Paris als Wirklichkeitserfahrung bei Rilke. Die "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge"


Hausarbeit (Hauptseminar), 1996

21 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einordnung der Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge in die Narrativik

3. Revolutionen der Moderne und ihre Auswirkungen
3.1 Urbanisierung und Technisierung
3.2 Rilkes Erfahrung mit der „Moderne“: Der Parisaufenthalt 1902/03

4. Maltes Pariser Wirklichkeitserfahrung
4.1 Das konstituierende Moment seiner Aufzeichnungen: Malte lernt „sehen“
4.2 Schlüsselerfahrungen und Erlebnismotive

5. Der Einfluss der Pariser Wirklichkeit auf die Form der Aufzeichnungen
5.1 Der Verlust der Erzählfähigkeit und die Polarität Stadt - Land
5.2 Die urbane Wahrnehmungsweise als formgebendes Prinzip in den städtischen Aufzeichnungen

6. Schlussbemerkung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Am 17.09.1902 schreibt Rainer Maria Rilke aus Paris an Heinrich Vogeler:

„Paris? Paris ist schwer. Eine Galeere. Ich kann nicht sagen, wie unsympathisch mir alles hier ist, nicht beschreiben, mit welcher instinktiven Ablehnung ich hier herumgehe!“1

Rilke wusste damals noch nicht, welches Werk ihm aus dieser Erfahrung erwachsen würde: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, entstanden in den Jahren von 1904 bis 1910. Rilke lässt den jungen dänischen Dichter Malte, „... eine[r] sensible[n] Natur, die sich in Gefühl und Reflexion verströmt, ohne die Kraft zum Handeln, zum künstlerischen Werk zu besitzen“2, durch Paris flanieren und dessen Erlebnisse sowie daraus folgende Reflexionen und Erinnerungen niederschreiben.

Die Gegenstände der Reflexionen und Erinnerungen Maltes können dabei als Themenkreise verstanden werden, die innerhalb des Romans immer wieder aufgegriffen und fortgeführt werden und durch Rilkes persönliches Erleben in der städtischen Wirklichkeit von Paris geprägt sind. Die Form des Romans dagegen ist durch den soziokulturellen Hintergrund des ersten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts beeinflusst.

Bei der Untersuchung von „Paris als Wirklichkeitserfahrung in den Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge “ stützt sich die vorliegende Hausarbeit deshalb auf zwei Ausgangsthesen: Zum einen ist Paris, sowohl für Rilke als auch für Malte Laurids Brigge, das auslösende Moment für das Schreiben überhaupt. Zum anderen nimmt der Charakter der Großstadt Paris, die Erfahrung der städtischen Wirklichkeit, unmittelbaren Einfluss auf die Form des Werkes:

„Die Großstadt des 20. Jahrhunderts wird als eine dynamisierte Bilderwelt erfahren, die sich dem Erzählen und dem erzählenden Beschreiben entzieht. Rilkes Malte mußte diese >Unerzählbarkeit < der Stadt als erster Protagonist der deutschen Literatur erfahren; so sind die Aufzeichnungen das erste Beispiel für die Unmöglichkeit, großstädtische Realität und großstädtische Erfahrungen in der Form des traditionellen Romans zu verarbeiten.“3

Zuvor soll jedoch die Problematik einer Einordnung des Romans in die Erzähltheorie beleuchtet und in den soziokulturellen sowie biographischen Kontext der Entstehung der Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge eingeführt werden.

2. Einordnung der Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge in die Narrativik

Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge werden im allgemeinen als „Roman“ bezeichnet, wobei man sich in der Sekundärliteratur bei der Einordnung in die Romantypen jeweils auf verschiedene Teilaspekte des "Malte" stützt: Welzig ordnet die Aufzeichnungen in die Kategorie des Entwicklungsromans ein und rekurriert damit auf den geistigen Entwicklungsprozess Maltes4 ; Becker sieht im Malte-Roman den Entwicklungs-/ Bildungsroman der Struktur des Großstadtromans entgegenwirken und bezieht damit die Thematisierung des Verhältnisses zwischen Individuum und Anonymität der modernen Stadt ein5 ; Krysztofiak schließlich rückt die tagebuchartig konstruierte Welt der Aufzeichnungen in den Kreis des Tagebuchromans.6

Doch so einig sich diese Autoren mit der Bezeichnung „Roman“ und der Einordnung in die Epik auch sind: unter den normativen Voraussetzungen der Erzähltheorie Lämmerts zum Beispiel können die Aufzeichnungen nicht als Erzählwerk gelten; und tatsächlich nehmen sie in den von Lämmert aufgestellten Typenreihen zur Kategorisierung epischer Werke allenfalls einen Randplatz am äußersten Ende der Skala ein. Das liegt daran, dass Lämmert folgende Anforderungen an einen Roman stellt: Zum einen muss die „epische Grundkraft des Fortschreitens von Begebenheiten“ gegeben sein, zum anderen muss das „Gerüst des Erzählwerkes die fortschreitende und zwar energisch, d.h. von einer Strebekraft durchwirkte Handlung“ sein.7

Diese Bedingungen werden in den Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge nicht erfüllt. In ihnen fehlen nämlich nicht nur eine fixierte Chronologie, eine kausale Abfolge der Eintragungen Maltes sowie eine zeitliche und räumliche Verknüpfung der einzelnen Aufzeichnungen, sondern auch ein erzähltes Ende der Geschichte Maltes – dieses wird durch ein Gleichnis ersetzt.8 Was dem "Malte" unter den Voraussetzungen einer solchen - von Eifler als „konservativen Romantheorie“ bezeichneten9 - Erzähltheorie fehlt, ist eine schlüssige Fabel, eine Einheit der Handlung in aristotelischem Sinne10, durch die der Roman in einer der Realität entlehnten Darstellungsweise erscheinen würde.

Um den "Malte" dennoch als Erzählwerk bezeichnen zu können, muss also ein erweitertes Verständnis des Romanbegriffs in Betracht gezogen werden. Dies geschieht bei Welzig: er stellt fest, dass die traditionellen Begriffe für die Ergebnisse der modernen11 Literatur, also des „Romans des 20. Jahrhunderts“, nicht mehr ausreichen. Den tiefgreifenden Veränderungen der äußeren Welt in der Moderne entsprach auch eine Veränderung des Romans im Sinne der Sprengung der Form oder des Wandels von Themen und Inhalten, da die althergebrachten Romanformen den Autoren zur Darstellung der „neuen Welt“ nicht mehr ausreichten.12

In den Aufzeichnungen zeigen sich solche Neuerungen einerseits durch die bereits oben genannten fehlenden Elemente eines klassischen Erzählwerks, andererseits durch die Verwendung „strukturierter Bildketten eines sich beschreibenden Innenbewusstseins“13, das sich auf die Perspektive subjektiver Reflexion beschränkt und dadurch die äußere Handlung zurückdrängt. Aber auch die Einführung der Zeitebenen Gegenwart, Vergangenheit und Mythisches/Idealgestalten, die zwar ein mehrschichtiges Zeitgeschehen ermöglichen, jedoch keinen chronologischen Ablauf sicherstellen, tragen zur Modernität des Romans bei.

Eifler führt für solche Erscheinungen in der modernen Literatur den Begriff der „Anti-Narrativik“ ein und sieht den "Malte" einer subjektivistischen Romanform, einer Prosaliteratur der nicht-narrativen Schreibweise, zugehörig. Deren Ziele sind weniger eine einfach zu konsumierende, mimetische Reproduktion der Wirklichkeit als vielmehr die intellektuelle Forderung des Lesers und die Wiedergabe einer Erkenntnisleistung, was für die Aufzeichnungen eine Wiedergabe der Zustände, die durch die Konfrontation mit der Wirklichkeit ausgelöst werden, bedeutet.14 Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge sind somit eines der ersten Beispiele für die Zerstörung der traditionellen Romanform, ausgelöst durch das Erleben in der modernen Welt der Pariser Wirklichkeit.

3. Revolutionen der Moderne und ihre Auswirkungen

„Geliebter Streß: Leben in der Stadt“15, oder: „Leben in der Stadt - eine Verdrängungsleistung?“16 - so lauten Überschriften von Texten, die sich im Jahre 1996 mit dem Zusammenhang zwischen Stadt und Psyche beschäftigen. Stress und Verdrängung, Lärm und Hektik, Umweltverschmutzung und Isolation in der Stadt sind Schlagworte, die heute wie zu Rilkes Zeiten aktuell sind. Da sich nach Becker besonders die Literatur der Moderne in Auseinandersetzung mit der urbanen Zivilisation entwickelte17, sollen im Folgenden die städtischen Veränderungen der Moderne, die sich auf die Erfahrungen und Wahrnehmungen der Menschen und auf die ästhetischen Ausdrucksformen der Kunst auswirkten - und somit zur Entstehung der Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge beitrugen - beleuchtet werden.

3.1 Urbanisierung und Technisierung

Becker schreibt, dass die Entwicklung des modernen Städtewesens in Deutschland in mehreren Phasen ab Beginn des 19. Jahrhunderts erfolgte, wobei die Periode einer regelrechten Verstädterungsexplosion in die Zeitspanne von 1870/71 bis 1914 fällt.18 Bis zum Jahr 1910 war dabei die Fortsetzung der Industrialisierung der wichtigste großstadtbildende Faktor: auf der Suche nach Arbeitsplätzen, die statt im agrarischen jetzt im gewerblichen und industriellen Sektor zu finden waren, setzte eine Binnenwanderung ein, welche die Verlagerung der Bevölkerung vom ländlichen in den städtischen Raum zur Folge hatte. Malte kommentiert die Landflucht, die starke räumliche Verdichtung der Bevölkerung in Paris, zu Beginn der ersten Aufzeichnung mit den Worten: „So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier.“19

Die städtische Lebenswelt veränderte sich in jener Zeit aber nicht nur quantitativ, sondern auch in technischer Hinsicht, wie z.B. durch die Mechanisierung und Elektrifizierung von Verkehr und Beleuchtung, oder den Ausbau der Transport- und Verkehrswege. Durch diese Innovationen nahm die Geschwindigkeit der Zirkulation von Waren, Menschen und Nachrichten zu - was allgemein eine Steigerung des Lebenstempos zur Folge hatte.20 Mobilität und schnelleres Lebenstempo verursachten durch die Schnelligkeit des Bilderwechsels eine Erhöhung der Anzahl von Reizen und Bildern, die in das Gehirn eindrangen, d.h., dass aus der Dynamisierung der Außenwelt die Dynamisierung der menschlichen Wahrnehmung von Zeit und Raum resultierte.

„Die Wahrnehmung des Passanten wird durch flüchtige Eindrücke, Impressionen, Moment- und Augenblicksbeobachtungen bestimmt, die er aufgrund der Plötzlichkeit und der raschen Abfolge als „Chocks“ (Walter Benjamin, Anm. d. Verf.) empfindet.“21

Den Kennzeichen der großstädtischen Lebenswelt wie Flüchtigkeit, Bewegtheit und das rasch Vorüberziehende, folgte eine Revolution der Erfahrungsstruktur: die Individuen sahen sich mit spezifisch urbanen Erfahrungen und Wahrnehmungen konfrontiert.

Die Verarbeitung dieser neuen Lebenswelt und Erfahrungswirklichkeit war ein Anliegen der literarischen Moderne. Da sich jedoch die Realität der Moderne, die dynamisierte Bilderwelt, nicht mehr mit den traditionellen Darstellungsmitteln mimetisch „erzählen“ ließ, war man in der Literatur dazu gezwungen, neue ästhetische Ausdrucksformen zu entwickeln. Dies führte dazu, dass die Großstadt nicht mehr wie im Naturalismus nur inhaltlich thematisiert (Literatur über die Großstadt), sondern jetzt selbst zum Sprechen gebracht wurde (Literatur der Großstadt): sie nahm direkten Einfluss auf die ästhetische Form von Literatur und trug so zur Herausbildung neuer urbaner Gattungen wie Skizze oder Prosagedicht bei. Unter diesen Voraussetzungen ist Rilkes "Malte" ein Produkt der Auseinandersetzung mit der veränderten städtischen Lebenswelt: die Großstadt wird nicht als literarisches Motiv thematisiert, sondern als bewusstseinsverändernde Erfahrung formal und stilistisch gestaltet.22

3.2 Rilkes Erfahrung mit der „Moderne“: Der Parisaufenthalt 1902/03

Die Biografie Rilkes hat auf die Entstehung der Aufzeichnungen entscheidenden Einfluss: so bezeichnet z.B. Oehler Malte als das Alter Ego Rilkes23 ; und Welzig stellt fest, dass man Malte mit Rilke zwar nicht völlig gleichsetzen, aber auch nicht voneinander trennen kann, da die äußere und innere Situation Maltes in mancher Hinsicht mit derjenigen Rilkes zu Beginn der Aufzeichnungen übereinstimme.24

Der Anlass für Rilkes erste Parisreise war der Auftrag von Richard Muther, eine Monographie über Rodin zu schreiben, welchen er während seines Aufenthaltes von August 1902 bis Juni 1903 erfüllte.25 Wie man aus einigen Briefen Rilkes aus jener Zeit entnehmen kann, fühlte er sich in Paris nicht wohl: Paris war für ihn „ ... eine schwere, schwere, bange Stadt“26, ihm „ ... unendlich fremd und feindlich...“27 und ihre „ ... Atmosphäre drückte durch alles durch und drückt heute wie am ersten Tage.“28 In seiner Biographie über Rilke führt Prater aus, dass Rilke - obwohl er sich in Paris so unbehaglich fühlte - spürte, dass dies der Ort sei, an dem er arbeiten könne.29 Eine erste Verarbeitung der Paris-Erlebnisse, d.h. der Ängste, die Paris ihm einflößte, erfolgte während eines Italienaufenthaltes im April 1903 im „Buch von der Armut und vom Tode“, dem dritten Zyklus des Stundenbuches. Der Aufenthalt in Italien sollte eine Loslösung von Paris dergestalt bringen, dass Rilke von den bedrückenden Gefühlen und physischen Symptomen, die ihn in Paris immer wieder überfielen (und die man heute als „psychosomatische“ Beschwerden bezeichnen würde), befreit würde. Da dies leider nicht gelang und sich mit der Rückkehr nach Paris auch wieder jene unguten Gefühle einstellten, nahm Rilke im Juni 1903 den Kontakt zu Lou Andreas-Salomé nach einer mehrjährigen Pause wieder auf, schilderte ihr sein Leiden und bat sie um Rat und Hilfe30:

- „Die Stadt war wider mich, aufgelehnt gegen mein Leben und wie eine Prüfung, die ich nicht
- bestand.Ihr Schrei, der kein Ende hat, brach in meine Stille ein, ihre Schrecklichkeit ging mir
- nach bis in meine traurige Stube und meine Augen lagen gedrückt unter den Bildern ihrer Tage.
- Und es kam Krankheit dazu; [...] Aber dann kam etwas so Banges, kam und kam wieder und
- verließ mich nicht mehr ganz, [...] tiefe unsägliche Ängste, deren ich mich erinnere; [...] sie
- erfaßten mich mitten am Tage, wenn ich mich gesund und muthig meinte, und nahmen mein
- Herz und hielten es über das Nichts.“31

Durch die Ermutigung von Andreas-Salomé, das Gesehene und Erlebte niederzuschreiben, verarbeitete Rilke einen Teil seiner Paris-Erlebnisse innerhalb des Briefwechsels. Besonders eindrucksvoll ist dies im Brief vom 18.07.1903, in dem Rilke einzelne Erlebnisse präzise wiedergibt, zu sehen, da weite Teile dieses Briefes fast wörtlich in die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge eingingen.

Der bewusste Arbeitsbeginn an den Aufzeichnungen datiert im Jahr 1904 in Rom; der Schaffensprozess dauerte bis 1910 an. Rilke gelang es mit dieser Prosaarbeit, seine Ängste und Erfahrungen, erstanden aus den Eindrücken der Pariser Wirklichkeit, in ein Kunstwerk umzusetzen und wurde damit seinem Wunsch, dass er dies doch könne: „Dinge machen aus Angst“32, gerecht.

4. Maltes Pariser Wirklichkeitserfahrung

Wie im vorhergehenden Abschnitt der Einfluss von Paris auf die Entstehung der Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge vor dem lebensgeschichtlichen und sozialhistorischen Hintergrund des Autors gezeigt wurde, soll er im Folgenden auf der Ebene des Erzählers Malte untersucht werden: denn auch Malte beginnt aus den Eindrücken in Paris heraus mit seinen Aufzeichnungen. Daran anschließend möchte ich Maltes städtische Erfahrungen, die seinen Erlebnismotiven zugrundeliegen und in ihnen gestaltet werden, darstellen.

4.1 Das konstituierende Moment seiner Aufzeichnungen: Malte lernt „sehen“

Der Ausgangspunkt der Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge ist die Wahrnehmung der städtischen Realität: Malte erzählt gleich in der ersten Aufzeichnung, was er in der Stadt, von der man an dieser Stelle noch nicht weiß, dass es sich um Paris handelt, alles gesehen hat: Hospitäler, Gestalten des Elends, Gebäude, ... . Im Verlauf der weiteren Aufzeichnungen stellt Malte fest:

- „Habe ich es schon gesagt? Ich lerne sehen - ja, ich fange an. Es geht noch schlecht. Aber ich will
- meine Zeit ausnutzen. [...]“33

Die Reizüberflutung der Großstadt, die Wahrnehmung der äußeren Umgebung wirken auf seinen seelischen Zustand ein und bewirken eine Veränderung Maltes dahingehend, dass ein neuer Typus des Sehenlernens entsteht, der sich in einer Steigerung der Subjektivität und intensivierten Innerlichkeit entlädt34:

- „Ich lerne sehen. Ich weiß nicht, woran es liegt, es geht alles tiefer in mich ein und bleibt nicht an
- der Stelle stehen, wo es sonst immer zu Ende war. Ich habe ein Inneres, von dem ich nicht wußte.
- Alles geht jetzt dorthin. Ich weiß nicht, was dort geschieht. [...] “35

Statt eines Sehens, das lediglich die Oberflächeneindrücke verarbeitet, gelangt Malte zu einer tieferen Dimension der Wahrnehmung: er lernt, „mehr“ zu sehen, er lernt zu sehen, was hinter den Dingen liegt:

- „Daß es mir zum Beispiel nie zu Bewußtsein gekommen ist, wieviel Gesichter es giebt. Es gibt eine
- Menge Menschen, aber noch viel mehr Gesichter, denn jeder hat mehrere. [...]“36

Alles Gesehene strömt, gleichsam ohne Filter, in Malte ein:

-Ich erkenne das alles hier, und darum geht es so ohne weiteres in mich ein:
- es ist zu Hause in mir.“37

Was Malte nach Beckers Auffassung fehlt, ist ein „Reizschutz“: die Fähigkeit, Gesehenes ausblenden oder gar verdrängen zu können, mit der der moderne Städter im Allgemeinen ausgestattet ist, ja sein muss, um in der Großstadtrealität bestehen zu können.38 Eines Tages z.B. geht er einem Veitstänzer nach, der mit großer Kraftanstrengung versucht, einen Anfall auf offener Straße zu verhindern. Malte vollzieht die Peinigung des Mannes in sich selbst nach, er spürt dessen wachsende Angst und möchte ihm gerne helfen:

- „Und ich, der ich hinter ihm herging mit stark schlagendem Herzen, ich legte mein bißchen Kraft
- zusammen wie Geld, und indem ich auf seine Hände sah, bat ich ihn, er möchte nehmen, wenn er
- es brauchte.“39

Doch auch die geistige Unterstützung Maltes kann den Beginn des Veitstanzes nicht verhindern, und als der Veitstänzer schließlich nicht mehr an sich halten kann und es aus ihm herausbricht, empfindet es Malte als sinnlos, seinen geplanten Spaziergang fortzusetzen. Er fühlt sich leer, denn durch das intensive Mitleiden hat er all seine Kraft hergegeben. Hier wird deutlich, dass sich die Eindrücke Maltes geradezu bemächtigen und Besitz von ihm ergreifen. Malte hat Schwierigkeiten, das Wahrgenommene einzuordnen, ihm gegenüber gleichgültig zu werden, und zum Teil gesellschaftliche Konzeptionen, die hinter den städtischen Erscheinungen liegen, zu erkennen.40

[...]


1 Rilke, Rainer Maria: Briefe in zwei Bänden. Band I: 1896 bis 1919. Hrsg. v. Horst Nalewski. Frankfurt/Main, Leipzig: Insel 1991, S. 139

2 Frenzel, Herbert A. und Elisabeth: Daten deutscher Dichtung. Chronologischer Abriß der deutschen Literaturgeschichte, Band 2. 20. Auflage. München: dtv 1982, S. 521

3 Becker, Sabina: Urbanität und Moderne: Studien zur Großstadtwahrnehmung in der deutschen Literatur 1900-1930. St. Ingbert: Röhrig 1993 (= Saarbrücker Beiträge zur Literaturwissenschaft, Band 39), S. 12

4 vgl. Welzig, Werner: Der deutsche Roman im 20. Jahrhundert. 2., erweiterte Auflage. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 1970 (= Kröners Taschenausgabe 367), S. 17 ff.

5 vgl. Becker, Sabina, a.a.O., S. 79

6 vgl. Krysztofiak, Maria: Das Spannungsfeld von Großstadt und Provinz in Rilkes „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, in: Metropole und Provinz in der österreichischen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts. Hrsg. v. Arno Dusini und Karl Wagner. Wien: Zirkular 1994, S. 131

7 vgl. Lämmert, Eberhard: Bauformen des Erzählens. 6., unveränderte Auflage. Stuttgart: Metzler 1975, S. 21

8 vgl. Welzig, Werner: Der deutsche Roman im 20. Jahrhundert. 2., erweiterte Auflage. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 1970 (= Kröners Taschenausgabe 367), S. 18

9 vgl. Eifler, Margret: Die subjektivistische Romanform seit ihren Anfängen in der Frühromantik. Ihre Existenzialität und Anti-Narrativik am Beispiel von Rilke, Benn und Handke. Tübingen: Niemeyer 1985 (= Untersuchungen zur deutschen Literaturgeschichte, Band 37), S. 8

10 vgl. Aristoteles: Poetik. Hrsg. v. Manfred Fuhrmann. Stuttgart: Reclam 1994 (=Universal-Bibliothek Nr. 7828), S. 27 ff.

11 Mit „Moderne“ ist in diesem Zusammenhang die Epoche der gesellschaftlichen Modernisierung infolge der Industrialisierung (ca. 1880 bis 1914/18) gemeint, deren Produkt infolge des literarischen Wandels jener Zeit die „Literarische Moderne“ ist. Vgl. Becker, Sabina, a.a.O., S. 13 f. Literaturgeschichtlich war die „Moderne“ zunächst eine für das literaturtheoretische Programm des Naturalismus geprägte Bezeichnung, wurde dann jedoch auf alle neueren, vor allem jedoch auf die antinaturalistischen Strömungen wie Impressionismus, Symbolismus, Neuromantik und Dekadenzdichtung, ausgeweitet. Vgl. Metzler-Literatur-Lexikon: Begriffe und Definitionen. Hrsg. v. Günther und Irmgard Schweikle. 2., überarbeitete Auflage. Stuttgart: Metzler 1990, S. 308 f.

12 vgl. Welzig, Werner, a.a.O., S. 3

13 vgl. Eifler, Margret, a.a.O., S. 52 f.

14 vgl. Eifler, Margret, a.a.O., S.5 f.

15 Psychologie heute 8 (1996), S. 1

16 Klasmann, Jaan: Der Preis der Vielfalt, in: Psychologie heute 8 (1996), S. 33

17 vgl. Becker, Sabina, a.a.O., S. 9 f.

18 vgl. Becker, Sabina, a.a.O., S. 24 ff.

19 Rilke, Rainer Maria: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Frankfurt/Main: Insel 1982 (= insel taschenbuch, 630), S. 9

20 vgl. Freisfeld, Andreas: Das Leiden an der Stadt: Spuren der Verstädterung in deutschen Romanen des 20. Jahrhunderts. Köln, Wien: Böhlau 1982 (= Kölner germanistische Studien, Band 17), S. 25 ff.

21 Becker, Sabina, a.a.O., S. 51

22 vgl. Becker, Sabina, a.a.O., S. 9 ff.

23 vgl. Oehler, Dolf: Autobiographische deutsche Paris-Literatur im 20. Jahrhundert. Von Rilke und Kafka zu Weiss, Nizon und Handke, in: Rom-Paris-London: Erfahrung und Selbsterfahrung deutscher Schriftsteller und Künstler in den fremden Metropolen. Ein Symposion. Hrsg. v. Conrad Wiedemann. Stuttgart: Metzler 1988, S. 515

24 vgl. Welzig, Werner, a.a.O., S. 19

25 vgl. Prater, Donald A.: Ein klingendes Glas. Das Leben Rainer Maria Rilkes. Eine Biographie. Reinbek: Rowohlt 1989, S. 157

26 Rilke, Rainer Maria: Briefe in zwei Bänden, a.a.O., S. 142

27 Rilke, Rainer Maria: Briefe in zwei Bänden, a.a.O., S. 140

28 Rilke, Rainer Maria: Briefe in zwei Bänden, a.a.O., S. 140

29 vgl. Prater, Donald A., a.a.O., S. 161

30 vgl. Prater, Donald A., a.a.O., S. 161 ff.

31 Rainer Maria Rilke und Lou Andreas-Salomé: Briefwechsel. Hrsg. v. Ernst Pfeiffer. Zürich, Wiesbaden: 1952, S. 46 f.

32 Rainer Maria Rilke und Lou Andreas-Salomé, a.a.O., S. 64

33 Rilke, Rainer Maria: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, a.a.O., S. 11

34 vgl. Freisfeld, Andreas, a.a.O., S. 114

35 Rilke, Rainer Maria: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, a.a.O., S. 10 f.

36 Rilke, Rainer Maria: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, a.a.O., S. 11

37 Rilke, Rainer Maria: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, a.a.O., S. 43

38 vgl. Becker, Sabina, a.a.O., S. 130

39 Rilke, Rainer Maria: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, a.a.O., S. 60

40 vgl. Freisfeld, Andreas, a.a.O., S. 92

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Paris als Wirklichkeitserfahrung bei Rilke. Die "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge"
Hochschule
Universität Mannheim  (Lehrstuhl für Neuere Germanistik II)
Veranstaltung
Rilkes Prosa
Note
1,3
Jahr
1996
Seiten
21
Katalognummer
V1131296
ISBN (eBook)
9783346511720
ISBN (Buch)
9783346511737
Sprache
Deutsch
Schlagworte
paris, wirklichkeitserfahrung, rilke, aufzeichnungen, malte, laurids, brigge
Arbeit zitieren
Anonym, 1996, Paris als Wirklichkeitserfahrung bei Rilke. Die "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1131296

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