Im 1. Buch der 2. Rede gegen Gaius Verres stellt Cicero das Leben desselben bis zu seinem Amt als Statthalter Siziliens anhand verschiedener Sachverhalte dar. Dabei referiert er auch eine Begebenheit, die sich in Lampsakos zugetragen haben soll, während Verres Legat des Dolabella war. Um verstehen zu können, weshalb Cicero einen Sachverhalt vorträgt, der mit der eigentlichen Anklage, nämlich der wegen Erpressung, nichts zu tun hatte und weshalb er gerade den „Skandal von Lampsakos“ auswählte, müssen die Hintergründe, die zeitlichen Umstände und die mögliche Absicht Ciceros näher betrachtet werden. Gleichzeitig sollte dar-an gedacht werden, dass wir die Begebenheit aus Lampsakos lediglich aus Ciceros Darstellung kennen und davon ausgehen müssen, dass er aufgrund seiner Position als Ankläger den Sachverhalt eventuell verzerrte, oder sogar nicht wahrheitsgemäß wiedergab. Zunächst wird unter (B.) der von Cicero vorgetragenen Sachverhalte zusammengefasst wiedergegeben und sodann die Inskription der Quelle vorgenommen (C.). Als geschichtliche Hintergrundinformationen werden innerhalb der Analyse des Textes (D.) die Legation, die Stadt Lampsakos und das damalige System der Gastfreundschaft dargestellt. Darauf basierend dreht es sich unter (E.) um die Frage, weshalb Cicero gerade diesen Sachverhalt in seine Gerichtsrede mit aufnahm, unter (F.) um die Echtheit der Quelle und unter (G.) darum, ob die Geschehnisse von Lampsakos tatsächlich ein Skandal waren. Letztlich schließt wird die Arbeit mit einem resü-mierenden Fazit (H.) abgeschlossen. Im Folgenden wird zunächst eine knappe Zusammenfassung des wesentlichen Inhalts der Textstelle Verr. 2, 1, 63 – 69 gegeben. Verres erbat sich von Dolabella eine Reise zu König Nikomedes und zu König Sadala. Auf dem Weg dorthin kam er nach Lampsakos, wo er und seine Begleiter bei verschiedenen Gastgebern untergebracht wurden. Verres wies sogleich seine Begleiter an, Ausschau zu halten, ob es ein Mädchen oder eine Frau gäbe, für die es sich lohnen würde, länger in Lampsakos zu bleiben. Sein getreuer Begleiter Rubrius machte die Tochter des Philodamos, dem angesehensten Bürger der Stadt, ausfindig und berichtete Verres von ihrer Schönheit und Reinheit. Daraufhin war Verres Begierde für sie entfacht und er wollte zu Philodamos umziehen, um ihr näher zu kommen. Allerdings bezog sein Wirt Janitor diesen Wunsch auf seine Bewirtung und Verres konnte ihm keinen triftigen Grund für einen Umzug nennen.
Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung
B. Zusammenfassung der vorliegenden Textstelle
C. Inskription der Textstelle
D. Historischer Hintergrund
I. Die Legation
1) Auswahlverfahren
2) Funktion der Legaten
II. Die Stadt Lampsakos
III. Gastfreundschaft im antiken Griechenland
1) Allgemeine Bedeutung
2) Unterkunft und Verpflegung
3) Das Gastmahl
IV. Römisches Gesandtschaftsrecht
1) Inhalt
2) Verres als Gesandter im völkerrechtlichen Sinne?
E. Interpretation der Textstelle
I. Gängige Gerichtspraxis im antiken Rom
II. Krise in Kleinasien
III. Herrschendes Misstrauen gegenüber dem Senatorenstand
F. Literarisches Vorbild
G. Echtheit der Quelle
I. Verres Teilnahme am Gastmahl
II. Rubrius erste Unterkunft
III. Rubrius Frage nach Philodamos Tochter
IV. Der Liktor Cornelius
V. Ciceros Darstellung des Verres
VI. Ciceros Darstellung der Lampsakener
H. Die Geschehnisse von Lampsakos, ein Skandal?
I. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den sogenannten „Skandal von Lampsakos“ (Verr. 2, 1, 63-69), eine Episode, die Cicero in seinen Reden gegen Gaius Verres verwendet, um dessen moralische Verkommenheit und Rücksichtslosigkeit als Statthalter und Legat zu illustrieren, wobei kritisch hinterfragt wird, inwiefern diese Darstellung historisch präzise ist oder primär rhetorischen Zwecken diente.
- Historische Rolle und Auswahlverfahren römischer Legaten
- Die Institution der Gastfreundschaft im antiken Griechenland und deren Missbrauch
- Römisches Gesandtschaftsrecht und der Status des Verres
- Ciceros rhetorische Strategien zur Diskreditierung politischer Gegner
- Historischer Kontext der Krise in Kleinasien während der späten Republik
Auszug aus dem Buch
Die Geschehnisse von Lampsakos, ein Skandal?
Geht man von der Richtigkeit der Textstelle aus, dann ist der Vorgang in Lampsakos jedenfalls als Skandal zu qualifizieren. Eine den Römern gegenüber äußerst zuvorkommende Stadt, deren Bürger absolut friedlich sind, wird von Repräsentanten der römischen Staatsgewalt tyrannisiert und gedemütigt. Rein aus sexueller Besessenheit für eine unbescholtene Frau lässt ein römischer Legatus Gewalt gegen einen überaus gastfreundlichen Honoratior ausüben und lässt diesen und seinen Sohn noch dazu zu Unrecht zu Tode verurteilen, weil sie die Reinheit der Tochter bzw. Schwester und Ehre der Familie retten wollten.
Cicero lässt dem Leser mit seiner Darstellung kaum eine andere Wahl als den Fall als Skandal anzusehen. Selbst die ansässigen Römer verurteilen nach Ciceros Niederschrift Verres Verhalten als eine schreckliche Ausnahme unter den Legaten, Verr. 2, 1, 69: „Da versammeln sich die römischen Bürger, die in Lampsakos geschäftlich tätig waren. Sie bitten die Lampsakener, sie möchten den Legatentitel höher veranschlagen als das Unrecht eines einzelnen Legaten; sie seien sich darüber im Klaren, dass Verres ein schmutziger und ruchloser Mensch sei;“
Zusammenfassung der Kapitel
A. Einleitung: Die Einleitung erläutert die Relevanz der Episode von Lampsakos für die Anklage gegen Verres und skizziert das methodische Vorgehen der Arbeit.
B. Zusammenfassung der vorliegenden Textstelle: Dieses Kapitel liefert eine inhaltliche Übersicht der von Cicero geschilderten Ereignisse um Verres, seinen Begleiter Rubrius und den Gastwirt Philodamos in Lampsakos.
C. Inskription der Textstelle: Hier wird der historische Kontext der Verrinen und der Anklage gegen Verres aufgrund des Repetundenverfahrens dargestellt.
D. Historischer Hintergrund: Dieser Abschnitt analysiert das Amt der Legation, die historische Bedeutung von Lampsakos, das antike Gastwesen und die Grundlagen des römischen Gesandtschaftsrechts.
E. Interpretation der Textstelle: Das Kapitel analysiert Ciceros Absichten, die Episode zur Diskreditierung des Angeklagten sowie die politische Bedeutung im Kontext der Krise in Kleinasien und des Misstrauens gegenüber dem Senatorenstand.
F. Literarisches Vorbild: Hier wird aufgezeigt, wie Cicero durch den Vergleich mit der historischen Legende der Verginia versucht, beim Publikum Empörung gegen Verres zu erzeugen.
G. Echtheit der Quelle: Dieses Kapitel hinterfragt die historische Korrektheit der Ciceronischen Darstellung anhand von Inkonsistenzen und der Abwesenheit von Beweisen für bestimmte Behauptungen.
H. Die Geschehnisse von Lampsakos, ein Skandal?: Eine kritische Würdigung, die zu dem Ergebnis kommt, dass der Vorfall bei alternativer Betrachtungsweise weniger als singulärer Skandal, sondern vielmehr als typisches Symptom der römischen Ausbeutungspolitik zu werten ist.
I. Fazit: Das Fazit resümiert, dass die Einbettung der Lampsakos-Episode ein rhetorisch geschicktes Manöver war, um Cicero als Anwalt des Rechts und der Moral zu inszenieren.
Schlüsselwörter
Gaius Verres, Marcus Tullius Cicero, Skandal von Lampsakos, Legat, Verrinen, Repetundenverfahren, Antike Gastfreundschaft, Römisches Gesandtschaftsrecht, Philodamos, Senatorenstand, Provinz Asia, Rhetorik, Rechtsgeschichte, Kleinasien, Politische Anklage
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Schilderung eines Vorfalls in Lampsakos durch Cicero in seinen Verrinen und untersucht, ob dieser Bericht eine historisch akkurate Darstellung oder ein rhetorisches Mittel zur Stigmatisierung des Angeklagten Verres darstellt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die römische Provinzverwaltung, das Gesandtschaftswesen, die antike Gastfreundschaft sowie die rhetorischen Methoden und politischen Ziele Ciceros in seiner Rolle als Ankläger.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen der von Cicero propagierten Skandal-Narrative und der historischen Realität der römischen Machtausübung in den Provinzen zu beleuchten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es erfolgt eine quellenkritische Analyse der Ciceronischen Texte unter Einbeziehung historischer und rechtsgeschichtlicher Fachliteratur zur späten römischen Republik.
Was behandelt der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einordnung der Institution der Legation, eine Analyse des Gastrechts, eine Interpretation der politischen Funktion der Anklagerede und eine kritische Überprüfung der Echtheit der von Cicero behaupteten Fakten.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Verrinen, Legatus, Gastfreundschaft, Repetundenverfahren, historische Authentizität und rhetorische Diskreditierung.
War Verres nach Ansicht der Autorin tatsächlich ein "Gesandter im völkerrechtlichen Sinne"?
Die Autorin hält es für durchaus möglich, dass Verres während seiner Reise nach Lampsakos eine offiziell legitimierte Rolle als Gesandter innehatte, was den Vorfall aus völkerrechtlicher Sicht für die Römer noch brisanter machte.
Wie bewertet die Autorin Ciceros Absicht bezüglich des Senatorenstandes?
Die Autorin argumentiert, dass Cicero die senatorischen Richter durch den Fall Verres unter Druck setzte, indem er suggerierte, eine Verurteilung könne den Ruf des gesamten Senats retten und notwendige Reformen verhindern.
- Arbeit zitieren
- Corinna Holz (Autor:in), 2008, Verres als Legat: Der Skandal von Lampsakos (Verr. 2, 1, 63-69), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113220