In Max Lüthis erstmals 1951 herausgegebenen Werk "Das europäische Volksmärchen" unterteilt er die Merkmale von europäischen Volksmärchen in fünf Hauptkategorien, die bis heue maßgebend in der Märchenforschung sind. Die folgende Arbeit widmet sich der Fragestellung, inwiefern diese von ihm benannten Merkmale auch in japanischen Volksmärchen vorkommen und auf diese anwendbar sind.
Die Untersuchung der japanischen Volksmärchen bietet sich hierbei besonders an, da diese nach dem Vorbild der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm – welche die wohl bekannteste Sammlung von deutschen Volksmärchen ist – von Kunio Yanagita gesammelt wurden. Daher wird zu Beginn der Arbeit zunächst der Entstehungshintergrund und der mit der Veröffentlichung der Kinder- und Hausmärchen und des Tono-Monogatari bzw. Nihon no mukashibanashi verfolgte Zweck erläutert. Anschließend werden allgemeine sowie sprachliche und inhaltliche Märchenmerkmale von den deutschen Volksmärchen der Brüder Grimm und den japanischen Volksmärchen von Kunio Yanagita kurz aufgezeigt, um darauffolgend die Merkmale des europäischen Volksmärchen nach Lüthi darzustellen. Ausgehend von den zuvor herausgearbeiteten Merkmalen von Lüthi wird dann abschließend anhand von einigen ausgewählten japanischen Volksmärchen untersucht, ob diese Merkmale auch in den japanischen Volksmärchen aufzufinden sind.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Entstehung und Zweck der Kinder- und Hausmärchen und des Tono-Monogatari/ Nihon no mukashibanashi
2.1 Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm
2.2 Das japanische Volksmärchen im Tono-Monogatari und Nihon no mukashibanashi
3 Die Merkmale von deutschen und japanischen Volksmärchen
3.1 Merkmale von deutschen Volksmärchen
3.2 Merkmale von japanischen Volksmärchen
4 Die fünf Merkmale von europäischen Volksmärchen nach Lüthi
5 Die Merkmale von Volksmärchen nach Lüthi in Bezug auf japanische Volksmärchen
5.1 Die Muschelfrau
5.1.1 Inhalt
5.1.2 Merkmale nach Lüthi
5.2 Die Schlangenfrau
5.2.1 Inhalt
5.2.2 Merkmale nach Lüthi
5.3 Nukabuku, Komebuku
5.3.1 Inhalt
5.3.2 Merkmale nach Lüthi
6 Zusammenfassung
7 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern die fünf Hauptkategorien für europäische Volksmärchen nach Max Lüthi auf japanische Volksmärchen anwendbar sind und ob sich interkulturelle Gemeinsamkeiten in den Erzählstrukturen feststellen lassen.
- Entstehungsgeschichte der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm
- Kontext und Intention von Kunio Yanagitas Tono-Monogatari
- Definition der fünf Merkmale europäischer Volksmärchen nach Max Lüthi
- Analyse ausgewählter japanischer Volksmärchen auf Basis der Lüthi-Kriterien
- Vergleich interkultureller Gemeinsamkeiten und Differenzen in der Märchenforschung
Auszug aus dem Buch
4 Die fünf Merkmale von europäischen Volksmärchen nach Lüthi
Laut Lüthi lassen sich fünf eindeutige, textinterne Merkmale in Hinblick auf das Volksmärchen bestimmen: Eindimensionalität, Flächenhaftigkeit, abstrakter Stil, Isolation und Allverbundenheit, Sublimation und Welthaltigkeit.
Unter Eindimensionalität versteht Lüthi, dass den Volksmärchen die Welt der Menschen, die Diesseitige, und die der Zauberwesen, die Jenseitige, ineinander verwoben sind, ohne, dass die Personen im Märchen dies als ungewöhnlich wahrnehmen. So wundert sich beispielsweise im Märchen niemand darüber, wenn ein Tier plötzlich zu Sprechen beginnt. Selbst wenn der Märchenheld etwas Jenseitigen, wie z.B. einem Drachen begegnet, empfindet er keine Angst vor dem Drachen als jenseitiger Kreatur, sondern weil dieser an sich gefährlich ist. Dieselbe Angst würde der Märchenheld auch bei der Begegnung mit einem menschlichen Bösewicht empfinden.
Flächenhaftigkeit erläutert Lüthi als das Fehlen jeglicher Tiefengliederung. So sind die im Märchen vorkommenden Gestalten „Figuren ohne Körperlichkeit, ohne Innenwelt, ohne Umwelt; ihnen fehlt die Beziehung zur Vorwelt und zur Nachwelt, zur Zeit überhaupt.“
So gibt es im Märchen zwar z.B. kranke Prinzessinnen, doch wird die Art der Krankheit nicht näher beschrieben. Für den Leser entsteht der Eindruck, dass die Prinzessin trotz einer scheinbar schweren Krankheit „unwillkürlich unversehrt, nicht angefressen von Krankheit, aufgerissen durch Verwundung, entstellt durch Schwellungen“ ist, die Darstellungsweise erzeugt also nur ein sehr oberflächliches Bild. Auch die Gefühlswelt der Figuren wird nur sehr oberflächlich dargestellt, selbst wenn die Figuren z.B. schlecht behandelt wurden, scheine sie kein Bedürfnis nach Rache zu verspüren. Auch wenn die Bösewichte im Märchen oftmals bestraft werden, so geschieht dies so gut wie nie durch den Helden selbst, sondern durch Nebenfiguren oder Jenseitige.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Vorstellung der Fragestellung zur Anwendbarkeit von Max Lüthis Märchenmerkmalen auf japanische Volksmärchen.
2 Entstehung und Zweck der Kinder- und Hausmärchen und des Tono-Monogatari/ Nihon no mukashibanashi: Untersuchung der historischen Kontexte der Sammeltätigkeiten von den Brüdern Grimm und Kunio Yanagita.
3 Die Merkmale von deutschen und japanischen Volksmärchen: Definition und Abgrenzung der Begriffe Volksmärchen in beiden Kulturräumen.
4 Die fünf Merkmale von europäischen Volksmärchen nach Lüthi: Detaillierte Herleitung der theoretischen Kriterien nach Max Lüthi.
5 Die Merkmale von Volksmärchen nach Lüthi in Bezug auf japanische Volksmärchen: Empirische Überprüfung der Lüthi-Merkmale anhand der Märchen "Die Muschelfrau", "Die Schlangenfrau" und "Nukabuku, Komebuku".
6 Zusammenfassung: Synthese der Forschungsergebnisse und Gegenüberstellung der Märchentraditionen.
7 Fazit: Zusammenfassendes Ergebnis über die universelle Anwendbarkeit der Lüthi-Merkmale auf das japanische Volksmärchen.
Schlüsselwörter
Max Lüthi, Volksmärchen, Brüder Grimm, Kunio Yanagita, Tono-Monogatari, japanische Volksmärchen, Eindimensionalität, Flächenhaftigkeit, abstrakter Stil, Sublimation, Welthaltigkeit, Märchenforschung, Interkultureller Vergleich, Mukashibanashi, Kinder- und Hausmärchen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Übertragbarkeit der klassischen europäischen Märchen-Kategorien nach Max Lüthi auf japanische Volksmärchen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Geschichte der Märchensammlungen (Brüder Grimm vs. Yanagita), Märchen-Theorie und interkulturelle Literaturwissenschaft.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt, inwiefern die fünf von Lüthi benannten Merkmale europäischer Volksmärchen auch in japanischen Erzählungen vorkommen und auf diese anwendbar sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um einen literaturwissenschaftlichen Vergleich, der theoretische Modelle der Märchenforschung auf ausgewählte Textbeispiele anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung der Lüthi-Merkmale und deren praktische Überprüfung an drei spezifischen japanischen Märchen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Eindimensionalität, Flächenhaftigkeit, Volksmärchen, interkultureller Vergleich und die Arbeiten von Max Lüthi und Kunio Yanagita.
Inwiefern unterscheiden sich die "Muschelfrau" und die "Schlangenfrau" in der Anwendung der Lüthi-Merkmale?
Während beide Märchen die Eindimensionalität aufweisen, gestaltet sich der Nachweis der Isolation oder des abstrakten Stils aufgrund der Erzählkürze unterschiedlich schwierig.
Welche Rolle spielt der Begriff "wakon-yôsai" im Kontext von Yanagitas Arbeit?
Dieser Begriff der "nationalen Selbstbehauptung" unterstreicht Yanagitas Bestreben, japanische Identität durch die Erforschung des eigenen Volksglaubens gegenüber westlichen Einflüssen zu stärken.
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- Anonym (Author), 2019, Japanische und deutsche Volksmärchen. Ein interkultureller Vergleich nach Lüthi, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1130390