„Wir wissen nicht, was Musik ist. Aber was gute Musik ist, das wissen wir, und noch besser wissen wir,
was schlechte Musik ist.“1
Ja, man kann nicht leugnen, daß Heine sehr wohl wußte, was er für gute, und was er für schlechte
Musik hielt, und man kann auch nicht leugnen, daß er wußte, wie er seine Meinung am besten kundtun
konnte. Heine scheute sich nie, Musiker und ihre Werke zu beurteilen, auch wenn er selbst mehrfach
sein Laientum auf diesem Gebiet betonte. Heine war mit vielen Komponisten und Musikern seiner Zeit
befreundet oder zumindest bekannt, und seine Musikkritiken waren oft dementsprechend
personenbezogen. Sein Urteil änderte sich meist dann, wenn der Betreffende nicht mehr mit ihm
befreundet war oder ihn in irgendeiner Weise verärgert hatte.
Nichtsdestotrotz ist Heines Musikkritik wesentlich von dem zentralen Konflikt zwischen deutscher und
italienischer Musik geprägt, der die Musikästhetik des 18. Und 19. Jahrhunderts beschäftigte.
Eng verbunden ist Heines Musikauffassung auch mit der von E.T.A. Hoffmann. Beide suchen in der
Musik das Zauberhafte, das den Hörer in eine andere Welt trägt. Und beide haben ihre dichterische
Tätigkeit in den Bereich der musikalischen Tageskritik verlegt, um den Lesern die Musik bildhaft zu
beschreiben.
Auch mit Herder verbindet Heine einiges. Herder sucht in der Musik die Volksverbundenheit und das
Nationalgefühl, und sowohl Heine als auch Herder finden in der italienischen Oper „schmachtendüppige
Gesänge“ und in der deutschen Oper „das wahre, schlicht Deutsche“.2
Ich möchte mit dieser Arbeit einen Überblick über Heines Musikkritiken liefern. Die Berliner Briefe
werde ich nicht behandeln, da ich mich hauptsächlich auf Heines kritische Beschäftigung mit Musik
während seiner Pariser Zeit konzentriere.
1 Windfuhr, Michael (Hrsg.). Heinrich Heine. Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke,
Düsseldorfer Ausgabe, Hamburg, 1980, 12/1, 273
Alle weiteren Angaben zu dieser Ausgabe sind so gekennzeichnet: DHA
2 Mann, Michael. Heinrich Heines Musikkritiken, Heine-Studien, Michael Windfuhr (Hrsg.), Hamburg,
1971, 135
Inhaltsverzeichnis
1. Heines Leben und seine Zeit
2. Zensur
3. Geschichtliches zur Musikkritik
3.1 Heines Musikkritiken
4. Heine in Paris
5. Heine und der Saint-Simonismus
6. Die Musikberichte
6.1 Hillers Konzert
6.2 Les Huguenots
6.3 Brief 9 und 10 über die französische Bühne
6.4 Lutezia
7. Heines Schreibstil
7.1 Die Literarische Technik
7.1.1 Die Verlängerte Metapher
7.1.2 Die Gleichnisse
7.1.3 Das fingierte Gespräch
7.1.4 Der Vergleich
7.1.5 Erklärung des Kunstwerks anhand eines anderen Kunstgebiets
7.2 Heines Witz
8. Die Komponisten
8.1 Giacomo Meyerbeer
8.2 Gioacchino Rossini
8.3 Franz Liszt
8.4 Frédéric Chopin
8.5 Ferdinand Hiller
8.6 Hector Berlioz
8.7 Gaspare Spontini
8.8 Felix Mendelssohn-Bartholdy
8.9 Niccoló Paganini
8.10 Vincenzo Bellini
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit gibt einen fundierten Überblick über die Musikkritiken von Heinrich Heine, wobei der Schwerpunkt auf seiner kritischen Auseinandersetzung mit Musik während seines Pariser Exils liegt.
- Einfluss der Zensur und politischer Umstände auf Heines Schreibstil
- Analyse von Heines literarischen Techniken in der Musikkritik
- Rezeption zeitgenössischer Komponisten wie Liszt, Chopin und Meyerbeer
- Verbindung von Musikästhetik und Zeitkritik bei Heine
- Die Rolle Heines als Vermittler zwischen deutscher und französischer Kultur
Auszug aus dem Buch
7.1.1 Die Verlängerte Metapher
Michael Mann nennt die verlängerte Metapher „Heines Hauptkunstmittel“ und verdeutlicht sie an folgendem Beispiel:
„Nur der große Giacomo selbst, der nicht bloß Generalmusikdirektor aller Königl. Preuß. Musikanstalten, sondern auch der Kapellmeister des Meyerbeerschen Ruhmes ist, nur Er kann das ungeheure Orchester dieses Ruhmes dirigieren. Er nickt mit dem Haupte, und alle Posaunen der großen Journale ertönen unisono; er zwinkert mit den Augen, und alle Violinen des Lobes fiedeln um die Wette; er bewegt nur leise den linken Nasenflügel, und alle Feuilleton-Flageolette flöten ihre süßesten Schmeichellaute. Da gibt es auch unerhörte, antediluvianische Blasinstrumente, Jerichotrompeten und noch unentdeckte Windharfen, Saiteninstrumente der Zukunft, deren Anwendung die außerordentlichste Begabnis für Instrumentation bekundet. Ja, in so hohem Grade wie unser Meyerbeer verstand sich noch kein Komponist auf die Instrumentation, nämlich auf die Kunst, alle möglichen Menschen als Instrumente zu gebrauchen, die kleinsten wie die größten, und durch ihr Zusammenwirken eine Übereinstimmung in der öffentlichen Anerkennung, die ans Fabelhafte grenzt, hervorzuzaubern.“
Das wichtigste Bild ist hier das Wort „Instrument“, das dem Leser zeigt, daß Meyerbeer mit Menschen umzugehen weiß, daß er weiß, wie er sie für seine Zwecke benutzen kann. Mit den realen Instrumenten macht Heine dem Leser klar, daß es sich hierbei um Journalisten und andere Presseleute handelt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Heines Leben und seine Zeit: Ein chronologischer Überblick über die wichtigsten Lebensstationen Heines im Kontext der politischen Ereignisse des 19. Jahrhunderts.
2. Zensur: Darstellung der belastenden Zensurbedingungen und Heines Strategien, diese durch einen speziellen literarischen Stil zu umgehen.
3. Geschichtliches zur Musikkritik: Einordnung der Rolle des Musikkritikers im 19. Jahrhundert und die Abgrenzung von Fachkritik zum Feuilletonismus.
4. Heine in Paris: Analyse der Bedeutung von Paris als kulturelles Zentrum und Heines Motivation, dort sein kritisches Potenzial zu entfalten.
5. Heine und der Saint-Simonismus: Erläuterung, wie die sozialen Ideen des Saint-Simonismus Heines Blick auf Kunst und Gesellschaft prägten.
6. Die Musikberichte: Überblick über die verschiedenen Phasen und Publikationsformen von Heines Musikberichten.
7. Heines Schreibstil: Detaillierte Untersuchung der rhetorischen Mittel wie Metaphern, Gleichnisse und Ironie in Heines Texten.
8. Die Komponisten: Charakterisierung der musikalischen Weggefährten Heines und Analyse seiner kritischen Bewertung ihrer Werke.
Schlüsselwörter
Heinrich Heine, Musikkritik, Paris, Zensur, Feuilletonismus, Giacomo Meyerbeer, Franz Liszt, Frédéric Chopin, Komponisten, Literaturwissenschaft, Musikästhetik, Zeitkritik, Saint-Simonismus, Schreibstil, 19. Jahrhundert
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Heinrich Heines Tätigkeit als Musikkritiker, insbesondere während seines Aufenthalts in Paris, und untersucht, wie er Musik als Medium für Zeitkritik nutzte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Mittelpunkt stehen Heines Schreibstil, der Einfluss der staatlichen Zensur auf seine Texte sowie seine persönliche und ästhetische Auseinandersetzung mit bedeutenden Komponisten seiner Zeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, einen Überblick über Heines Musikkritiken zu liefern und aufzuzeigen, wie er den "musikalischen Feuilletonismus" durch seine persönliche Perspektive prägte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die vor allem auf Sekundärliteratur zu Heines Werken und seinen eigenen journalistischen Schriften basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Pariser Zeit, die Einflüsse politischer Strömungen, die Erläuterung literarischer Techniken wie der verlängerten Metapher sowie spezifische Komponistenporträts.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Musikkritik, Zensur, Feuilletonismus, Zeitkritik sowie die Namen prominenter Komponisten wie Meyerbeer, Liszt und Chopin.
Warum änderte Heine seine Meinung über Meyerbeer im Laufe der Zeit?
Heine distanzierte sich zunehmend von Meyerbeer aufgrund von Konflikten zwischen dessen preußischer Anstellung und Heines eigener sozialistischer Überzeugung, was sich auch in seiner späteren Überarbeitung für das Buch "Lutezia" widerspiegelt.
Welche Rolle spielte der "Saint-Simonismus" für Heine?
Dieser utopische Sozialismus schärfte Heines Blick für soziale Missstände und bot ihm ein theoretisches Gerüst, um die gesellschaftliche Rolle des Künstlers neu zu bewerten.
Wie ging Heine mit der Zensur um?
Heine entwickelte einen ironischen und indirekten Schreibstil, den er als Waffe einsetzte, um trotz staatlicher Überwachung seine kritische Botschaft zu vermitteln.
- Quote paper
- Anke Balduf (Author), 1998, Heinrich Heine als Musikkritiker, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11313