Als Abessinienkrieg wird die italienische Aggression gegen das Kaiserreich Äthiopien bezeichnet. Diese stellt ein Schlüsselereignis der Gewalteskalation der Zwischenkriegszeit dar. Die Italiener machten kein Geheimnis daraus, dass sie in dem Feldzug einen totalen Krieg sahen. Dementsprechende Mittel waren vorgesehen. Giulio Douhet formulierte, basierend auf den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges, seine Luftherrschaftsdoktrin, nach der eine technisch moderne Luftwaffe im Vordergrund steht. Durch einen Präventivschlag sollten alle urbanen, wirtschaftlichen und militärischen Zentren des Feindes zerstört und so die Zivilbevölkerung in den Krieg hineingezogen werden. Mit dieser Methode sollte in kurzmöglichster Zeit so viel Schaden wie möglich angerichtet werden. Damit wurde das Konzept des totalen Krieges auf die Spitze getrieben, da aus der Luft kein Unterschied zwischen Militärs und Zivilbevölkerung auszumachen war. Der Vorabend des Abessinienkrieges ist durch das Anlegen neuer Rahmenbedingungen und Standards gekennzeichnet. Es wurden Waffen und technische Hilfsmittel eingesetzt, die sich in Europa noch nicht durchgesetzt hatten. Beispielsweise Maschinengewehre, Funkgeräte, Flugzeuge und Panzer auf neustem technologischem Stand. Aus Sicht der italienischen Offiziere ergab sich in Abessinien die Möglichkeit operative, taktische und strategische Neuerungen auszutesten ohne den Weltfrieden zu riskieren. Auch die Mobilisierung zur Front erreichte einen Höhepunkt. Der Abessinienkrieg gilt als Experimentierfeld, sowohl in der Art der Kriegsführung als auch der Technologisierung und Gewalteskalation. Die dort erprobten neuen Kriegsführungen und -geräte fanden später Einsatz im Zweiten Weltkrieg. Zuweilen wird er als integraler Bestandteil des selbigen gehandelt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Der Abessinienkrieg - Historische Kontextualisierung
3 Entgrenzung der Gewalt
3.1 Chemische und bakteriologische Kriegsführung
3.2 Krieg gegen die Zivilbevölkerung
4 Folgen
4.1 Opferzahlen
4.2 Sanktionen gegen Italien
5 Erinnerungskultur
6 Internationale Bedeutung
7 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Abessinienkrieg (1935–1941) als ein Schlüsselereignis der Gewalteskalation in der Zwischenkriegszeit. Das primäre Ziel ist es, die Intensität der italienischen Kriegsführung, insbesondere den Einsatz chemischer Waffen und die gezielte Gewalt gegen die Zivilbevölkerung, wissenschaftlich zu analysieren, um die Frage zu klären, ob es sich dabei um einen kolonialen oder einen Vernichtungskrieg handelte.
- Historische Einordnung des Konflikts im Kontext der italienischen Expansionspolitik
- Analyse der Entgrenzung der Gewalt durch chemische und bakteriologische Kriegsführung
- Untersuchung der gezielten Terrorisierung und Unterdrückung der abessinischen Zivilbevölkerung
- Bewertung der internationalen Reaktionen, Sanktionen und der fehlenden juristischen Aufarbeitung
- Reflektion der Erinnerungskultur und der internationalen Bedeutung des Krieges
Auszug aus dem Buch
3. Entgrenzung der Gewalt
Einzelne Elemente der Kriegsführung in Abessinien wurden bereits in anderen Kolonialkriegen angewendet. Der Libyenkrieg war hier beispielsweise ein Referenzpunkt. Bekannte Maßnahmen wie die Einrichtung von Lagern, der Einsatz von Stacheldraht zum Absperren der Front, Waffen- und Nahrungsmittelblockaden, die Umsiedlung der Bevölkerung und die Zerstörung von fruchtbarem Land und Nutztier, kamen auch in Abessinien zur Anwendung. Trotz der Analogien zu vergangenen Konflikten kann im Abessinienkrieg eine neue Art der Kriegsführung ausgemacht werden. Noch nie zuvor kamen so große Mengen an qualitativen Waffen und technischen Gerät zum Einsatz.33 Geleitet von der Doktrin des schnellen und umfassenden Sieges gingen die italienischen Truppen mit äußerster Brutalität vor.34
3.1 Chemische und bakteriologische Kriegsführung
Während bei der Rückeroberung Libyens Gas nur am Rande eingesetzt wurde, nahm der Gaskrieg in Abessinien eine zentrale Rolle ein. Bei den Vorbereitungen des Abessinienfeldzuges rechneten die Verantwortlichen damit, dass die mit Chemie angereicherten Waffen rund zehn Prozent des gesamten Arsenals ausmachen sollten.35 Die Luftwaffe nahm, wie von Douhet postuliert, eine zentrale Position ein.36
Die ersten Einsätze wurden kurz vor Weihnachten 1935 geflogen. Daraus wurde ein sich über Monate hinziehender Gasterror. Aus Sicht des italienischen Militärs war Abessinien ein idealer Einsatzort für chemische Kampfstoffe, denn die Abessinier verfügten nicht über die Mittel einen chemischen Gegenschlag auszuüben.37 Außerdem sprachen taktische und strategische Gründe dafür. Einerseits ging es darum den Gegner zu terrorisieren und so dessen Moral und Vormarsch zu stoppen. Andererseits sollten auf diese Weise Durchgangswege unpassierbar gemacht werden.38 Darüber hinaus wurde Gas als Vergeltung eingesetzt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung definiert den Abessinienkrieg als Schlüsselereignis der Gewalteskalation und skizziert das Konzept des totalen Krieges als zentrales Analyseinstrument.
2 Der Abessinienkrieg - Historische Kontextualisierung: Dieses Kapitel bettet den Konflikt in die historische Expansionsgeschichte Italiens ein und erläutert die Vorgeschichte sowie die direkten Kriegsauslöser.
3 Entgrenzung der Gewalt: Hier wird der Einsatz chemischer Waffen sowie die systematische Gewalt gegen die Zivilbevölkerung und deren disziplinierende Wirkung untersucht.
4 Folgen: Dieser Abschnitt analysiert die verheerenden Opferzahlen sowie die Wirksamkeit und politische Motivation der internationalen Sanktionen gegen Italien.
5 Erinnerungskultur: Das Kapitel beleuchtet den Umgang mit der faschistischen Kolonialvergangenheit in Italien und Äthiopien nach 1945.
6 Internationale Bedeutung: Hier wird das Scheitern der Bemühungen um ein Kriegsverbrechertribunal sowie die globale Vorbildfunktion der angewandten Gewaltformen diskutiert.
7 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und ordnet den Abessinienkrieg final als Vernichtungskrieg ein, der neue Dimensionen der Kriegsführung eröffnete.
Schlüsselwörter
Abessinienkrieg, Italien, Äthiopien, totaler Krieg, Vernichtungskrieg, Kolonialgeschichte, Gaskrieg, Yperit, Völkerbund, Kriegsverbrechen, Faschismus, Gewalteskalation, Zivilbevölkerung, Apartheid, Erinnerungskultur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert den italienischen Abessinienkrieg von 1935 bis 1941 als ein prägendes Beispiel für die Entgrenzung militärischer Gewalt in der Zwischenkriegszeit.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Publikation behandelt?
Zu den Schwerpunkten zählen die italienische Expansionspolitik, die Eskalation militärischer Gewalt durch Chemiewaffen, das Schicksal der Zivilbevölkerung, internationale Sanktionen und die spätere Aufarbeitung bzw. Verdrängung dieser Ereignisse.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage der Untersuchung?
Die Arbeit verfolgt das Ziel, die Intensität der Kriegsführung zu analysieren und zu prüfen, inwieweit der Abessinienkrieg als ein genuiner Vernichtungskrieg und nicht lediglich als konventioneller Kolonialkrieg einzustufen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer historischen Quellenanalyse unter Einbeziehung der einschlägigen Fachliteratur, um den Verlauf des Krieges und dessen internationale Einordnung zu rekonstruieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert behandelt?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die spezifischen Methoden der Kriegsführung, wie den Einsatz von Giftgas (Yperit), die strategische Terrorisierung der Zivilbevölkerung und die Folgen dieser Politik, ergänzt durch eine Analyse der politischen Reaktionen durch den Völkerbund.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die inhaltliche Ausrichtung?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Abessinienkrieg, totaler Krieg, Faschismus, Kriegsverbrechen, Giftgaseinsatz und Erinnerungskultur treffend beschreiben.
Warum blieb die juristische Aufarbeitung der Kriegsverbrechen nach 1945 weitgehend aus?
Dies war primär dem politischen Klima des beginnenden Kalten Krieges und der strategischen Entscheidung der Westalliierten geschuldet, Italien als Bündnispartner gegen den sowjetischen Einfluss stabil zu halten, anstatt eine breite Aufarbeitung der Verbrechen in Afrika zu forcieren.
Wie unterscheidet sich der Abessinienkrieg laut Autor von anderen Kolonialkonflikten der Zeit?
Er unterscheidet sich durch die Systematisierung menschlicher, technischer und finanzieller Mittel, die Totalisierung der Kriegsführung sowie die Anwendung neuer Gewaltformen, die weit über das bis dahin bekannte Maß kolonialer Unterdrückung hinausgingen.
- Arbeit zitieren
- Anton Kleister (Autor:in), 2019, Der Abessinienkrieg: Kolonial- oder Vernichtungskrieg?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1130769