Code-switching in Internetforen am Beispiel von "Polen im Pott"

(www.polenimpott.de)


Magisterarbeit, 2007
86 Seiten, Note: 2,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1. Code-switching – ein weltweites Phänomen
2.1.1. Sprachkontaktphänomene
2.1.2. Code-switching
2.1.2.1. Kurze historische Skizze
2.1.2.2. Definitionen
2.1.2.3. Code-switching vs. Transferenz
2.1.2.4. Forschungslinien und Vertreter
2.1.2.5. Voraussetzungen für das Anwenden und Verstehen von Code-switching
2.1.2.6. Der Code
2.1.2.7. Arten von Code-switching
2.1.2.8. Kontextualisierung
2.1.2.9. Die Basis- bzw. Matrixsprache
2.1.2.10. Code-switching und die Neuen Medien
2.2. Internetforum als Platz der grenzlosen Kommunikation
2.2.1. Computervermittelte Kommunikation
2.2.2. Ethno-Portale
2.2.3. Internetsprache
2.2.4. Internetforen
2.2.4.1. Definition
2.2.4.2. Organisation
2.2.4.3. Aufbau
2.2.4.4. Forum - eine Form im Spannungsfeld zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit

3. Code-switching im Polen-Forum – empirische Analyse
3.1. Methodisches Vorgehen
3.2. Polen in Deutschland – soziolinguistischer Hintergrund
3.2.1. Die Migration seit 1870
3.2.2. Die Ruhrpolen
3.3. www.polenimpott.de
3.3.1. Der redaktionelle Teil
3.3.2. Das Polen-Forum
3.3.2.1. User-Profil
3.4. Code-switching im Polen-Forum
3.4.1. Die Matrixsprache
3.4.2. Auslöser für Code-switching im Polen-Forum
3.4.2.1. Die „Weder-Noch-Generation“
3.4.2.2. Charakter des Forums
3.4.2.3. Themen
3.4.2.4. Neigungen und Möglichkeiten der User
3.4.3. Formen von Code-switching im Polen-Forum
3.4.3.1. Satzinternes vs. satzexternes Code-switching im Polen-Forum
3.4.3.2. Forumeigene Formen von Code-switching
3.4.4. Funktionen von Code-switching im Polen-Forum
3.4.4.1. Identifikationsfunktion
3.4.4.2. Diskursfunktionen
3.4.4.3. Soziale Funktion
3.4.4.4. Betonung der Emotionen
3.4.4.5. Referentielle Funktion
3.4.5. Kontextualisierungshinweise im Polen-Forum
3.5. Switchen im Polen-Forum und Switchen in der Face-to-face-Kommunikation – ein Vergleich
3.5.1. Die Ausgangssituation
3.5.2. Die konzeptionelle Mündlichkeit des Forums
3.5.3. Die Formenvielfalt
3.5.4. Funktionen
3.5.5. Häufigkeit

4. Zusammenfassung und Ausblick

5. Literaturverzeichnis

6. Anhang

1. Einleitung

Überall dort, wo identisch zwei- oder mehrsprachige Personen miteinander kommunizieren, werden besondere Interaktionsstrategien und -formen gebildet - unabhängig davon, in welchem Medium die Kommunikation stattfindet. Sprachkontaktphänomene treten auf der ganzen Welt unter unterschiedlichsten Sprachen sowie Sprachvarietäten auf. Eines von ihnen, das weltweit überall dort vorkommt, wo mehrsprachige Personen miteinander in Kontakt treten, ist Code- switching.

Die Vielfalt des Phänomens Code-switching hat dazu geführt, dass die Forschung zu diesem Thema im Laufe der Zeit interdisziplinär geworden ist und machte aus ihm eines der heutzutage wahrscheinlich am meisten untersuchten Sprachkontaktphänomenen überhaupt. Trotzdem hat sich an einer Tendenz immer noch kaum etwas geändert – Code-switching wird meistens als ein für die gesprochene Sprache typisches Phänomen dargestellt. Code-switching in der geschriebenen Sprache bleibt dagegen oft unerwähnt (mit Ausnahme weniger Aufsätze und Pilotstudien).

Um einen neuen Beitrag zu der Forschung auf dem Gebiet des Code-switchings zu leisten, hat die vorliegende Arbeit zum Ziel, die „geschriebene“ Seite von Code-switching zu untersuchen und dies im Bereich der Internetkommunikation, die über die Zeit- und Raumgrenzen hinweg Menschen verbindet und sich durch Mehrsprachigkeit auszeichnet. Dieser Mehrsprachigkeit begegnet man im Cyberspace in den unterschiedlichsten Erscheinungsformen. Eine davon bilden die sog. Ethno-Portale, die sich an verschiedene ethnische Gruppen richten und längst zum beliebten Ort der internen Kommunikation unter meist jungen Migranten geworden sind. Besonders gefragt sind die interaktiven Angebote der Ethno-Portale – d.h. seiteneigene Chats und Diskussionsforen, in denen die durch ihre Abstammung vereinten Menschen ihre Kultur- und Sprachvielfalt ausleben können.

Am Beispiel des Forums des Ethno-Portals „Polen im Pott“ wird in dieser Arbeit folgenden Fragen nachgegangen: Was sind die wichtigsten Erkenntnisse zu Code-switching in der aktuellen Forschung? (Kapitel 2.1). Was ist das Besondere an der Internetkommunikation und vor allem kann ein Internetforum als ein Platz der mehrsprachigen Kommunikation, die der Face-to-face-Kommunikation ähnelt, klassifiziert werden? (Kapitel 2.2) Welche Formen und Funktionen von Code-switching sind in einem Forum zu finden und kann man unter ihnen Unterschiede/Ähnlichkeiten zu den in der Forschungsliteratur dargestellten Code-switches der direkten Interaktion feststellen? (Kapitel 3).

Die in der vorliegenden Arbeit gewonnenen Erkenntnisse sollen auch die bisherigen Untersuchungen zur Mehrsprachigkeit im deutschen Internet erweitern sowie zukünftigen Studien als Vergleichsgröße dienen und so bei der Bestätigung bzw. Revidierung der Ergebnisse eine Hilfe leisten. Des Weiteren soll diese Studie ein neues Licht auf das Phänomen des Code- switchings werfen und dadurch neue Anregungen zur Erweiterung der Forschung auf dem Gebiet des Code-switchings geben.

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Code-switching – ein weltweites Phänomen

2.1.1 Sprachkontaktphänomene

Als Sprachkontakt wird definiert: „Aufeinandertreffen zweier oder mehreren Sprachen meist durch geographische Nachbarschaft ihrer Sprecher. Voraussetzung ist, dass Kommunikation über die Grenzen der jeweiligen einzelnen Sprachgemeinschaft hinweg erfolgt.“ (Glück 2005: 620).

Wo zwei Kulturen auf engem Raum tagtäglich und über längere Zeit hinweg aufeinander treffen, kann man oft verschiedene (mehr oder weniger nennenswerte) linguistische Auswirkungen dieses „Miteinanderlebens“ – in der Fachliteratur unter dem Begriff Sprachkontaktphänomene zusammengefasst - beobachten. Dazu gehören: Bilingualismus bzw. Multilingualismus, Sprachmischung, Sprachbund und Code-switching sowie verschiedene Interferenzen, die kurz hier charakterisiert werden.

- Bi-/Multilingualismus

In der Forschungsliteratur sind diese Begriffe nicht unumstritten. Für manche Wissenschaftler (wie z.B. Bloomfield/Braun) beschränkt sich die Zweisprachigkeit auf die Beherrschung zweier Sprachen auf einem muttersprachlichen Niveau. Die Sprache steht also im Mittelpunkt. Anders sieht es z.B. Blocher, der betont, dass die Zugehörigkeit zu einer Sprachgemeinschaft (und dies zu solchem Grade, dass schwer feststellbar ist, welche der beiden Sprachen als Muttersprache zu bezeichnen ist) eine enorme Rolle spielt. Er vertritt die These einer „ausgeglichenen Zweisprachigkeit“ (vgl. Földes 2005:10)

Diese große Breite an Definitionen ergibt sich aus der Tatsache, dass in ihnen verschiedene Stufen der Zwei- bzw. Mehrsprachigkeit betrachten werden. Die Zweisprachigkeit im weiteren Sinne kann durchaus dort beginnen, wo eine „passive Verstehenskompetenz“ vorhanden ist, während die Zweisprachigkeit im engeren Sinne den Voraussetzungen von Blocher gerecht werden muss. Zweisprachigkeit ist also meiner Meinung nach als eine Art des Kontinuums mit mehreren Abstufungen1 anzusehen.

Eine relativ allgemeine Definition kann man im Metzler Lexikon Sprache nachlesen. Dort werden Bilingualismus (auch Bilinguismus oder Zweitsprachigkeit genannt) und Multilingualismus (anders Mehrsprachigkeit) definiert als „der Zustand einzelner Personen oder einer sozialen Gemeinschaft, die sich bei der täglichen Kommunikation zweier [oder mehrerer (im Fall des Multilingualismus)] unterschiedlicher Sprachen bedienen. Ein bilingualer Zustand tritt gewöhnlich unter der Bedingung auf, dass Angehörige zweier verschiedener Ethnien in engem Kontakt miteinander leben und kommunizieren.“ (Glück 2005: 102).

In Bezug auf meine Arbeit möchte ich an der Stelle erwähnen, dass Bilingualismus hier sowohl im engeren als auch im weiteren Sinne verstanden werden kann. Bilingualismus im engeren Sinne bezieht sich auf Personen, die zwei-(oder mehr-)sprachig aufgewachsen sind und im weiteren Sinne trifft es auch auf Personen zu, die anfangs nur ihre Muttersprache und erst im späteren Stadium ihres Lebens eine zweite Sprache gelernt haben und meistens das Niveau eines Muttersprachlers erreichten (so z.B. Bloomfield/Braun). Dabei stimme ich auch Blocher zu, der sagt: „Unter Zweisprachigkeit ist zu verstehen die Zugehörigkeit eines Menschen zu zwei Sprachgemeinschaften in dem Grade, daß Zweifel darüber bestehen können zu welcher der beiden Sprachen das Verhältnis enger ist, oder welche mit größerer Leichtigkeit gehandhabt wird, oder in welcher man denkt.“ (Blocher (1982:17) in: Földes 2005:10). Ohne kulturelles Verständnis ist, meiner Meinung nach, ein sinnvolles und gezieltes „Jonglieren“ mit Sprachen nicht möglich.

- Sprachbund

Ein Sprachbund bezeichnet „Gruppen geographisch benachbarter Sprachen, die sich, auch ohne dass zwischen ihnen eine genetische Verwandtschaft zu bestehen braucht, durch auffällige Übereinstimmungen im grammatischen Bau auszeichnen von im weiteren Umkreis gesprochener Sprachen abheben.“ (Glück 2005:610)

- Sprachmischung

Sprachmischung ist ein Ergebnis langjährigen Sprachkontakts und bezeichnet Veränderungen einer Sprache, die sich durch Aufnahme von Elementen einer anderen Sprache vollziehen. Von Sprachmischung spricht man erst dann, wenn es infolge der oben genannten Veränderungen zur Abänderung des gesamten sprachlichen Systems gekommen ist. Es ist also ein langwieriger Prozess, der erst auf historischen Stufen nachgewiesen werden kann.2

- Interferenzen

Interferenzen gehören zu den gängigsten und unvermeidbaren Begleiterscheinungen von Sprachkontakten und der daraus resultierenden Zwei- bzw. Mehrsprachigkeit. Infolge der Einwirkung einer Sprache auf die andere, kommt es zu Veränderungen im Sprachsystem einer (einseitige Interferenz) oder beiden (wechselseitige Interferenz) Sprachen. Im Unterscheid zu Sprachmischung können diese Veränderungen recht schnell nachgewiesen werden. Zu den gängigsten Interferenzen gehören Transferenzen (also Entlehnungen).

- Code-switching3

Als Sprachwechsel bezeichnet man einerseits „Übergang einer Sprachgemeinschaft bzw. eines Individuums von einer Sprache A zu einer Sprache B, i.d.R. im Ergebnis von anhaltendem Sprachkontakt und (transitorischem) Bilingualismus dieser Sprachgemeinschaft bzw. dieses Individuums“ (Glück 2005:633) (Sprachverlust) und andererseits das Phänomen, das in meiner Arbeit unter dem Begriff Code-switching auftritt und im weiteren Teil der Arbeit ausführlich besprochen wird.

Um die oben aufgezählten Phänomene in der kommunikativen Alltagspraxis der bilingualen Sprecher zu veranschaulichen, bediene ich mich an dieser Stelle der Grafik von Földes (2005:67).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Ausgangspunkt ist hier ein psycholinguistisches interaktives Modell. Da der Gegenstand von Földes Untersuchungen die Kontaktphänomene zwischen dem Deutschen und dem Ungarischen untersucht, werden auch die zwei Sprachen für die Grafik verwendet. Trotzdem ist diese Grafik universell und kann durch jeweilige Sprachenpaar ergänzt werden. Das linke und rechte Ende des Kontinuums stellen Situationen dar, in denen die bilingualen Personen nur eine von ihnen beherrschte Sprache verwenden. Dies passiert z.B., wenn sie sich mit einsprachigen Personen oder auch mit Personen, die streng die Sprachnormen beachten (z.B. Lehrer) unterhalten oder auch in formellen Situationen (z.B. bei Behörden o. Ä). Die Mitte der Grafik umfasst alle Situationen, in denen es zu Interaktion zwischen zwei- bzw. mehrsprachigen Personen mit (beinahe) demselben sprachlichen Repertoire kommt. In dem Teil der Grafik sind Interferenzen sowie Code-switching anzusiedeln. In diesem Bereich ist die dominierende Sprache die Basissprache4 (diese kann allerdings je nach situationsbestimmenden Faktoren abwechselnd einmal die eine und einmal die andere sein). Die übrigen Abschnitte auf dem Kontinuum stehen für Kommunikationssituationen, deren Modus je nach dem Kommunikationspartner, Thema, Umgebung o. Ä. variiert (die farblichen Abstufungen der Ellipsen sind als Grad der Aktivität der jeweiligen Sprache zu deuten).

2.1.2 Code-switching

2.1.2.1 Kurze historische Skizze

Die ersten Anstöße zur Entdeckung von Code-switching als eigenständiges Forschungsobjekt hängen mit der Bilingualismusforschung und den Untersuchungen rund um den Zweitsprachenerwerb zusammen. Auf diesen zwei Gebieten hat man sich mit steigender Neugier mit Interferenzen beschäftigt. Vor diesem Hintergrund wuchs relativ langsam das Interesse für das Phänomen Code-switching. Erst in den 50er und 60er Jahren erscheinen die ersten Publikationen zu diesem Thema. 1953 wird Weinreichs Buch Languages in Contact veröffentlicht, in dem er sich mit der Problematik des Transfers zwischen zwei Sprachen beschäftigt und Phänomene, die damit zusammenhängen, nicht als absichtlich angewendet, sondern als Ergebnis der Unachtsamkeit der Redner (affektive Rede) bewertet. Bemerkungen ähnlicher Art kann man auch bei Haugen The Analysis of Linguistic Borrowing (1950) lesen.

Code-switching hat vor allem in den 80er und 90er Jahren eine große Zahl an Publikationen hervorgerufen.

2.1.2.2 Definitionen

In der Forschungsliteratur gibt es eine Großzahl an Definitionen zu Code-switching. Darunter stelle ich Definitionen der wichtigsten Vertreter in chronologischer Ordnung vor (zitiert nach Kelkar-Stephan 2005:124f):

Code-switching ist:

- “occurs when a bilingual introduces a completely unassimilated word from another language into his speech” (Haugen 1956)
- “the alternation of two languages within a single discourse, sentence or constituent” (Poplack 1980)
- “the bilingual’s ability to select the language according to the interlocutor, the situational context, etc.” (Redlinger & Park 1980)
- “the juxtaposition within the same speech exchange of passage of speech belonging to two different grammatical systems or sub-systems” (Gumperz 1982)
- “the selection by bilinguals or multilinguals of forms from an embedded variety (or varieties) in utterances of a matrix variety during the same conversation” (Myers- Scotton 1993)
- “the juxtaposition of sentences or sentence fragments, each of which in internally consistent with the morphological and syntactic (and optionally, phonological) rules of its lexifier language” (Poplack et al 1995)
- “complete shift to another language for a word, a phrase, a sentence, etc.” (Grosjean 1995)

Den verschiedenen Definitionen obliegt eine Gemeinsamkeit, nämlich dass sie Code-switching als einen Wechsel zwischen zwei oder mehreren Sprachen oder Sprachvarietäten innerhalb eines Dialoges oder einer Äußerung bei bilingualen Sprechern oder Schreibern bezeichnen. Dieser allgemeinen Definition bediene ich mich, wenn ich in meiner Arbeit von Code-switching spreche.

2.1.2.3 Code-switching vs. Transferenz

Auch hier herrscht große Meinungsverschiedenheit bezüglich der Definition und der Unterschiede zwischen den beiden Termini. Im Allgemeinen gibt es unter den Forschern zwei Lager: diejenigen, die behaupten, dass man diese zwei Formen immer voneinander unterscheiden kann und diejenigen, die diese Möglichkeit bestreiten (z.B. Myers-Scotton).

Sicher ist, dass es bestimmte Indizien gibt, die uns helfen, Code-switching von Entlehnung zu unterscheiden (vgl. Kelkar-Stephan 2005:127):

- Entlehnungen treten vorwiegend als „Fügungen/Einschübe“ von einzelnen Lexemen oder Phrasen in eine gegebene Struktur auf, während Code-switching sich auf verschiedene sprachliche Einheiten, wie z.B. Morpheme, Sätze, Phrasen usw. erstreckt.
- Handelt es sich um Code-switching, so beläuft sich die Anzahl der „gemixten“ Elemente meistens auf mehr als ein Wort (quantitativer Unterschied); zusätzlich gibt es noch den qualitativen Unterschied, z.B. einzelne Wörter, wie Nomen können meistens als Entlehnungen und Nominalphrasen als ein Fall von Code-switching charakterisiert werden.
- Eine Entlehnung ist in eine Sprache als ein fremdes Wort gekommen und erst durch ihre mehrmalige Verwendung durch breite Sprachgemeinschaft in ihr Vokabular integriert worden. Bei Code-switching handelt es sich um einmalige Benutzung einer anderen Sprache durch ein Individuum – es kommt weder zur morphologischen noch phonologischen Integration von „geswitchten“ Elementen in die andere Sprache.
- Transferenz hat zum Ziel, die Lücken im mentalen Lexikon zu füllen (Code-switching dient diesem Zweck nicht).
- Transferenzen treten in einsprachigen Äußerungen auf (unter monolingualen Personen), während Code-switching das Produkt der sprachlichen Kompetenz in zwei Sprachen ist.
- Letztendlich kann man feststellen, dass Transferenzen genauso gut in geschriebener oder formeller Kommunikation auftreten, während Code-switching sich fast ausschließlich auf die informelle Art der Kommunikation beschränkt.

Diese terminologische Unstimmigkeit wird noch durch den Begriff „nonce-borrowing“ (Ad- hoc-Entlehnung) verstärkt. Solche Gelegenheitsentlehnungen entsprechen zwar denselben Kriterien wie die etablierten Entlehnungen (d.h. sie zeichnet morphologische, syntaktische und manchmal auch phonologische Integration aus), aber sie sind nicht rekurrent übernommen, d.h. sie werden nicht in den Wortschatz integriert und lexikalisiert. Ad-hoc-Entlehnugen sind eine Zwischenform zwischen Entlehnungen und Code-switching:

„nonce-borrowings linguistically behave like loanwords, since they typically show full linguistic integration, however sociolinguistically they behave like code-switches since “they need not satisfy the diffusion requirement” just as code-switches need not.” (Kelkar-Stephan 2005:128)

2.1.2.4 Forschungslinien und Vertreter

In der Forschung haben sich im Laufe der Zeit 3 Forschungslinien mit verschiedenen Schwerpunkten herausgebildet.

a) Die grammatischen Forschungsrichtung, die sich mit den grammatischen Zwängen für Code-switching beschäftigt, fand ihren Anfang in den 80er Jahren durch Arbeiten von

Shana Poplack5 (Hypothese der generativen Syntaxtheorie) und Carol Myers-Scotton6 („Matrix-Frame Language Model“).

Überdies beschäftigt man sich auf diesem Gebiet mit der Frage: Verfügen bilinguale Sprecher über eine Art dritter Grammatik für gemischtsprachige Äußerungen, die Elemente von den zwei grammatischen Systemen kombiniert oder bleiben die grammatischen Systeme separat und alterniert der Code-switching-Mechanismus zwischen diesen?

b) Die soziolinguistische Forschungslinie mit Bloom und Gumperz an der Spitze versucht eine Antwort auf die Frage zu geben: An welchen Stellen ist Code-switching möglich und durch welche Faktoren werden die Switches ausgelöst? Gumperz7 hat als erster in seinen Untersuchungen zu Code-switching die Hervorbringung des Kontextes mittels sprachlicher Variation – d.h. Kontextualisierung - bemerkt und beschrieben8. Von Interesse sind hier auch die diskursiven und kommunikativen Funktionen, über welche bestimmte Codes in einer bilingualen Gemeinschaft verfügen. Gumperz differenziert zwischen „metaphorical“ und „situational“ Code-switching9. Situational code-switching wird durch eine bestimmte Situation ausgelöst und metaphorical code-switching wird durch Wechsel der Kontextualisierungshinweise gekennzeichnet (unabhängig von der Situation).

c) Die interaktionale Forschungsrichtung, mit Peter Auer (1998) als Vorreiter. In seinen Forschungen geht Auer von der Gumperz’ Ansicht aus, aber modifiziert diese, indem er sagt, dass eine Situation nicht a priori gegeben ist, sondern erst durch das Gespräch entsteht. Die Funktionalität von Code-switching steht im Vordergrund.

Heutzutage versuchen die Forscher ihre Erkenntnisse nicht mehr aus einer einzigen Perspektive zu betrachten, sondern lassen in ihre Arbeiten verschiedene Faktoren einzufließen. Dies führte dazu, dass Code-switching-Forschung interdisziplinär wurde Code-switching und auch Forschungsgegenstand der Neurolinguistik, Psycholinguistik, Psychologie und Anthropologie ist.

2.1.2.5 Voraussetzungen für das Anwenden und Verstehen von Code-switching

Code-switching wird in der Forschung vor allem als operationales Mittel in der mündlichen Kommunikation untersucht. Ohne solide kulturelle und/oder soziale Kenntnisse, scheint es sehr mühevoll (eigentlich unmöglich) zu sein, den vollen Sinn von Code-switching in einer Gemeinschaft zu verstehen. Ich wage sogar zu behaupten, dass man ein Muttersprachler sein muss, um dieses Phänomen in seinem vollen Umfang verstehen zu können.

Code-switching ist unter bilingualen Personen10 zu beobachten – und dies sowohl im engeren

als auch im weiteren Sinne. Zwei- oder Mehrsprachigkeit ist aber nicht die einzige und ausreichende Voraussetzung, um im Gespräch mit anderen Personen diese Form der Sprachvariation sinnvoll anwenden zu können. Viel wichtiger sind die sozialen und kulturellen Beziehungen, welche die am Gespräch beteiligten Personen miteinander verbinden, ihnen ein Zusammengehörigkeitsgefühl verleihen und durch gemeinsame Gefühle und die für sie markanten Kontexte erst die Switches sowie die Sinngebung und Sinnverstehung von Code- switches sowie den Spaß der Gesprächspartner an solchen Formen der Kommunikation ermöglichen. Ich bezweifle an dieser Stelle nicht, dass es genug Beispiele gibt, die nichts mit bewusstem Anwenden des Code-switching zu tun haben und eher als Folge mangelnder Sprachkenntnisse einzustufen sind. Solche Fälle gehören aber nicht zu Code-switching in seinem eigentlichen Sinne und sind eher unter dem Begriff Interferenzen zu betrachten.

Das Phänomen Code-switching ist allerdings nicht nur auf soziolinguistische Faktoren zu begrenzen. Auch die lokalen Gegebenheiten, wie z.B. der Ort der Kommunikation, können unter Umständen von Bedeutung sein. „Bilinguale Konversation“ betrifft und widerspiegelt sich sowohl in der grammatischen als auch soziolinguistischen Dimension.

In der Forschungsliteratur kann man z.B. nachlesen, dass sich manche Sequenzen besser als andere für Code-switching eignen (z.B. Antworten sind besser geeignet als Fragen).

2.1.2.6 Der Code

Code-switching ist keineswegs auf zweisprachige Kommunikation eingegrenzt. Genauso gut kann man in einer Konversation zwischen mehreren Dialekten/Sprachvarietäten (Codes) switchen - „Most speakers command several varieties of any language they speak. The particular dialect or language variety that a parson uses when conversing is called a code”

(Kelkar-Stephan 2005:124) - vorausgesetzt alle Gesprächspartner verfügen über entsprechende kulturelle, soziale oder auch kontextuelle Kenntnisse bezüglich des in einer Kommunikation auftauchenden Codes.

In einem Code bzw. in Codes spiegelt sich der soziale Hintergrund einer Sprachgemeinschaft wieder. Die Sprachvariation innerhalb einer Sprache oder auch zwischen mehreren Sprachen ist Träger von verschiedenen Bedeutungen und beeinflusst bedeutend die Interpretation bei den Gesprächsteilnehmern.

„Sprachvariation ist Ergebnis von Sprachkontakt und zugleich auch Entwicklungsprodukt der sprachlichen Binnendifferenzierung zur funktionalen und sozialen Abgrenzung. Zu unterscheiden ist daher zwischen innersprachlicher und mehrsprachlicher Varianz. Während der Einfluss von Sprachkontakt auf Sprachvarianz in Situationen der Mehrsprachigkeit durch die Kommunikationspraxis des Code-switchings besonders prägnant zu beobachten ist, wird die Dynamik interner Ausdifferenzierung in auffälliger Ausprägung vor allem bei sich rasch entwickelnden Gruppen - und Szenensprachen ersichtlich. […] Die Sprachvariation [ist] als Ausdrucksmittel zu unterscheiden, das von den Kommunikationsbeteiligten als Bestandteil der Bedeutungskonstitution eingesetzt wird. Hier kann Sprachvariation als Teil der Konstitution sozialer Identitäten und sozialer Positionierung angesehen werden.“ (Thimm 2001:261)

2.1.2.7 Arten von Code-switching

Code-switching stellt eine hoch komplexe Phänomenklasse dar. Je nach Forschungsrichtung und den mit ihr verbundenen Schwerpunkten, kann man Code-switching in verschiedene Untertypen auffächern.

a) Funktional-pragmatische Unterscheidung (nach Auer)

Unter Berücksichtigung der Verbindung von sozialen und kulturellen Aspekten mit den Gesprächsstrukturen, unterscheidet Auer folgende Arten von Code-switching:

- discourse-related code-switching: die Gesprächspartner bedienen sich der Form von Code-switching, um eine gemeinsame Konversationsbasis zu schaffen, d.h. im Gespräch auf den Gesprächspartner einzugehen und so eine gemeinsame Sprache mit ihm zu finden.

Muster: …A1//B1 B2 B1 B2…

Indem sich die Sprecher des Code-switchings bedienen, organisieren sie selbst die Interaktion. Auer betont, dass die Situation nicht a priori gegeben ist, sondern im Verlauf der Interaktion interaktiv gestaltet wird.

Als Beispiel nennt Auer hier folgende Situation: Man stellt eine Frage und nachdem man keine Antwort bekommen hat, stellt man die gleiche Frage in einer anderen Sprache. Ziel ist, durch

die Wahl der vom Gesprächspartner bevorzugten Sprache mit ihm ins Gespräch zu kommen. Diese Art von Code-switching hängt stark mit sozialen und ethnischen Faktoren zusammen und ist oft im Zusammenhang mit solchen Begriffen wie ’in-group’ language, we-they code untersucht worden.

- dicsourse-related insertions dient der Herstellung von „intertextuellen“ Verbindungen. Es werden bestimmte Wörter, die konkrete Konnotationen bei den Gesprächspartnern hervorrufen, in einer anderen Sprache benutzt.

Muster: …A1 [B1] A1…

Meistens wird nur ein Wort in einer anderen Sprache „dazwischen“ platziert.

- preference-related switching (= participant-related switching): diese Form tritt auf, wenn sich die Gesprächspartner nicht auf eine gemeinsame Sprache einigen können und jeder bei seiner Sprache bleibt,

Muster: A1 B2 A1 B2 A1 B2 A1 B2…

oder wenn beide Partner erstmal eine eigene Sprache bevorzugen, aber im Laufe der Konversation einer von ihnen zu der Sprache des Gesprächspartners wechselt.

Muster: A1 B2 A1 B2 A1 // A2 A1 A2 A1…

In einer Konversation können sich verschiedene Arten von Code-switching abwechseln und von einer Art in eine andere übergehen (besonders discourse-related switching und participant- related switching).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. Language negotiation sequence (Auer 1998:9)

b) strukturelle Unterscheidung (nach Poplack)

Eine andere weit verbreitete Typologie von Code-switching stammt von Poplack. Er unterscheidet zwischen drei Arten von Code-switching:

- emblematic switching 11

Gemeint ist hier das Einfügen von einer Interjektion, einem Füllwort oder einer phraseologischen Wendung aus einer Sprache in eine Äußerung, die bis auf die „Einschübe“ in einer anderen Sprache verfasst ist (z.B. you know; I mean).

z.B. „Vendía arroz ’n shit

Sold rice ’n shit

He sold rice and shit.“

(Poplack 1980:589 In: Code-Switching/HSK 3.2 2005:1476)

- Extrasentential (satzexternes) Switching 12

Der Wechsel zwischen zwei Sprachen oder Varietäten findet zwischen den Sätzen (satzextern) statt. Auch der Wechsel zwischen Beiträgen einzelner Sprecher gehört zu dieser Sorte.

- Intrasentential (satzinternes) Switching

Es handelt sich hier um einen Wechsel innerhalb eines Satzes (satzintern). Diese komplizierte Form von Code-switching erfordert von dem Sprecher fließende Kenntnisse beider Sprachen.

z.B. “Why make Carol sentranse atras

Why make Carol sit in the back

pa’que everybody has to move pa’que

so everybody hat to move so

se salga

her get out

Why make Carol sit in the back, so that everybody has to move for her to get out?” (Poplack 1980:589 In: Code-Switching/HSK 3.2 2005:1476)

2.1.2.8 Kontextualisierung

Auer betont in seiner Arbeit, dass Code-switching keineswegs willkürlich, sondern bewusst von den Gesprächspartnern eingesetzt wird, um auf diese Weise bestimmte kommunikative Ziele zu erreichen. Die Bedeutungen von den Wechseln zwischen zwei (oder mehreren) Sprachen innerhalb einer Interaktion werden in der Forschung unter dem Begriff

„Kontextualisierungshinweise der Sprecher“ eingestuft. Die Sprecher bedienen sich dieses Mittels, um ihre Rede zu markieren, ähnlich wie es monolinguale Sprecher mit Hilfe von

prosodischen und stilistischen Mitteln (die natürlich auch den bilingualen Sprechern zur Verfügung stehen) machen.

Der Begriff und das Konzept der Kontextualisierung wurden 1976 in den Arbeiten von Jenny Cook-Gumperz und John Gumperz geprägt und in Discourse Strategies (1982) von Gumperz weiter ausformuliert.

Gumperz hat das alte statische Konzept des Kontextes im Sinne Labovs durch das neue dynamische Konzept der Kontextualisierung abgelöst. Der soziolinguistische Ansatz des Kontextes sah nur das Soziale als entscheidenden Faktor für die linguistische Variabilität (Alter, Geschlecht oder soziale Rolle des Sprechenden beeinflussen seine Sprache). Gleichzeitig wurde aber die umgekehrte Situation bestritten, d.h. es wurde behauptet, dass der Kontext durchaus die Sprache beeinflussen kann, aber die Sprache keinen Einfluss auf den Kontext hat. Das Gegenteil hat Gumperz in seinen Arbeiten bewiesen. Dabei ist zu betonen, dass Gumperz keinesfalls das statische Konzept des Kontextes völlig abgelehnt, sondern dieses neu orientiert und dynamisiert hat.

„De[n] Gebrauch, den Sprecher und Hörer von verbalen und nonverbalen Zeichen machen, um das, was zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort gesagt wird, mit Wissen, das durch vergangene Erfahrung erworben wurde, in Beziehung zu setzen“ (Gumperz 1982:230 In: Glück 2005:346), also eine aktive Hervorbringung des Kontextes mittels sprachlicher Variation, nennt Gumperz Kontextualisierung.

Diese Beziehung kommt in Form von Kontextualisierungshinweisen zum Ausdruck. Diese sind kulturspezifisch und können prosodischer oder paralinguistischer Natur sein oder auch mittels Code-switching oder durch gezielte Auswahl bestimmter lexikalischer, phonetischer oder morphologischer Formen erzeugt werden (allerdings: sie sind redundant organisiert). Sie weisen den Rezipienten auf den Kontext hin und verhelfen ihm, einen Sprechakt oder auch ein gesamtes Gespräch richtig zu interpretieren. Die unerwartete Veränderung zieht die Aufmerksamkeit des Rezipienten auf die „anders als der Rest“ Passage und löst in ihm (im Idealfall) bestimmte, der richtigen Interpretation dienende Assoziationen aus. Diesen Interpretationsprozess nennt Gumperz kommunikative Interferenz. Erfolgreich kann er nur dann sein, wenn der Rezipient die betonten Elemente in der Interaktion als Kontextualisierungshinweise identifizieren kann. Aus diesem Grund spielen die Erwartungen dem Gesprächspartner gegenüber eine immens große Rolle.

Gumperz geht bei seinen Untersuchungen von Goffmans Rahmenbegriff aus und geht gleichzeitig einen Schritt weiter, indem er noch eine lokale Sprachebene – sog. speech activity (einen gesprächsspezifischen Typ von Rahmen)- charakterisiert. Die Interpretation wird von dem Rahmen beeinflusst (daraus ergibt sich u.a. auch der kulturspezifische Charakter von Kontextualisierungshinweisen).

Heutzutage ist „Kontextualisierung“ in der Forschung kein Novum mehr und wurde mehrfach analysiert. Daraus ergaben sich systematische Untersuchungen zu Kontextualisierungshinweisen.

Außer Gumperz ist auch Auer als wichtiger Vertreter auf diesem Gebiet zu nennen. In Bezug auf die Formen der Kontextualisierungshinweise, unterscheidet Auer zwischen Kontextualisierung im engeren und im weiteren Sinne. Im weiteren Sinne gelten als Kontextualisierungshinweise alle Zeichen, die irgendwie auf das für die Interpretation einer Aussage relevante Hintergrundwissen hinweisen. Im engeren Sinne versteht Auer unter Kontextualisierungshinweisen alle nicht-referentiellen und nicht lexikalischen Zeichen, wie z.B. Prosodie, Gestik/Mimik, Blickkontakt, Rezipienzsignale sowie linguistische Varietäten. Ausgeschlossen werden alle expliziten Formulierungen bezüglich des Kontextes, die von Gesprächspartnern kommen, sowie alle deiktischen Ausdrücke.

Kontextualisierungshinweise verfügen über folgende Charakteristika:

- sie verfügen über keine feststehende Bedeutung. Diese hängt von der konkreten Situation ab. Die Kontextualisierungshinweise können nicht als universell für alle Situationen erklärt oder auch eingesetzt werden. Sie sind von Natur her mehrdeutig und ihre Funktionen müssen jedes mal neu, in Abhängigkeit der jeweiligen Situation, erkannt werden;
- sie sind kulturspezifisch. Gemeint sind hier nicht nur große Kulturkreise und Sprachgemeinschaften, sondern auch „Mikrokulturen“, wie Familien, Cliquen, Verbände usw. Ein Kontextualisierungshinweis, der in einer Kultur ohne Probleme erkannt und verstanden wird, kann in einer anderen Kultur entweder gar nicht erkannt oder sogar missverstanden werden (interkulturelle Kommunikation). Die in einer Gemeinschaft herrschenden Konventionen sind also fest mit den Kontextualisierungshinweisen verbunden;
- sie werden redundant eingesetzt, d.h. meistens werden sie auf mehreren Ebenen als Kombination von verschiedenen Zeichen realisiert. Zumindest in der Face-to-face- Kommunikation kann man davon ausgehen, dass sie niemals einzeln vorkommen.
- sie werden häufig (aber nicht immer) unbewusst eingesetzt;
- Code-switching als Mittel der Kontextualisierung wird oft zur Markierung in Bereichen der Emotionalität, Perspektivik und Bewertung verwendet. Die Untersuchungen zu Code-switching in der Face-to-face-Kommunikation haben bewiesen, dass die Switches oft von auffallender Intonation, Tonhöhenbewegung oder auch von auffallendem Sprachtempo begleitet werden.

2.1.2.9 Die Basis- bzw. Matrixsprache (Terminus von MYERS-SCOTTON)

Eine Sprache, die von einer anderen Sprache Wörter ausleiht, in der also zum größten Teil die Konversation geführt wird, nennt Myers-Scotton die Basissprache bzw. die Matrixsprache. Die Wahl der Basissprache13 geschieht in der Regel ohne großes Nachdenken und hängt oft von verschiedenen Faktoren, wie z.B. das Thema, die Gesprächspartner, Ort der Unterhaltung oder Absichten ab.

In meiner Arbeit benutze ich zwar den Begriff „Basissprache“ als Bezeichnung für die in einer Diskussion meist benutzte Sprache, aber ich reduziere dabei Code-switching keineswegs auf einen bloßen Wechsel der Matrixsprache.

2.1.2.10 Code-switching und die Neuen Medien

Die wachsende Rolle der Neuen Medien, und vor allem des Internets, in unserem Leben, hat in der Forschung ein neues Feld eröffnet: seit kurzem kann man ein steigendes Interesse für das Thema der Mehrsprachigkeit im Bezug auf die Kommunikation im Internet beobachten.

Die Mehrsprachigkeit des Internets wird anhand ihrer zahlreichen Erscheinungsformen, zu denen auch Code-switching gehört, untersucht.

Die meisten Studien zu Code-switching im Internet richten ihren Fokus auf Chats. Nur wenige beschäftigen sich mit der E-Mail- und der Forumkommunikation.

2.2 Internetforum als Platz der grenzenlosen Kommunikation

2.2.1 Computervermittelte Kommunikation

Der Computer ist heutzutage zweifellos ein der wichtigsten Kommunikationsmedien. Diese Position verdankt er den medialen Eigenschaften, die für die Kommunikation oft von großem Vorteil sind. Die computervermittelte Kommunikation - „Oberbegriff für unterschiedliche Anwendungsformen der elektronischen Übermittlung, Speicherung und des Abrufs entsprechender Nachrichten“ (Scholl/Pelz/Rade 1996:20) - setzt voraus, dass man über geeignete Geräte und Software (technische Voraussetzung), sowie über Kommunikationspartner (soziale Voraussetzung) verfügt. „Bei computervermittelter Kommunikation (CVK) werden Nachrichten mit einem Textverarbeitungssystems am Computer erstellt, anschließend über

„elektronische Netze“ – physikalisch über Kabel, Richt- oder Satellitenfunk – verschickt und automatisch im „elektronischen Briefkasten“ des/der EmpfängerIn speichert oder direkt am Bildschirm ausgegeben. Die Übermittlung nimmt meist nur wenige Sekunden, höchstens jedoch ein paar Minuten in Anspruch, dann kann der/die EmpfängerIn die Nachricht lesen ggf. beantworten.“ (Scholl/Pelz/Rade 1996:19f)

Für die computervermittelte Kommunikation ist vor allem die zeitliche und räumliche Entkoppelung der Interaktion charakteristisch. Einerseits ähnelt sie also der Schriftkultur, andererseits weist sie erstaunlich viele Ähnlichkeiten zu der Face-to-face-Kommunikation auf. Selbst die Begriffe der Netzkommunikation ähneln denen aus dem Bereich der mündlichen Kommunikation (virtuelle Gemeinschaften, chatten (=plaudern) usw.) Die Vorteile der computervermittelten Kommunikation gegenüber der Face-to-face-Kommunikation sind die Möglichkeiten der Speicherung und Bearbeitung von Kommunikationsinhalten.

Ein weiteres Charakteristikum der computervermittelten Kommunikation ist die Anonymität der Kommunizierenden, deren verschiedene Grade durch die Kommunizierenden selbst im Netz konstruiert werden können. Und so kann man neben völlig depersonalisierten durchaus Formen der personalisierten Kommunikation finden. Durch die zumindest am Anfang bestehende Anonymität, sind alle potentiellen Gesprächspartner in ihren sozialen Rollen gleich.

Diese neue Form der Kommunikation, in der Zeit- und Raumgrenzen an Bedeutung verlieren, stellt die Gesellschaft vor eine Transformation, die dem Übergang von der mündlichen zur schriftlichen Kultur ähnelt. Die Möglichkeit der weltweiten Kommunikation über jegliche Grenzen hinweg, führt zu Neustrukturierung der Kommunikationsformen. Das Internet verbindet verschiedene Formen der Datenübertragung (Multi-Media), verschiedene

Formen der Kommunikation sowie verschiedene Menschen miteinander und wird dadurch zum kommunikativen Sozialraum.

Dies führt dazu, dass die globale Netzkommunikation sowohl ihre Gegner als auch ihre Befürworter hat. Einerseits hat man es mit der „kulturpessimistischen“, andererseits mit der

„medienenthusiastischen“ Position zu tun.

Die Gegner sehen in der globalen Netzkommunikation eine Bedrohung für die Fähigkeit der Menschen, „real“ miteinander kommunizieren zu können. Das Kommunizieren in den virtuellen Welten sei wirklichkeitsfremd und durch die Anonymität jenseits interpersonaler Nähe. Der Verlust von Spontaneität und das angebliche „Nicht-Vorhandensein“ der Möglichkeit, das Nonverbale und Paraverbale zum Ausdruck zu bringen (das Gegenteil wurde allerdings durch zahlreiche Arbeiten bewiesen; vgl. z.B. Thimm 2000 oder Beißwenger 2000), sollen zur Verarmung der Gesellschaft und deren Fähigkeit zur gesunden Interaktion führen. Zusätzlich führt der Verlust der Schreib- und Lesekompetenz zur Zerstörung der Kommunikationskulturen. Pidginisierung und Verfall der Sprachen sollen die Folgen sein.

Diesen Behauptungen widerspricht u. a. Weingarten und betont, dass die neuen Formen der Kommunikation „keineswegs defizitär sind, sondern z.B. auffällige Gemeinsamkeiten mit Strukturen gesprochener Sprache aufweisen“ (Weingarten 1997:8). Eine andere

„medienenthusiastische“ Position sieht in dem neuen Medium eher ein „Beziehungsmedium“ (so z.B. Lévy), das ein großes Potenzial hat, Menschen zu verbinden und neue soziale Kommunikationsräume zu schaffen. Lévy kritisiert die Sichtweise der Gegner, die in der computervermittelten Kommunikation eine Konkurrenzform der direkten Interaktion sehen:

„Es ist ein allgemeiner Irrtum, das Verhältnis zwischen alten und neuen Kommunikationsstrukturen als Ersetzung begreifen zu wollen. […] Die Entwicklung der virtuellen Gemeinschaften begleitet die allgemeine Entwicklung der Kontakte und Interaktionen auf allen Ebenen. Das Bild des vereinsamten Menschen, der vor seinem Bildschirm sitzt, gibt eher ein Phantasma als eine soziologische Tatsache wieder.“ (Lévy 1998:79)

Manche Wissenschaftler behaupten sogar, dass die computervermittelte Kommunikation

„besser durchdacht, besser organisiert und reichhaltiger als natürliche Kommunikation sei. Erfahrene User entwickeln die Fähigkeit, diese non-verbalen Zeichen in schriftlicher Form einzubetten.“ (Vgl. Hilz & Turoff in: Thimm 2000:118)

Außerdem „im Zeitalter der elektronischen Medien verwirklicht sich die Gleichheit durch die Möglichkeit jedes einzelnen, zum Sender für alle zu werden. Die Freiheit objektiviert sich in verschlüsselten Programmen und im alle nationalen Grenzen überschreitenden Zugang zu den vielen virtuellen Gemeinschaften. Die Brüderlichkeit kommt schließlich durch den weltweiten Zusammenhang zur Geltung.“ (Lévy 1998:74)

Dass das Internet ein Integrationsmedium ist, das mit einem sozialen Band viele Menschen miteinander verbindet, kann man ganz deutlich an sog. Ethno-Portalen beobachten.

2.2.2 Ethno-Portale

Bis vor kurzem konnte man an den Top-Level-Domains mühelos feststellen in welchem Erdteil, besser gesagt auf welchsprachigen Wellen, man gerade surft. Sah man die Endung „.de“, so wusste man, dass eine deutsche Seite zu erwarten ist. In letzter Zeit müssen Surfer immer häufiger mit sprachlichen Überraschungen rechnen, denn die Startup-Unternehmen haben einen neuen Markt entdeckt. Der neue Trend heißt: Ethno-Portale, die meistens junge Leute ausländischer Herkunft miteinander verbinden. Meistens werden die Portale zweisprachig gestaltet. Die durch Abstammung vereinten Menschen schaffen sich mit Hilfe solch einer Seite einen Hauch von Heimat (im grenzlosen Internet). Eine starke Identifikation mit der sozialen Gruppe führt zu einer gewissen Abgrenzung von anderen sozialen Gruppen. Auch die Wahl der Sprache bzw. Sprachvarietät resultiert aus dieser Differenzierung. Der Zusammenhalt der Gruppe führt zur Herausbildung eines gemeinsamen Kommunikationsstils. Es wird

„gesprochen“, ohne Rücksicht auf andere soziale Gruppen zu nehmen. Die Kommunikation wird also nach dem Motto organisiert: wer zu uns gehört, wird schon unsere Sprache verstehen; andere haben hier nichts zu suchen. Durch einen bestimmten Interaktionsstil entsteht zwischen den Kommunizierenden ein Gefühl der Zusammengehörigkeit.

Solche Ethno-Portale gibt es mittlerweile für verschiedene Nationalitäten. „Polen im Pott“ ist beispielsweise ein Community14 Portal für Polen, die in Deutschland leben.

2.2.3 Internetsprache

Die Entstehung des Internets hat der Kommunikation neue Wege jenseits der räumlichen und zeitlichen Einschränkungen aufgemacht. Die Mensch-zu-Mensch-Kommunikation wurde durch ein neues Glied ergänzt, nämlich die Maschine. Die Mensch-Maschine-Mensch- Kommunikation (Internet-Kommunikation), deren Bedeutung in letzter Zeit enorm

[...]


1 Beardsmore spricht z.B. von einem „funktionalen Bilingualismus“, wenn sich die Kenntnisse einer Sprache nur auf die Erfüllung einer bestimmten Funktion begrenzen (z.B. um sich bei einem Amt zu verständigen); Apeltaver unterscheidet zwischen „normalen“ (die Sprecher verfügen über eine dominante Sprache) und „balancierten“ Zweisprachigkeit (keine dominante Sprache)

2 Der Unterschied zwischen Code-switching und Sprachmischung ist in der Literatur viel diskutiert (mit widersprüchlichen Ergebnissen und keiner einheitlichen Definition). Manchmal wird der Begriff der Sprachenmischung als ein Oberbegriff für Transferenzen und Code-switching verwendet.

3 Dieses sprachliche Phänomenklasse existiert in der Forschungsliteratur auch unter folgenden Termini: Kode-switching, Kode-Umschaltung, Kodewechsel (bzw. Codewechsel), , Codesprung, Sprachwechsel, Sprachumstellung oder Alternanz

4 zu Basissprache siehe Kapitel 2.1.2.9

5 Poplack, Shana (1980): Sometimes I’ll Start a Sentence in Spanish y TERMINO EN ESPANOL: Towards a Typology of Codeswitching. In: Linguistics 18 (1980), 561-618

6 Myers-Scotton, Carol (1982): The Possibillity of Code-Switching: Motivation for Maintaining Multilingualism. In: Anthropological Linguistics 24.4 (1982), 432-444 Myers-Scotton, Carol (1993): Duelling Languages: Grammatical Structure in Code-Switching. Oxford: Clarendon Press.

7 Gumperz, John J. (1982): Discourse Strategies. Cambridge: Cambridge UP

8 Siehe Kapitel 2.1.2.8

9 aufgrund der Kritik von Auer werden diese Begriffe heutzutage zu „conversational“ Code-switching zusammengefasst

10 Code-switching ist ein Phänomen, das auch unter monolingualen Personen auftritt. Es ist das sog. Style-shifting. Es wird nicht zwischen Sprach(verierät)en, sondern zwischen verschiedenen Formen (auf der lexikalischen, phonologischen o.A. Ebene) einer Sprache: Register oder Stil gewählt. Die soziale Bedeutung von Code-switching und Style-shifting ist die gleiche. Die monolingualen Personen variieren je nach dem Kontext die Sprache - der Akzent, das Sprachtempo, die Lexik können z.B. je nach dem Gesprächspartnerprofil (regionale Herkunft, soziale Schicht) variieren. Diese Mittel stehen natürlich auch den bilingualen Personen zur Verfügung.

11 oder tag- switching

12 auch als inter-sentential switching bekannt

13 Nicht immer ist die L1 (im Fall, wenn man überhaupt zwischen L1 und L2 unterscheiden kann) diese Sprache, die für die Konversation gewählt wird.

14 „Community: Engl. Für Gemeinde. Bezeichnung für eine Gemeinschaften [sic!] von Internetnutzern mit gleichen Interessen, eine Art virtuelle Gemeinde. Communities können zielgruppenorientiert segmentiert und nach sozi-demographischen, psychodemographischen und anderen Aspekten geclustert werden. So kann man beispielsweise im Web Sammler-, Studenten-, Senioren- oder Musik-Communities finden, die sich innerhalb ihrer virtuellen Gemeinde im Chats, Mailiglisten und Foren austauschen.“ (Ghersi/Lee/Karadagi 2002:43)

Ende der Leseprobe aus 86 Seiten

Details

Titel
Code-switching in Internetforen am Beispiel von "Polen im Pott"
Untertitel
(www.polenimpott.de)
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
2,5
Autor
Jahr
2007
Seiten
86
Katalognummer
V113173
ISBN (eBook)
9783640137251
ISBN (Buch)
9783640137343
Dateigröße
3295 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Code-switching, Internetforen, Beispiel, Polen, Pott
Arbeit zitieren
M.A. Beata Bönisch (Autor), 2007, Code-switching in Internetforen am Beispiel von "Polen im Pott" , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113173

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