Im Januar 1857 wird vor dem Pariser Polizeigericht die Hauptverhandlung gegen Gustave Flaubert eröffnet. Die Anklage gegen den bis dahin wenig bekannten Autor lautet, die öffentliche und religiöse Moral verletzt zu haben. Der Vorwurf richtet sich gegen den im selben Jahr erschienenen Erstlingsroman „Emma Bovary- Sitten der Provinz“. Darin schildert Flaubert das Leben der Emma Bovary, die durch zahlreiche Ehebrüche versucht, ihrem tristen Leben in der Provinz zu entfliehen. Dies sind Vorkommnisse, welche den damaligen Moralvorstellungen widersprechen, insbesondere die Flaubert vorgeworfene Verharmlosung des Ehebruchs. Der Prozess sorgt für Aufsehen in ganz Frankreich und bringt Flaubert zunehmende Bekanntheit ein. Trotz der schweren Vorwürfe gegen ihn, wird Flaubert letztendlich freigesprochen.
Den Freispruch hat er seinem Schreibstil zu verdanken; durch den er zudem als Wegbereiter für den Realismus gilt. Neben einer objektiven Beschreibung der Geschehnisse spielt auch die Verwendung der Perspektive eine wichtige Rolle. Bei dieser Art des Erzählens findet demnach eine subtile Lenkung des Lesers statt. Aus dieser Annahme leitet sich folgende Hauptthese ab: Die durch die Perspektive erzeugte Erwartungshaltung des Lesers lässt sich ohne eine Beschreibung der Geschehnisse selbst erfüllen. Dies soll im Folgenden durch den Vergleich des zuvor erwähnten Romans “Madame Bovary” von Gustave Flaubert und “O Primo Basílio” von Eça de Queiroz untersucht werden, mit Schwerpunkt auf den beiden Kutsch-Szenen. Des Weiteren werden die erzähltheoretische Perspektive im Sinn der “Focalisation” und die Erzählweisen der Romane miteinbezogen, um durch Untersuchung der narrativen Gestaltung die Szenen miteinander vergleichen und auswerten zu können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Kutschszene in “Madame Bovary” (Teil III, 1.)
2.1 Vorgeschichte (Teil II, 15.)
2.2 Analyse der Kutschszene
3. Die Kutschszene in “Luísa Mendonça” (Kapitel 5)
3.1 Vorgeschichte
3.2 Analyse und Vergleich der Kutschszenen
4. Fazit
5. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die erzähltheoretische Gestaltung von Kutschszenen in den Romanen „Madame Bovary“ von Gustave Flaubert und „O Primo Basílio“ von Eça de Queiroz. Ziel ist es, durch eine vergleichende Analyse der eingesetzten Erzählperspektiven und Fokalisierungstypen aufzuzeigen, wie die Autoren die Erwartungshaltung des Lesers lenken und durch gezielte Auslassungen oder Nähe die Wahrnehmung des dargestellten Ehebruchs steuern.
- Vergleich der Erzählperspektiven (externe versus interne Fokalisierung)
- Die Rolle der Kutschszene als Spiegel gesellschaftlicher Normen
- Einfluss der narrativen Gestaltung auf die Erwartungshaltung des Lesers
- Analyse des "übertragenen Begehrens" und der Mimesis
- Gegenüberstellung von Provinz und Großstadt als Handlungshintergrund
Auszug aus dem Buch
2.2. Analyse der Kutschszene
Nach einer letzten Empfehlung des Schweizers, sich das Jüngste Gericht, das Paradies, den König David und die Verdammten in der Hölle anzusehen, steigen Léon und Emma schließlich in die Kutsche. Die aufgezählten Referenzen beziehen sich allesamt auf Verfehlungen und Sünden. Besonders passend für die Entwicklung der Geschichte ist wohl die Nennung der biblischen Vertreibung aus dem Paradies, nachdem sich Eva an den verbotenen Früchten bedient hat. Dieser Regelverstoß kann gleichgesetzt werden mit Emmas Verstoß gegen die herrschende Moral, während das Kosten der verbotenen Früchte in ihrem Fall durch den Ehebruch symbolisiert wird. Jedoch sind auch die restlichen Anspielungen bezeichnend für die damaligen Moralvorstellungen, denn der Ehebruch galt aus Perspektive der Gesellschaft als schwerwiegende Sünde.
Zunächst ist jedoch nicht die Perspektive der breiten Masse, sondern die der handelnden Personen wichtig für die Analyse der Szene. In der vorherigen Szene nahm der Erzähler die wechselnde Sicht der Protagonisten ein und wusste gleichzeitig nicht mehr als die dargestellten Personen. Dies entspricht der „focalisation interne“ nach Genette, bei welcher der Erzähler nicht subjektiv berichtet, sondern die Sichtweisen der Figuren einnimmt. Nach Stanzel handelt es sich dabei um die „personale Erzählsituation“. Durch die Einnahme dieser voyeuristischen Perspektive entwickelt sich die Erwartungshaltung des Lesers, ebenfalls Teil der folgenden Ereignisse zu sein und eine moralisch verwerfliche Handlung zu erleben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt den historischen Kontext des Flaubert-Prozesses dar und formuliert die Forschungsfrage bezüglich der erzähltheoretischen Lenkung der Leser durch Perspektivwahl.
2. Die Kutschszene in “Madame Bovary” (Teil III, 1.): Das Kapitel beleuchtet die Vorgeschichte von Emmas Begehren sowie die Analyse der spezifischen Kutschszene unter dem Aspekt der externen Fokalisierung.
2.1 Vorgeschichte (Teil II, 15.): Dieser Abschnitt erläutert Emmas Fluchtbedürfnis aus der Provinz und ihre Sehnsucht nach dem Idealbild romantischer Heldinnen.
2.2 Analyse der Kutschszene: Hier wird der Bruch mit der Erzählperspektive und die voyeuristische Position des Lesers als zentrales Mittel der Spannungserzeugung analysiert.
3. Die Kutschszene in “Luísa Mendonça” (Kapitel 5): Dieses Kapitel widmet sich der Kutschszene bei Eça de Queiroz und kontrastiert diese mit Flauberts Darstellung.
3.1 Vorgeschichte: Die Vorgeschichte zu Luísas Affäre wird in den Kontext der großstädtischen Anonymität und der psychologischen Ausgangslage der Protagonistin gesetzt.
3.2 Analyse und Vergleich der Kutschszenen: Ein direkter Vergleich zeigt auf, wie die interne Fokalisierung bei Eça de Queiroz eine intime Nähe schafft, die sich von Flauberts Distanzierung unterscheidet.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass beide Autoren durch unterschiedliche Erzähltechniken die Lesererwartung lenken, wobei Flaubert mit der französischen Klassik bricht.
5. Bibliographie: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Madame Bovary, O Primo Basílio, Kutschszene, Erzählperspektive, Focalisation, Ehebruch, Realismus, Leserlenkung, Mimesis, Gustave Flaubert, Eça de Queiroz, Literaturanalyse, Provinzdarstellung, Narratologie, Erwartungshaltung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die erzähltechnische Gestaltung von Kutschszenen in den Romanen von Flaubert und Eça de Queiroz, um die Wirkung auf den Leser zu untersuchen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit fokussiert sich auf Erzähltheorie, die Lenkung von Erwartungshaltungen, gesellschaftliche Moralvorstellungen und den literarischen Vergleich zweier bedeutender Werke des Realismus.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist der Nachweis, dass durch die Wahl der Perspektive (interne versus externe Fokalisierung) die Erwartungshaltung des Lesers gesteuert wird, ohne dass das Geschehen direkt beschrieben werden muss.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse angewandt, die auf erzähltheoretischen Konzepten von Gérard Genette und Franz K. Stanzel sowie dem Girard’schen Konzept der Mimesis basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Untersuchung der Kutschszenen in „Madame Bovary“ und „O Primo Basílio“, inklusive deren jeweiliger Vorgeschichte und der kontrastierenden Perspektivwahl.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Focalisation, Ehebruch, Leserlenkung, Realismus und literarischer Vergleich definiert.
Welche Rolle spielt die externe Fokalisierung bei Flaubert?
Bei Flaubert dient die externe Fokalisierung dazu, den Leser in die Rolle eines distanzierten, aber neugierigen Beobachters zu drängen, was den Ehebruch als skandalös und verhüllt erscheinen lässt.
Warum unterscheidet sich die Darstellung bei Eça de Queiroz?
Eça de Queiroz nutzt eine interne Fokalisierung, die dem Leser eine unmittelbare, intime Nähe zu den Protagonisten ermöglicht, was zu einer anderen Art der moralischen Einbindung führt als bei Flaubert.
- Arbeit zitieren
- Lena Burkart (Autor:in), 2017, Die erzähltheoretische Perspektive in "Madame Bovary" und "Luísa Mendonça", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1132594