Die Relevanztheorie (RT) leitet sich aus dem Kooperationsprinzip und den
Konversationsmaximen von Grice ab.
(1) Kooperationsprinzip (Grice, 1975): Die Beteiligten gestalten ihre Äußerung so, wie
es zum Erreichen des Zwecks des Kommunikationsaktes erforderlich ist.
Demnach muss ein Sprecher darauf vertrauen können, dass sein Zuhörer die richtigen
Schlussfolgerungen aus seiner Äußerung zieht. Durch die Maxime der Quantität (Sei so
informativ wie nötig und möglich!), Qualität (Sage nichts Falsches!), Relevanz (Sei relevant!)
und Modalität (Sei klar!) wird dies möglich. Sperber und Wilson haben Grice’ Theorie
weiterentwickelt. Sie nehmen an, dass von den vier Konversationsmaximen nur die Maxime
der Relevanz nötig sei, damit Sprecher und Hörer ihr gemeinsames Ziel in der
Kommunikation erreichen. Ihr Relevanzprinzip besagt, dass sich jeder Akt der ostensiven
Kommunikation mit der Annahme der eigenen optimalen Relevanz vollzieht. Anders als bei
Grice werden Äußerungen nicht als Kode, sondern als ostensiver Stimulus gesehen, der beim
Hörer einen pragmatischen Folgerungsprozess auslöst, der durch die Erwartung an die
optimale Relevanz gesteuert wird. Die unterschiedlichen Annahmen von Grice und Sperber
und Wilson führen auch zu unterschiedlichen Ansichten in Bezug auf den kommunikativen
Gehalt von Äußerungen und auf das, was gesagt oder gemeint ist. In den folgenden
Abschnitten werde ich in Anlehnung an den Text Relevance Theory and the
Saying/Implicating Distinction von Robyn Carston auf diese Unterschiede näher eingehen. Für die RT sind zwei Unterscheidungen wichtig. Zum einen der Unterschied zwischen der
linguistisch entschlüsselten und der pragmatisch gefolgerten Bedeutung, der als
Semantik/Pragmatik-Unterscheidung betrachtet werden kann. Die semantische Repräsentation
dient als Input für den pragmatischen Prozessor, der durch ostensive Stimuli ausgelöst wird.
Der linguistische Prozessor nutzt einen Kode in Form einer natürlichen Sprache, der
pragmatische tut dies nicht. Die zweite Unterscheidung ist die zwischen Explikatur und
Implikatur, welche nach Sperber und Wilson (1986) folgendermaßen definiert sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entschlüsselung/Folgerung & Explikatur/Implikatur
3. Pragmatische Aspekte von Explikaturen
4. Konversationelle Implikaturen
5. Explikatur oder generalisierte konversationelle Implikatur?
6. Skalare Folgerungen
7. Semantik, was gesagt ist und Explikatur
8. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit befasst sich mit der differenzierten Untersuchung der Relevanztheorie im Vergleich zu Grices Ansatz der Unterscheidung zwischen dem Gesagten und dem Implikierten, um die pragmatischen Prozesse der Sprachverarbeitung besser zu verstehen.
- Grundlagen der Relevanztheorie und des Kooperationsprinzips
- Die begriffliche Unterscheidung zwischen Explikatur und Implikatur
- Pragmatische Aspekte wie Disambiguierung, Sättigung und freie Anreicherung
- Empirische Betrachtung skalarer Folgerungen und ihrer Verarbeitung
Auszug aus dem Buch
3. Pragmatische Aspekte von Explikaturen
Es gibt vier pragmatische Aspekte von Explikaturen (Disambiguierung, Sättigung, frei Anreicherung und die ad-hoc-Konzept Konstruktion). Disambiguierung und Sättigung spielen eine entscheidende Rolle in der Bestimmung des expliziten Inhalts einer Äußerung. Um festzustellen, was z.B. durch eine Redewendung wie Er hat Ecken und Kanten gesagt ist, muss nach Grice der Sinn (wörtlich oder idiomatisch) der Äußerung gewählt werden (Disambiguierung) und der Referent von er identifiziert werden (Sättigung). Im Falle der Disambiguierung werden die verschiedenen Kandidaten durch das linguistische System geliefert, bei der Sättigung nicht. Das linguistische Element/Pronomen zeigt an, dass eine Position in der logischen Form gesättigt werden muss. Sättigung ist aber mehr als Referenzzuweisung. In den folgenden Beispielen ist sie nötig, damit es eine propositionale Form und somit einen expliziten Inhalt gibt.
(5) Paracetamol is better. [than what?] It’s the same. [as what?] He is too young. [for what?] (Carston 2006:637)
Um den expliziten Inhalt einer Äußerung abzuleiten, ist Sättigung notwendig. Darüber, ob bei diesem Prozess auch die Konversationsmaximen eine Rolle spielen, herrscht Uneinigkeit. Grice meint nicht, da die Maxime nicht bei der Derivation vom Gesagten, sondern erst bei dessen Bewertung eine Rolle spielen. Sie sind aber für die Derivation von konversationellen Implikaturen verantwortlich. Die Pragmatik scheint zur Proposition einer Äußerung oft explizit etwas beizutragen und in der Explikatur gibt es eine kontextabhängig geforderte Konstituente, obwohl es kein linguistisches Element gibt, was anzeigt, dass solch eine kontextabhängige Konstituente gefordert ist. Die Interpretation der folgenden Sätze beinhaltet oft die Klammern, die aus pragmatischen Gründen geliefert werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Relevanztheorie und das Kooperationsprinzip von Grice als theoretische Basis.
2. Entschlüsselung/Folgerung & Explikatur/Implikatur: Erläuterung der für die Relevanztheorie zentralen Unterscheidung zwischen linguistisch entschlüsselter und pragmatisch gefolgerter Bedeutung.
3. Pragmatische Aspekte von Explikaturen: Detaillierte Betrachtung von Prozessen wie Disambiguierung, Sättigung und freier Anreicherung bei der Konstituierung expliziter Inhalte.
4. Konversationelle Implikaturen: Analyse der implikierten Prämissen und Konklusionen innerhalb der reziproken Kommunikation.
5. Explikatur oder generalisierte konversationelle Implikatur?: Gegenüberstellung der Relevanztheorie mit neo-grice’schen Positionen hinsichtlich der Einordnung von Äußerungsinhalten.
6. Skalare Folgerungen: Diskussion experimenteller Ergebnisse zur kognitiven Verarbeitung von skalaren Inferenzen.
7. Semantik, was gesagt ist und Explikatur: Kritische Auseinandersetzung mit der Notation des "Gesagten" und den Grenzen der semantischen Repräsentation.
8. Fazit: Zusammenfassende Darstellung der Unterschiede zwischen der Theorie von Grice und der Relevanztheorie hinsichtlich der explizit-implizit-Distinktion.
Schlüsselwörter
Relevanztheorie, Grice, Kooperationsprinzip, Explikatur, Implikatur, Pragmatik, Semantik, Sättigung, Disambiguierung, freie Anreicherung, skalare Folgerung, propositionale Form, Sprachverarbeitung, Konversationsmaximen, Kommunikation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den theoretischen Unterschieden in der pragmatischen Sprachanalyse zwischen dem Ansatz von Paul Grice und der Relevanztheorie von Sperber und Wilson.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentral sind die Abgrenzung zwischen dem Gesagten und dem Gemeinten, die Funktionsweise pragmatischer Prozesse sowie die Definition von Explikaturen und Implikaturen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Unterschiede in der kommunikativen Analyse aufzuzeigen und insbesondere die Rolle der Explikatur in der Relevanztheorie gegenüber dem gric'schen Konzept des "Gesagten" zu präzisieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-linguistische Analyse, die auf einer Literaturstudie des Textes "Relevance Theory and the Saying/Implicating Distinction" von Robyn Carston basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die vier pragmatischen Aspekte der Explikatur, die Kategorisierung von Implikaturen, die Auseinandersetzung mit skalaren Folgerungen sowie die semantische Notation von Aussagen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Relevanztheorie, Explikatur, Implikatur, Semantik-Pragmatik-Schnittstelle und pragmatische Anreicherung.
Wie unterscheidet sich die Sättigung von der Disambiguierung?
Während bei der Disambiguierung das linguistische System die möglichen Kandidaten liefert, erfordert die Sättigung eine kontextuelle Bestimmung von Variablen, wie etwa die Referenz von Pronomen, um eine propositionale Form zu vervollständigen.
Was beschreibt der sogenannte "gric'sche Zirkel"?
Er beschreibt die gegenseitige Abhängigkeit zwischen der Bestimmung des Gesagten und der Ableitung von Implikaturen, wobei eines das andere vorauszusetzen scheint.
Warum spielt die freie Anreicherung eine optionale Rolle?
Sie ist optional, da es Kontexte gibt, in denen die Interpretation ohne das Hinzufügen von konzeptuellem Material bereits vollständig ist, was sie von der notwendigen Sättigung unterscheidet.
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- Anonym (Author), 2006, Relevanztheorie und die Gesagt/Implikatiert Unterscheidung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113121