Die Lebenskunst der Südosteuropäer

Die Küche als kulturelles Zentrum der bulgarischen Familie


Essay, 2006

13 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Von Jägern und Sammlern

Hundert Gramm Lebensphilosophie

Was ewig währt, macht endlich satt

Nach dem Essen ist vor dem Essen

Familienleben

Die Kunst des Lebens

Das perfekte Dinner – ein kulinarisches Fazit

Bibliographie

Einleitung

Egal ob im kleinsten Dorf oder der modernsten Großstadt, im Balkanstaat treffen sich die Menschen jeden Abend nach getaner Arbeit am Esstisch der heimischen Küche wieder.

Die Bulgaren erlegen dem Essen einen hohen Stellenwert auf, weshalb nicht etwa der Fernseher im Wohnzimmer den Anziehungspunkt darstellt, von dem jedes Familienmitglied scheinbar magisch angelockt wird. Vielmehr ist es die einmalige Kombination wohlbekannter Aromen, schillernde Farben und einmalige Geschmäcke, die aus der Küche strömend diese einzigartige Attraktivität ausüben und aus einem Haus mit abblätterndem Putz, rostigen Fenstergittern und eimergroßen Löchern im Dach einen Palast, und vor allem ein Heim, machen.

Das Frühstück hat, wie auch in vielen anderen südeuropäischen Ländern, keine allzu große Bedeutung. Es ist größtenteils recht dürftig. Für viele bedeutet Frühstück ohnehin nur die flüchtige Aufnahme eines Espressos und einer, erfahrungsgemäß aber meistens mehrerer Zigaretten.

Ansonsten nimmt auch das Mittagsessen, besonders in der sommerlich-heißen Mittagssonne, nicht sehr viel Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch. Der Tag wird von Schule und Arbeit bestimmt und Familie und Freunde sind getrennt. Daher versammelt sich nun die gesamte Familie mit der Abenddämmerung um den Tisch herum, wo sie nicht etwa die nächsten 15 Minuten, sondern die folgenden Stunden verbringt.

Grundsätzlich spielt im Leben der Bulgaren Essen und Trinken eine zentrale Rolle. Auch außer Haus, in den zahlreichen Restaurants wird gerne und lange gespeist und mindestens auch soviel geredet. Die vielen Cafés, Konditoreien, den Sladkarnicas, Gaststätten und die volkstümlichen Lokale Hanče und Mehana in den Straßen sind dicht an dicht gedrängt und trotzdem immer so voll, dass man sich fragen könnte, wann die Menschen die Zeit dazu finden, zur Arbeit zu gehen.

Ein bulgarischer Abend zu hause beginnt stets einige Stunden vor dem tatsächlichen Akt des Essens mit der Zubereitung der Speisen, da sich Fertigprodukte, geschweige denn Fertiggerichte, glücklicherweise noch immer nicht durchsetzen können. Immerhin würde es der Oma das Herz brechen, eine andere Erdbeermarmelade als die Eigene oder ein anderen Tomatenketchup als den Hausgemachten zu benutzen und vielleicht auch noch Geld dafür zu bezahlen, nachdem sie sich die Finger wund und den Rücken kaputt geschuftet hat nur um den Lieben die leckeren Köstlichkeiten bieten zu können.

In südlichen Gefilden, wie auch auf bulgarischem Territorium, herrscht meistens noch eine traditionelle Aufgabenverteilung, was sich bereits schon vor dem Essen andeutet. Die Männer erledigen dabei die gröberen Arbeiten; sie entzünden das Feuer am Grill oder erlegen erst einmal das Tier beziehungsweise fangen den Fisch, der einen später etwas gequält vom Tellerrand anlächeln wird. All dies geschieht nur ungefähr zeitgleich.

Die weibliche Hälfte steht nämlich bereits seit dem frühen Abend in der Küche, um die Vorbereitungen für das allabendliche Menü zu treffen. Und da selten Genug vom Vorabend übrig bleibt, ist jedes Abendrot eine neue Aufgabe, die es jeden Tag von neuem zu lösen gilt.

Dabei wird sich in beiden Gruppen oft über „geschlechterspezifische“ Themen ausgetauscht. Während die Männer über die Arbeit, Familiengeschäfte oder auch gerne in einem, in zwei Lager gespaltenen, Land die aktuelle politische Situation „diskutieren“, um hässliche Worte wie ‚streiten’ zu vermeiden, drehen sich die Küchengespräche der Frauen oft um ganz alltägliche Probleme und Angelegenheiten, die die Familie betreffen. Ist das Essen dann zubereitet und der Tisch gedeckt, nähern sich ihm auch die Männer, sodass sich dort bald alle gemeinsam einfinden.

Hundert Gramm Lebensphilosophie

Ein bulgarisches Mahl beginnt grundsätzlich mit einem Salat, der während der Sommermonate aus den frischen Gemüsesorten der Saison besteht, oft bestreut mit einer typisch bulgarischen Spezialität, dem Schafskäse. Ein offenes Geheimnis dabei ist allerdings auch, dass der Salat eigentlich nur das Alibi für den Rakija, den bulgarischen Schnaps, darstellt. Diese beiden bilden nämlich ein Paar, das traditionsgemäß seit Urzeiten zusammen gehört und nicht entzweit werden darf. Manch einer, der sich der Aufnahme des mindestens 40 prozentigen Rakijas verweigert hat, wurde gar schon wüst beschimpft, den Salat zu verschwenden.

Aber zur Verteidigung des flüssigen Goldes muss auch erwähnt werden, dass er ebenso eine Funktion zu erfüllen hat; er bereitet den Magen auf die folgenden, größtenteils sehr kalorienhaltigen Speisen vor. Und es ist ebenfalls nicht von der Hand zu weisen, dass er eine anregende Wirkung hat, die einen offenen, unbeschwerten Gedankenaustausch bei Tisch schnell in Gang setzt. Ohne Rücksicht auf Manieren lässt man hier nun gemeinschaftlich noch einmal den Tag an sich vorüberziehen und berichtet von den großen und kleinen Unwichtigkeiten des Lebens.

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die Lebenskunst der Südosteuropäer
Untertitel
Die Küche als kulturelles Zentrum der bulgarischen Familie
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Seminar für Ästhetik)
Veranstaltung
Einführungskurs: Integrale Ästhetik
Autor
Jahr
2006
Seiten
13
Katalognummer
V113234
ISBN (eBook)
9783640137541
Dateigröße
399 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lebenskunst, Südosteuropäer, Einführungskurs, Integrale, Bulgarien, Bulgaren, Kulturwissenschaft
Arbeit zitieren
Irina Kirova (Autor:in), 2006, Die Lebenskunst der Südosteuropäer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113234

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