Schwere Aggression in der Adoleszenz unter besonderer Berücksichtigung der Psychodynamik von Dissozialität


Studienarbeit, 2006

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Aggression und Adoleszenz
2.1 Konstruktive und destruktive Aggression
2.2 Aggression als Bewältigungsstrategie

3 Erscheinungsformen dissozialen Verhaltens
3.1 Instrumentell-dissoziales Verhalten
3.2 Impulsiv-feindseliges Verhalten
3.3 Ängstlich-aggressives Verhalten

4 Entstehung und Psychodynamik der dissozialen Störung
4.1 Entstehungsbedingungen
4.1.1 Die Bedeutung frühkindlicher Erfahrungen
4.1.2 Genetische Einflüsse
4.1.3 Traumatische Einflüsse
4.1.4 Psychobiologische Einflüsse
4.2 Psychodynamik
4.2.1 Charakteristische Persönlichkeitsmerkmale
4.2.2 Die narzisstische Störung
4.2.3 Die Überich-Pathologie
4.2.4 Bindung
4.2.5 Geschlechtsspezifische Unterschiede
4.2.5.1 Die männliche Identitätskrise

5 Äußere Faktoren (gesellschaftlich – kulturell) bei der Manifestation von Dissozialität
5.1 Familie und Lebensraum
5.2 Alkohol und Drogen

6 Therapeutische Besonderheiten

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Mit dieser Arbeit möchte ich einen Einblick in die abweichenden Verhaltensweisen bei Jugendlichen geben. Ich beschäftige mich mit schwerer fremddestruktiver Aggression in der Adoleszenz und werde dabei die psychodynamischen Aspekte der Dissozialität besonders berücksichtigen. Das Phänomen der selbstdestruktiven Aggression konnte aus Gründen des Umfangs dieser Studienarbeit leider nicht behandelt werden.

Zu Anfang gebe ich einen allgemeinen Überblick über Aggression und ihre Bewältigung in der Adoleszenz, um anschließend den Focus auf die Entstehungsbedingungen und die psychodynamischen Faktoren zu richten. Der letzte Teil beschäftigt sich mit den äußeren Bedingungen, die dissoziales Verhalten begünstigen, sowie den therapeutischen Besonderheiten der dissozialen Störung.

Meine Ausführungen zu diesem Thema werden sich überwiegend auf Literatur von Udo Rauchfleisch und Annette Streeck-Fischer beziehen. Ergänzend werde ich noch Literatur von Evelyn Heinemann, Dörte Stolle, Horst Gerhard, sowie Volker Faust hinzuziehen (siehe Literaturverzeichnis).

2 Aggression und Adoleszenz

Die Lebensphase Adoleszenz ist geprägt von körperlichen, psychischen und sozialen Veränderungen. Aus psychoanalytischer Sicht steht dabei der sexuelle und aggressive Triebschub, die Wiederbelebung des kindlichen Narzissmus mit den Omnipotenzphantasien und die Ablösung von den Eltern im Vordergrund. Einen besonderen Stellenwert nehmen dabei die Omnipotenzphantasien ein, die in der Adoleszenz „die Kreativität der Jugendlichen und ihr Bewusstsein von der Veränderbarkeit der Welt“[1] anregen. Für eine gelungene Identitätsbildung muss der Jugendliche die Fähigkeit besitzen, mit seinen aggressiven Wünschen und Größenphantasien zu spielen, und sich darüber bewusst sein, dass er damit keinen realen Schaden anrichtet. Auf diese Weise gelangt er zu eigenen Weltbildern und Wertsystemen. Dies ist jedoch stark abhängig von positiven Erfahrungen des Jugendlichen, die ihm das Gefühl geben, gebraucht zu werden und ein aktives Mitglied der Gesellschaft zu sein.[2]

Alles in allem erweist sich die Adoleszenz als schwieriger Entwicklungsprozess, bei dem der Jugendliche bei der Konfrontation mit seiner Sexualität die inzestuösen Impulse und Phantasien wieder verdrängen muss, um andere Liebesobjekte zuzulassen. Hinzu kommt die Ablösung von der Herkunftsfamilie, d. h. die Elternbilder werden stark deidealisiert, doch ohne sie dabei ganz abzulehnen. Sie bleiben als Identifizierungsobjekt erhalten.[3]

Zugleich ist eine Kultivierung der eigenen aggressiven Impulse erforderlich, die eine Abgrenzung zwischen Selbst und Objekt möglich macht. Fehlen dabei sichere Objektbeziehungen, treten Ohnmachts- und Schwächegefühle auf, die die Kultivierung der aggressiven Impulse behindern. Die möglichen Folgen sind Verweigerungshandlungen, heftiger Drogenkonsum oder Gewalt gegen sich selbst und andere.[4]

Schweres aggressives Verhalten gehört zu den Störungen des Sozialverhaltens und tritt meist gemeinsam mit dissozialen Verhaltensweisen auf. Der Begriff „Dissozialität“ bezeichnet Verhaltensweisen, die mit der Verletzung sozialer Normen und Regeln einhergehen.

Aggressives Fehlverhalten scheint in der Adoleszenz besonders hervorzustechen, schon Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) beschrieb die Jugend als „unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen“[5]. Doch nicht jedes Fehlverhalten deutet gleich auf eine Störung des Sozialverhaltens hin, spielerische Auseinandersetzungen sind in diesem Alter keine Seltenheit. Im Verlauf ihrer Sozialisation gelingt es den meisten Jugendlichen ihre aggressiven Impulse immer besser zu kontrollieren. Kommt es jedoch zu einer Manifestation der aggressiven und dissozialen Verhaltensweisen, die meist noch mit weiteren Devianzformen einhergehen, spricht man von einer dissozialen oder antisozialen Persönlichkeitsstörung.[6]

2.1 Konstruktive und destruktive Aggression

Man findet beim Menschen sowohl Anteile von konstruktiver als auch von destruktiver Aggression. Konstruktive Aggression wird mobilisiert, wenn optimale Frustrationen zu einer Abgrenzung des Selbst von der Außenwelt führen. Sie dient uns in Konflikten und Krisensituationen als Mittel zur Selbsterhaltung und zum Überleben. Die konstruktiven Anteile der Aggressivität sollten in einem gelungenen Entwicklungsprozess durch Internalisierung, d. h. die Integration positiver Beziehungserfahrungen im Ich, kooperativ entfaltet werden.[7]

Die konstruktive Aggression „entwickelt sich aus primitiven Formen nicht-destruktiver Aggression zu reiferen Formen der Selbstbehauptung, in der Aggression der Erfüllung von Aufgaben zugeordnet ist.“[8]

Destruktive Aggression hat einen zerstörenden Charakter und kann sich auf Gegenstände, andere Personen, aber auch in selbstdestruktiver Weise gegen die eigene Person richten. „Sie ist notwendig zum Überleben, zur Entwicklung und zum Wandel, bedarf aber einer Sozialisierung, sofern Menschen zusammenleben wollen [...]“.[9] Kohut (1981) bezeichnet destruktive Aggression als narzisstische Wut. Sie entsteht, wenn das kindliche Bedürfnis nach Kontrolle über das wiederspiegelnde Selbst-Objekt enttäuscht wurde. Die narzisstische Wut hat dann die Funktion, die Kontrolle über das Selbst-Objekt zu bewahren. Schon Freud unterschied zwischen konstruktiver und destruktiver Aggression. Als Mittel der Durchsetzung sah er die Aggression positiv, destruktive Aggression sah er als biologischen Todestrieb.[10]

2.2 Aggression als Bewältigungsstrategie

Die Erfahrungen, die ein Jugendlicher in seinen Beziehungen macht, prägen sein Denken, Fühlen und Handeln. Findet er in diesen Beziehungen Sicherheit, Geborgenheit und Vertrauen, wird die emotionale Balance aufrechterhalten. Wird jedoch das emotionale Gleichgewicht gestört, entwickelt der Jugendliche

Bewältigungsstrategien, um das Ungleichgewicht zu kompensieren. Werden dabei bestimmte Strategien immer wieder eingesetzt und als erfolgreich bewertet, kommt es zur Bildung neuronaler Verschaltungsmuster, die in ähnlichen Situationen immer wieder abgerufen werden. Werden z. B. Gefühle von Angst oder Unsicherheit regelmäßig mit dem Einsatz von Gewalt bewältigt, manifestiert sich diese einseitige Bewältigungsstrategie und ist immer leichter aktivierbar.

Menschen, die nur eine kleine Auswahl an Bewältigungsstrategien entwickelt haben, können in psychosozialen Konflikten schneller versagen und sind oft nicht in der Lage, neuartige Probleme zu meistern, da sie in Konfliktsituationen unbewusst auf altbewährte Bewältigungsstrategien zurückgreifen. Einige Menschen neigen zum Rückzug in scheinbar Sicherheit bietende, selbstgeschaffene Welten, andere tendieren eher zu „aktiven, nach außen gerichteten Lösungsversuchen“, wie z. B. die Anwendung von Gewalt. Beide Strategien wurden schon früh gebahnt und als erfolgreich bewertet.

Da die Möglichkeiten der erfolgreichen Bewältigung einer unkontrollierbaren Konfliktsituation mit Hilfe solch einseitig gebahnter Strategien sehr gering sind, versuchen manche Menschen immer wieder Situationen herbeizuführen, die sich mit ihren altbewährten Strategien lösen lassen, um auf diese Weise Selbstbestätigung zu erhalten. Solche Verhaltensweisen können bis zur Abhängigkeit führen und werden immer dann eingesetzt, wenn sich die betroffene Person unsicher oder bedroht fühlt.[11]

3 Erscheinungsformen dissozialen Verhaltens

3.1 Instrumentell-dissoziales Verhalten

Beim instrumentell-dissozialen Verhalten steht der Machtgewinn oder der materielle Gewinn im Vordergrund. Der Jugendliche versucht, sich durch aggressives und antisoziales Verhalten einen Vorteil zu verschaffen. Ein Leidensdruck besteht meist nicht, dadurch fehlt auch die Bereitschaft zur Veränderung. Dieses Verhalten ist zwar in einigen Subkulturen durchaus üblich, wird aber gesamtgesellschaftlich zu den dissozialen Verhaltensweisen gezählt.[12]

3.2 Impulsiv-feindseliges Verhalten

Der Grund für das impulsiv-feindselige Verhalten liegt in der mangelnden Impulskontrolle, die durch eine geringe Frustrationsintoleranz und kognitive Verzerrungen verstärkt werden. Der Betroffene reagiert spontan auf eventuelle Bedrohungen oder Provokationen12.

Oft findet man bei dissozialen Jugendlichen Anteile des instrumentell-dissozialen, sowie des impulsiv-feindseligen

Verhaltens.12

3.3 Ängstlich-aggressives Verhalten

Es gibt auch aggressive Jugendliche, die sonst eher als schüchtern, ängstlich und zurückhaltend gelten, aber in extremen Ausnahmesituationen zu starken Gewaltausbrüchen neigen. Dieses Klientel wird jedoch nicht zu den Störungen des Sozialverhaltens gerechnet, man findet diese Auffälligkeiten häufig bei Jugendlichen mit posttraumatischen Belastungsstörungen oder Zwangsstörungen.12

Ein weiteres Unterscheidungskriterium ist die Einteilung in offenes und verdecktes aggressives Verhalten. Der offene Typ neigt zu direktem aggressiven und regelüberschreitenden Verhalten, der verdeckte Typ zeigt eher heimliche Verhaltensweisen, wie z. B. Stehlen oder Lügen.[13]

4 Entstehung und Psychodynamik der dissozialen Störung

4.1 Entstehungsbedingungen

Die Entstehung einer dissozialen Störung wird von biologischen, psychologischen, psychosozialen und soziologischen Faktoren beeinflusst. Man nennt das ein „multi­faktorielles Entstehungskonzept“[14]. Von besonderer Bedeutung sind jedoch die frühkindlichen Erfahrungen, die die weitere Entwicklung eines Menschen besonders prägen. „In der Adoleszenz [...] geht der Jugendliche, bildhaft ausgedrückt, auf eine äußere und innere Reise, deren Verlauf entscheidend davon abhängig ist, wie er an deren Ausgangspunkt ausgerüstet ist.“[15]

4.1.1 Die Bedeutung frühkindlicher Erfahrungen

Die Erfahrungen, die ein Kind in den ersten Jahren seines Lebens macht, sowie die Struktur und Dynamik der Familie, in der es aufwächst, sind für die spätere Persönlichkeits-ausformung von großer Bedeutung. Mangelhafte Fürsorge und fehlende Zuwendung können gravierende Entwicklungsstörungen des Kindes zur Folge haben.

Kinder lernen aus biologischen, sensomotorischen Erfahrungen, sowie aus den Erfahrungen mit ihren Bezugspersonen. Um seine Emotionen adäquat benennen zu können, benötigt das Kind eine frühe Pflegeperson, die ihm als „kreativen sozialen Spiegel“ dient und sein Verhalten mit positiver Resonanz beantwortet. Durch diese Wechselbeziehung entwickelt das Kind die Fähigkeit zur Selbstreflexion und zur Benennung der inneren Zustände.

[...]


[1] Gerhard, 2003, S. 126

[2] vgl. Gerhard, 2003, S. 126

[3] vgl. Bohleber in Streeck-Fischer, 2004, S. 229f

[4] vgl. Gerhard, 2003, S. 127

[5] vgl. Seiffge-Krenke, in Streeck-Fischer 2004, S. 157

[6] vgl. http://www.psychosoziale-gesundheit.net/psychiatrie/kiju.html

[7] vgl. Resch, Parzer, Brunner in Streeck-Fischer, 2004, S. 177

[8] Heinemann, 2004, S. 124

[9] Bürgin in Streeck-Fischer, 2004, S. 243

[10] vgl. Heinemann, 2004, S. 123f

[11] vgl. Hüther, in Streeck-Fischer 2004, S. 145ff

[12] vgl. http://www.psychosoziale-gesundheit.net/psychiatrie/kiju.html

[13] vgl. Verhulst in Streeck-Fischer, 2004, S. 209

[14] vgl. http://www.psychosoziale-gesundheit.net/psychiatrie/kiju.html

[15] Streeck-Fischer, 2004, S.20

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Schwere Aggression in der Adoleszenz unter besonderer Berücksichtigung der Psychodynamik von Dissozialität
Hochschule
Universität Kassel
Veranstaltung
Die endliche und unendliche Entwicklung - adoleszente Krisen aus psychoanalytischer Sicht
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V113215
ISBN (eBook)
9783640136643
ISBN (Buch)
9783640137138
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schwere, Aggression, Adoleszenz, Berücksichtigung, Psychodynamik, Dissozialität, Entwicklung, Krisen, Sicht
Arbeit zitieren
Carols Fingerhut (Autor), 2006, Schwere Aggression in der Adoleszenz unter besonderer Berücksichtigung der Psychodynamik von Dissozialität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113215

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