Die Solowezker Lager zur besonderen Verwendung - Mutter der GULag?


Hausarbeit, 2002

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die SLON in den frühen zwanziger Jahren
2.1 Die Unwirklichkeit der Solowezki Inseln
2.2 Kategorisierung der Häftlinge
2.3 Verwaltung und Selbstverwaltung

3. Die SLON in der Experimentierphase 1925-1930
3.1 Bedeutung Frenkels
3.2 Arbeitsnorm und ihre Folgen
3.3 Wirtschaftliche Ausbeutung der Häftlinge

4. Die SLON als Besserungsarbeitslager

5. Auswüchse der Solowezker Lager

6. Schluss

7. Anhang

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Solowki Inseln stehen zum einen für die Schönheit der Natur mit ihren unzähligen Seen, den Pflanzen und Tieren, zum anderen für ein mörderisches Lagersystem, welches auf den Inseln seinen Ursprung finden sollte.

Die Hausarbeit beschäftigt sich mit der Entstehung der Solowezker Lager in den frühen Zwanzigern bis hin zu deren Schließung 1939.

Sie soll der Frage Aufschluss geben, inwiefern die „Solowezker Lager zur besonderen Verwendung“ als Mutter der GULag betrachtet werden können. Der Begriff Mutter ist in diesem Zusammenhang eher als Ursprung zu verstehen. Um diesen Ursprung klären zu können, muss zuerst folgenden Fragen nachgegangen werden: Was war an diesem Lagersystem neu? Was waren die Vorteile dieses neuen Lagertypus? Welche Parallelen gibt es zwischen den Solowezker Lagern und dem sowjetischen System der Zwangsarbeit, kurz GULag genannt?

Um diese Fragen beantworten zu können, ist es wichtig sich einen Überblick über die Entwicklung der Lager zu verschaffen. In der Anfangszeit ähnelten die „Solowezker Lager zur besonderen Verwendung“ in Aufbau und Insassenschaft eher herkömmlichen Konzentrationslagern. Für die Untersuchung besonders wichtig wird Solowki ab Mitte der zwanziger Jahre, denn nun nahm sie die Züge an, welche später charakteristisch für die GULag werden sollten. Ab 1925 kann man das Lager als ein Experiment betrachten, dass sich von dem Gedanken eines isolierten Gefängnisses verabschiedete, um neue wirtschaftliche Ziele zu verfolgen. Auf Solowki entwickelte sich ein neuer Typus von Lager, welcher sich bald aufgrund seiner überragenden „Vorteile“ auf dem Festland ausbreitete. Die Untersuchung dieser Phase bildet den Schwerpunkt der Hausarbeit.

„Die Solowki-Inseln waren das Fundament auf dem die neuen Formen und Methoden des Freiheitsentzuges und des Zwanges erprobt wurden.“ (Heller: 1975 : 80)

Zur Behandlung dieses Themas habe ich mich entschlossen, weil viele Menschen, die sich mit der Geschichte Russlands beschäftigen, mehr oder weniger über die GULag wissen, sich jedoch selten mit deren Ursprung auseinandergesetzt haben. Wie und unter welchen Umständen sich dieser Lagertyphus entwickelte, welche „Vorzüge“ er hatte und warum sich die spätere GULag an dem in Solowki erprobten Modell orientierte, dass möchte die Hausarbeit aufzeigen.

2. Die SLON in den frühen zwanziger Jahren

Die „Nördlichen Lager zur besonderen Verwendung“, auch SLON genannt, wurden 1921 gegründet. Die ersten Lager dieser Art entstanden in Pertominsk, Cholmogory und unmittelbar bei Archangelsk. Es folgten Kem und die Solowezki Inseln, das Herz der nördlichen Lager. Zunächst waren die SLON Hafteinrichtungen keine wirtschaftlichen Einrichtungen, sondern dienten vielmehr als Isolationsgefängnisse für politische Gegner. (Vgl. Stettner: 1996: 76f)

2.1 Die Unwirklichkeit der Solowezki-Inseln

1923 erfolgte innerhalb des SLON Lagersystems eine Umorganisation. Die Festlandslager wurden aufgelöst, weil sie, so vermutet Solschenizyn (1974: 20), nicht ausbaufähig und schwer kontrollierbar waren. Die Häftlinge wurden auf die Solowezki Inseln, kurz Solowki, transportiert.

Der Solowezki Archipel besteht aus einer Gruppe kleinerer Inseln im Weißen Meer, welche etwa 70 km vom Festland entfernt liegen. Fluchtversuche waren aufgrund der großen Entfernung so gut wie ausgeschlossen.

Die Inseln, die in den zwanziger und dreißiger Jahren zu einer traurigen Berühmtheit wurden, gehören mit ihrer Pflanzen aber auch Tiervielfalt zu den schönsten Plätzen Russlands.

Eine große Anzahl an Seen liegt zwischen den von Wald bedeckten Inseln. Das sonst sehr rauhe Klima im Norden wird durch den Golfstrom gemildert. (Dallin und Nicolaevsky: 1948: 77f)

Ausreichend infrastrukturelle Grundlagen für einen Lagerkomplex boten das alte Kloster, samt seiner Gebäude, Werkstätten und Wege. Das Kloster wurde im 15. Jahrhundert von Mönchen auf der großen Solowezki Insel gegründet. Nach der Zarenzeit nutzte man es als Gefängnis ehe es der Unionsbehörde, OGPU genannt, unterstellt wurde.

Lageraußenstellen wurden auf den umliegenden kleineren Inseln und im Inneren der Hauptinsel errichtet.

Verteidigungs-, Sammelstelle und Transitpunkt für die Solowki Lager waren anfangs die Poppow Inseln, später ein Lager in der Stadt Kem.

Die Lager der SLON gliederten sich in sechs Lagerabteilungen. Drei davon, darunter auch die Hauptabteilung im Kreml, lagen auf der großen Solowezki Insel, dem Zentralpunkt, die restlichen auf den anderen Inselgruppen. (Vgl. Stettner: 1996: 78)

2.2 Kategorisierung der Häftlinge

Mit der Auflösung der Festlandslager Archangelsk, Kolmogor und Petrominsk erfolgten die ersten größeren Transporte von Gefangenen auf die Solowezki Inseln.

Die Häftlinge wurden im Sommer per Boot zu den Inseln verschifft, im Winter war dies unmöglich, da das Meer durch die stetig tiefen Temperaturen gefror. Zu dieser Zeit mussten die Häftlinge die Strecke zwischen Kem und den Inseln zu Fuß zurücklegen. (Vgl. Solschenizyn: 1974: 32f)

Die Insassenanzahl umfasste 1923 mehrere Tausend. In der Literatur sind dazu verschiedene Angaben zu finden, so berichtet Solschenizyn (1974: 41) von 2000 während Dallin und Nicolaevsky (1948: 81) 4000 Häftlinge angeben. Innerhalb der ersten Jahre nahm die Zahl der Häftlinge rapide zu.

In der SLON sind, ähnlich den Konzentrationslagern, drei Kategorien von Häftlingen zu unterscheiden: Kriminelle, „Konterrevolutionäre“ und „Politische“.

Die Kriminellen waren anfangs ohne größere Bedeutung. Sie mussten die „(...) schwersten Arbeiten unter den schlimmsten Bedingungen verrichten, unter Bedingungen, die von der Lagerleitung ganz willkürlich festgelegt wurden.“ (Heller: 1975: 79f) Erst mit der Zunahme der Kriminellen ab 1926 wuchs ihr Einfluss.

Bedeutender waren die letzteren Kategorien. Zu den „Konterevolutionären“, die den größten Anteil der frühen SLON Gefangenen ausmachten, gehörten Anhänger und Führer ehemaliger Rechtsparteien, Anhänger des vorrevolutionären Regimes, zaristische Offiziere, leitende Beamte, Geschäftsleute, Priester und andere Untergruppen.

Sozialrevolutionäre, Menschewiki und Anarchisten galten als „antisowjetische“ und wurden als „Politische“ bezeichnet. Die „Politischen“ gehörten zu der kleinsten Gruppe und doch waren sie am einflussreichsten und privilegiertesten. Zwischen den politischen Häftlingen und den anderen verlief eine deutliche Trennungslinie. Die „Politischen“ genossen in der Anfangszeit auf Solowki, wie auch in anderen Konzentrationslagern, Selbstverwaltung und Sonderrechte. Sie bekamen bessere Verpflegung, die „politische Ration“, konnten ihre persönlichen Gegenstände behalten und waren von Zwangsarbeit befreit. (Vgl. Heller: 1975: 79) Die Verwaltung der Lager (USLON) versuchte ab Dezember 1923 mehrmals diese Privilegien zu beschneiden, konnte sich aber nicht dem Widerstand der Häftlinge widersetzen und verlegte daraufhin im Frühjahr 1925 die meisten politischen Gefangenen samt ihrer Anführer in zwei Politisolatoren im Inneren Russlands. (Vgl. Stettner: 1996: 79f)

2.3 Verwaltung und Selbstverwaltung

Die „Nördlichen Lager zur besonderen Verwendung“ sowie die Verwaltung der Lager, waren der Unionsbehörde (OGPU) in Moskau unterstellt. Alle inhaftierten Gefangenen waren durch die OGPU verurteilt worden. (Vgl. Heller: 1975: 79)

Die USLON, die zuvor in Archangelsk ihren Sitz hatte, zog 1923 in den Kreml auf die große Solowezki Insel um. Aus den „Nördlichen Lagern zur besonderen Verwendung“ (SLON) wurden daraufhin die „Solowezker Lager zur besonderen Verwendung“ (SLON). (Vgl. Stettner: 1996: 76f)

In den ersten Jahren lehnte sich die Verwaltungsstruktur der SLON an die von Konzentrationslagern an. Nach Solschenizyn (1974: 46f) besaß die Informations- und Untersuchungsstelle die höchste Priorität innerhalb des Lagers.

Sie vollzog Entscheidungen über Strafen, Personalakten, Spitzelberichte, vorzeitige Entlassungen und Erschießungen, sowie die Zensur der Pakete und Briefe.

Dem gegenüber stand die Verwaltung. Ihr unterstand die Arbeitseinteilung, Verlegungen auf der Insel und der Abtransport zu den Außenstellen.

Es existierte auch eine Stelle für Kultur und Erziehung, eine Sanitätsstelle und eine Wirtschaftsstelle, diese waren jedoch halb verkümmert. (Vgl. Solschenizyn: 1974: 46)

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Solowezker Lager zur besonderen Verwendung - Mutter der GULag?
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)  (Kulturwissenschaft)
Veranstaltung
Stalinismus
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
17
Katalognummer
V11309
ISBN (eBook)
9783638175029
Dateigröße
892 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Solowezker, Lager, Verwendung, Mutter, GULag, Stalinismus
Arbeit zitieren
Melanie Lüdtke (Autor:in), 2002, Die Solowezker Lager zur besonderen Verwendung - Mutter der GULag?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11309

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