Zur Interpretation des Meißnertons von Walther von der Vogelweide


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

Abkürzungen

I. Einleitung

II. Formalitäten
1. Die Überlieferung
a) Die gemeinsame Quelle *AC
2. Stilmittel
3. Geschichtlicher Überblick

III. Interpretationen
1. L 105,13
a) Pro Hermann
α)Datierung, Vortrag, Auftrag
b) Contra Hermann
c) Contra Hermann – Pro Dietrich
2. L 105,27 und L 106,3
a) L 105,27
b) L 106,27
c) Datierung und Vortrag

IV. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

I. Einleitung

Die Sangspruchdichtung Walthers von der Vogelweide gibt der Forschung bis heute Rätsel auf, die nicht immer zur allseitigen Zufriedenheit gelöst werden können. Besonders die als ’politisch’ bezeichneten Sprüche können Inhalte bergen, die in keiner Chronik oder einem anderen historischen Zeugnis auf diese Weise festgehalten wurden[1]. Die drei Sprüche des Meißnertones (L 105,13, 105,27, 106,3)[2], mit denen sich diese Arbeit beschäftigt, gehören zu dieser Art von Sangsprüchen. Der Meißnerton erhielt seinen Namen, da sich zwei seiner Sprüche direkt auf den Meißner, Markgraf Dietrich von Meißen, beziehen und er in ihnen namentlich erwähnt wird. Aufgabe dieser Arbeit ist es nun, die Fragen nach dem Zeitpunkt der Entstehung, nach der Vortragssituation und nach dem Auftraggeber des Meißnertones zu stellen, sowie die verschiedenen Antworten der Forschung darzulegen. Doch bevor dies geschieht, soll auch die Überlieferungsgeschichte des Meißnertones Erwähnung finden, die, da die drei Strophen nur in zwei Handschriften überliefert sind, bis auf die Vorstufen dieser beiden Handschriften zurückreicht. Auf die orthographischen Unterschiede der Überlieferungen möchte ich nicht weiter eingehen, da sie für die hier besprochenen Interpretationen keine Bedeutung haben und wohl durch die verschiedenen Dialekte der Tradierungsorte bedingt sind. Auch die Metrik des Meißnertones ist nicht Gegenstand dieser Arbeit, wobei natürlich im Vorfeld festgestellt wurde, dass die metrisch-musikalische Anordnung der zur Debatte stehenden Strophen gleich ist, sie gehören also einem Ton an.

Zunächst wird auf die ’Formalitäten’ des Meißnertones eingegangen, sprich auf die Überlieferungsgeschichte, die Stilmittel, die Walther in diesen Strophen verwendet, und auf die historischen Ereignisse, die aber nur in einem kurzen Überblick und auch nur zum besseren Verständnis der folgenden Interpretationen gegeben werden sollen. Darauf folgt die Interpretation von L 105,13, die in drei Forschungsrichtungen unterteilt ist. Anschließend werden die Interpretationen von L 105,27 und L 106,3 sowie ihre möglichen Datierungen und Vortragsorte besprochen. Diese Reihenfolge der Besprechung der Strophen ist analog zu der Reihenfolge der Strophen in den Überlieferungen.

II. Formalitäten

1. Die Überlieferung

Schriftliche Überlieferungen der Lieder und Sprüche Walthers von der Vogelweide finden sich (bisher) in 31 Handschriften und Fragmenten. Die Strophen sind entweder direkt Walther zugeschrieben oder es sind solche, die ihm in anderen Handschriften zugeordnet werden[3]. Die umfangreichsten Walther-Sammlungen lassen sich in den drei großen alemannischen Sammelhandschriften, der Kleinen Heidelberger Liederhandschrift (A), der Weingartner Liederhandschrift (B) und der Großen Heidelberger Liederhandschrift (C) finden. Die Tradierung Waltherscher Strophen beginnt um 1230 mit drei Strophen aus dem Mailied und dem Palästinalied in den Carmina Burana (M), die dort allerdings keinem Autor zugeordnet sind[4]. Der Codex Buranus ist demnach wohl der einzige uns erhaltene Textzeuge, der noch zu Walthers Lebzeiten erstellt wurde[5]. Alle anderen Handschriften stammen nicht aus der Zeit des Autors. Die wohl älteste Handschrift, in der Walther erstmals namentlich erwähnt wird, ist die Kleine Heidelberger Liederhandschrift (A), die, verglichen mit den anderen Handschriften, die äußerlich anspruchsloseste ist[6]. Entstanden ist sie vermutlich gegen Ende des 13. Jahrhunderts, frühestens allerdings um 1275, im Elsaß[7]. Sie zeigt, dass die schriftliche Festhaltung von Walthers Lyrik erst ungefähr vierzig Jahre nach seinem Tod beginnt. Das Walther-Corpus ist das umfangreichste der Sammlung. 151 Strophen sind unter seinem Namen verzeichnet, sowie 12 anonyme Strophen im Anhang (a), die ihm jedoch in anderen Handschriften zugeordnet werden. Handschrift A bietet eine vollständige Überlieferung des Reichstones, des Zweiten Philippstones, sowie des Meißnertones. Letzterer ist auf Blatt 12r, Strophe 108 bis 110 zu finden. Die zweite Handschrift, die den Meißnerton tradierte, ist die Große Heidelberger Liederhandschrift (C), auch Codex Manesse genannt. Er ist die umfassendste auf uns gekommene Liederhandschrift, dokumentiert er doch die deutschsprachige Liedkunst von der zweiten Hälfte des 12. bis in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts. Entstanden ist er vermutlich im ersten Drittel des 14. Jahrhunderts in Zürich[8]. Das Textcorpus von Walther stellt auch hier das größte dar. Unter Walthers Namen sind 1 Leich und 444 Strophen überliefert, hinzu kommen noch 31 Strophen unter anderen Namen, die andere Handschriften als Walther-Strophen festhalten. Der Meißnerton ist auf Blatt 142r, 2. Spalte, Strophen 366 – 368 (382 – 384) zu finden. Die Überlieferung dieses Tons ist in Strophenfolge und –anzahl identisch mit der in Handschrift A, Unterschiede lassen sich nur bei der Orthographie ausmachen.

a) Die gemeinsame Quelle *AC

Die große Nähe der Hs C zu den Hs A und B lässt gemeinsame Quellen *AC und *BC vermuten, da der Meißnerton aber nur in Hs A und C überliefert ist, sollen auch nur die Vorstufen von A und C kurz vorgestellt werden.

Cormeau gibt in einer vereinfachten Darstellung die Gemeinsamkeiten der Vorstufen von A und C folgendermaßen an: Wortlaut der Texte, Strophenfolge, Strophenanzahl und, ansatzweise, Ordnungsgesichtspunkte. Er stellt jedoch klar, dass diese gemeinsamen Vorstufen keinesfalls direkte, heute verlorene, Vorlagen für die auf uns gekommene Handschriften darstellen. Alle Vermutungen, welche die Überlieferungsgeschichte betreffen, müssen somit als hypothetisch gelten, als gesichert gilt nur, dass die wichtigen alemannischen Sammelhandschriften ’verwandtschaftliche’ Beziehungen zueinander haben, und dass sie den Hauptanteil an der schriftliterarischen Tradition des 13. und 14. Jahrhunderts tragen[9]. Wisser[10] fand bereits 1895 heraus, dass dort, wo Hs A und C ganz oder annähernd übereinstimmen, sich zwei gemeinsame Quellen erschließen lassen, besonders anhand der Textstellen, die nicht nur den Text, sondern auch die Strophenreihenfolge gemeinsam haben. Er erschloss dies aus Walthers Textcorpus, das zwei Reihen von AC-Strophen enthält: Die erste Reihe setzt sich aus den Strophen C 240-43, 246-73 sowie den Nachträgen C 344-389 zusammen und lag darum bereits in einer gemeinsamen Quelle von A und C, *AC¹, vor, Reihe 2 besteht aus den Strophen C 355-378, wiederholt also 23 Strophen und stellt somit die zweite vermutete Quelle von A und C, *AC², dar.

Wissers These der zwei Quellen wurde von Wilmanns[11] 1924 bestätigt, der ebenfalls feststellte, dass Hs C an zwei Stellen der Walther-Sammlung eine ähnliche Vorlage wie Hs A verwendete. Er erweiterte die These allerdings um einige Details: Quelle *AC¹ fehlten 43 Strophen; diese finden sich zwar in Hs A, aber Hs C überliefert einige dieser 43 Strophen nicht im besagten C¹-Teil, sondern vor Strophe 240, sie wurden also aus einer anderen Quelle, *BC, übernommen. Die Strophen, die in Hs C nicht vorangehen, aber in Hs A vorhanden sind, fehlen in C¹. Hs A muss also noch eine zweite Quelle benutzt haben, denn die meisten der vorher ausgelassenen Strophen sind dann in der zweiten C-Reihe zu finden. Kornrumpf[12] erweiterte die Zwei-Quellen-These dann noch um den Zusatz, dass *AC² für Hs C erst herangezogen wurde, als der Abschnitt mit den Sangsprüchen eigentlich bereits fertig gestellt war. Dies betrifft den Bereich 141r bis 142v, und damit auch den Meißnerton, der sich somit als Nachtrag herauskristallisiert.

2. Stilmittel

Es soll hier nicht Walthers Stil überhaupt untersucht werden, sondern es werden nur die für ihn typischen Stilmittel besprochen, die er ihm Meißnerton verwendet[13]. Dieses sind nicht allzu viele, da sich die drei Sprüche mehr durch die in ihnen enthaltenen Argumente als durch Bilder auszeichnen[14].

Von den Figuren gebraucht Walther häufig die Epitheta ornantia, schmückende Beiwörter, die in zwei Gruppen aufgeteilt werden können: in allgemein gültige und in solche, die ihre Gültigkeit aus dem ’Jetzt’ erhalten. Im Meißnerton finden sich zwei Epitheta ornantia:

keiser hê re (L 105,13 V.1), das allgemein gültig ist, und ungetriuwer mort (L 105,13 V.8), das der zweiten Gruppe zuzurechnen ist. Häufigen Gebrauch macht Walther auch von der Anapher, und so ist eine Art der Anapher, die Wiederholung im gleichen Vers, auch unter L 105,13 zu finden: si swuoren hie, si swuoren dort (V.7). Auch die Alliteration ist ein beliebtes Stilmittel von Walther: mir wandeln, ob er wolde (L 105,27 V.2). Oft verwendet Walther auch Sprichwörter aus der Bibel oder dem Volksmund, L 106,3 hat er mit einem solchen beendet: waz vil verdirbet, des man níht enwirbet! (V.13/14).

3. Geschichtlicher Überblick

Für die Interpretation wie für die zeitliche Einordnung des Meißnertones ist die Einbettung in die historischen Ereignisse kein unwesentlicher Faktor. Aus diesem Grunde folgt nun ein kurzer Abriss über die politische Situation, der es ermöglichen soll, im nachfolgenden Kapitel auf die Details nicht mehr näher eingehen zu müssen[15].

1208 steht Landgraf Hermann von Thüringen nach dem Tod Philipps von Schwaben ganz auf Ottos Seite und ist auch bei dessen Wahl zum Kaiser am 11.11.1208 in Frankfurt anwesend. Aber im September 1210 gibt es bereits eine oppositionelle Gruppe von Reichsfürsten gegen Otto IV., der auch Hermann von Thüringen angehört. Weitere Mitglieder sind: die Erzbischöfe Siegfried von Mainz und Albrecht von Magdeburg, König Ottokar von Böhmen, Herzog Otto von Meranien und Bischof Ekbert von Meranien. Papst Innozenz III. befreit diese Fürstenopposition im Dezember 1210 von ihrem Treueid zu Otto, im Februar 1211 exkommuniziert er Otto. Diese Exkommunikation tritt offiziell am 18.11.1211 in Kraft. Im Frühjahr 1211 kommt es auch zu einem weiteren geheimen Treffen der Fürstenopposition in Naumburg, auf dem sich die Fürsten gegenseitiges Ausharren in der Auflehnung gegen Otto schwören[16] und die offizielle Wahl des Staufers Friedrich von Sizilien zum römischen Kaiser vorbereiten. Diese Wahl findet dann im September 1211 auf der Nürnberger Versammlung statt. Hier sind zusätzlich zu den bereits genannten Fürsten noch Herzog Leopold von Österreich und Herzog Ludwig I. von Bayern anwesend. Aber Otto IV. versucht, seine Machtposition wieder zu stärken. Auf dem Frankfurter Hoftag im März 1212 zieht er die Herzöge von Bayern und Österreich sowie Ekbert von Bamberg und Otto von Meranien wieder auf seine Seite, von Markgraf Dietrich von Meißen lässt er sich die Treue schwören. Jetzt leisten nur noch Landgraf Herman und König Ottokar Widerstand. Otto IV. spricht dem Böhmenkönig das Königreich ab und belagert Weißensee, die Burg Hermanns. Die Belagerung geht gut voran, Otto rechnet mit einer Kapitulation. Doch dann erfährt er von Patriarch Wolfger von Aquileja, dass Friedrich II. von Sizilien nach Deutschland aufgebrochen ist. Nun benötigt er Beistand, staufischen Beistand. Diesen sichert er sich durch die Heirat mit der Stauferin Beatrix am 22.07.1212, die staufisch gesinnten süddeutschen Fürsten kämpfen nun an seiner Seite[17]. Einer baldigen Einnahme von Burg Weißensee steht nun nichts mehr im Wege. Aber auch Hermann scheint von Friedrichs Rückkehrplänen zu wissen, denn er zögert die Kapitulationsverhandlungen hinaus, und als Beatrix unverhofft am 11.08.1212 stirbt, droht das Zwangsbündnis mit den Stauferanhängern auseinander zu brechen[18]. Otto versucht den Tod seiner Frau geheim zu halten. Er beauftragt Markgraf Dietrich von Meißen, der seit dem Frankfurter Hoftag zu seiner Gefolgschaft gehört, mit den Verhandlungen. Dies ist für Otto ein gewagtes Unternehmen, denn Dietrich ist Hermanns Schwiegersohn. Dietrich handelt mit Weißensee einen Waffenstillstand aus: Die Besatzung der Burg muss die Stadt räumen, darf aber auf der Burg verbleiben und diese wieder instand setzen, bis der Landgraf sich für (oder gegen) den Kaiser entschieden hat. Doch Hermann liegt nichts an einem Vertrag mit Otto, er ruft die Besatzung der Burg zum Widerstand auf. Als Otto dies zu Ohren kommt, lässt er die Burg wieder beschießen. Mittlerweile ist jedoch die Nachricht von Beatrix’ Tod bis zu den schwäbischen und bayerischen Reichsfürsten vorgedrungen, die daraufhin das Bündnis mit Otto aufkündigen und das Heer verlassen. Auch nähert sich Friedrich deutschem Boden, und so ist Otto gezwungen, die Belagerung von Weißensee abzubrechen, um noch rechtzeitig dem herannahenden Staufer entgegen zu treten. Aber Otto kommt zu spät, Friedrich ist bereits in Konstanz.

[...]


[1] Bein, Politische Lyrik, S.121

[2] Zählung und Zitate der Sprüche wie in Schweikle, Spruchlyrik

[3] Cormeau, Walther v. d. Vogelweide, S. XV

[4] Kornrumpf, Überlieferung, S. 153

[5] Cormeau, Walther v. d. Vogelweide, S. XV

[6] VL, Spalte 577

[7] Voetz, Überlieferungsformen, S.233

[8] VL, Spalte 586/ 587

[9] Cormeau, Walther v. d. Vogelweide, S.XVII

[10] Wisser, Verhältnis, S.11

[11] Wilmanns, Walther v. d. Vogelweide, S.27-31

[12] Kornrumpf, Überlieferung, S.157

[13] Dieses Kapitel bezieht sich auf Wigand, Der Stil Walthers

[14] Brunner, Epoche, S.168

[15] soweit nichts anderes angegeben wird, bezieht sich dieses Kapitel auf Hucker, Otto IV, S. 292 - 303

[16] Nix, Untersuchungen, S.170

[17] Nix, Untersuchungen, S. 163

[18] Nix, Untersuchungen, S.165

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Zur Interpretation des Meißnertons von Walther von der Vogelweide
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar Codex Manesse
Note
1,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
24
Katalognummer
V11314
ISBN (eBook)
9783638175067
ISBN (Buch)
9783638698269
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interpretation, Meißnertons, Walther, Vogelweide, Hauptseminar, Codex, Manesse
Arbeit zitieren
Anke Balduf (Autor), 2000, Zur Interpretation des Meißnertons von Walther von der Vogelweide, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11314

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