Das Verhalten der Herrscher zu den Ausschreitungen gegenüber den Juden im Ersten Kreuzzug


Seminararbeit, 2004

17 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die rechtliche Stellung der Juden

3. Das Verhalten der Kirche

4. Das Verhalten Kaiser Heinrichs IV

5. Der Ablauf der Ausschreitungen und das Verhalten der Bischöfe in den einzelnen Städten
5.1 Trier
5.2 Speyer
5.3 Worms
5.4 Mainz
5.5 Köln

6. Unterschiede im Zweiten Kreuzzug

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Am 27. November 1095 hielt Papst Urban II. zum Abschluss des Konzils von Clermont eine Rede, die letztendlich den Ersten Kreuzzug auslösen sollte und vor allem den Juden im Rheinland ein Jahr der Bedrohung und des Todes bescherte. In dieser Arbeit geht es nun vor allem darum zu zeigen, wie die kirchlichen und weltlichen Herrscher auf die Ausschreitungen gegenüber den Juden reagiert haben. Hierzu soll erst einmal die rechtliche Situation der Juden im Vorfeld des Kreuzzuges dargestellt werden, um zu sehen, von wem die Juden Schutz zu erwarten hatten. Anschließend wird dann betrachtet, ob bzw. wie Kaiser und Kirche versuchten, die Juden zu beschützen und Ausschreitungen zu verhindern. Diese Ausschreitungen betrafen nicht das ganze Land, sondern beschränkten sich auf einige Städte vor allem im Rheinland. Dieses waren Trier, Speyer, Worms, Mainz und Köln. Deshalb wird im fünften Teil der Arbeit der Ablauf der Ausschreitungen in den einzelnen Städten kurz beschrieben. Zudem steht im fünften Teil das Verhalten der Bischöfe als lokale Herrscher dieser Städte im Vordergrund, d.h. wie sie auf die Angriffe gegen die Juden reagierten. Im nächsten Teil soll dann, bevor am Ende der Arbeit ein Fazit gezogen wird, noch ein Ausblick auf den Zweiten Kreuzzug geworfen und herausgearbeitet werden, ob es Unterschiede im Verhalten gegenüber den Juden gab.

Wichtig ist sicherlich noch, dass die Angriffe auf die Juden nicht von den eigentlichen Kreuzfahrerheeren ausgingen, die ihren Aufbruch für den 15. August 1096 festgelegt hatten. Zu dieser Zeit waren die jüdischen Gemeinden im Rheinland aber schon zu großen Teilen zerstört, denn vorher waren große Scharen in Belgien, Frankreich und dem Rheinland aufgebrochen, die für die Ausschreitungen verantwortlich waren. Hierbei handelte es sich um den so genannten Bauern- bzw. Volkskreuzzug, dessen Heere sich meistens um selbsternannte Führer, wie Peter den Einsiedler oder den Grafen Emicho, sammelten. Diese Heere bildeten große Züge, die kaum organisiert waren.

Für die Ausschreitungen des Jahres 1096 stehen uns vor allem drei hebräische Quellen zur Verfügung, auf die sich fast die komplette Sekundärliteratur stützt, die hier verwendet wurde. Dieses sind die Berichte des Mainzer Anonymus, von Solomon ben Simson und Rabbi Eliezer ben Nathan. Robert Chazan ordnet diese Quellen so ein, dass die Berichte des Mainzer Anonymus und von Solomon ben Simson unabhängig voneinander sind, aber sich auf dieselben Berichte über die Verfolgung in Mainz stützen. Die Chronik von Rabbi Eliezer ben Natahan ist eine kurze Version des längeren Berichts von Solomon ben Simson. Die beste und möglicherweise früheste Quelle ist die des Mainzer Anonymus. Alle drei sind parteiisch zugunsten der Juden, aber die Ereignisse sind genau berichtet. So spricht die Detailliertheit und Diversifiziertheit der Berichte von Solomon ben Simson und des Mainzer Anonymus für ihre Zuverlässigkeit.[1]

2. Die rechtliche Stellung der Juden

Bis zu den Kreuzzügen sind wir über die rechtliche Situation der Juden nur sehr unvollständig unterrichtet, aber sie scheinen genauso wie alle anderen Einwohner behandelt worden zu sein, d.h. auch sie waren den Bischöfen und den kaiserlichen Beamten unterworfen. Von einer besonderen Abhängigkeit aller Juden zum Kaiser ist nichts bekannt.[2] Der rechtliche Schutz erfolgte durch Privilegien, die aber nicht für die Juden im ganzen Reich galten, sondern nur für Einzelpersonen bzw. einzelne Gemeinden. Vor dem Ersten Kreuzzug sind uns zwei Privilegien bekannt. Das erste ist ein Privileg des Bischofs Rüdiger von Speyer von 1084 für die Juden seiner Stadt. Das zweite wurde 1090 von Kaiser Heinrich IV. für die Juden von Speyer und Worms erteilt. Ein Fehlen von Privilegien für andere Gemeinden bedeutet aber nicht, dass die Juden dort schutzlos waren. Aber man kann aufgrund des Fehlens auch nicht davon ausgehen, dass es ein allgemeines Judenrecht gab, denn je nach lokalen Gegebenheiten waren es unterschiedliche politische Gewalten, die aus eigener Macht- bzw. Machtverleihung den Judenschutz ausübten. Dieses geschah meist gegen Zahlungen der Juden.[3] Das Fehlen weiterer Privilegien bedeutet auch nicht, dass es keine weiteren gab, sondern sie sind uns möglicherweise nur nicht bekannt. So vermutet Sara Schiffmann ein Privileg für die Mainzer Gemeinde aufgrund ihrer großen Bedeutung. Außerdem übernahm es die Mainzer Gemeinde, einen Gesandten zum Kaiser nach Italien zu schicken, um diesen um Schutz zu bitten. Was auch dafür spricht, dass die Mainzer Gemeinde ein Privileg hatte. Alle nicht privilegierten Juden genossen nur den allgemeinen Königsschutz als Fremde. Sie waren somit vom guten Willen des Kaisers abhängig, sie im Notfall zu beschützen.[4]

Nun möchte ich noch einmal etwas genauer auf die Privilegien von Speyer und Worms eingehen, da es hier einen interessanten Unterschied gibt. Dieser besteht darin, dass in Worms die Juden direkt Heinrich IV. unterstanden, wohingegen in Speyer der Bischof neben dem Kaiser noch gewisse Rechte hatte, z.B. ist er der Gerichtsherr, und der Vorsteher der Gemeinde ist ihm unterstellt. Dieser Unterschied ist als politische Folge des Investiturstreites und der Parteistellung der Bischöfe von Worms und Speyer zu sehen. So nahm Adalbert von Worms eine feindliche Haltung zu Heinrich IV. ein. Dieses veranlasste die Wormser Bürger, Adalbert 1085 aus der Stadt zu vertreiben. Heinrich setzte nun Leute seines Vertrauens als Bischöfe ein, und er schaffte es in einer Phase der Schwäche der bischöflichen Macht, den Bischofsschutz vollständig an sich zu ziehen.[5]Der Bischof von Speyer, Rüdiger, war dagegen ein Parteigänger Heinrichs IV.. Er hatte 1084 aus eigener Macht Juden aufgenommen und ihnen Schutz und weitgehende Rechte versprochen, um den Einfluss seiner Stadt zu vergrößern.[6]Kurz vor dem Tode Rüdigers wandten sich die Mainzer Juden mit dessen Unterstützung an den Kaiser und baten ihn um Schutz. Dieser nahm sie mit dem Privileg von 1090 unter seinen Schutz, aber ließ die Bestimmungen von 1084 unangetastet, so dass der Bischof seine Rechte behielt. Neben den anderen politischen Bedingungen in Speyer kann ein weiterer Grund für die Privilegierung des Speyerer Bischofs sein, dass der Nachfolger Rüdigers ein Neffe des Kaisers war.[7]

Folgende Punkte werden unter anderem in der Speyerer Urkunde geregelt: Schutz des Eigentums und der Person, Handels- und Zollfreiheit, Befreiung von jeder Abgabe, Verbot der Zwangstaufe, eigene Gerichtsbarkeit. Außerdem werden die Beziehungen zu den Christen geregelt.[8]

Wir haben gesehen, dass es vor dem Ersten Kreuzzug noch keinen allgemeinen Schutz für die Juden im ganzen Reich gab. Dieser wurde erst 1103 durch die Aufnahme der Juden in den Reichslandfrieden geschaffen, was als Folge der Kreuzzüge zu werten ist.[9] Weiterhin haben wir festgestellt, dass der Kaiser und auf lokaler Ebene die Bischöfe für die Sicherheit der Juden verantwortlich waren. Wie diese sich dann während der konkreten Bedrohung im Jahr 1096 verhalten haben, werden wir noch betrachten. Im nächsten Teil der Arbeit soll aber erst einmal das Verhalten der Amtskirche und des Papstes analysiert werden.

3. Das Verhalten der Kirche

Der Papst verfolgte mit dem Kreuzzug nicht die Absicht, Muslime und Juden zum Christentum zu bekehren, schon gar nicht unter der Androhung des Todes, denn das Kirchenrecht sah ein Verbot von Zwangstaufen vor, aber auch ein Verbot, dass die Konvertierten zu ihrer Religion zurückkehren.[10] Papst Urban II. hatte nur zur Befreiung von muslimischer Herrschaft aufgerufen. Dieser Aufruf wurde radikalisiert und so ausgelegt, dass gegen alle Feinde Gottes vorgegangen werden solle. Dieses waren dann nicht nur die weit entfernt lebenden Moslems, sondern vor allem die größten Feinde Gottes, die Juden, die zudem noch im eigenen Land wohnten. Das Ziel der antijüdischen Gewalt bestand darin, dass die Juden konvertieren, aber wenn dieses nicht möglich war, sie zu töten. Auch hier wurden vorhandene Lehren verdreht, um dieses Verhalten zu begründen, was sicherlich durch die unklare Position der Kirche gegenüber den Juden begünstigt wurde.[11] Die Aufgabe der kirchlichen Lehrinhalte fiel den Kreuzfahrern um so leichter, da der Judenschutz von Bischöfen und weltlichen Herren ausgeübt wurde, die als Anhänger des gebannten Kaisers bei den Parteigängern Urbans II. ihre Autorität eingebüßt hatte.[12]Die Vorstellung die] Taufe mit Gewalt zu erzwingen, war mit der des Papsttums und der Hochkirche eigentlich unvereinbar. Die Rache an den Mördern Jesus wurde auch nicht von den offiziellen Vertretern der Kirche propagiert, sondern von volkstümlichen Predigern, wie dem schon erwähnten Peter dem Einsiedler. Allerdings hatte der schon länger in der christlichen Theologie bestehende Antijudaismus sicherlich seinen Anteil daran, dass es zu den Verfolgungen kam.[13] Weitere Gründe liegen in den tiefgehenden religiösen Veränderungen der christlichen Gesellschaft, die durch die Begriffe eucharistische Frömmigkeit, Armutsbewegung, Kirchenreform und Endzeiterwartung charakterisiert werden können. Der Gipfel dieser Entwicklung war die Kreuzzugsbewegung.[14]

Obwohl, wie wir gesehen haben, die Kirche und der Papst Zwangstaufen und Judenverfolgung gar nicht beabsichtigten bzw. ablehnten, ist von Papst Urban II. kein

Eingreifen und auch kein Bedauern der Vorfälle belegt.[15] Diese Gleichgültigkeit ist ein Unterschied zum Zweiten Kreuzzug, wie wir noch sehen werden.

[...]


[1] Vgl. Chazan, Robert, European Jewry and the First Crusade, Berkeley 1987, S.41ff.

[2] Vgl. Stobbe, Otto, Die Juden in Deutschland während des Mittelalters in politischer, sozialer und rechtlicher Beziehung, Amsterdam 1968, S.8

[3] Vgl. Toch, Michael, Die Juden im mittelalterlichen Reich, München 1998, S.46.

[4] Vgl. Schiffmann, Sara, Heinrich IV. und die Bischöfe in ihrem Verhalten zu den deutschen Juden zur Zeit des ersten Kreuzzuges, Berlin 1931, S.22f.

[5] Vgl. Lohrmann, Klaus, Judenrecht und Judenpolitik im mittelalterlichen Österreich, Wien 1990, S.24ff.

[6] Vgl. Toch, Michael, Die Juden im mittelalterlichen Reich, München 1998, S.46.

[7] Vgl. Lohrmann, Klaus, Judenrecht und Judenpolitik im mittelalterlichen Österreich, Wien 1990, S.27f.

[8] Vgl. Schiffmann, Sara, Heinrich IV. und die Bischöfe und ihr Verhalten zu den deutschen Juden zur Zeit des ersten Kreuzzuges, Berlin 1931, S.20.

[9] Vgl. Stobbe, Otto, Die Juden in Deutschland während des Mittelalters in politischer, sozialer und rechtlicher Beziehung, Amsterdam 1968, S.9.

[10] Vgl. Lotter, Friedrich, Tod oder Taufe, Das Problem der Zwangstaufe während des ersten Kreuzzuges in: Juden und Christen zur Zeit der Kreuzzüge hrsg. von Haverkamp, Alfred, Sigmaringen 1999, S.108 u. 115. 11Vgl. Chazan, Robert, European Jewry an the First Crusade, Berkeley 1987, S. 75ff.

[12] Vgl. Lotter, Friedrich, Tod oder Taufe, Sigmaringen 1999, S.126.

[13] Vgl. Lotter, Friedrich, Der theologische Antijudaismus vor dem ersten Kreuzzug in: 1096 – Der erste Kreuzzug und die Verfolgung der Juden in deutschen Städten hrsg. von Bach, Dieter u. Barkenings, Hans-Joachim, Mülheim 1996, S.6.

[14] Vgl. Toch, Michael, Die Juden im mittelalterliche Reich, München 1998, S.112.

[15] Vgl. Flesch, Stefan, Die Verfolgung und Vernichtung der jüdischen Gemeinde von Köln während des Ersten Kreuzzuges in: Der Erste Kreuzzug 1096 und seine Folgen. Die Vernichtung von Juden im Rheinland, Düsseldorf 1996, S. 85.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Das Verhalten der Herrscher zu den Ausschreitungen gegenüber den Juden im Ersten Kreuzzug
Hochschule
Universität Potsdam  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Der Erste Kreuzzug und das mittelalterliche Aschkenas
Note
1,0
Jahr
2004
Seiten
17
Katalognummer
V113118
ISBN (eBook)
9783640133246
Dateigröße
408 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verhalten, Herrscher, Ausschreitungen, Juden, Ersten, Kreuzzug, Erste, Kreuzzug, Aschkenas
Arbeit zitieren
Anonym, 2004, Das Verhalten der Herrscher zu den Ausschreitungen gegenüber den Juden im Ersten Kreuzzug, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113118

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