürgers in Harmonie mit den kirchlichen Instanzen zu leben und zu sterben.

Die einzelnen Kirchen existierten im Bewusstsein der Bürger als Gesamtheit innerhalb der sakralen Landschaft, aber auch die Klöster standen gleichwertig nebeneinander. Für den Erhalt und das Florieren der Sakrallandschaft einer Stadt trug die bürgerliche Führungsschicht enorm viel bei.[10] Die zahlreichen Kirchen, Klöster und Konvente, Pfarrkirchen, Bettelorden, Armenhäuser, Hospitäler und andere karitative Einrichtungen boten vor allem den Großbürgern ein vielfältiges Angebot, nach ihrem Tod ad pias causas einzusetzen und zu memoria zu gelangen.[11]

Das Leben in der Stadt war stark von Seuchengefahr, Bränden und Morden begleitet; es traten mannigfache Beunruhigungen auf, einem schnellen Tod zu erliegen.[12] Die Sehnsucht auf ein seliges Ende, eine Aussöhnung mit Gott, ihm Rechenschaft abzulegen, dokumentierte gleichzeitig den Willen seiner gesellschaftlichen Stellung entsprechend, den weltlichen Raum zu verlassen und die Absicht, die Existenz der eigenen Familie zu gewährleisten, was den Großbürger motivierte, gehaltsvolle Testamente zu verfassen. Durch die darin enthaltenen Stiftungen beschirmten sie das weitere Bestehen des sakralen Raumes.[13]

[...]


[1] Stefanie Rüther: Prestige und Herrschaft. Zur Repräsentation der Lübecker Ratsherren in Mittelalter und Früher Neuzeit, Köln 2003, S. 1f.

[2] Vgl. Johannes Schildhauer: Religiöse Vorstellungen, soziale Verhaltensweisen und kaufmännisches Denken des hansischen Städtebürgers auf der Grundlage Stralsunder Bürgertestamente, in: Jahrbuch für Regionalgeschichte, Bd. 16., II. Teil, Weimar 1989, S. 29.

[3] Vgl. Norbert Ohlert: Sterben und Tod im Mittelalter, München 1990, S. 45ff.

[4] Gunnar Meyer: Milieu und Memoria. Schichtspezifisches Stiftungsverhalten in den Lübecker Testamenten, in: Zeitschrift des Vereins für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde, Bd. 78., Lübeck 1998, S. 133.

[5] Vgl. ebd., S. 133f.

[6] Vgl. ebd., S. 133.

[7] Vgl. Rüther (2003), S. 221.

[8] Vgl. Schildhauer (1989), S. 30f.

[9] Vgl. Paul Binski: Medieval Death. Ritual and Representation, London 1996, S. 73ff.

[10] Vgl. ebd. S. 71f.

[11] Vgl. Rüther (2003), S. 65.

[12] Vgl. Erna Döring-Hirsch: Tod und Jenseits im Spätmittelalter, Berlin 1927., S. 3f.

[13] Vgl. Rüther (2003), 65ff.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die mittelalterliche Stadt als Spielraum religiöser und politischer Interessen. Eine Untersuchung großbürgerlicher testamentarischer Tätigkeiten
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
16
Katalognummer
V113015
ISBN (eBook)
9783640125746
ISBN (Buch)
9783640126507
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stadt, mittelalterliche Stadt, Großbürgertum, Testament
Arbeit zitieren
Bachelor Damir Hajric (Autor), 2007, Die mittelalterliche Stadt als Spielraum religiöser und politischer Interessen. Eine Untersuchung großbürgerlicher testamentarischer Tätigkeiten , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113015

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